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	<title>Ölpreis - Ernst Ulrich von Weizsäcker</title>
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		<title>„Fünfmal so viel Wohlstand aus einer Kilowattstunde“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Mar 2010 15:15:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Faktor Vier / Faktor Fünf]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologische Steuerreform]]></category>
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					<description><![CDATA[Faktor Fünf – Die Formel für nachhaltiges Wachstum“ heißt das neue Buch, das Ernst Ulrich von Weizsäcker mit Karlson Hargroves und Michael Smith geschrieben hat. Die Kernthese: Die weltweite Ressourcenproduktivität lässt sich um mindestens 75 bis 80 Prozent steigern. Utopia hat ihn interviewt.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/fuenfmal-so-viel-wohlstand-aus-einer-kilowattstunde/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Dass sich die weltweite Ressourcenproduktivität um mindestens 75 bis 80 Prozent steigern lässt, das zeigen die Autoren im ersten Teil an Wirtschaftssektoren, die den höchsten Verbrauch an Energie, Wasser sowie Rohstoffen haben – und sehr hohe Treibhausgas-Emissionen aufweisen. Dies sind die Bereiche Gebäude, Stahl und Zement, Landwirtschaft und Verkehr. Detailliert wird erklärt, wie groß die „Effizienzrevolution“ ausfallen kann, wenn alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Den zweiten Teil hat Ernst Ulrich von Weizsäcker alleine geschrieben: Er diskutiert die politische Umsetzung, wobei es u. a. um ökonomische Instrumente und eine „langfristig angelegte ökologische Steuerreform“ geht. Er fordert eine „genügsamkeitsorientierte Kultur“, die an die Stelle einer einseitigen Wachstumspolitik treten soll. Utopia sprach mit Ernst Ulrich von Weizsäcker.</em></p>
<p><strong>Utopia: Warum heißt Ihr Buch „Faktor fünf“?</strong></p>
<p>Ernst Ulrich von Weizsäcker: Das hat mehrere Gründe: Zum einen sind wir ein bisschen ehrgeiziger geworden, zum anderen wendet sich das Buch besonders an chinesische Leser. Es wir gerade ins Chinesische übersetzt. Auf Chinesisch klingt „vier“ so ähnlich wie „Tod“. Da sagten mir Chinesen: Du kannst ein Buch nicht „Faktor vier“ nennen, das klingt wie „Faktor Tod“. Sie schlugen dann vor, das Buch „Faktor acht“ zu nennen, weil das eine Glückszahl ist. Das war mir aber zu ehrgeizig (Anm. d. Red.: 1995 veröffentlichte v. Weizsäcker mit Kollegen das Buch „Faktor vier. Doppelter Wohlstand &#8211; halbierter Naturverbrauch“).</p>
<p>Das Buch heißt „Faktor Fünf“, weil wir fünfmal so viel Wohlstand aus einer Kilowattstunde rausholen wollen &#8211; oder aus einer Tonne Kupfererz, oder einem Kubikmeter Wasser. Zum Beispiel verbraucht ein Passivhaus bei hohem Wohnkomfort, guter Lüftung und Temperatur nur 1/8 bis 1/10 der Energie, die ein normaler Altbau nötig hat. Der Hauseigentümer zahlt am Ende nur 1/8 oder 1/10 der Heizkosten. Und das amortisiert sich in zehn bis 20 Jahren. Es geht also um Ressourcenproduktivität: Das bedeutet, mehr Wohlstand aus einer Einheit Ressource, aus Energie, Wasser oder Mineralien herauszuholen. Das ist so ähnlich wie bei der Arbeitsproduktivität, bei der wir gelernt haben, aus einer Stunde menschlicher Arbeit immer mehr Wohlstand zu erwirtschaften.</p>
<p><strong>Sie haben eine eigene Hypothese formuliert, wie es zur gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen ist. Wie hängen Flächenverbrauch und Benzinpreis mit der Blase zusammen, die in den USA am Immobilienmarkt geplatzt ist?</strong></p>
<p>Ich habe das selbst erlebt, ich habe in dieser Zeit in den USA gelebt. Die US-Amerikaner hatten sich in der Zeit von Ronald Reagan in den Kopf gesetzt, dass Benzin immer so billig wie möglich sein muss. Dann waren in diesen zwei Jahrzehnten die Spritpreise sehr niedrig, die Pendler-Entfernungen haben sich dadurch in den USA nahezu verdoppelt – und es hat eine gewaltige Landnahme stattgefunden: Immer weiter draußen haben die Leute ihre Häuser gebaut. Als 2006 und 2007 die Ölpreise in die Höhe schossen, mussten viele Amerikaner ihre Häuser verlassen und in Wohnwagen umziehen, in der Nähe ihrer Arbeitsstelle, weil sie sich das Pendeln nicht mehr leisten konnten.</p>
<p>Schließlich wurden alle auf Pump gebauten Häuser weniger wert – und die nachrangigen Hypotheken hatten nur noch Papierwert. Auf einmal gab es gigantische Milliarden-Verluste, die ganze Finanzwelt war aus den Fugen. Das wurde praktisch alles durch den Wertverlust von Häusern ausgelöst, die nur dann einen Wert hatten, als das Benzin nichts gekostet hat. Die Presse tut aber so, als ob das alles gierige Banker gewesen wären. Das ist eine viel zu einfache Darstellung.</p>
<p><strong><span style="line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;">Was verstehen Sie unter dem „Rebound-Dilemma“?</span></strong></p>
<p>In den USA, aber auch in anderen Ländern haben wir erlebt, wie alle Effizienzgewinne aus den 1970er Jahren später wieder verfrühstückt worden sind. Diese Effizienzgewinne entstanden unter dem Eindruck hoher Energiepreise. Danach war Energie nicht mehr teuer, und die Leute haben die Effizienzgewinne genutzt, um immer mehr zu konsumieren. Durch Umwelt-Standards wurde zwar der Mittelklassewagen doppelt so effizient wie früher, aber die Amerikaner hatten dann die Botschaft: „Jetzt könnt Ihr für einen Dollar doppelt so weit fahren“. Genau das haben sie gemacht. Das bedeutet: Für den Klimaschutz oder Schutz der knappen Ressource Öl ist überhaupt nichts übrig geblieben. Der „Rebound“- oder Bumerang-Effekt bedeutet, dass die Effizienz lediglich für zusätzlichen Konsum eingesetzt wird.</p>
<p>Das ist ein uraltes Phänomen: William Stanley Jevons hat es schon 1865 in seinem Buch „The Coal Question“ beschrieben. Der Ökonom sagte, dass die Dampfmaschine von James Watt, zwei Generationen früher, die Kohle-Effizienz gegenüber den vorherigen Maschinen etwa vervierfacht hat. Das führte aber nicht zu einer Verminderung des Kohlebedarfs, sondern zu einer Verzehnfachung. Denn Kohle war elegant und billig einsetzbar – und hat tausendfach neue Anwendungen gefunden.</p>
<p><strong>Wie kann eine „Langfrist-Ökosteuer“ helfen, dieses „Rebound-Dilemma“ zu lösen?</strong></p>
<p>Wir schlagen in dem Buch eine langfristige Verteuerung des Energieverbrauchs vor: Jedes Jahr oder alle fünf Jahre sollten die Energiepreise in dem Umfang angehoben werden, wie in der vorangegangenen Periode die Effizienz zugenommen hat. Dann braucht keiner befürchten, dass die Leute arm werden, im Gegenteil: Das Land wird insgesamt reicher, wenn es weniger Geld nach Saudi-Arabien fließen lässt, weil es diese Summen stattdessen in einheimische Ingenieure investiert.</p>
<p><strong>Sie plädieren für eine „genügsamkeitsorientierte Kultur“. Welche Rolle spielt die Genügsamkeit (Suffizienz) in Ihrem Konzept der Nachhaltigkeit?</strong></p>
<p>Selbst mit teurer Energie und hoher Effizienz würde irgendwann das Wohlstands- oder Verbrauchswachstum alle ökologisch sinnvollen Barrieren überwinden. Es sei denn, wir lernen mit etwas weniger Verbrauch glücklich zu sein. Das nenne ich Genügsamkeit. Ganz am Schluss des Buches kommt eine für US-Amerikaner bestürzende Tatsache zur Sprache: Franzosen investieren doppelt soviel Zeit und vermutlich auch Geld ins Essen wie die Amerikaner – und trotzdem gibt es in Frankreich praktisch keine Fettsucht, die in Amerika ungeheuer verbreitet ist. Da stellt sich die Frage: Wer hat mehr Lebensfreude und Lebensvergnügen? Die Franzosen oder die Amerikaner? Die Franzosen, die weniger Kalorien in sich reinstopfen, aber das Ganze mit viel Zeit, Geld und Kultur praktizieren? Oder die Amerikaner, die mit fetthaltigem Fastfood glücklich sind und sehr viel mehr Energie dabei verbrauchen? Meine Antwort ist eindeutig: Die glücklicheren Menschen sind die Franzosen, die mehr Lebensfreude haben – bei einer Form der Genügsamkeit, bei der niemand auf die Idee kommt, das Genügsamkeit zu nennen, sondern da heißt es Lebensfreude.</p>
<p><strong><span style="line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;">Sie schreiben ja auch von einer „Politik der BIP-Verkleinerung“, also einer Senkung de</span><span style="line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;">s Bruttoinlandsprodukts.</span></strong></p>
<p>Die Ökonomen haben bisher im Wesentlichen gelernt, den Umsatz zu messen. Das BIP ist ein Umsatz-Maßstab, indes kein Maßstab für Lebensqualität. Solange die Leute arm sind, ist natürlich jeder zusätzliche Umsatz ein Gewinn an Lebensqualität. Aber angesichts des Reichtums, den sehr viele von uns haben, hat zusätzlicher Umsatz nichts mehr mit Wohlergehen zu tun. Das heißt, wir brauchen einen besseren Maßstab dafür, was wir wollen. Wir sollten doch nicht nach einer Zielmarke segeln, die vor 100 Jahren richtig war – und heute falsch ist.</p>
<p><strong>In Ihrem Buch steht der Satz: „Es geht bei alledem darum, das Prinzip Nachhaltigkeit im täglichen Konsumverhalten zu verwirklichen“. Wie sieht bei Ihnen zu Hause der nachhaltige Konsum aus?</strong></p>
<p>Wir beziehen unsere Nahrungsmittel von einem lokalen und ökologischen Lebensmittelgeschäft und gehen auf den Markt. Wir leben mit der Familie unserer Tochter zusammen, die drei kleine Kinder hat, aber trotzdem kein Auto. Unser Haus ist ein Passivhaus. Aber ich sündige ständig, indem ich nach China oder Kalifornien fliege, um dort mit Leuten über Ressourceneffizienz zu reden. Aber es scheint, dass jeder meiner Flüge nach China dort Auswirkungen hat – besonders wenn das Buch „Faktor fünf“ dann bald auf Chinesisch erscheint.</p>
<p>Artikel im Original auf Utopia</p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Böser Zaubertrank für Amerika“</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/boeser-zaubertrank-fuer-amerika/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Oct 2008 06:00:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Energie]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Interview der Frankfurter Rundschau mit Ernst Ulrich von Weizsäcker über den Zusammenhang von billigem Erdöl und Finanzkrise.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/boeser-zaubertrank-fuer-amerika/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Interview der Frankfurter Rundschau mit Ernst Ulrich von Weizsäcker über den Zusammenhang von billigem Erdöl und Finanzkrise.</em></p>
<p><strong>Herr von Weizsäcker, Sie sagen: Die Wurzeln der Finanzkrise in den USA gehen auf die Reagan-Ära in den 80ern zurück. Die gelten bei vielen eigentlich als goldene Jahre.<br />
</strong><br />
Die Reagan-Zeit war geprägt durch übersteigerten Optimismus und billiges Erdöl. Reagan erhob den Optimismus zur patriotischen Pflicht. Es war sein Schlachtruf gegen alle Schwarzmaler, Umweltschützer und die verhassten Liberalen, die nach dem Staat riefen, statt sich selbst und dem Markt zu vertrauen. Das billige Öl fiel Reagan praktisch zu seinem Amtsantritt in den Schoss. Das wirkte wie Miraculix&#8216; Zaubertrank für die ganze US-Wirtschaft.</p>
<p><strong>Was ist schlecht an Optimismus?</strong></p>
<p>Ein blinder Optimismus hat bei skandalösen Fehleinschätzungen in der Kreditvergabe für Häuser und bei der AAA-Bewertung entsprechender Hypothekenpapiere Pate gestanden. Optimismus an sich hat ja sehr gute Seiten. Er entspricht der in der US-Volksseele verwurzelten Mentalität des “Can do”. Aber wo Optimismus in Blindheit umschlägt, geht es schief.</p>
<p><strong>Was hat die aktuelle Bankenkrise aber mit dem billigen Öl der 1980er Jahre zu tun?</strong></p>
<p>Billiges Öl führte dazu, dass US-Autokonzerne eine neue Produktsparte entwickelten: die SUV – als LKW zugelassene robuste, spritfressende Groß-PKW, die das Steuerprivileg von Lastwagen ausnutzten. Für das Gefühl, in einer Festung zu fahren, nahmen viele den hohen Spritverbrauch in Kauf. Schlimmer noch: Der Siedlungsraum rund um die Städte wurde unter dem Eindruck billigen Benzins gewaltig ausgedehnt. Viele Millionen neuer Häuser wurden weit ab von den Arbeitsplätzen gebaut.</p>
<p><strong>Autos und Häuser waren also das Rückgrat des Aufschwungs in den 80er und 90er Jahren, gefolgt vom Internetboom.</strong></p>
<p>Richtig, aber die Häuser wurden auf Pump gebaut, mit günstigsten Krediten von Hypothekenbanken. Es wuchs ein riesiger Dschungel von nachrangigen Hypotheken, die nur dann gesichert waren, wenn die Häuserpreise weiter zunahmen oder wenigstens stabil blieb. Banken rissen sich um die Kunden und schauten bald nicht mehr so genau hin, ob sie wirklich dauerhaft zahlen konnten.</p>
<p><strong>Konnten sie nicht. </strong></p>
<p>Aber das wurde erst sichtbar, als dann von 2006 an endlich die Wahrheit über die Ölknappheit zutage trat und die Benzinpreise nach oben schossen. In der Folge purzelten die Immobilienpreise weit draußen vor der Stadt. Plötzlich waren die Hypotheken nicht mehr gesichert. Die Eigentümer saßen in der Patsche. Erst verzichteten sie auf überflüssiges Fahren, dann schauten sie, ob sie ihren SUV-Benzinfresser noch gegen ein sparsameres Auto eintauschen konnten, häufig vergeblich. Dann schauten sie sich nach öffentlichen Verkehrsmitteln um, fast immer vergeblich. Dann mussten sie an den Verkauf des Hauses denken.</p>
<p><strong>Der Anfang vom Ende der Hypothekenbanken.</strong></p>
<p>Ja, die Banken wurden immer nervöser, weil Hunderttausende von Krediten faul wurden. Versicherungen mussten einspringen – was zur Krise bei dem größten Versicherer AIG führte. Das in den USA aufgelegte staatliche 700-Milliarden-Dollar-Hilfspaket ist vielleicht unumgänglich, aber eine grauenhafte Hypothek für den Staat, der schon durch den Irakkrieg hoch verschuldet ist.</p>
<p><strong>Der nächste US-Präsident übernimmt eine schwere ökonomische Hypothek. Ist da eine fortschrittliche Energie- und Klimapolitik noch möglich?</strong></p>
<p>Siedlungsstrukturen und Schienennetz kann man in vier Jahren nicht groß verändern. Die Infrastruktur der Reagan-Jahre lastet wie Blei auf allen Reformversuchen.</p>
<p><strong>Wer hat die besseren Rezepte, McCain oder Obama?</strong></p>
<p>McCain&#8217;s Vizekandidatin Palin verkörpert das optimistische Weiterträumen, McCain hält an der Politik der Steuersenkungen fest, möchte aber immerhin aktive Klimapolitik machen. Obama und Biden wollen mehr verändern. Die Wall-Street-Krise bringt manche dazu, größere Veränderungen für unumgänglich zu halten.</p>
<p>Interview: Joachim Wille<br />
Erschienen am 08.10.2008 in der Frankfurter Rundschau Online</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Zwei Wurzeln der Bankenkrise</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/zwei-wurzeln-der-bankenkrise/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2008 20:01:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Energie]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungsartikel]]></category>
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					<description><![CDATA[Es kracht im Gebälk an der Wall Street. Kolosse wie Merrill Lynch und Fannie Mae wären insolvent, wenn nicht ein Retter gekommen wäre. Man ruft nach strengeren Regeln (Obama) oder höherer Moral (McCain). Beides schön und richtig. Aber die Ursache der Krise liegt tiefer und wäre durch strengere Regeln und höhere Moralstandards in den letzten zehn Jahren nicht abgewendet worden.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/zwei-wurzeln-der-bankenkrise/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Es kracht im Gebälk an der Wall Street. Kolosse wie Merrill Lynch und Fannie Mae wären insolvent, wenn nicht ein Retter gekommen wäre. Man ruft nach strengeren Regeln (Obama) oder höherer Moral (McCain). Beides schön und richtig. Aber die Ursache der Krise liegt tiefer und wäre durch strengere Regeln und höhere Moralstandards in den letzten zehn Jahren nicht abgewendet worden.</p>
<p>Die Wurzeln der Krise gehen auf die Reagan-Jahre zurück, behaupte ich. Ich meine damit spezifisch zwei Dinge:</p>
<p>Erstens der zur patriotischen Pflicht erhobene Optimismus. Das war Ronald Reagans Schlachtruf gegen alle Schwarzmaler, Umweltschützer, Bedenkenträger und die verhassten <em>Liberals</em>, die nach dem Staat riefen statt sich selbst und dem Markt zu vertrauen.</p>
<p>Zweitens das billige Öl. Das fiel Ronald Reagan praktisch zu seinem Amtsantritt in den Schoss. Nach fast zehn Jahren schmerzlich hoher Ölpreise purzelten diese, und das wirkte wie Miraculix’ Zaubertrank für die ganze US-Wirtschaft.</p>
<p>Dass der Pflichtoptimismus bei den teilweise skandalösen Fehleinschätzungen in der Kreditvergabe Pate stand, ist wohl unmittelbar einleuchtend. Der Optimismus hat ja auch sehr gute Seiten. Er entspricht der in der amerikanischen Volksseele verwurzelten „<em>can do</em>“- Mentalität: Wir können’s anpacken und schaffen. Aber wenn Optimismus Pflicht ist, schlägt er in Blindheit um!</p>
<p>Was aber hat die Bankenkrise mit dem billigen Öl der 1980er Jahre zu tun? Nun, unter der Bedingung billigen Öls konnte sich im Autozentrum Detroit eine völlig neue Produktsparte entwickeln, die SUV’s (sport ultility vehicles), als Lastwagen zugelassene robuste, spritfressende Groß-Pkws, die das Steuerprivileg von Lastwagen ausnutzten. Für das Schnippchen gegen das Finanzamt sowie für das Lebensgefühl in der fahrenden Festung nahm man die höheren Verbräuche gern in Kauf. Ferner wurden nun große Flächen im Umkreis der Städte in Siedlungsraum verwandelt, und viele Millionen neuer Häuser wurden gebaut. Die typische Auto-Pendlerentfernung verdoppelte sich. Autos und Häuser waren das Rückgrat des Aufschwungs, – das war ja noch vor dem Internetboom der 1990er Jahre.</p>
<p>Die Häuser wurden fast ausnahmslos auf Pump gebaut, mit günstigsten Krediten von Fannie Mae, Freddie Mac, Wachovia, Countrywide und vielen anderen. Unterhalb der vorrangigen Hypotheken (prime mortgages) wuchs ein riesiger Dschungel von nachrangigen Hypotheken (subprime mortgages), die nur dann gesichert waren, wenn der Häuserpreis weiter zunahm oder wenigstens stabil blieb. Die Hypothekenbanken rissen sich um die Kunden und schauten bald nicht mehr so genau hin, alles in der <em>optimistischen</em> Annahme, dass Grundstücke und Häuser im gelobten Land Amerika die sicherste Geldanlage der Welt seien und dass fast keiner von den neuen Hauseigentümern die Immobilie wieder verkaufen wollte, es sei denn mit Gewinn.</p>
<p>Doch dann kam der rasante Anstieg der Ölpreise, sich anbahnend 2006 und krisenhaft beschleunigt 2007. Millionen von neuen Fernpendlern erschraken. Erst verzichteten sie auf überflüssiges Fahren, dann schauten sie, ob sie ihren SUV-Benzinfresser gegen ein effizienteres Auto eintauschen konnten, bloß wer wollte die SUV’s jetzt noch kaufen? Dann schauten sie sich nach öffentlichen Verkehrsmitteln um, fast immer vergeblich. Und dann merkten viele, dass sie die Hypothekenkredite nicht mehr gut bedienen konnten. Und an den Verkauf des neuen Hauses war kaum mehr zu denken, weil inzwischen die Preise absackten und nur Schulden übrigbleiben würden.</p>
<p>Die Hypothekenbanken wurden immer nervöser, weil zusehends Hunderttausende von Krediten faul wurden, vor allem eben die sub-prime mortgages. Nun mussten Versicherungen einspringen, bei denen sich manche Kreditgeber versichert hatten, – was zur Krise bei dem größten Versicherungskonzern AIG führte. Die Kettenreaktionen im Finanzsektor haben fast alle ihren Ursprung in der Hypothekenkrise. Der durch den Irakkrieg tief verschuldete Staat kann nur noch selektiv eingreifen. Die Notenbank (Federal Reserve) hat die Zinsen schon so weit gesenkt, dass auch hier praktisch kein Spielraum mehr ist.</p>
<p>Es ist an der Zeit, sowohl in Amerika wie in anderen Ländern, die Politik des in Amerika als Retter gefeierten früheren Präsidenten Ronald Reagan neu zu bewerten. Der Wirtschaftsaufschwung, der hier mit seinem Namen verbunden wird, hatte mehr mit dem billigen Öl als mit seiner Politik zu tun. Und zu jener Zeit das Wachstum in Richtung immer höherer Abhängigkeit vom Öl laufen zu lassen, war im Rückblick ein schwerer wirtschaftspolitischer Fehler, von den Umweltschäden und den klimapolitischen Peinlichkeiten, die sich das Land dann geleistet hat, ganz zu schweigen. Die tiefste Banken- und Börsenkrise seit der Großen Depression ist nicht vom Himmel gefallen, sondern resultiert aus einer Serie von groben politischen Fehleinschätzungen, von denen das Irakabenteuer nur eine war.</p>
<p>Der Präsident, der Anfang 2009 George W. Bush im Weißen Haus ablöst, übernimmt die schwerste ökonomische Hypothek eines Amtsantritts seit Franklin Delano Roosevelt 1933. Wir wünschen Bush’s Nachfolger eine gesunde <em>Can-do</em>-Mentalität und deutlich mehr Realitätssinn als seinen Vorgängern!</p>
<p><em>Im wesentlichen wortgleich abgedruckt in: Stuttgarter Zeitung Nr. 222, Montag, 22. September 2008.</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Gedanken über den Nutzen von Grenzen</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/gedanken-ueber-den-nutzen-von-grenzen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 25 Sep 2002 06:00:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Überwindung von Grenzen ist das Leitmotiv der Moderne. Die Neuzeit, sagt man, fängt an mit der „Entdeckung“ Amerikas. Die Entdecker und Eroberer waren die Heldengestalten vieler Generationen von jungen Männern, seltener Frauen. Der Aufbruch in neue Welten und die Kolonisierung wurden zumeist ethisch, nämlich mit der Ausbreitung des Christentums gerechtfertigt.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/gedanken-ueber-den-nutzen-von-grenzen/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Überwindung von Grenzen als Leitmotiv</h2>
<p>Die Überwindung von Grenzen ist das Leitmotiv der Moderne. Die Neuzeit, sagt man, fängt an mit der „Entdeckung“ Amerikas. Die Entdecker und Eroberer waren die Heldengestalten vieler Generationen von jungen Männern, seltener Frauen. Der Aufbruch in neue Welten und die Kolonisierung wurden zumeist ethisch, nämlich mit der Ausbreitung des Christentums gerechtfertigt.</p>
<p>Parallel entwickelten sich Naturwissenschaft und Technik. Sie halfen immer neue Räume zu erkunden und zu errobern. „Schneller, stärker, höher“ wurde zur Maxime der Technik im 19. Jahrhundert und zum Motto der Weltausstellungen seit 1850.</p>
<p>Als geographisch nichts mehr zu entdecken war, keine Grenzen mehr sichtbar waren, musste man welche erfinden, um auch sie dann zu überwinden. Das bekannteste Beispiel war, vor 40 Jahren, <em>John F. Kennedy</em>, der mit seinem Programm „New Frontiers“, neue Grenzen zum weltweiten Vorbild der Jugend wurde. <em>Frontiers</em>, das sind die Frontlinien, also die beim Vorwärtsstürmen zu überwindenden Grenzen. <em>Limits</em> wären die begrenzenden Grenzen. Kennedy wollte neue Horizonte auftun. Ihm ging es um die politische Moral der Demokratie im Inneren wie im Äußeren. Im Inneren brachte Kennedy die Gleichberechtigung der Rassen und der Geschlechter mit großen Schritten voran. Im Äußeren schmiedete er die Allianz für den Fortschritt. Sie war auch als Antwort auf den sich in Lateinamerika ausbreitenden Kommunismus gedacht, ähnlich wie Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft die Antwort auf den europäischen Kommunismus war. Und als krönendes Symbol der <em>new frontiers</em> und zugleich als Antwort auf den sowjetrussischen Sputnik wollte er mit dem Apolloprojekt den ersten Menschen auf den Mond bringen.</p>
<p>Das Zivilisationsprojekt der Überwindung von Grenzen ging immer weiter. Bald waren es Marssonden, Tiefbohrungen ins antarktische Eis und in die Erdrinde, sowie die technologische Erschließung des Mikrokosmos. Nicht lang, und Kennedys moralischer Impetus war vergessen. Die Feldzüge in neue Gebiete verselbständigten sich. Auch die militärische Komponente, bei Kennedy stets auch vorhanden, wurde stärker. Satelliten waren erst einmal Himmelsspione.</p>
<p>Sorgen um die immer kühnere Entgrenzung machte sich Anfang der 1970er Jahre der Club of Rome. Mit einem sehr vereinfachten dynamischen Computermodell wurde gezeigt, dass wenn alles auf der Welt seinem gegenwärtigen Trend folgen würde, der ökologische und politische Kollaps vorprogrammiert sei. Der berühmte Bericht an den Club of Rome hieß „Die Grenzen des Wachstums“. Und diesmal waren es „limits“, nicht „frontiers“.</p>
<p>Es war wohl das erste Mal seit Malthus 130 Jahre früher, dass die ganze Menschheit vom Gespenst einer Begrenzung des Wachstums verfolgt wurde. Tapfer stellten sich die Wachstumsfreunde dem pessimistischen Bericht entgegen. Man durchwühlte die Erde mit aller Macht nach neuen Bodenschätzen und wurde fündig. Und die Verteuerung des Öls führte zu ungeahnten Einsparerfolgen. Und so konnte die Welt knapp zehn Jahre nach den „Grenzen des Wachstums“ vermelden, dass alles nur Einbildung von Pessimisten war. Und es wurde politisch korrekt, wieder in Optimismus zu machen und Grenzen als lästig und zu überwinden anzusehen.</p>
<p>Kennedys fünfter Amtsnachfolger Ronald Reagan wurde zum Bannerträger einer neuen, expansiven Ökonomie. Er ergriff die Initiative für die letzte und größte GATT-Runde, die „Uruguay-Runde“. Das war 1986, in Punta del Este, Uruguay. Die Runde sollte zum Fanal des endgültigen Sieges des Freihandels über alle anderen Prinzipien werden. Neue Themen wurden aufgerufen, insbesondere der unbeschränkte Dienstleistungshandel (GATS) und der handelsbezogene Patentschutz (TRIPS). Alles, was sich der Dampfwalze des Freihandels entgegen stellte, wurde als „Handelshemmnis“ diskreditiert. Wenn eine Stadt ihre eigene Wasserversorgung in der Hand behalten wollte, wurde dies zum Handelshemmnis erklärt. Denn es könnte ja sein, dass ein Anbieter von jenseits des Ozeans das System der Wasserversorgung effizienter und billiger organisieren könnte. Und das wäre doch gut für alle. So lautete die Lehrbuchdoktrin.</p>
<p>Die Ökonomie wurde zur Weltreligion. Ökonomische Effizienz wurde zum Maßstab aller Optimierungsprozesse. Und Effizienz war nach ökonomischer Lehre nur dann zu erwarten, wenn Wettbewerb herrschte, welcher nicht durch Grenzen geographischer, politischer oder rechtlicher Natur eingeengt wurde.</p>
<p>Die Wucht der neuen Religion – zusammen mit dem militärischen Drohpotenzial – brachte das durch die Friedensbewegung im Westen bereits im Kern verunsicherte kommunistische System zum Einsturz. 1990 war es dann soweit, dass auf der Welt nur noch ein System herrschte, eben das marktwirtschaftliche. Dieses Jahr 1990 sollte ein Wendepunkt der Geschichte werden. Francis Fukuyama rief sogar das Ende der Geschichte aus, nachdem der Streit der Ideologien zu Gunsten der marktwirtschaftlichen entschieden war.</p>
<h2>Globalisierung</h2>
<p>Das logische Ende der Geschichte der Grenzüberschreitungen auf der Erde ist die <em>Globalisierung</em>. Sie wurde zum neuen Paradigma der Nach-1990-Welt. Bis 1992 kam das Wort Globalisierung in der deutschen Umgangssprache noch nicht vor. Ich führe sein plötzliches Auftreten auf drei Phänomene zurück:</p>
<p>Außer dem Zusammenbruch des bürokratischen Sozialismus und der Uruguay-Runde des GATT muss auch das Auftreten des Internet als Wegbereiter des Paradigmas der Globalisierung genannt werden.</p>
<p>Die Globalisierung hat die Welt in kürzester Zeit durchgreifend verändert. Während des Ost-West-Konflikts waren die Nationalstaaten noch in einer komfortablen Verhandlungsposition gegenüber den internationalen Kapitalmärkten gewesen. Sie konnten stets darauf verweisen, dass die Zufriedenheit der demokratischen Mehrheiten der beste Garant gegen das Abrutschen ins kommunistische Lager war. So wurde nicht nur Kennedys Allianz für den Fortschritt und Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft im Konsens mit den Banken und mit den Besitzern großer Vermögen durchgesetzt. In allen Ländern gab es eine progressive Einkommensteuer, die die Reichen prozentual stärker zur Kasse bat als die Ärmeren. In allen Demokratien gab es ein soziales Netz, Bildung für alle, eine Gerichtsbarkeit, die die Armen nicht benachteiligte und eine öffentliche Infrastruktur, die allen gleichermaßen zur Verfügung stand.</p>
<p>Das Ende des Ost-West-Konflikts hat die Verhandlungsposition der Staaten radikal geschwächt. Das war nicht intendiert, und die Vertreter des Kapitals brauchten zwei, drei Jahre, bis sie so richtig realisierten, dass sie auf einmal viel stärkere Muskeln hatten. Nun aber gingen die Finanzinstitute, allen voran die amerikanischen Pensionsfonds daran, das Prinzip des „shareholder value“ durchzusetzen, welches alle anderen Gesichtspunkte unterjocht. Für die Staaten wurde es auf einmal heikel, von den Millionären prozentual höhere Steuern einzutreiben als von den Mittelverdienern. Denn die Reichen und die Investoren konnten sich auf einmal frei von politischen Rücksichtenaussuchen, wo sie Steuern zahlten. Sie setzten einen Welttrend der Steuersenkung für Vermögen, für Spitzenverdiener und für die gewerbliche Wirtschaft in Gang, der heute noch anhält.</p>
<p>Eine Folge hiervon war auch ein immer noch weiter gehendes Auseinanderklaffen des Abstands zwischen Arm und Reich auf der Erde.</p>
<p>Der Staat hat viele Möglichkeiten eingebüßt, dem Kapital noch Grenzen aufzuerlegen. Insbesondere der Schutz und der Ausbau der „<em>Öffentlichen Güter</em>“ ist erschwert.</p>
<p>Die <em>Globalisierung als Inbegriff der Entgrenzung</em> wird uns noch sehr lange erhalten bleiben. Ich sehe keinen Sinn darin und auch keinen gangbaren Weg, die Globalisierung rückgängig zu machen. Aber man wird sich mit den negativen Auswirkungen der Entgrenzung beschäftigen müssen. Es wird eine der spannendsten Aufgaben der Politik der nächsten Jahrzehnte sein, zumindest international gültige Regeln zu vereinbaren und durchzusetzen, die das Kapital wieder in die Schranken der Nützlichkeit für das Gemeinwohl zu weisen.</p>
<p>Dieses Projekt der Global Governance werden die Staaten nicht alleine bewältigen. Sie sind auf den Schulterschluss mit den nichtstaatlichen Akteuren der Zivilgesellschaft angewiesen. Diese vertreten auf jeweils spezifische Weise die Einhaltung von Regeln und die Begrenzung der Macht der wirtschaftlich Starken.</p>
<p>Ein wichtiges Thema ist die Umwelt. Das kühne Ignorieren der Grenzen des Wachstums während der achtziger und neunziger Jahre ist natürlich in keiner Weise gerechtfertigt. Das Entdecken neuer Gasfelder schiebt ja den Zeitpunkt der Erschöpfung lediglich hinaus, und es vergrößert die Treibhauseffektsorgen. Global Governance ist im Bereich der Umweltpolitik ganz besonders nötig. Und in praktisch jedem Fall müssen der klassischen Expansion Grenzen gesetzt werden.</p>
<h2>Recht setzt Grenzen</h2>
<p>Gültige und den Handlungsspielraum begrenzende Regeln sind etwas, was wir auf nationaler Ebene schon seit langem kennen und wertschätzen. Der Rechtsstaat ist eine der wichtigsten und reifsten Errungenschaften der politischen Zivilisation. Und was ist es, was wir so daran schätzen? Ganz einfach: <em>Recht setzt Grenzen!</em></p>
<p>Jedes Recht begrenzt die Handlungsfreiheit eines oder mehrerer Akteure. Jedes Recht ist insofern auch eine Art Handelshemmnis. Indem wir das so konstatieren, machen wir sichtbar, dass schon in dem normativ einseitigen Wort „Handelshemmnis“ ein dicker ideologischer Kern steckt. Bei einigen Demonstrationen gegen die weitere Weltmarktliberalisierung haben sich Demonstranten mit Buttons oder Aufschriften geschmückt, auf denen stand „Ich bin ein Handelshemmnis“. Ihre ethischen Präferenzen, ihr Eintreten für bestimmte Rechtsstrukturen ärgert die Freihandels- und GATT/WTO-Ideologen.</p>
<p>Es geht etwa um das uralte Recht der Bauern, aus den Samen ihrer Feldfrüchten neue Pflanzen nachzuziehen; dieses Recht verteidigen sie gegen Saatgutkonzerne, die ein „geistiges Eigentum“ an neugezüchtetem Saatgut beanspruchen und dieses u.a. dadurch durchzusetzen versuchen, dass sie das Saatgut für die Weiterzucht unfruchtbar machen, durch das gentechnische Einsetzen von so genannten „Terminator-Genen“.</p>
<p>Das Recht schützt bei weitem nicht nur gegen Anmaßungen von Handelskonzernen. Es schützt generell die Schwachen. Aber es schützt auch die guten Sitten, ohne die eine Hochkultur nicht auskommt.</p>
<h2>Der Nutzen von Grenzen</h2>
<p>Dieser stenographische Einblick in die <em>Nützlichkeit</em> von durch den Rechtsstaat gesicherten Grenzen kann als Ausgangspunkt für eine allgemeinere Diskussion des Nutzens von Grenzen dienen.</p>
<p>Fangen wir mit primitivsten organischen Erfahrungen an. Was sind so nützliche Dinge wie unsere Blutgefäße oder unser Magen oder unser Schädel anderes als Grenzen? Stellen Sie sich vor, ein heimlicher Ökonom in meinem Körper befiehlt, die Blutgefäße als Handelshemmnisse zu entlarven und folgerichtig zu deregulieren! Ich wäre sofort tot.</p>
<p>Der Sinn von organischen Grenzen geht aber viel weiter. Einmal bis in die kleinsten Dimensionen. Lungenbläschen und Kapillaren, Zellwände und Zellkernwände, Mitochondrien und andere Zellorganellen sind tragende Säulen des physiologischen Funktionierens. Die allermeisten biochemischen Reaktionen finden nicht in einer flüssigen Lösung sondern an <em>Membranen</em> statt. Dort herrschen sehr spezifische und höchst unterschiedlichste Bedingungen vor, die die eine Reaktion begünstigen, die andere verunmöglichen. Und genau diese Differenzierung ist die Basis des mikrokosmischen Lebens.</p>
<p>Aber auch in der größeren Dimension sind Grenzen konstitutiv für das Leben. Die Haut oder das Fell, die Rinde oder der Chitinpanzer grenzen den Einzelorganismus von der Umwelt ab. Ohne diese Grenze wäre er nicht nur äußerst verletzlich, sondern auch außerstande, einen verlässlichen Stoffwechsel aufrecht zu erhalten.</p>
<p>Weiter geht es mit sozialen Grenzen. Rudel von Wölfen, Bienen- und Ameisenvölker, Familien von Schimpansen sind sorgfältig, aber stets mit einem gewissen Maß an Elastizität von anderen Artgenossen abgegrenzt. Dann kommt die Artgrenze, über die hinaus die Fortpflanzung nicht funktioniert. Dazwischen rangiert noch die lokale Population, manchmal auch die Rasse.</p>
<p>Angesichts der ökologischen Frage nach den Grenzen des Wachstums ist ein weiteres Grenzenphänomen beachtlich: dass Tiere, die in einer dem Lebensraum unzuträglichen Dichte leben, im „Dichtestress“ ihre Fertilität begrenzen. Auch beim Menschen ist die Fertilität in den Städten systematisch viel geringer als auf dem Lande, wozu allerdings auch viele andere Faktoren als die Dichte beitragen.</p>
<p>Weiter geht es mit der Evolutionstheorie. Charles Darwin hat ihr ihre endgültige Gestalt gegeben, nachdem er auf den Galápagos-Inseln gewesen war. Dort entdeckte er Finkenarten, die in der insularen Begrenzung die Fähigkeiten entwickelt hatten, die auf dem südamerikanischen Festland von Meisen, Kernbeißern, Spechten oder gar Vampirfledermäusen perfektioniert waren. Die specht-imitierenden Finken hatten gelernt, Kaktusdornen abzubrechen und damit als verlängertem Schnabel in der Borke nach Insekten zu suchen! Darwin wurde klar, dass die <em>Isolation einer der großen Evolutionsfaktoren</em> war. Denn ohne den Schutz der Insellage hätten die gestrandeten Finken nur gerade das fortsetzen können, was Finken besser können als andere Tiere.</p>
<h2>Schutz der Schwächeren</h2>
<p>Im Sinne des Kampfes ums Dasein sind die Specht-Finken den Festlandspechten natürlich unterlegen. Aber für die Evolution ist es gut, wenn das Kräftemessen gar nicht stattfindet. Ein dramatischer Unterschied zur globalisierten Ökonomie! Diese verlangt ja dogmatisch, dass jeder gegen jeden zu kämpfen hat, auf dass dann der <em>aller</em>tüchtigste siegt.</p>
<p>Das ist eine erste wichtige Warnung gegen einen Sozialdarwinismus, wie er aus den Lehrbüchern der Ökonomie gelegentlich herausquillt und wie er in Herrenmenschen-Ideologien gedeiht. Dieser Sozialdarwinismus ist schlechter Darwinismus!</p>
<p>Diese Beobachtung lässt sich noch wesentlich weiter fortsetzen. Zur Erläuterung bedarf es aber einer historischen Vorbemerkung. Der Darwinismus hatte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein wissenschaftliches Schattendasein geführt. Das lag daran, dass es als mathematisch überaus unplausibel erkannt worden war, dass sich aus den „Mutationen“, die man damals kannte und die fast durchweg Monstermutationen waren, jemals eine vernünftige Evolution ergeben könnte. Das änderte sich schlagartig nach 1930, als der „Neodarwinismus“ entstand. Seine Erfinder, J.B.S. Haldane, Ronald Fisher, Sewall Wright und später Julian Huxley entdeckten und akzeptierten minimale, also keineswegs monströse Mutationen als Hauptdarsteller der Evolution. Und sie fanden vor allem, dass die erdrückende Mehrzahl der Mutationen „rezessiv“ war, also phänotypisch gar nicht in Erscheinung trat, wenn sie mit einem „dominanten“ Wildtyp-Gen gepaart auftraten. Nur wenn das gleiche mutierte Gen von beiden Eltern vererbt auftritt, wird seine Eigenschaft sichtbar.</p>
<p>Die Rezessivität wurde von den Züchtern allgemein als höchst lästig angesehen, weil man ein als unerwünscht geltendes Gen praktisch nicht herauswerfen kann, weil es eben fast immer unsichtbar ist. Aber genau darin lag nun der Charme und die Erklärungskraft des Neodarwinismus für die tatsächliche Evolution auf der Erde. Im großen „Genpool“ einer Tier- oder Pflanzenart konnten sich über Jahrmillionen zig Millionen kleiner Veränderungen ansammeln. Kam dann einmal eine Bedrohung durch Klima, Hunger oder Parasiten, dann schrumpfte die Population und die statistische Wahrscheinlichkeit stieg vor allem in kleinen Rückzugsgebieten sprunghaft an, dass sich seltene Gene gleicher Art trafen, zur Ausprägung gelangten und ausprobieren konnten, ob sie mit der neuen Gefahr vielleicht besser fertig wurden als der Wildtyp. Und wenn das aus tausend Mutanten eine schaffte, dann war die Art vielleicht schon gerettet. Es stellte sich im Neodarwinismus als absolut zentral für die Evolution heraus, dass der überlegene Wildtyp die unterlegenen rezessiven Mutanten nicht ausrottete! <em>Der Selektion werden zum Nutzen des Ganzen Grenzen gesetzt!</em></p>
<p>Der Schutz der Schwächeren tritt auch noch in anderen Zusammenhängen auf, etwa wenn Delphine kranke Artgenossen aktiv über Wasser halten oder wenn Leitwölfe eine Beißhemmung gegen schwächere Rudeltiere haben. Immer wieder stößt man auf Grenzen gegen das Austoben der Starken.</p>
<h2>Bioethik heißt Anerkennung von Grenzen</h2>
<p>Lassen Sie mich zum Abschluss auf die auf diesem Philosophenkongress wohl am heißesten diskutierte Frage der ethischen Grenzen insbesondere in der modernen Biologie eingehen. Es wird unvermeidlich oberflächlich, weil ich hier Laie bin.</p>
<p>Die moderne Biologie ist ganz ähnlich wie 150 Jahre früher die Physik und 100 Jahre früher die Chemie voll in den Sog der Wirtschaft geraten. An biologischen Instituten werden lukrative Drittmittelprojekte durchgeführt. Viele Professoren haben Firmen gegründet, mit denen sie ein stattliches Vermögen angesammelt haben. Auf dem Fuße folgt die Sorge um die Weiterbeschäftigung der Mitarbeiter. Und schon ist man als Biologe mitten in den heikelsten ethischen Kontroversen.</p>
<p>Wir haben es etwa an der Diskussion um die Forschung embryonalen Stammzellen gesehen. Die angesprochenen Ärzte waren alles andere als überzeugt, dass man diese Forschung braucht. Es waren die <em>Wissenschaftler</em>, die mit medizinischen Heilserwartungen auf den Lippen die Dringlichkeit dieses Forschungszweiges beschworen. Nicht zuletzt an der Universität Bonn. Wobei ich glaube beurteilen zu können, dass embryonale Stammzellen in der Tat <em>wissenschaftlich</em> sehr spannend sind. Damit sind auch Drittmittel und ehrenvolle Karrieren verbunden. Was mich gestört hat, ist die pseudo-medizinische Rechtfertigungslehre. Sie diente offensichtlich als Türöffner, um die Öffentlichkeit von der ethischen Richtigkeit des Forschungsansatzes zu überzeugen, &#8211; was man sich mit einer rein wissenschaftlichen Begründung nicht zugetraut hätte.</p>
<p>Mit Recht, denn das ökonomische, das Neugier- und das Karriereinteresse ist noch lange keine automatische Rechtfertigung für die beabsichtigte Grenzüberschreitung. Die bedeutet eben auch, das man jenseits dieser Grenze auf eine schiefe Bahn gelangen kann, an deren unterem Ende das Töten von menschlichem Leben für die Wissenschaft oder für die Gesundheit von Millionären stehen kann. Haben wir nicht die Schauergeschichten von verschwundenen Kindern aus brasilianischen Slums und von Spenderorganen mysteriösen Ursprungs gehört?</p>
<p><em>Vortrag beim Philosophenkongress am 25. September 2002 in Bonn</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ökologische Finanzreform</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/oekologische-finanzreform/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Jun 2002 17:48:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Energie]]></category>
		<category><![CDATA[Faktor Vier / Faktor Fünf]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologische Steuerreform]]></category>
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					<description><![CDATA[Es ist die pure Vernunft, den Umweltverbrauch zu besteuern. Wenn wir ein Hemd kaufen oder eine Kamera, bezahlen wir den Herstellungspreis plus die Handelsspanne plus die Steuern. Der Preis reicht aus, um immer wieder neue Hemden und Kameras auf den Markt zu bringen. Kaufen wir aber Benzin, dann bezahlen wir die Ölförderung plus die Handelsspanne plus die Steuern.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/oekologische-finanzreform/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;">Es ist die pure Vernunft, den Umweltverbrauch zu besteuern.</span></p>
<p>Wenn wir ein Hemd kaufen oder eine Kamera, bezahlen wir den Herstellungspreis plus die Handelsspanne plus die Steuern. Der Preis reicht aus, um immer wieder neue Hemden und Kameras auf den Markt zu bringen.</p>
<p>Kaufen wir aber Benzin, dann bezahlen wir die Ölförderung plus die Handelsspanne plus die Steuern. Der Preis für die Ölförderung hat nichts mit der „Herstellung“ von Öl zu tun. Wenn es verbraucht ist, ist es weg.</p>
<p>Der „Markt“ schwindelt uns an, was die Endlichkeit des Öls angeht. Erst recht, was die Luft- und Klimabelastung angeht. Von den drei genannten Komponenten des Produktpreises kann nur die Steuer den Schwindel vermindern. Sie verteuert das Benzin, und das ist gut so.</p>
<p>Das war und ist die parteiübergreifende Grundeinsicht, die zur ökologischen Steuerreform geführt hat. Und doch hat sich die Ökologische Steuerreform im Parteienstreit verhakt. Sie ist unpopulär. Opposition und Wirtschaftsvertreter bringen mit Vorliebe drei Einwände vor:</p>
<ol>
<li>die Ökosteuer sei unsozial; die Ausnahmeregeln schonten die Großen und belasteten die Kleinen.</li>
<li>die Verwendung des Einkommens für die Senkung der Rentenbeiträge sei unökologisch; die ökologische Begründung sei also nur Verbrämung für etwas, was dann in einfacherer Sprache oft „Abzocke“ genannt wird;</li>
<li>die ökologische Steuerreform bremse die nötigen Reformschritte bei den sozialen Sicherungssystemen</li>
</ol>
<p>Alle drei Argumente führen in die Irre.</p>
<ol>
<li>Es ist nicht unsozial, den Verursacher zu belasten. Sozialpolitik soll man nicht durch Unterdrückung des Verursacherprinzips machen, sondern allenfalls durch Härteausgleich. Die Ausnahmeregeln sind ein Resultat des Drucks der Industrie gewesen, die mit Standortverlagerung drohte. Die als unfair empfundene Asymmetrie liegt darin, dass die Großen mit der Verlagerung besser drohen können als die Kleinen. Die sich jetzt in der EU abzeichnende Verständigung auf eine Harmonisierung könnte dazu führen, dass die Asymmetrie abgebaut wird.</li>
<li>Die Einkommensverwendung für die Senkung der Rentenbeiträge macht den Fiskus nicht reicher; das Wort Abzocke geht also fehl. Es ist im übrigen sehr wohl ökologisch vernünftig, den knappen Faktor Energie zu verteuern und gleichzeitig den gar nicht mehr knappen Faktor Arbeit von Abgaben zu entlasten. Das kann zu wünschenswerten technologischen Verschiebungen von der Energieintensität zur Arbeitsintensität führen, was auch volkswirtschaftlich gut wäre. Aus reinen Popularitätsgründen mag es plausibel sein, einen Teil der Einnahmen für ökologische Zwecke einzusetzen.</li>
<li>Was die Wirtschaft als „nötige Reformschritte“ bezeichnet, ist natürlich noch unpopulärer als die Benzin-Ökosteuer. Abgesehen davon haben die skandinavischen Länder gezeigt, dass eine vermehrte Steuerfinanzierung der sozialen Sicherheitssysteme den Mut zu Reformen überhaupt nicht bremsen muss.<br />
Die Tagespolitik wird sich mit diesen Streitfragen auch weiterhin auseinander setzen müssen. Mit geht es um Argumente für die langfristige Perspektive.</li>
</ol>
<p>Der Treibhauseffekt, die begrenzten Vorräte und die Kernenergierisiken werden die Menschheit zwingen, mit Energie auf Dauer drastisch sparsamer umzugehen. Analoges gilt für das Süßwasser, für die Bodenfläche und für viele Rohstoffe. Mittelfristig scheint mir eine Halbierung des Naturverbrauchs unausweichlich. Bei den CO2-Emissionen ist die Halbierung erforderlich, um die Konzentrationen zu stabilisieren! Gleichzeitig nimmt die Bevölkerung weiter zu und wachsen die Wohlstandsansprüche. Eine Verdoppelung der anzubietenden Güter und Dienstleistungen ist das aller mindeste, was man anstreben muss.</p>
<p>Hieraus resultiert die Forderung, den Naturverbrauch um mindestens einen Faktor vier effizienter zu machen. Das hieße, aus einem Fass Öl oder einem Kubikmeter Wasser das Vierfache an Wohlstand herauszuholen. Dass dies technologisch machbar ist, kann als nachgewiesen gelten (Weizsäcker u.a., 1997). Die technologische Machbarkeit ist aber nicht genug. Wir brauchen auch die politische Realisierung.</p>
<p>Nehmen wir uns dafür etwas Zeit, z.B. gut vierzig Jahre. Dann brauchen wir nicht mehr als eine Erhöhung der durchschnittlichen Ressourcenproduktivität um gut drei Prozent pro Jahr. Diese Leistung könnten wir also als realpolitische Zielsetzung vorgeben. Und dies müsste zum wichtigsten Ziel der ökologischen Steuerreform erklärt werden. Das setzt eine sehr langfristige Verlässlichkeit des Preispfades voraus!</p>
<p>Dass Preise langfristig äußerst wirksam sein können, hat Jochen Jesinghaus an einem beispielhaften Fall nachgewiesen. Die OECD-Länder haben bei ansonsten sehr paralleler Wohlstandsentwicklung über die Jahrzehnte sehr unterschiedliche Spritpreise an der Zapfsäule aufrecht erhalten. Und siehe da: der Pro-Kopf-und-Jahr-Spritverbrauch nimmt ziemlich streng mit dem Preis ab!</p>
<p>Der Einwand, dass diese Länder auch eine sehr unterschiedliche Siedlungsdichte haben, sticht nicht, denn die USA-Ostküste ebenso wie die Westküste sind bezüglich Siedlungsdichte von Japan oder Italien kaum unterschieden und haben dennoch einen etwa viermal so hohen Spritverbrauch pro Kopf.</p>
<p>Der Spritverbrauch pro Kopf ist ein komplexes Gemisch aus Technik, Siedlungsstruktur, ÖPNV-Angebot, Alltagsverhalten und Käuferverhalten. Es dauert Jahrzehnte, bis sich so etwas ändert.</p>
<p>Um dieses Gemisch zwar zielstrebig aber ohne Brüche in Richtung des „Faktors Vier“ zu verändern, stelle ich mir als Idealbild einer ökologischen Finanzreform eine jährliche Anhebung der Endverbrauchspreise um etwa vier Prozent pro Jahr vorstellen, und dies auf Jahrzehnte festgeschrieben. Der relative Abstand zwischen den (sehr niedrigen) Energiekosten bei der Grundstoffindustrie und den (sehr hohen) Energiekosten beim Superbenzin bliebe erhalten. Das Preissignal wäre bei allen Verbrauchern gut erträglich:</p>
<p>Wenn die erwartete Lenkungswirkung eintritt, würden sich trotz dieses stetig nach oben gerichteten Preispfades die energiebezogenen Produktions- und Lebenshaltungskosten kaum erhöhen, weil eben die Effizienzgewinne die Preissteigerung weitgehend kompensieren. Für den Fiskus ist das allerdings keine allzu erfreuliche Nachricht: das jährliche Aufkommen würde trotz steigender Steuersätze nur unwesentlich zunehmen.</p>
<p>Der Langfristpfad entspricht einem tief greifenden Strukturwandel und Zivilisationswandel. Es kommt auch zu geographischen Verschiebungen. Sehr energieaufwändige Prozesse wie die Aluminiumschmelze aus Bauxit würden rationaler Weise an Plätze verlagert, wo Energie natürlicherweise billig ist wie Wasserkraft in Kanada oder ansonsten abgefackeltes Gas am persischen Golf.</p>
<p>Die eigentliche politische Kunst wird darin bestehen, anstelle eines Steuerpfades einen langfristigen Preiskorridor einigermaßen festzulegen. Das ist aus Gründen der Planbarkeit und der sozialen Akzeptanz äußerst wünschenswert. Externe Preissprünge wie beim Rohöl 1999 und 2000 sind Gift für die Akzeptanz. Will man einen langfristigen Preispfad verlässlich vereinbaren und durchhalten, dann wird man auf starke externe Signale elastisch reagieren müssen. Das heißt dann eben, dass man die Einnahmenverwendung mit einem entsprechenden Vorbehalt versieht. In Zeiten extern sinkender Rohstoffpreise kann der Fiskus umgekehrt mehr abschöpfen und „ansparen“.</p>
<p>Das Strukturwandels-Ziel ist zugleich eine Absage an Schadstoffsteuern oder Abfallsteuern. Deren Lenkungswirkung hat nämlich mit Strukturwandel relativ wenig zu tun und ist unelegant: sie induzieren end-of-the-pipe-Techniken, aufwändige Bring- und Holsysteme oder gar illegales Emittieren und Entsorgen. Gewiss kann man bestimmte Schadstoffe spezifisch aufs Korn nehmen; aber dazu hat sich das Ordnungsrecht relativ gut geeignet. Auch handelbare Emissionslizenzen können sich durchaus eignen. Man muss sich nur im Klaren sein, dass dies nicht ein Ersatz für den Strukturwandel sein kann.</p>
<p>Zielführend im Sinne des ökologischen Strukturwandels wäre hingegen eine Ergänzung der Energiesteuer durch eine Flächenverbrauchssteuer, eine Grundwassersteuer sowie eine Primärrohstoffsteuer.</p>
<p>Es ist klar, dass die hier geäußerten Gedanken nicht der Mentalität eines Finanzministeriums entsprechen, sondern der eines Technologie- oder Umweltministeriums. Zuständig ist aber der Finanzminister! Es wird also noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten sein.</p>
<p>Literatur:</p>
<ul>
<li>Mauch, Samuel, R.Iten, E.U.v.Weizsäcker u. J.Jesinghaus 1992. Ökologische Steuerreform. Chur: Rüegger.</li>
<li>Von Weizsäcker, Amory Lovins, Hunter Lovins. 1997. Faktor Vier. Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. München: Droemer.</li>
</ul>
<p><em>Erschienen in: politische ökologie, Heft 77-78, 2002</em></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Ich bin kein Prophet“</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/ich-bin-kein-prophet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 07 Jun 2002 11:49:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Klima]]></category>
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		<category><![CDATA[CO2-Emissionen]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Wissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker ist neuer Vorsitzender des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag. fairkehr Chefredakteur Michael Adler sprach mit ihm über Klimaschutz, Visionen und Spielräume der Politik.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/ich-bin-kein-prophet/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em style="line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;">Der Wissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker ist neuer Vorsitzender des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag. fairkehr Chefredakteur Michael Adler sprach mit ihm über Klimaschutz, Visionen und Spielräume der Politik.</em></p>
<p><strong>fairkehr: Anlässlich des Elbhochwassers haben Sie gesagt, weltweit müssten die Klimagasemissionen halbiert werden, um ihre Konzentrationen zu stabilisieren. Wieviel Auto und Flugzeug verträgt unser Klima?</strong></p>
<p>von Weizsäcker: Verkehr, wie alle Infrastruktur, ist nicht innerhalb einer Legislaturperiode zu ändern. Das Klima verträgt nicht soviel Verkehr wie wir derzeit haben, aber es gibt keine politisch realistische Option, das zu verändern. Um eine Verkehrswende zu einem klimaverträglichen Verkehr herbeizuführen, muss man einen Zeithorizont von 50 Jahren oder mehr ansetzen.</p>
<p><strong>Reichen die Anreize, die Rot-Grün in den ersten vier Jahren gesetzt hat, aus und war das das politisch Mögliche?</strong></p>
<p>Das war das politisch Mögliche, aber das reicht natürlich nicht aus. Ich habe eine Vision, die vorläufig auch noch nicht als politisch realistisch angesehen werden kann. Dass man sich über die Parteigrenzen hinaus mit CDU und FDP und möglichst europaweit einigt, fünf Jahrzehnte lang den Preis der ökologisch problematischen Treibstoffe für Flugzeug, Straßenverkehr und auch nicht verkehrliche Energieträger um drei bis vier Prozent pro Jahr zu erhöhen.</p>
<p><strong>Ist es schlauer, Prozentzahlen zu nennen statt absoluter Zahlen?</strong></p>
<p>Es ist politiknäher. Ich kann mir vorstellen, dass man einen prozentualen Preiskorridor beschließen kann, während man einen Euro-Korridor nicht so leicht durchsetzen kann.</p>
<p><strong>Sehen Sie Bündnispartner für Ihre Vision auch in der eigenen Partei?</strong></p>
<p>Der stärkste Widerspruch kommt aus dem Finanzministerium. Das Finanzministerium will nur einen Steuerpfad, nicht einen Preispfad festlegen. Ein Steuerpfad wird aber im Zuge von Weltmarktschwankungen extrem unpopulär. So wie unsere Ökosteuer im Jahr 2000, als der Rohölpreis brutal in die Höhe geschossen ist. Hätte man einen Preispfad festgelegt, hätte man im Jahr 2000 den Öko-Aufschlag zurückgenommen. Und das gesamte Volk hätte gesagt, das sind aber einfühlsame Politiker. Für den Finanzminister ist allerdings ein Preiskorridor schwer kalkulierbar.</p>
<p><strong>Ein Preispfad würde festschreiben: Im Jahr 2003 kostet der Liter Sprit 1,15 Euro, im Jahr 2004 1,20 Euro usw.?</strong></p>
<p>Ja. Ein „Korridor&#8220; bietet mehr Spielraum. Wenn die Preise um drei bis vier Prozent ansteigen, entspricht das der Effizienzsteigerungsrate des Gesamtsystems. Wenn die Autoflotte im Jahr etwa drei Prozent effizienter wird und im gleichen Jahr der Benzinpreis um drei Prozent ansteigt, fährt die Flotte gleich viele Kilometer für gleich viel Euro und die Volkswirtschaft braucht drei Prozent weniger Sprit.</p>
<p><strong>Ist die von Ihnen geforderte Effizienzsteigerung nicht der energetische Freibrief für das Weiterrasen wie bisher? Noch dazu mit ruhigem Umweltgewissen?</strong></p>
<p>Nein. Sie kennen die Grafik aus „Faktor Vier&#8220;, wo der Treibstoffverbrauch pro Kopf und Jahr und der Treibstoffpreis gegenübergestellt wurden. Wir sehen eine nahezu perfekte Preiselastizität. Japan und Italien hatten über die Jahrzehnte einen viermal so hohen Preis wie die USA und ein Viertel des Verbrauchs.Das ist weniger eine Frage des Verbrauchs italienischer Autos als vielmehr der Infrastruktur. Und: Dies ist eine Momentaufnahme nach 50 Jahren, in denen konsequent die Treibstoffpreise in den USA niedrig und in Japan und Italien hoch gehalten wurden. Von 1930 bis 1990 ist das einstmals führende Eisenbahnsystem der USA kollabiert, während in Japan der Schnellzug Shinkansen erfunden wurde. Es ist damit empirisch belegt, dass über den Preis nicht nur die Autotechnologie, sondern auch die Infrastruktur und das Verhalten angesprochen werden.</p>
<p><strong>Die Reaktion der Verbraucher im Jahr 2000 auf die hohen Preise, nämlich weniger zu tanken, passt also in Ihr Bild?</strong></p>
<p>Aber ja! Denken wir als nächstes an die Ingenieure bei DaimlerChrysler und Bosch. Diese wissen dann, das geht jetzt 50 Jahre so weiter. Sie brauchen auch nicht auf einen Regierungswechsel zu hoffen, denn die Opposition hat zugestimmt, dann müssen sie ein Supereffizienzauto bauen. Das wird dann auch zum Mega-Exporterfolg.</p>
<p><strong>Bei aller Sympathie für Ihre Vision: Angesichts aktueller Klimaveränderungen sind mir 50 Jahre zu lang. Ist es dann nicht längst zu spät?</strong></p>
<p>Ich bin kein Prophet. Es ist nicht auszuschließen, dass das Grönlandeis einen Riss bekommt, und innerhalb von nur wenigen Jahren die Hälfte dieses Eispanzers abbricht. Wenn dies konkret zu befürchten ist, werden die Bewohner von Hamburg, von den Niederlanden, von Bangladesh und von Florida eine gemeinsame, machtvolle Lobby zu einer dramatischen Verschärfung der Klimaschutzpolitik bilden. Und dann wird politisch manches möglich sein, was heute als vollkommen abenteuerlich gilt.</p>
<p><strong>Das ist mir zu fatalistisch. Warum sind wir nicht in der Lage politisch präventiv zu handeln?</strong></p>
<p>Weil die Betroffenheit eine indirekte ist. Der Unterschied zwischen der alten Umweltpolitik, die sich im wesentlichen auf Schadstoffkontrolle bezog, und der neuen Umweltpolitik, die sich auf langfristige Gefahren bezieht, ist der, dass bei der alten die Betroffenheit immer sofort gegeben war: die Pseudo-Krupp-Opfer, die Holzschutzmittelgeschädigten usw. Auch die Medien haben dies im Sinne der Umwelt transportiert. Dagegen ist die Besorgnis, dass in 80 Jahren, vielleicht auch schon in 30 Jahren, Grönland oder die Antarktis entzwei brechen, für eine Bild-Zeitung, deren Tugend die Tagesaktualität ist, nicht transportierbar. Entsprechend ist der Politikerspielraum gering. Das ist die Realität des Politikers. Die Massenmedien sind eine reale Begrenzung des Spielraums.</p>
<p><strong>Kommen wir nochmal auf das Spannungsfeld Wissenschaft/Politik. Sie als ehemaliger Direktor des Wuppertal-Instituts und Mitglied im Club of Rome wissen doch viel mehr, als sie politisch durchsetzen können. Wie halten Sie diesen Widerspruch aus?</strong></p>
<p>Ich mag die Menschen. Auch die, die nicht meiner Meinung sind. Ich kann damit leben, dass ein Bundeskanzler diese von mir zitierten Grenzen des Spielraumes viel stärker betont, als ich das als Wissenschaftler tun musste. Ich bin Realist genug, um zu wissen, dass dies dennoch die beste Staatsform ist.</p>
<p><strong>Nun ist Trittin Umweltminister, Sie sind Vorsitzender des Umweltausschusses, Reinhard Loske, ein Mitstreiter aus Wuppertaler Zeiten ist Fraktionssprecher der Grünen. Die Ökosteuer ist dennoch per Kanzlermachtwort vorerst gestoppt. Auf welche politische und personelle Konstellation müssen wir denn noch warten, damit Sprünge und nicht Trippelschritte in der Umweltpolitik möglich sind?</strong></p>
<p>Die von Ihnen genannten Personen sind in unserem Land, und das wäre in allen anderen Ländern ebenso, in einer strukturellen Minderheitensituation. Diese Minderheitensitutaion muss in eine strukturelle Mehrheitssituation verändert werden. Ich möchte nochmal die Grönlandbedrohung von vorhin aufgreifen. Davor gibt es natürlich noch eine Reihe von Optionen, bis hin zu Lösungen, die keiner Bedrohung bedürfen. Ich habe mir beispielsweise von Bewohnern eines Passivhauses erklären lassen, dass die Lebensqualität dort wesentlich höher ist, als in einem normalen Neubau. Hier sind keinerlei Einschränkungen für Otto-Normalverbraucher nötig. Keiner muss besonders ökologisch gesonnen sein. Und trotzdem kommt um den Faktor zehn weniger Naturverbrauch heraus. Das Spektrum der ökologischen Optionen reicht von hoher Bedrohung und hoher Bereitschaft, das Leben radikal umzustellen bis zu Null Bedrohung, null Verhaltensänderung und doch 90 Prozent ökologischem Fortschritt.</p>
<p><strong>Sie haben das Passivhaus genannt. Nimmt man wieder das Klimaschutzziel heran, dann fällt auf, alle Politikfelder sind CO2-mindernd bestellt, nur der Verkehr nicht. Was können Sie als Politiker tun, damit sich an der Trägheit des Systems etwas ändert? Insbesondere bei der SPD.</strong></p>
<p>Ich widerspreche. Es ist nicht die Aufgabe des Deutschen Bundestags exzentrische Ideen durchzusetzen. Dieses müssen die Umweltverbände oder Zeitschriften wie fairkehr und aufgeklärte Journalisten und Publizisten in die öffentliche Diskussion bringen. Dann muss es Streitgespräche bei Sabine Christiansen geben zu solchen Themen. So trägt man die Themen in die Politk, nicht über die Kreativitat des Umweltausschussvorsitzenden. Wenn es keine spürbare gesellschaftliche Resonanz für ein Thema gibt, ist der Spielraum für kreative Politiker gleich Null.</p>
<p><strong>Bei Tempolimits für deutsche Autobahnen haben Sie bei Umfragen eine Mehrheit von 80 Prozent.</strong></p>
<p>Es gibt bestimmte Tabus, die auch in unserer Fraktion nicht ganz einfach zu überwinden sind. Was ich sagen will, ist: Man muss von der Politik nicht in erster Linie Kreativität und Mut verlangen, sondern zuerst Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. Dies aber dann in der richtigen Richtung. Die alte Umweltpolitik konnte von einem hierfür zuständig erklärten Umweltministerium und -ausschuss gemacht werden. Die neue Umweltpolitik wird teilweise in Feldern gemacht, in denen der Verkehrs-, Agrar- oder Finanzausschuss federführend ist. Wir treten also in eine neue Phase der Umweltpolitik ein, die neue Strukturen fordert.</p>
<p><em>Erschienen in: fairkehr, Ausgabe 6/2002</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Von den Grenzen des Wachstums zur Nachhaltigkeit</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/von-den-grenzen-des-wachstums-zur-nachhaltigkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Mar 2002 18:01:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Faktor Vier / Faktor Fünf]]></category>
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					<description><![CDATA[Die „Grenzen des Wachstums“ waren das bedrohliche Schlagwort der 70er Jahre. Der Club of Rome hatte einer perplexen Welt klar gemacht, dass die Trendfortschreibung des beispiellosen Wachstums der 50er und 60er Jahre in die Katastrophe führen würde. Der millionenfach verbreitete Report hat die Welt verändert.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/von-den-grenzen-des-wachstums-zur-nachhaltigkeit/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die „Grenzen des Wachstums“ (1) waren das bedrohliche Schlagwort der 70er Jahre. Der Club of Rome hatte einer perplexen Welt klar gemacht, dass die Trendfortschreibung des beispiellosen Wachstums der 50er und 60er Jahre in die Katastrophe führen würde. Der millionenfach verbreitete Report hat die Welt verändert. Er hat unzweifelhaft dazu beigetragen, dass in den Industrieländern der Umweltschutz ernsthaft angepackt wurde. Der Report hat sicher auch die OPEC zu ihren Preisschocks von 1973 und 1978 ermutigt. Alle Welt glaubte doch damals, Öl und Gas seien bald zu Ende, – warum sollten da die Eigentümer der knappen Ressource nicht ihre Marktmacht nützen?</p>
<p>Doch es kam, wie man es aus den Lehrbüchern der Marktwirtschaftslehre vorhersagen konnte: sobald die Preise für Öl und Gas stiegen, folgten gewaltige Explorationsanstrengungen und zugleich Einsparbemühungen. Schon 1982 gab es weltweit wieder einen Käufermarkt, und die Preise fielen schließlich – inflationsbereinigt – wieder auf das Niveau vor 1973. Auch beim Umweltschutz hatte die Anstrengung durchschlagenden Erfolg. Die Verschmutzung, die 1972 noch wie durch ein Naturgesetz an das Wirtschaftswachstum angekoppelt schien, wurde besiegt.</p>
<p>Die Welt schien wieder in Ordnung zu sein. Ausgehend von den USA wurde der Optimismus geradezu zur Bürgerpflicht erhoben und wurden Pessimisten verfemt. Dem Club of Rome wurde das Image der Schwarzmalerei angehängt (obschon er ja erstens die Wende mit eingeleitet hatte und zweitens inzwischen längst andere Themen wie die Informationsrevolution, den Armutsskandal und die „Global Governance“ aufgegriffen hatte.)</p>
<p>Das war auch die Zeit des politischen Rechtssrucks in den USA, Großbritanniens, Deutschlands und schließlich des gesamten Ostblocks. Der Staat war „out“, die Privatwirtschaft „in“.</p>
<p>Auch ökologisch sah sich die Lehre vom freien Markt gerechtfertigt. Nicht nur war der Umweltschutz im Westen erfolgreich, sondern im Osten erblickte man jetzt, wo die Informationen offen zu Tage lagen, lauter ökologische Katastrophen.</p>
<p>Doch lange konnte der Übermut nicht dauern. Zu tief ist in Wirklichkeit die Wahrheit von den Grenzen des Wachstums. Auch wenn die 1972 diagnostizierten Grenzen als zu eng erkannt wurden, bleibt doch die Tatsache unbestritten, dass die Erde endlich ist und dass Wirtschaftswachstum immer auf diese oder jene Weise mit dem Verbrauch von Natur verbunden ist. Eine besonders sinnfällige Art dieses zu beschreiben und zugleich quantitativ abzuschätzen, sind die „ökologischen Fußabdrücke“ nach Wackernagel und Rees (2). Sie sind bei einem typischen Mitteleuropäer etwa vier Hektar groß. Das heißt, dass pro Einwohner ständig rund vier Hektar benötigt werden, um die benötigten Güter und Dienstleistungen zu beschaffen. Das ist eine besonders sinnfällige Art, um sich dem neuen ökologischen Schlagwort zu nähern, der „Nachhaltigkeit“.</p>
<p>Deutschland oder die USA sind nach dieser Rechnung viel zu klein, um alle hier verursachten Fußabdrücke unterzubringen. Unser Lebensstil ist nicht nachhaltig. China und Indien sind hingegen überraschenderweise nach dieser Messlatte noch nicht überbevölkert. Allerdings tun sie wirtschaftlich alles, um endlich größere ökologische Fußstapfen zu bekommen. Das nennt man Entwicklung. Bloß, wenn alle 6 Milliarden Menschen so große Fußstapfen haben wie wir heute, dann bräuchten wir drei bis vier Erdbälle, um sie unterzubringen!</p>
<p>Schon heute reicht die Erde eigentlich nicht mehr aus. Sonst würden wir nicht jeden Tag rund zwanzig oder auch fünfzig Tier- oder Pflanzenarten verlieren und sonst müssten wir nicht um den Erhalt eines lebensfreundlichen Klimas auf der Erde bangen. Sonst würden die Weltmeere nicht bedenklich leergefischt sein, und sonst hätten wir keine unerträgliche Verkehrs- und Umweltsituation in allen Ballungsräumen der Dritten Welt. Eine Halbierung des weltweiten Naturverbrauchs ist so ungefähr das Mindeste, was man im Sinne der „Nachhaltigen Entwicklung“ fordern muss.</p>
<p>Gleichzeitig ist eine Verdoppelung des weltweit zur Verteilung kommenden Wohlstandes das allermindeste, was man realistischerweise erwarten und fairerweise auch fordern muss. Die Lücke zwischen dem ökologisch und dem wirtschaftlich nötigen beträgt mindestens einen Faktor Vier!</p>
<p>Die Antwort auf diese Herausforderung kann in erster Näherung darin gesucht – und gefunden – werden, dass man die <em>Ressourcenproduktivität</em> dramatisch steigert. Das nenne ich die <em>Effizienzrevolution</em>. In einer historischen Phase, wo vier Milliarden Menschen aus Entwicklungsländern dazu ansetzen, den amerikanisch-europäischen Wohlstand zu erreichen, gleichzeitig aber die Ressourcenbasis weltweit abnimmt (trotz intensivierter Erkundungs- und Ausbeutungsanstrengungen), ist eine solche Effizienzsteigerung nahezu unausweichlich. Sie verringert die Größe der ökologischen Fußstapfen entsprechen, aber ohne dass dabei der Wohlstand geopfert werden müsste.</p>
<p>Wenn es eine weltweite Notwendigkeit ist, dann wird es auch geschäftlich bald zwingend, den neuen Trend zu erkennen und in die Investitionsplanung einzubeziehen. Wer die Nase vorn hat, kann Märkte erschließen, die den langsameren verschlossen bleiben. Wenn ein ganzes Land sich auf die Herausforderung einlässt, dann sollte das zugleich gesamtwirt-schaftlichen Nutzen einbringen.</p>
<p>Dieser dramatischen Steigerung der Ressourcenproduktivität habe ich den schlagwortartig verkürzten Namen „Faktor Vier“ (3) gegeben. Ein Faktor Vier erlaubt gleichzeitig eine Verdoppelung des Wohlstands (weltweit) und eine Halbierung des Naturverbrauchs. Als Zeitrahmen können wir ein halbes Jahrhundert ansetzen.</p>
<p>In diesem Buch, das ich mit dem amerikanischen Forscherehepaar Amory und Hunter Lovins gemeinsam geschrieben habe, stellen wir zunächst 50 Beispiele dafür vor, wie man den magischen Faktor vier erreicht hat oder mit heutiger Technik erreichen kann. Das fängt mit dem Wohn- und Arbeitshaus des Ehepaars Lovins an, dem Rocky Mountain Institute. Hoch oben in Eis und Schnee, wo andere Häuser gigantische Gas-, Öl- und Stromrechnungen haben, ist das Rocky Mountain Institut ein Netto-Energieerzeuger. Es <em>braucht</em> fast keine Energie. Es ist vorzüglich isoliert und bezieht die rund 20 Mitarbeiter mit ihren 37 Grad Körpertemperatur in die Heizungsbilanz systematisch ein. Damit die Luft gut bleibt, grünt drinnen ein tropischer Mini-Urwald, und gibt es eine Wärmeaustausch-Belüftung, bei der die ausströmende verbrauchte Warmluft die hereinkommende kalte Frisch-luft aufwärmt. Erst wenn draußen grimmige Kälte herrscht, dann erlaubt man sich auch noch einen oder zwei alte Kanonenöfen, die etwas Holz aus dem Garten verbrennen dürfen.</p>
<p>Das Energiesparhaus gibt es auch in Deutschland. In Darmstadt wurde zunächst, im wesentlichen nach Lovins&#8216; Erkenntnissen, das „Passivhaus“ gebaut, das außer passiver Sonnenenergie kaum Energie von außen braucht, vielleicht noch 10% der ortsüblichen Heizenergie. Mittlerweile ist die Passivhaustechnologie durch kostengünstige Vorfertigung und kurzen Bauzeiten auch preislich mit Normalbauten konkurrenzfähig.</p>
<p>Ein zentrales Faktor-Vier-Beispiel in unserem Buch ist das derzeitige Lieblingsthema von Amory Lovins, das „Hyperauto“. In der deutschen Diskussion klingt es oft so, als sei das technologische Ziel das „Fünfliterauto“, das Auto mit einem Spritverbrauch von 5 Litern pro hundert. Das ist nach Amory Lovins die Diskussion von gestern. In Wirklichkeit geht es an der technologischen Front um ein Auto, welches einen Spritbedarf von anderthalb bis zwei Litern hat. Ein solches Auto wurde von Amory Lovins und seinen Mitarbeitern völlig neu konzipiert. Durch Leichtbauweise und Hybridmotoren kam Amory Lovins auf Konstruktionen, die gut viermal so energieeffizient sind wie die heutige Autoflotte. Die Idee setzt sich, allerdings langsam, bei den Autobauern der Welt durch.</p>
<p>Ein weiteres Faktor-Vier-Beispiel ist die allseits bekannte, aber noch keineswegs überall genutzte Sparlampe. Aber beim Stromverbrauch im Haushalt geht es nicht nur um Lampen. Praktisch alle stromverbrauchenden Haushaltsmaschinen kann man um einen Faktor vier effizienter haben.</p>
<p>Noch weiter geht es mit der Energie- und der Stoffproduktivität, wenn man nicht nur an einzelne Fahrzeuge, Häuser oder Maschinen denkt, sondern an die ganze Produktionskette. Den Ausgangspunkt bildet stets die Zufrieden-heit des Kunden, des Endnutzers. Wir versuchen, möglichst viel Nutzerzufriedenheit mit möglichst wenig Energie- und Stoffaufwand zu erreichen. Die Langlebigkeit von Produkten, die Energieeffizienz aller Vorprodukte, das Recycling und die elegante elektronische Steuerung des Energieeinsatzes sind Elemente für die Erhöhung der Ressourcenproduktivität.</p>
<p>Auch der Übergang vom Stofftransport zur Elektronik kann die Ressourcenproduktivität gewaltig steigern. Selbst wenn man alle Stoff- und Energieverbräuche, die mit der elektronischen Hardware und ihrer Herstellung verbunden sind, zusammenrechnet, benötigt dennoch ein e-mail weniger als ein hunderstel der Ressourcen eines zwanzig Gramm schweren Briefes. Analoges gilt von Videokonferenzen als Ersatz für Geschäftsreisen.</p>
<p>Die Faktor-vier-Entwicklung wird im historischen Kontext einer Neuausrichtung des technischen Fortschritts gleichkommen. Der bisherige technische Fortschritt war im wesentlichen durch die Erhöhung der <em>Arbeitsproduktivität</em> definiert. Sie ist im Laufe der Industriegeschichte um mehr als einen Faktor zwanzig gestiegen! Auch die Kapitalproduktivität hat mit dem technischen Fortschritt zugenommen, aber da ist es etwas schwieriger, eine Zahl anzugeben. Was eindeutig etwa hundert Jahre lang überhaupt nicht gestiegen ist, ist die Produktivität des Faktors Natur. Während der ersten hundert Jahre Industrialisierung ist etwa der Energieverbrauch sogar schneller gestiegen als das Bruttosozialprodukt. Die Energieproduktivität hat damals also <em>abgenommen</em>.</p>
<p>Gleiches gilt von der Stoffproduktivität. In manchen Entwicklungsländern ist das sogar heute noch der Fall. Bei uns hat die Ressourcenproduktivität seit gut fünfzig Jahren leicht zugenommen, um etwa ein Prozent pro Jahr, seit der Ölkrise von 1973 sogar um etwa 2 Prozent pro Jahr, aber nicht rasch genug, um den Gesamtanstieg des vom deutschen Konsum ausgelösten Energie- und Stoffverbrauchs zum Stillstand zu bringen; denn ein erheblicher Teil dieses Energieverbrauchs ist indirekt. Wenn wir Aluminium aus Russland oder Norwegen oder Kanada importieren statt es bei uns zu schmelzen, sieht es so aus, als würden wir energie-sparsamer, das ist aber eine Täuschung.</p>
<p>Von alleine wird die Neuausrichtung des technischen Fortschritts nicht zustande kommen. Es ist unter den heutigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen meistens schlicht rentabler, ständig Mitarbeiter wegzurationalisieren als Kilowattstunden, Tonnenkilometer oder Quadrat-meter Land. Dies liegt großenteils an der Subventionierung von Transporten, Energie- und Landverbrauch und an dem in fast allen Staaten wirksamen politischen Bemühen, die Energiekosten niedrig zu halten.</p>
<p>Damit die Effizienzrevolution breit in Gang kommt, muss der Rahmen geändert werden, nicht zuletzt der steuerliche. Die Steuerlast auf der menschlichen Arbeit muss abnehmen, die beim Naturverbrauch zunehmen. Das ist der Grundgedanke der ökologischen Steuerreform, die als Prinzip von keiner Seite mehr bestritten wird. Ein weiteres ökonomisches Instrument des Klimaschutzes und der Effizienzverbesserung sind handelbare CO2-Emissionserlaubnisse, wie sie sich im Rahmen der Umsetzung des Kioto-Protokolls der Klimarahmenkonvention langsam durchsetzen. Sofern sie nicht durch Atomenergie oder trostlose Forst-Monokulturen missbraucht werden können (das ist teilweise noch Verhandlungssache), können sie noch effizienter sein als die Ökosteuer.</p>
<p>Die Bundesregierung hat mit ihrer vor kurzem beschlossenen Nachhaltigkeitsstrategie 21 Indikatoren für die Nachhaltigkeit angegeben, darunter auch das ehrgeizige Ziel, den täglichen zusätzlichen Landverbrauch auf ein Viertel des heutigen Wertes zu verringern. Im ersten Indikator geht es um die Erhöhung der Ressourcenproduktivität, und hier heißt es, dass man mittelfristig eine Vervierfachung, also einen Faktor vier anstrebt.</p>
<p>Für heutige Schulen wird die Nachhaltigkeit zum Zentralbegriff. Er mag heute noch vielen Menschen unbekannt sein. Aber das war vor zwei Jahrhunderten mit dem Begriff der Demokratie auch so. Wenn Deutschland im geistigen Wettbewerb, aber auch im technologischen Wettbewerb weltweit mithalten möchte, kommt es nicht darum herum, die Nachhaltigkeit zu einer sehr hohen politischen und schulischen Priorität zu machen.</p>
<p>Dem Ministerium für Umwelt und Verkehr des Landes Baden-Württemberg ist für die Initiative zum Schulforum 2002 in Verbindung mit der großartigen Ausstellung hier auf dem Killesberggelände zu danken. Ich wünsche Ihrer Initiative einen großen Erfolg an den baden-württembergischen Schulen!</p>
<p>(1) Meadows, Dennis, Donella Meadows, Jorgen Randers und William Behrens. Die Grenzen des Wachstums. Stuttgart: DVA</p>
<p>(2) Wackernagel, Matthis und William Rees. Unsere ökologischen Fußabdrücke. Basel: Birkhäuser</p>
<p>(3) Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory und Hunter Lovins. Faktor Vier. Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. München. 1995/1997</p>
<p><em>Vortrag von Ernst Ulrich von Weizsäcker beim Schulforum 2002 in Stuttgart</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Eigenarbeit“ und Eigenenergien</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/eigenarbeit-und-eigenenergien/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Oct 2001 18:58:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
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					<description><![CDATA[In den siebziger Jahren tauchte zum ersten Mal nach dem Krieg das Thema Arbeitslosigkeit massiv in der öffentlichen Diskussion auf. Folgerichtig wurde der Blick auf die Schwarzarbeit gelenkt, die uns Millionen von Arbeitsplätzen koste. Das war das Diskussionsumfeld, in dem sich etwa 1976 ein paar Querdenker in Kassel befanden, insbesondere Ivan Illich, Willy Bierter, Christine von Weizsäcker und ich selber.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/eigenarbeit-und-eigenenergien/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Eigenarbeit</h2>
<p>In den siebziger Jahren tauchte zum ersten Mal nach dem Krieg das Thema Arbeitslosigkeit massiv in der öffentlichen Diskussion auf. Folgerichtig wurde der Blick auf die Schwarzarbeit gelenkt, die uns Millionen von Arbeitsplätzen koste. Das war das Diskussionsumfeld, in dem sich etwa 1976 ein paar Querdenker in Kassel befanden, insbesondere Ivan Illich, Willy Bierter, Christine von Weizsäcker und ich selber.</p>
<p>Ivan Illich arbeitete damals über „convivial tools“, Werkzeuge des menschlichen Zusammenlebens und über die Arbeitsbeziehungen, in denen diese zur Anwendung kommen. Christine von Weizsäcker, mit der ich damals drei kleine Kinder hatte, ab 1978 ein viertes, sah dass der Kampf gegen die Schwarzarbeit teilweise Macho-Züge hatte und dass die unbezahlte, oft überlebenswichtige Arbeit in Haus und Nachbarschaft immer gleich mit ins Gerede gebracht wurde. Mit Ivan Illich, damals Gastprofessor an der Gesamthochschule Kassel und Willy Bierter, damals Planungschef an der Hochschule, war sie sich einig, dass die <em>convivial tools</em> viel mit solcher selbst verantworteter, meist unbezahlter und gleichwohl höchst anspruchsvoller Arbeit zu tun hatten.</p>
<p>Um den Ausdruck „höchst anspruchsvoll“ zu würdigen, stelle man einmal unvoreingenommen und nach den Bewertungsmaßstäben der modernen service economy folgenden Vergleich an. Einerseits das Führen eines Haushalts mit Kleinkindern, Freunden, Garten und womöglich Diätvorschriften, Schichtarbeit des Mannes oder einem Pflegefall in der Elterngeneration. Andererseits die Schwarzarbeit beim Rohre verlegen. Für die anspruchsvollere Alternative prägte sie den Begriff <em>Eigenarbeit</em>. Das Wort war damals in keinem Lexikon zu finden. Aber es war so einleuchtend und selbst-erklärend, dass es sich, von Kassel aus, lawinenartig über den ganzen deutschen Sprachraum ausbreitete.</p>
<p>Ivan Illich, der unermüdliche Kritiker und Warner, fand sofort ein Haar in der Suppe. Er wies nach, dass ganz viele unbezahlte Tätigkeiten in Wirklichkeit genauso entfremdet waren wie die bezahlten. So das Schlangestehen am Schalter, das Pauken für die Schule, der Weg zur Arbeit. Für diese ebenso unbezahlten wie <em>ungewollten</em> Tätigkeiten schuf er nun seinerseits, als Abgrenzung von der Eigenarbeit den Begriff „Schattenarbeit“. Das ist die Arbeit, die im Schatten der formalen Wirtschaft anfällt, von dieser aber nicht entlohnt wird.</p>
<p>Für Journalisten, die nach schicken neuen Wörtern gieren, war das Wort Schattenarbeit ein gefundenes Fressen. Sie stahlen Illich das schöne Wort und benutzten es alsbald als modisch neues Synonym für das inzwischen etwas angestaubte Wort Schwarzarbeit. Damit war Illich’s Intention fast ins Gegenteil verkehrt. Für ihn lag der Akzent der Schattenarbeit in der Unfreiwilligkeit, dem Froncharakter. Das störte die Wortdiebe aber nicht, denn sie hatten Illich ja auch gar nicht gelesen.</p>
<p>Das Wort Eigenarbeit hatte eine glücklichere Karriere, auch wenn es hier ebenfalls zu vielfältigen Missverständnissen kam. Für die meisten Benutzerinnen des Wortes lag der Akzent auf der Nicht-Bezahlung. Vielfach wurde Eigenarbeit synonym mit dem feministischen Insiderinnenwort der „Reproduktionsarbeit“ verwendet. Das war nun in zweierlei Hinsicht nicht im Sinne der Erfinderin Christine von Weizsäcker. Erstens gibt es für sie sehr wohl auch bezahlte Eigenarbeit, etwa die des Künstlers/der Künstlerin, der/die seine/ihre Werke verkauft. Zweitens hört sich das Wort „Reproduktionsarbeit“ nach einer fälschlichen Anerkennung der Superiorität der „Produktionsarbeit“ an, so als ob man sich zu Hause (wieder) fit macht, sich regeneriert oder reproduziert. Immerhin blieb am Wort „Eigenarbeit“ stets eine positive Konnotation haften.</p>
<p>Die wichtigste Aussage von Christine von Weizsäcker im Zusammenhang mit der Eigenarbeit ist deren Unverzichtbarkeit. Auf Essen, Trinken, Schlafen, Kinderbekommen, die essenziellen häuslichen Arbeiten kann man nicht verzichten, und zwar unabhängig vom Lebensalter. Auf die Erwerbsarbeit kann man notfalls verzichten, vor allem als Kind oder Greis. Da steckt also die umgekehrte Superiorität drin: die Erwerbsarbeit sollte eher als die Dienerin der Eigenarbeit aufgefasst werden.</p>
<h2>Technische Dezentralisierungstrends</h2>
<p>War es Zufall oder nicht? Zur gleichen Zeit gab es in Kassel eine hitzige Technologiediskussion. Es war der Anfang der Proteste in Wyhl. Robert Jungk, damals in Kassel ein gern gesehener Gast, schrieb seinen „Atomstaat“. Darin hieß es, dass diese Technologie ohne Polizeistaat kaum durchzusetzen und kaum zu schützen sei. Unter dem Imperativ der Reaktorsicherheit erschien die hohe Zentralisierung der Energieversorgung wie ein Gebot der technischen Vernunft. Die gleiche Zentralisierungslogik stellte sich in jenen Tagen bei Kohlekraftwerken ein: die moderne Schadstoffrückhaltung war nur bei Großkraftwerken ökonomisch darstellbar. Die Umwelttechnik insgesamt enthielt eine Zentralisierungsdynamik, nicht nur bei Kraftwerken, sondern auch beim Abwasser („Anschluss- und Benutzungszwang“).</p>
<p>Zur gleichen Zeit fand ein Modernisierungsaufbruch in den Entwicklungsländern statt. Die <em>Entwicklung</em> wurde praktisch synonym mit der Überwindung der Subsistenz, der Eigenversorgung gesehen. Die Bauern sollten mit <em>cash crops</em> zu Marktteilnehmern werden, – ein Prozess in dessen Verlauf sie leider oft zu lohnabhängigen Landarbeitern degradiert wurden, weil die aktive Marktteilnahme realistischerweise nur für kapitalstarke, oft ausländische Unternehmen erschwinglich war.</p>
<p>Wie auch immer, dem Zeitgeist erschien jede Form der Selbstversorgung und der Dezentralität technisch-ökonomisch rückständig, unvernünftig, ja „technikfeindlich“. Selbst die <em>Option</em> der Eigenversorgung erschien dem technokratischen Zeitgeist jener Tage auf einmal suspekt.</p>
<p>Die gleichen Menschen, die sich um die Eigenarbeit bemühten, sahen sich auf einmal im Gegensatz zum technischen Zentralisierungstrend. Die Zentralisierer-Modernisierer waren immer schnell mit dem Vorwurf der Technikfeindlichkeit zur Hand. Doch dieser Vorwurf war und ist unfair. Wer sich politisch und wirtschaftlich nicht erpressen und bevormunden lassen wollte – weder vom Staat noch von Konzernen, weder von Gewerkschaften noch von Sicherheitstechnikern –, der hatte primär keinerlei technikfeindliche Motive, sondern Besorgnisse vor einer Technik, die die Freiheitsspielräume eher verminderte als vermehrte.</p>
<p>Zur Freiheit gehört ganz zentral das Ausprobieren, das Fehlermachen und das Lernen aus diesen Erfahrungen. Diese Freiheit soll uns die Technik lassen. Das ist Ivan Illichs Vision von der konvivialen Technik. Und wieder fand Christine von Weizsäcker ein deutsches Wort dafür: die Technik sollte „<em>fehlerfreundlich</em>“ sein. Illich und Bob Jungk waren begeistert von dem Wort. Und mit ihnen alsbald Millionen derer, denen bei den aktuellen Zentralisierungstrends und insbesondere bei den Ausbauplänen der Kernenergie mulmig war.</p>
<h2>Energiewende</h2>
<p>Die Energiepolitik war der symbolisch wichtigste Sektor der Technikdebatte im ausgehenden 20. Jahrhundert. Hier zeigte sich der damalige Zentralisierungstrend besonders deutlich. Hier wuchs zuerst der Widerstand gegen die zentralen Großtechniken, insbesondere der Kernenergie.</p>
<p>Die stärksten Argumente für die zentralisierte Energietechnlogie waren der historisch unaufhaltsam gewachsene Energiebedarf, dessen Projektion in die Zukunft und das Fehlen einer im Preis konkurrenzfähigen dezentralen Alternative. Wer die Serie der immer größer werdenden Konferenzen des World Energy Council verfolgt hat und die Schriften der zur OECD gehörigen Internationalen Energieagentur liest, weiß, dass die Zunahme des Energiebedarfs [3] und die Kostensenkung durch Größe der Anlagen nahezu wie naturgegebene, nicht mehr zu hinterfragende Trends angesehen wurden.</p>
<p>In Wirklichkeit handelte es sich um einen grandiosen Mythos. Das wird aber erst heute sichtbar. Vier Ereignisse oder Entwicklungen haben den Mythos erodiert:</p>
<p>Die Ölpreisschocks von 1973 und 1978 zeigten, wie preisabhängig der Bedarf ist. Als Antwort des Nordens auf die explodierenden Ölpreise wurden natürlicherweise Kohle, Kernenergie und Energieeffizienz (z.B. Kraft-Wärmekopplung) gefördert. Und die Bedarfsprognosen für Öl und für Energie insgesamt konnten von Jahr zu Jahr nach unten korrigiert werden.</p>
<p>Die Kernenergieoption wurde im Gefolge der Unfälle von Harrisburg und vor allem Tschernobyl und der Desillusionierung mit Wiederaufbereitung und Entsorgung immer unattraktiver und unpopulärer. Über 7% der Weltenergieversorgung ist die Kernenergie historisch nie hinaus gekommen. Diese Technik hat das Kriterium der Fehlerfreundlichkeit nie zu erfüllen vermocht. Robert Jungks anfänglich für radikal übertrieben gehaltenen Mahnungen sind durch die Geschichte weitgehend bestätigt worden.</p>
<p>Die Analyse der tiefen Bohrlöcher im antarktischen Eis bestätigte Mitte der achtziger Jahre die schon hundert Jahre früher postulierte Korrelation zwischen CO2-Konzentrationen und Temperaturen auf der Erde. Es setzte eine hektische Klimadiplomatie ein, die bis 1992 in Rio de Janeiro zum Abschluss der Rahmenkonvention zum Klimaschutz und 1997 in Kioto zum ersten konkretisierenden Protokoll führte. Die fossile Alternative zur Kernenergie war damit ebenfalls gedeckelt.</p>
<p>Die „Energiewende“, 1979 vom Freiburger Öko-Institut programmatisch ausgerufen, wurde zur Erfolgsgeschichte. In den USA war vielerorts das Least Cost Planning eingeführt worden, und in Deutschland blühten die kommunalen Energieeffizienzmodelle. In beiden Ländern waren die Gebietsmonopole für Strom (und Gas) mit ihrem hohen Preisniveau und entsprechend rentablen Einsparpotentialen die Voraussetzung für das Gelingen. Für die erneuerbaren Energien setzte der deutsche Umweltminister Töpfer ein großzügiges Einspeisegesetz durch.</p>
<p>So etwa sah die energiepolitische Welt Mitte der neunziger Jahre aus. Mit „Faktor Vier“ versuchten Amory Lovins und ich die Energiewende noch weiter zu beschleunigen: Wenn man aus einer Kilowattstunde oder einem Fass Öl viermal so viel Wohlstand heraus holt, dann kann man in Europa sämtliche Kernkraftwerke und sämtliche alten Kohlekraftwerke still legen und gleichzeitig den Wohlstand verdoppeln.</p>
<h2>Die Liberalisierung als „retardierendes Moment“</h2>
<p>Doch so einfach ist die Entwicklung nicht gekommen. Just zu der Zeit, als der Mythos vom stetig wachsenden Energiebedarf zerbröckelte, setzte sich der neoliberale Zeitgeist in der Energiepolitik durch. Strategisch und konsequent wurde die Liberalisierung, die Deregulierung der Energiemärkte durchgesetzt, mit der erklärten Zielsetzung, die als überhöht bezeichneten Preise von Strom und Gas zum Purzeln zu bringen. Gewiss hatte sich als Folge der geschützten Märkte eine erhebliche und volkswirtschaftlich teure Ineffizienz eingeschlichen, die man legitimerweise durch Wettbewerb korrigieren sollte. Aber mehr Wettbewerb brauchte nicht notwendigerweise niedrigere Durchschnittspreise bedeuten, &#8211; bei einem Gut, welches nach den Lehren von Tschernobyl und Treibhauseffekt als letztlich sehr knappes Gut einzustufen war. Der Markt war blind für diese langfristige Knappheit und löste einen Preisverfall auf breiter Ebene aus.</p>
<p>In den USA führte der Preisverfall zu einem weitgehenden Zusammenbruch der Einsparbemühungen, zu einem Hochschnellen des Stromverbrauchs &#8211; auch durch die rasante Ausbreitung elektronischer Geräte ausgelöst. Gleichzeitig kam es, wegen trister Gewinnerwartungen bei Kraftwerksneubauten zu einer eklatanten Investitionsmüdigkeit. Ständige Beinahe-Blackouts bei gleichzeitig höchst ineffizientem Stromeinsatz sind die Folge. Und jetzt (im Sommer 2000) reagiert der Markt wie im Schweinezyklus: die Preise schnellen wieder nach oben, und lauter Neubauten werden geplant. Schweinezyklen kann man weder ökonomisch noch ökologisch als wünschenswertes Ziel des Stromwettbewerbs bezeichnen.</p>
<p>In Europa, wo die Deregulierung noch jüngeren Datums ist als in den USA, ist die Konsequenz noch nicht so weit gediehen. Der Stromüberschuss ist noch beträchtlich. Auch haben einige Länder den Wettbewerb verzögert (insbesondere Frankreich) oder recht vernünftig gestaltet (insbesondere Dänemark, Schweden und die Niederlande). Ferner versuchen die meisten Länder mit Quotenregelungen und mit Stromsteuern die Rentabilität der Kraft-Wärmekopplung und anderer Effizienzmaßnahmen aufrecht zu erhalten. Die weitest gehende Regelung zur Förderung der erneuerbaren Energien unter den Bedingungen des Binnenmarkts ist dem Deutschen Bundestag gelungen, der die bestehende Einspeiseregelung verstetigt und verbessert hat, so dass Deutschland heute als Dorado der erneuerbaren Energien gilt.</p>
<p>Gleichwohl ist unter den neuen Bedingungen der Erhalt der Energiewendeerfolge ein stetiger Bergaufkampf. Leichter wird es erst wieder, wenn ein breiter gesellschaftlicher Konsens gegen Energievergeudung und für erneuerbare Energien etabliert ist, auch in Ländern wie USA, Russland und Kanada, mit denen die EU im wirtschaftlichen Wettbewerb steht. Erst ein erneuter breiter Sinneswandel kann die neuen Zeitgeistfehler beenden. Auf dass die unbesonnene Deregulierung in historischer Perspektive als „retardierendes Moment“ eingestuft werden kann.</p>
<h2>Eigenenergien</h2>
<p>Damit kehren wir zum Ausgangspunkt zurück. Die politische Basis für den Sinneswandel sehe ich in dem tief sitzenden Wunsch von Bürgern und Verbrauchern, frei und ohne Erpressung durch Großstrukturen handeln zu können und sich in Krisenzeiten notdürftig selbst über Wasser halten zu können. Auch der Zuspruch, den das Prinzip der ökologischen Nachhaltigkeit erfährt, stärkt die politische Basis.</p>
<p>Es kommt entscheidend darauf an, diese doppelte Basis zu stärken. Hier liegt der Charme der dezentralen, erneuerbaren Energien, wie sie Joachim Nitsch vertritt. Es sind „Eigenenergien“, die einem nicht von fernen Konzernen vorgesetzt werden, sondern auf deren Gewinnung und Nutzung man einen fühlbaren Einfluss hat.</p>
<p>Die Technik soll nicht vom Hersteller sondern vom Anwender her beurteilt werden. Das gilt übrigens ganz besonders von der Technikwelle, die heute im Mittelpunkt des Interesses steht, der <em>Informationstechnik</em>. Sie spielt auch bei der Fortentwicklung der Energiepolitik eine zentrale Rolle. Wird sie aber nur vom Anbieter her gesehen, dann hat sie eine den Trend der Globalisierung und der Großstrukturen verstärkende Wirkung. Vom Nutzer her eingesetzt wird sie dagegen dem gewünschten Sinneswandel nützen. Der Internet-gestützte weltweite Erfahrungsaustausch, die kostengünstige Beschaffung über e-commerce, die elektronische Systemsteuerung (z.B. bei Biogas), die automatisierte Abrechnung der Einspeisung, &#8211; all das hat einen die Vitalität der Dezentralität stärkenden Effekt. Für die Freunde der Energiewende ist die I&amp;K-Technologie höchst willkommen.</p>
<p>Der Einsatz für die Energiewende verlangt Ausdauer und hohe politische Mobilisierungskunst. Eine Dreierkoalition ist mir dafür am wichtigsten: die Vertreter der Erneuerbaren Energien (auf die derzeit die Konjunktursonne scheint), die Vertreter der Energieeffizienz (die derzeit einen höllisch schweren Stand haben) und die Vertreter des Handwerks, der Landwirtschaft und des Kleingewerbes (die sich traditioneller Weise politisch in einem anderen Lager befinden als die Erstgenannten).</p>
<p>Für die Vertreter der Erneuerbaren Energien ist es wichtig, dass sie sich uneingeschränkt mit der Erhöhung der Energieproduktivität identifizieren. Ohne Energieproduktivität sind die Erneuerbaren Energien keine ökologisch brauchbare Lösung. Um den heutigen deutschen Strombedarf mit Windkraft und den Spritbedarf mit Biodiesel zu decken, müsste man praktisch das ganze Land in eine Art Windpark- und Biodiesel-Plantage verwandeln, &#8211; ein ökologischer Albtraum. Ein Faktor vier in der Energieproduktivität – und schon ist die Bedarfsdeckung durch Erneuerbare ein Segen.</p>
<p>Mit dem Handwerk, der Landwirtschaft und dem sonstigen Kleingewerbe sollte die Kooperation gut gelingen. Schließlich ist fast jede Installation dezentraler Eigenenergien handwerksintensiv und gewinnt Mehrwert aus der Fläche. Ein Konfliktpunkt ist die ökologische Steuerreform. Sie ist als Hebel zur Erhöhung der Energieproduktivität und zur Stärkung dezentraler Produktionsstrukturen gemeint. Doch die Ausnahmeregelungen sind in Deutschland ausgerechnet zu Gunsten der energieintensiven Industrie, nicht des Kleingewerbes gemacht worden, unter der Annahme, dass nur die Industrie dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sei. Durch die Ausnahmeregelung entfällt dort aber der zusätzliche Effizienzanreiz und das Kleingewerbe fühlt sich im Vergleich dazu unfair benachteiligt und schießt aus allen Rohren auf die Ökosteuer.</p>
<p>Diesen für die Eigenenergien misslichen Konflikt gilt es durch eine geeignete Neugestaltung der ökologischen Steuerreform auszuräumen – aber eine Festschrift ist nicht der richtige Ort, um diese Gedanken auszuformulieren.</p>
<p>Ein guter Kitt für die notwendige Koalition ist die Steuer- und Abgabenfreiheit für geringfügig Beschäftigte. Die „630-Mark-Jobs“ sind viel näher an den erneuerbaren Energiequellen und der Energieeffizienz als an der Verschwendung und den zentralen Versorgungsstrukturen. Sie haben die Eigenarbeit in einem legitimen Umfang in den Raum des Gelderwerbes hinein geöffnet (obschon natürlich sehr viele dieser Jobs alles andere als konviviale Eigenarbeit sind).</p>
<p>Koalitionen alleine bringen noch keinen Sinneswandel zustande. Die Vision muss da sein. Die Vision, dass das selber Anpacken sich lohnt, dass man eine Technik mit dem Menschen statt gegen den Menschen entwickeln kann. Eine Technik, die die eigenen Energien weckt. Das ist die Vision der „Eigenenergien“, welcher diese Festschrift gewidmet ist.</p>
<h2>Literatur</h2>
<ul>
<li>Bierter, Willy und Ernst von Weizsäcker. Strategien zur Überwindung der Arbeitslosigkeit. S. 57-74 in: Technologie und Politik, Band 8, Reinbek: Rowohlt 1977.</li>
<li>Illich, Ivan. Schattenarbeit. S. 75-93 In: Ders.: Vom Recht auf Gemeinheit. Reinbek: Rowohlt.1982.</li>
<li>Jungk, Robert. Der Atomstaat. München: Kindler.1977</li>
<li>Hennicke, Peter, Jeffey Johnson, Stephan Kohler und Dieter Seifried. Die Energiewende ist möglich. Für eine neue Energiepolitik der Kommunen. Frankfurt a.M.: Fischer, 1985</li>
<li>Nitsch, Joachim, Joachim Luther. Energieversorgung der Zukunft. Berlin, Heidelberg: Springer, 1990.</li>
<li>von Weizsäcker, Christine und Ernst von Weizsäcker. Für ein Recht auf Eigenarbeit S.185-189 in: Technologie und Politik, Band 10. Reinbek: Rowohlt. 1978.</li>
<li>von Weizsäcker, Christine und Ernst von Weizsäcker. Eigenarbeit in einer dualen Wirtschaft, S. 91-103 in Joseph Huber (hrsg.) Andersarbeiten –anders wirtschaften. Frankfurt: Fischer alternativ, 1979.</li>
<li>von Weizsäcker, Ernst Ulrich, Amory Lovins und Hunter Lovins. Faktor Vier. München: Droemer. 10. Aufl., 1997.</li>
</ul>
<p><em>Beitrag von Ernst Ulrich von Weizsäcker zur Festschrift „Energie im Wandel“ für Joachim Nitsch Herausgegeben von Ole Langniss und Martin Pehnt Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, 2001</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Wider den Sozialdarwinismus – Ökologisch-evolutionäre Reflexionen</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/wider-den-sozialdarwinismus-oekologisch-evolutionaere-reflexionen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Jun 1999 06:00:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Manuskripte]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
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		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Aufklärung]]></category>
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					<description><![CDATA[Beim heutigen Vortrag spreche ich über den Sozialdarwinismus, einer schrecklichen und zugleich weit verbreiteten Geisteshaltung. Ich wende mich gegen den Sozialdarwinismus. Und damit spreche ich auch gegen den Krieg.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/wider-den-sozialdarwinismus-oekologisch-evolutionaere-reflexionen/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>28. Deutscher Evangelischer Kirchentag Stuttgart 16.–20. Juni 1999</em><br />
<em> Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, MdB, Mitglied des Präsidiums des Evangelischen Kirchentags</em></p>
<p>Beim heutigen Vortrag spreche ich über den Sozialdarwinismus, einer schrecklichen und zugleich weit verbreiteten Geisteshaltung. Ich wende mich gegen den Sozialdarwinismus. Und damit spreche ich auch gegen den Krieg.</p>
<p>Das letzte Vierteljahr war das Quartal des Kosovo-Krieges. Wie ein böser, dunkler Schatten hängt er noch über uns, gerade jetzt, wo immer mehr grausige Details ans Licht kommen.</p>
<p>Jeder Krieg ist immer auch ein Lehrstück in Sachen „Sozialdarwinismus“. Einer gewinnt meistens. Aber alle sind auch Verlierer. Und der Gewinner ist <em>keineswegs</em> immer der mit der besseren <em>Moral</em>. Die serbische Führung hatte zwar sicher <em>nicht</em> die Moral auf ihrer Seite. Aber oft war es in der Geschichte der Kriege umgekehrt, und der moralisch bessere hat verloren. So etwa die Indianer in Nord- und Südamerika, die von europäischen Eindringlingen besiegt, betrogen, vertrieben, und ermordet wurden. Auch die Eroberung Afrikas und großer Teile Asiens durch europäische Invasoren war moralisch durch nichts gerechtfertigt.</p>
<h2>Moralisch gerechtfertigt ist eigentlich immer nur der Frieden</h2>
<p>Der Höhepunkt der unmoralischen Eroberungen, des Sklavenhandels und anderer zutiefst verwerflichen Handlungen von uns Europäern wurde im 19. Jahrhundert erreicht. Das war auch das Jahrhundert von Charles Darwin, dem großen britischen Naturforscher, der den Vorgang der Evolution verstehbar gemacht hat. Über ihn spreche ich zuerst. Anschließend wende ich mich den gesellschaftlichen Missverständnissen zu, die Darwin immer wieder ausgelöst hat. Und da steht im Zentrum der „Sozialdarwinismus“. Unter diesem Stichwort, ja Kampfwort, haben die jeweils „Starken“ in der Gesellschaft immer wieder die Rechtfertigung für eine Politik gesucht, die ihnen selber <em>in der Jetztzeit</em> nützt und den Schwachen und den zukünftigen Generationen eher schadet. Heute tritt der Sozialdarwinismus hauptsächlich im Gewande des angelsächsischen Kapitalismus auf. Auch diesen nehme ich aufs Korn. Doch soweit sind wir noch nicht.</p>
<h2>Darwin: ein sorgfältiger Biologe</h2>
<p>Zu Darwins Zeit, sagen wir 1840, kannte man schon eine große Vielfalt von versteinerten Tier- und Pflanzenresten. Schon vor Darwin gab es Forscher, unter ihnen Goethe, die die Entfaltung des Lebens durch die Urzeitalter zu verstehen versuchten. Doch erst Darwin kam mit einer schlüssigen Erklärung. Er erkannte die „natürliche Zuchtwahl“ als die bestimmende Kraft der Evolution. War der Hals der Giraffe lang genug, um an das Laub hoher Bäume heranzukommen, dann konnte sie sich in Savannen halten und ausbreiten, in denen hohe Bäume dominieren. Ein Specht, der mit einem kräftigen Schnabel in die Borke schlagen kann, um an Insekten heranzukommen und sich Nisthöhlen im Stamm zu schaffen, hat es gut im Wald. Hirsch-, Löwen- oder Buchfinkenmännchen, die sich im Streit mit anderen durchsetzen, haben eher Nachkommen als die Unterlegenen.</p>
<p>Doch die natürliche Zuchtwahl besteht keineswegs bloß im Streit. Genauso wichtig sind gute Tarnung, gute Brutfürsorge, Kooperation oder „Symbiose“ mit anderen Tieren oder Pflanzen. Wenn eine Insektenart lernt, an den begehrten Nektar einer Blütenpflanze etwas geschickter heranzukommen, ist das gut für das Insekt und seine Nachkommen. Auch für die Pflanze entsteht ein Nutzen, weil sie dem Insekt Blütenpollen als blinden Passagier mitgeben kann. Die natürliche Zuchtwahl führt nicht selten zu einer Ko-Evolution von Pflanzen und Tieren, zum beiderseitigen Nutzen.</p>
<p>Ganz oft ist also nicht die schiere Kraft gut fürs Überleben, sondern eben diese Fähigkeit zur Symbiose, zur Kooperation. Oder etwa die Fähigkeit, mit kaltem Wetter und kärglicher Nahrung auszukommen. Das war ja die Überlegenheit der schwachen, kleinen Warmblüter über die gigantischen Saurier, als die Kreidezeit mit einem Klima-Kälteschock zuende ging.</p>
<p>Die eleganten Spezialisierungen hatten es Darwin besonders angetan. Auf den Galápagosinseln, vom südamerikanischen Festland 1000 Kilometer entfernt, fand er Finken, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Die spätere Analyse der Vogelbälge in London ließ bei diesen Finken auf die erstaunlichsten Spezialisierungen schließen, wie sie die Verwandten vom Festland nie hatten. Da stand für Darwin fest: Das Fehlen von Papageien, Spechten, Meisen und Vampiren auf den Inseln erlaubte den Abkömmlingen der vor langer Zeit einmal gestrandeten Finken eine Evolution in Spezialisierungen hinein, die auf dem Festland von anderen Gattungen längst zur Perfektion entwickelt waren. Diese Finken waren für Darwin der Beweis für die Theorie von der natürlichen Zuchtwahl (1).</p>
<p>Die Insellage schützte die Finken vor einem Wettbewerb, den sie nur verlieren konnten. Die Durchsetzung des Wettbewerbs aller gegen alle an jedem Platz der Erde – das war <em>nicht</em> Darwins Denke. Aber genau das ist es, was uns manche Ökonomen unter Berufung auf Darwins Zuchtwahlprinzip als den Inbegriff der Evolution verkaufen wollen.</p>
<h2>Sozialdarwinismus</h2>
<p>Darwins Evolutionstheorie durch natürliche Zuchtwahl wurde alsbald zu einem der ganz großen Themen im viktorianischen, imperialen England. Ein Gutteil von Darwins ungeheurer Berühmtheit hing allerdings mit seinem zweiten großen Werk zusammen, dem Buch über die Abstammung des Menschen: Auch der Mensch musste von Ahnen abstammen, die ihrerseits noch keine Menschen waren. Und das mussten Affen gewesen sein. Denn aus Libellen, Meerschweinchen oder Pferden konnten durch keine noch so geniale Evolutionsdynamik in der zur Verfügung stehenden Zeit Menschen werden. Darwin wurde aller Öffentlichkeit als der Mann bekannt, der sagte, <em>dass der Mensch vom Affen abstammt</em>.</p>
<p>Für aufgeklärte Geister war das nicht weiter schockierend. Wer sich modern fühlte und wer aus irgendwelchen Gründen noch eine offene Rechnung mit dem verkalkten Klerus jener Zeit hatte, für den war Darwin der Held. Doch damit war Unheil vorgezeichnet. Denn nun lag es für moderne, wissenschaftlich aufgeklärte Menschen nahe, Darwin auch gegen andere Positionen der Kirche in Anspruch zu nehmen, so etwa gegen die karitative Nächstenliebe. Unversehens verbündete sich das wissenschaftliche Aufklärertum mit einer Politikauffassung, für die der Fortschritt unter Menschen durch natürliche Zuchtwahl angetrieben wird. Verkürzt heißt das: Wer modern war, plädierte für die Ellenbogengesellschaft. Und die wurde ja auch im unfairen Kampf gegen Indianer, Afrikaner und Asiaten weidlich praktiziert.</p>
<p>Ein deutscher Biologe tat sich mit der Vereinfachung und Brutalisierung von Darwins biologischen Gedanken besonders hervor: Ernst Haeckel. Darwins vorsichtigen Begriff des „struggle for life“, des Strampelns fürs Leben, übersetzte er kurzerhand mit „Kampf ums Dasein“. Haeckels ganze Denkweise und Sprache ist aus heutiger Sicht absolut anwidernd. Dort heißt es etwa:</p>
<blockquote><p>„Der grausame und schonungslose ‚Kampf ums Dasein‘, der überall in der lebendigen Natur wütet und wüten muss, diese unaufhörliche und unerbittliche Konkurrenz alles Lebendigen ist eine unleugbare Tatsache; nur die auserlesene Minderzahl der bevorzugten Tüchtigen ist im Stande, diese Konkurrenz glücklich zu überstehen, während die große Mehrzahl der Konkurrenten notwendig elend verderben muss.“ (2)</p></blockquote>
<p>Auch wenn Haeckel behauptete, nicht Politiker, sondern Wissenschaftler zu sein, waren Sprüche wie diese eindeutig politisch gemeint. Ganz ausdrücklich erklärte Haeckel, dass der Darwinismus sich nicht mit dem Sozialismus vertrüge. In Haeckels grausigen Sprüchen liegt auch die Wurzel für den genial-schrecklichen Philosophen Friedrich Nietzsche, bei dem wir lesen: „Man soll das Verhängnis in Ehren halten; das Verhängnis, das zum Schwachen sagt, ‚geh zugrunde‘“. (3)</p>
<p>Auch in England, dem Stammland der Selektionstheorie, gab es ähnliche Stimmen. Die Übertragung des Darwinismus auf einen angenommenen <em>gesellschaftlichen</em> Kampf ums Dasein wurde hauptsächlich von Herbert Spencer vertreten. Spencer, ursprünglich Journalist beim <em>Economist</em>, hatte Darwin gut gelesen und einigermaßen begriffen. Er begriff insbesondere, dass die Höherevolution der Organismen seit Darwin auch ohne äußere Eingriffe erklärt werden konnte.</p>
<p>Alsbald fing Spencer an, politisch dafür zu agitieren, dass alle Eingriffe in die Gesellschaft und in ihre natürliche Zuchtwahl unterbleiben sollten. Der Kampf ums Dasein würde dann schon die Besten auswählen. Als er einmal in den Elendsvierteln des damaligen New York Tausende dahinsiechen und zugrunde gehen sah, schrieb Spencer, er sei der privilegierte Beobachter eines soeben stattfindenden Evolutionsprozesses gewesen. Das ist eine Extremform des Sozialdarwinismus.</p>
<p>Konsequenterweise entwickelte Spencer einen regelrechten Hass auf den Staat und die Kirche, die mit mildtätigem Handeln der Evolution ins Handwerk pfuschten. Dem Staat komme höchstens die Rolle zu, das Wirken der Selektion zu schützen, sagte Spencer. Und damit wurde er zusammen mit Ernst Haeckel zum geistigen Ziehvater aller späteren Formen des Sozialdarwinismus.</p>
<p>Die Bibel ist tatsächlich eine Art Kontrastprogramm dazu. „Die Friedfertigen werden die Erde besitzen“, heißt es in der Bergpredigt. Meine Biologen-Erfahrung sagt mir, dass Tyrannosaurier und Säbelzahntiger wieder verschwunden sind, während sich Regenwürmer, symbiontische Darmbakterien und gut getarnte Nachtfalter relativ ungestört millionenfach vermehren. In der Bergpredigt ruht scheint&#8217;s mehr Realitätssinn als in den markigen Sprüchen der Sozialdarwinisten Haeckel und Spencer.</p>
<p>Drei Formen des Sozialdarwinismus verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit: die Eugenik, die Naziideologie und der gegen den Sozialstaat kämpfende Wirtschaftsliberalismus.</p>
<h2>Eugenik</h2>
<p>Eng mit dem Sozialdarwinismus verwandt ist die <em>Eugenik</em>, die auch in seiner direkten Folge entstand. Die Grundlage hatte außer Spencer auch A.R. Wallace gelegt, welcher Darwin mit einer Schrift über die natürliche Selektion um ein Haar zuvorgekommen war. Wallace schrieb sorgenvoll, dass die natürliche Selektion nicht zugunsten von Moral und Intelligenz wirke, denn es seien zweifellos die mittelmäßigen, um nicht zu sagen die niedrigen bezüglich Moral und Intelligenz, die am besten überlebten und sich fortpflanzten.</p>
<p>Diese Befürchtung, dass sich die Wohlanständigen und Intelligenten weniger rasch vermehrten als die elenden Massen, zieht sich durch die ganze neuere Menschheitsgeschichte. Heute zeigen sich viele erschreckt davon, dass sich die Menschen in den Entwicklungsländern rascher vermehren als die in den Industrieländern. Dass wir Deutschen uns vor hundert Jahren viel rascher vermehrt haben als heute Inder oder Ägypter, wird dabei stets verschwiegen. Und sind wir Deutschen den Indern und Ägyptern etwa an Moral oder Intelligenz überlegen, weil wir mehr Autos und mehr Geld haben?</p>
<p>Wie auch immer, im viktorianischen England war das biologische Überhandnehmen der Elenden eine sehr verbreitete Sorge. Und sie wurde mit moralischen Kategorien diskutiert. Jane Clapperton und Francis Galton, der Schöpfer des Wortes Eugenik, machten aus den <em>Analysen</em> über die unterschiedlichen Vermehrungsraten ein politisches <em>Programm</em>. „Wissenschaftliche Meliorisierung“ nannte Frau Clapperton ihre Idee von einer genetischen Höherentwicklung, eben der Eugenik. „Das Blut der Rasse wird nicht durch moralische Krankheit vergiftet werden“, sagt sie in der gestelzten, sich prophetisch gebenden Sprache ihrer Streitschrift über die ideale Gesellschaft. Und weiter:</p>
<blockquote><p>„Die sozialen Wächter werden nicht sorglos bezüglich des Glücks künftiger Generationen sein. Daher wird der Verbrecher gewaltsam daran gehindert, seine lasterhafte Brut fortzuzeugen. &#8230; Das gereinigte Blut und die unvermischte Qualität in den Adern der Briten wird diese Rasse in die Lage versetzen, sich weit über das heutige Niveau der natürlichen Moral zu erheben.“ (4)</p></blockquote>
<p>Dass es bei der Eugenik um Moral, Charakter und Intelligenz ging, war insbesondere Francis Galton&#8217;s Meinung, welcher größere Berühmtheit erreichte als Frau Clapperton. Von ihm stammt die programmatische Aussage: „Die <em>natürliche</em> Selektion beruht auf Überschussproduktion und massenhafter Vernichtung. Die <em>Eugenik</em> beruht darauf, dass nicht mehr Individuen in die Welt gesetzt werden als gut versorgt werden können, und die nur von bester Abstammung.“ (5)</p>
<p>Bei der Verherrlichung der Eugenik wird diese als der zivilisatorische Fortschritt gegenüber der blinden Natur dargestellt. Auch dieser Gedanke taucht seither in unterschiedlichen Gestalten immer wieder auf. Heute in der Gestalt der Werbung für gentechnische Eingriffe zur Verhinderung von Erbdefekten.</p>
<p>Die Idee mag bestechend sein. Aber in ihr liegt zugleich der Keim des Verbrecherischen. Wer entscheidet über gut und schlecht? Welche Gene sind erwünscht? Was darf der Mensch? Wer schützt die Vielfalt? Wie schützen wir die Vielfalt vor der Tyrannei des Modegeschmackes, des Geldes oder der Krankenversicherungen? Alles Fragen, auf die ich keinerlei vertretbare Antwort kenne. Ich ziehe daraus den Schluss, den Wahn der Eugenik abzulehnen.</p>
<h2>Die verbrecherische Naziideologie</h2>
<p>Uns Deutschen schmerzhaft bewusst ist eine besonders verbrecherische Form dieses Wahns: die nationalsozialistische „Rassenhygiene“. Damit sind wir bei der zweiten zu besprechenden Form des Sozialdarwinismus.</p>
<p>Wer über den Kampf ums Dasein unter Menschen sprach, hatte, grob gesagt, zwei Möglichkeiten: entweder es war ein Kampf der Individuen oder Familien gegeneinander, oder es war ein Kampf der biologischen Rassen.</p>
<p>Der deutsche Nationalsozialismus verschrieb sich also dieser Auffassung vom Kampf der Rassen gegeneinander. Allerdings gab es schon lange vor Hitler rassistisch-darwinistische Kampfschriften. Fast zeitgleich mit Darwin publizierte der französische Diplomat Arthur Graf Gobineau sein vierbändiges Werk über den Kampf der Rassen. 40 Jahre später, 1899, behauptete Richard Wagners Schwiegersohn und Bewunderer Houston Stewart Chamberlain die Überlegenheit speziell der arischen Rasse. Und wieder ein Vierteljahrhundert später fasste der Freiburger Professor Hans Friedrich Karl Günther das wissenschaftlich höchst anfechtbare Gedankengut mundgerecht für primitive Gemüter auf deutsch zusammen.</p>
<p>Für heutige Biologen ist ein durchgehendes Vorurteil der Rassisten <em>besonders</em> irritierend: der allen Erfahrungen der Biologie widersprechende <em>Reinheitswahn</em>. Mischlinge haben nämlich systematisch Tüchtigkeitsvorteile gegenüber Reinrassigen.</p>
<p>Aber am Ende waren es aber nicht biologische Denkfehler und Wahnvorstellungen, die dem Spuk der Rassenideologie ein Ende gemacht haben. Vielmehr war es das moralisch durch und durch verwerfliche Verhalten, der Massenmord und der verbrecherische Angriffskrieg, der Hitler-Deutschland und damit zugleich seine sozialdarwinistische Rassenideologie in den Untergang geführt hat. Hitler und seine Schergen waren immerhin konsequent, zynisch konsequent, wenn sie gegen Kriegsende gelegentlich verbittert ausriefen, eine Rasse, die diesen Entscheidungskampf nicht gewinne, sei es auch nicht wert, zu überleben.</p>
<h2>Der historische Sieg des angelsächsischen Denkens</h2>
<p>Das Ende des Zweiten Weltkriegs war nicht nur das Ende des rassistischen deutschen Sozialdarwinismus. Es war zugleich der wichtigste Sieg im weltweiten Siegeszug des angelsächsischen Denkens. Dieses angelsächsische Denken lässt sich am besten als das Denken der <em>Händler</em> in der alten, bösen Gegenüberstellung von Werner Sombart beschreiben. Sombart stellte die Tugenden der „Wächter“ den Untugenden der „Händler“ gegenüber. Die Wächter, das waren die Sittenwächter, das Volk, der Staat oder die Kirche. Die Händler, das waren die, die nur ans schnöde Geld denken und die das, was andere im Schweiße des Angesichts geschaffen hatten, mit Profit weiter verkaufen. Diese karikaturhafte Kapitalismuskritik von Sombart hatte auf die National<em>sozialisten</em> einen prägenden Einfluss, und sie wurde ruchlos als Waffe zur Diskreditierung der Juden eingesetzt, denen man die schnöden Motive der Händler anhängte. Und auch die Engländer und Amerikaner wurden als Völker des Handels beschimpft.</p>
<p>1945 hatten also diese Händler über die eine bestimmte Sorte von Wächtern gesiegt. Der Sieg war ideologisch total. Die Nachkriegszeit kann getrost als die Zeit des amerikanischen Siegeszuges angesehen werden. Das ökonomische Prinzip setzte sich international durch, zunächst im Westen. Das kann man besonders eindrucksvoll an der schrittweisen Entwicklung Westeuropas studieren. Doch ein großer Gegner war noch da: der Kommunismus, der im Sombart&#8217;schen Sinne ebenfalls ein System der „Wächter“ war.</p>
<p>Doch siehe da, 1989/90 wurde auch dieser Wächtertyp besiegt. Seither haben die Händler weltweit das Sagen. Es dauerte nur zwei Jahre, bis 1992, als Jane Jacobs (6) Sombarts karikaturhafte Gegenüberstellung wieder aufgriff, aber diesmal mit umgekehrtem Vorzeichen. Für Jacobs ist der Sieg der Händler historisch zwangsläufig und <em>moralisch</em> gut begründet. Bei ihr sind die Händler die Guten und die Wächter die Bösen. Die Händler werden als absolut friedlich dargestellt. Sie stehen in einem waffenlosen Wettbewerb miteinander, welchen ganz einfach der beste für sich entscheidet. Demgegenüber sind die Wächter mit den finsteren Mächten im Bunde. Mal sind es verdorbene Päpste, mal sind es Nazis, mal Kommunisten und dann wieder islamische Fundamentalisten, und immer benutzen sie den Staat, und manchmal auch Waffengewalt, um ihre moralisierenden Lehren durchzusetzen.</p>
<p>Jane Jacobs hat in Wirklichkeit <em>selbst</em> eine moralisierende Karikatur produziert. Während des unaufhaltsamen Siegeszuges der Händler und des angelsächsischen Denkens hat sich nämlich eben dort ein mächtiges Moralisieren breitgemacht. Und auch die Händler mit ihrer Art Moral haben sich den Staat untertan gemacht. In letzter Konsequenz verlangen auch sie, dass die Freiheit des Handels notfalls mit staatlicher Waffengewalt durchgesetzt wird. Hierzu befrage man, wenn man noch Zweifel hat, einen beliebigen amerikanischen Kongressabgeordneten.</p>
<p>Die Unterwerfung des Staats unter das Gesetz der Händler geht so: Das Kapital, welches sich praktisch ungehindert über alle Erdteile bewegen kann, erzeugt einen „Standort-Wettbewerb“ um die günstigsten Investitionsbedingungen. Diesen Standortwettbewerb kann nur derjenige Staat gewinnen, der sich den Gesetzen des Kapitals und seinen Wünschen nach Selbstvermehrung unterwirft.</p>
<p>Die Vertreter des Kapitals benutzen für diese Unterwerfung übrigens eine rührende Sprechweise. Sie sagen, das Kapital sei „scheu wie ein Reh“. Beim geringsten bürokratischen oder steuerlichen Missklang wird es scheu und geht woanders hin. Gerade diese Märchensprache der angeblich so friedfertigen Händler macht mir die Sache unheimlich. Sie dient auch dazu, sozialpolitisch explosive Tatsachen zu verschleiern: Der Abstand zwischen Reich und Arm vergrößert sich laufend, und die Steuern auf Kapitalzinsen sind viel, viel niedriger als die Abgaben auf Erträge aus menschlicher Arbeit.</p>
<p>Das Unheimliche am Sieg des angelsächsischen Denkens ist sein verkappter <em>Sozialdarwinismus</em>. Der freie Wettbewerb ist nämlich auch ein System der „natürlichen Zuchtwahl“. Und weiter noch: Beim Wettbewerb der Systeme und der Staaten gegeneinander ist derjenige überlegen, welcher diesen Zuchtwahl-Mechanismus <em>pflegt</em>. Sozialpolitik, juristische Sorgfalt oder Umweltauflagen hingegen wirken meist als Wettbewerbsnachteile im Werben um das scheue Reh Kapital.</p>
<p>Ich will bei all dem gar nicht bestreiten, dass das Werben um das mobile Kapital auch viel Gutes hat, dass es hilft, bürokratische Verkrustungen und Wasserköpfe abzubauen und frischen Wind ins Land zu bringen. Dass aber der Wettbewerb der Standorte automatisch die guten Systeme gegen die schlechten siegen lasse und dass damit das beste aller Systeme herausgezüchtet werde, – das kann ich nicht glauben. Das ist die Märchenwelt angelsächsischer Sozialdarwinisten im modernen ökonomischen Gewand.</p>
<h2>USA: Der Sieg der Starken ist der Sieg der Guten</h2>
<p>Gut contra Schlecht, Stark contra Schwach, Markt contra Staat, das ist die immer wiederkehrende Figur in den USA. Das sagen mir amerikanische Freunde, die mutig dagegen anrennen. Diese schwarz-weiß-malende Denkfigur beherrscht das politische Leben in den USA. Und die Erzählungen und die Medien. Der Sheriff bleibt Sieger auf der Walstatt im Wilden Westen. Er vertritt das Gute, <em>und</em> er ist der Starke. Nach der Dramaturgie der Wildwestfilme ist es oft nicht ganz klar, ob der Sheriff stark ist weil er gut ist, oder ob er gut ist, weil er stark ist. Diese Unklarheit stammt wohl noch aus der Zeit des Eroberungskrieges gegen die Indianer, als es noch hieß: „Ein guter Indianer ist ein toter Indianer“.</p>
<p>Beim Sheriff ist es wie im biologischen Darwinismus: Es wird erst im Nachhinein festgestellt, wer der Tüchtige war. Der Tüchtige war der, der überlebt hat. Wenn man aber die optimistische Grundannahme hat, dass es im Laufe der Evolution <em>prinzipiell</em> aufwärts geht, dann ist man in Versuchung zu sagen, der Sheriff war deshalb gut, weil er als Sieger auf der Walstatt blieb.</p>
<p>Da tut sich die beklemmende Frage auf, was das für die Moral im Krieg bedeutet. Vor allem, wenn Amerika teilnimmt.</p>
<p>Was für den Wildwestfilm gilt, hat eine machtvolle Aktualität in den ungezählten Zeichentrickfilmen, denen amerikanische und zunehmend auch europäische Kinder durch das Fernsehen ausgesetzt sind. Da wird mit einer grausig raschen Bildfolge geboxt, geschossen, zermalmt und vergiftet. Ängstlich oder lustvoll identifizieren sich die Kinder mit dem, der augenscheinlich der Stärkere ist. Und nachher, am Gameboy oder beim Computerspiel sind die Kinder selbst die Stärkeren, mit mächtigen Kanonen gegen die ebenfalls gut bewaffneten Eindringlinge aus dem Weltraum. Bis die meistens drei Leben verwirkt sind. Dann heißt es Game over. Vielleicht waren die Invasoren am Ende doch die Guten und ich der Schlechte? Dann muss ich&#8217;s noch mal probieren, bis ich das nächste level schaffe. Dann bin ich gut.</p>
<p>Ein bei amerikanischen Youngstern beliebter Fernsehsender bringt abwechselnd high tech, meist militärisch, und Tierfilme, bei denen der Kampf ums Dasein besonders augenfällig und primitiv ist. Derzeit haben die zielgenauen amerikanischen Raketen Konjunktur, die gegen den Irak und Jugoslawien eingesetzt wurden. Bei den Tierfilmen sind Löwen sehr beliebt, wenn sie das schwächste Jungtier aus der Zebra- oder Gnuherde reißen; und wenn ein Löwenstiefvater seine Stiefkinder totbeißt, um seine <em>eigenen</em> Gene weiterzuvererben anstatt denen des vorherigen Vaters. Das Buch „Das egoistische Gen“ von Richard Dawkins (7), das diesen in der Tierwelt seltenen Stiefkindermord populär gemacht hat, war ein absoluter Renner im angelsächsischen Raum.</p>
<p>Dass Delphine kranke Artgenossen stützen, dass sich Nacktmulle opfern und noch rasch den eigenen Fluchtweg zuschütten, um die Kolonie zu schützen, dass Wölfe mit Demutsgesten Streit minimieren, all das hat in der angelsächsischen Publizistik wenig Resonanz. Amerikanische Schulkinder und Zeitungsleser erfahren auch wenig davon, dass es in der Natur raffinierte Mechanismen zum Schutze der Vielfalt, der Schwachen und der Sonderlinge gibt: genetische Mutationen werden am laufenden Band erzeugt; die Mutanten sind meistens rezessiv, das heißt, sie bleiben weitgehend unsichtbar und sind damit vor dem Zugriff der Auslese geschützt, so dass sie sich oft über Jahrmillionen halten und ausbreiten können.</p>
<p>Auch vielfältige Barrieren helfen, die weniger Durchsetzungsfähigen zu schützen, mit der willkommenen Wirkung, dass im Falle großer Umwelt-Änderungen auf einmal eine große Vielfalt von Optionen zur Verfügung steht. Es ist gut für die Evolution und nicht etwa schlecht, wenn sich die Sonderlinge halten, wenn sie nicht durch die Instant-Zuchtwahl verschwinden.</p>
<p>Dem angelsächsischen Wirtschaftsliberalismus mit seiner <em>optimistischen</em> Grundannahme über das Immer-besser-Werden der Welt liegt im übrigen ein systematisch <em>pessimistisches</em> Menschenbild zugrunde. Dieses stammt von Thomas Hobbes vor 350 Jahren. Das pessimistische Menschenbild ist das, was man in wirtschaftsliberalen Kreisen von Hobbes weiß und zitiert. Weitgehend verdrängt wird in diesen Kreisen das, was Hobbes aus seinem Menschenbild für eine Konsequenz gezogen hat: nämlich dass man gerade dann einen starken Staat braucht. Ein „Jeder gegen jeden“-Liberalismus ohne das staatliche Korrektiv zugunsten der Schwächeren, ist strukturell instabil.</p>
<p>Die in Amerika verbreitete Verachtung für den Staat, vor allem den Sozialstaat hat einen hohen Preis. Zwanzig mal mehr Mord- und Totschlagopfer mit Schusswaffen gibt es in den USA im Vergleich zu Deutschland. Wenn Schusswaffen in jedem Haus sind und Kanonenduelle im Computerspiel, und wenn man in Schule und Fernsehen ständig vom Recht der Stärkeren hört, dann ist das auch nicht allzu verwunderlich. Aber nachahmenswert finde ich diesen Zustand nicht.</p>
<p>Wirft man der Marktwirtschaftslehre vor, sie sei am Sozialdarwinismus orientiert, dann bekommt man zu hören, dass es doch gar nicht das Ziel der Marktkonkurrenz sei, Menschen zum Tode zu bringen. Also gehe der Vorwurf ins Leere. Doch das ist zu kurz argumentiert. Wenn der Starke den Schwachen aus dem Felde schlägt, löst er in der Regel beim Verlierer großes soziales Unglück aus. Verlierer sind nicht zuletzt die Ärmsten der Armen in Entwicklungsländern, die weiterhin zu Hunderttausenden elend zugrunde gehen, wie damals zur Zeit von Herbert Spencer die Slumbewohner von New York.</p>
<h2>Am schwächsten ist heute die Umwelt</h2>
<p>Über der hitzig geführten politischen und sozialen Diskussion wird allzuleicht vergessen, dass wir Menschen, starke wie schwache, von unseren natürlichen Lebensgrundlagen abhängen. Das schwächste Glied in der globalisierten Marktwirtschaft ist scheinbar immer die Natur. Sie hat keine Zahlkraft und keine Wählerstimmen zu vergeben.</p>
<p>Wir müssen die rein anthropozentrische Auffassung von Ökonomie und Wettbewerb überwinden. Es wäre ein makabres Missverständnis des Darwinismus, wenn man dazu aufruft, die Stärke der Spezies Mensch erstmal nach Kräften zu nutzen, bis die Nahrungskonkurrenten vertrieben oder ausgerottet sind und bis schließlich die Lebensgrundlagen von uns allen aufgezehrt sind.</p>
<p>Die puristische Marktwirtschaftsideologie enthält jedoch im Keim eben diesen Aufruf. Sie ist vernarrt in den <em>heutigen</em> wirtschaftlichen Erfolg der Starken. Im Sinne des Sieges der Starken über die Schwachen ist es nach dieser Ideologie richtig und in Ordnung, dass Natur und Ressourcen ausgeräubert werden bis sie knapp werden. Kurz bevor es kritisch wird, würde ja der Markt die nötigen Knappheitssignale bekommen, die der Ausräuberung Einhalt gebieten.</p>
<p>Verteidigt wird von dieser Ideologie nicht nur der freie Markt, sondern auch ganz spezifisch der heutige amerikanische Lebensstandard. Mit großem Pathos erklärte Präsident George Bush bei seinem Aufbruch zum Umweltgipfel in Rio de Janeiro: Der „American way of life“ ist nicht Verhandlungsgegenstand. Dass sich der American way of life schlechterdings nicht auf drei, sechs oder gar zehn Milliarden Menschen ausdehnen lässt, spielt in den amerikanischen Erörterungen zum Erdgipfel, zum Klimaschutz oder zur biologischen Vielfalt ganz einfach keine Rolle.</p>
<p>Entsprechend arrogant benehmen sich auch die US-amerikanische Delegationen bei den Verhandlungen zum Klimaschutz und zum Schutz der biologischen Vielfalt. Geht es um die biologische Sicherheit im Falle von genmanipulierten Organismen, dann erklärt die amerikanische Delegation jegliche nationale Vorsichtsmaßnahme anderer Staaten kurzerhand zum Handelshindernis.</p>
<p>Ökologie und puristische Marktwirtschaft, das passt nicht zusammen. Wer den Staat ständig als bürokratisches Handelshindernis diskreditiert, der untergräbt zugleich die einzige Instanz, die heute (noch) die Machtmittel hätte, den Schutz der Natur und ihrer Ressourcen gegen die egoistischen Ausbeutungsansprüche des privaten Sektors durchzusetzen. Die pure Marktideologie leugnet insofern die Daseinsberechtigung zukünftiger Generationen.</p>
<p>Eben dies ist aber im Sinne Darwins das krasse Gegenteil zur Tüchtigkeit. Die Tüchtigkeit wird von einer sorgfältig argumentierenden darwinistischen Biologie niemals bloß auf die jetzt lebenden Individuen bezogen. Vielmehr erweist sich die Tüchtigkeit erst in der unaufhörlichen Generationenfolge. Die in der Ökonomie übliche Abdiskontierung oder Entwertung von Zukunftswerten ist aus dem Blickwinkel eines guten Darwinismus absurd.</p>
<h2>Lösungsperspektiven</h2>
<p>Es kann nicht der Sinn eines Kirchentagsvortrags sein, zum Kampf gegen die Marktwirtschaft aufzurufen. Die Marktwirtschaft und die freiheitliche Demokratie sind ohne Zweifel besser als der bürokratische Sozialismus vergangener Tage, ganz zu schweigen von den kriminellen Verirrungen des Nationalsozialismus. Wir haben keine andere Wahl, als unter Anerkennung der Marktwirtschaft und ihrer Überlegenheit nach Lösungen zu suchen.</p>
<p>Am Anfang steht in der freien Gesellschaft die Aufklärung. Auch die Aufklärung über verheerende Nebenwirkungen einer Ideologie, die als Aufklärung ihren Anfang nahm. Der Aufklärung sollte mein Vortrag hauptsächlich dienen.</p>
<p>Dazu gehört auch die Aufklärung darüber, dass die anthropozentrische Sichtweise, sei sie nun marktwirtschaftlich oder sozialpolitisch-antimarktwirtschaftlich, völlig unzulänglich ist. Wenn wir im Rahmen der Marktwirtschaft denken, dann müssen wir als allermindestes fordern, dass die Preise auf dem Markt wenigstens annähernd die ökologische Wahrheit sagen. Die Ausrede, diese Wahrheit sei schwer festzustellen, gilt nicht. Denn jeder weiß, dass die heutigen Preise für Öl und Gas im wesentlichen die schieren Raubbaukosten reflektieren, die mit fortschreitender Ausbeutungstechnik immer weiter gefallen sind. Es ist völlig selbstverständlich und legitim, dass man hier mit Steuern gegen den Markt gegensteuern muss, im Interesse der Umwelt und der zukünftigen Generationen.</p>
<p>Das reicht natürlich nicht. Wer über einen fairen Freihandel spricht, müsste sich wie selbstverständlich dazu bekennen, dass Raubbau nicht sein dürfte und nach den Antidumping-Regeln bestraft gehört. Die Welthandelsorganisation WTO muss sich solche auf den Umwelt- und Ressourcenschutz bezogene Regeln ausdenken und später auch beachten.</p>
<p>Richtig ist auch das Bemühen um internationale Absprachen bei Umwelt- und Sozialpolitik. Dass die US-Amerikaner dieses Ansinnen meist erbittert bekämpfen, darf uns nicht von diesem Weg abbringen. Wir beobachten weltweit eine wachsende Zustimmung zu unserem europäischen Weg. Wo es in den letzten Jahren demokratische Wahlen gab, behielten fast immer diejenigen die Oberhand, die sich der puren Marktideologie entgegenstellten. Selbst der erfolgreichste Spekulant aller Zeiten, George Soros, sagt in seinem neuen Buch, es sei an der Zeit zu erkennen, dass die Finanzmärkte inhärent instabil seien und dass man sich international auf Regeln für das Kapital einigen müsse. (8)</p>
<p>Vielleicht ist es an der Zeit, unter Nutzung dieser Einsicht und der neuen politischen Mehrheiten einen „Rheinischen Kapitalismus“ anstelle des angelsächsischen auszurufen und zu verwirklichen. Das Wort stammt nicht aus Deutschland, sondern von dem französischen Politikwissenschaftler Michel Albert (9), aber dieser bezieht sich in erster Linie auf die deutsche, von Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard entwickelte Soziale Marktwirtschaft. Das Angebot des Rheinischen Kapitalismus an das scheue Reh des Geldes ist der soziale Frieden, die Verlässlichkeit, eine gute, staatlich garantierte Ausbildung und Infrastruktur und im übrigen ein großer Käufermarkt.</p>
<p>Die ökologische Krise verlangt darüber hinaus eine Neuausrichtung des technischen Fortschritts. Der technische Fortschritt, der bislang im wesentlichen aus dem Wegrationalisieren von Arbeit bestand, müsste sich in Zukunft auf die elegantere Naturnutzung, also das Wegrationalisieren von Energie- und Materialverbrauch konzentrieren. Um mindestens einen Faktor vier (10) kann die Effizienz bei der Nutzung von Energie und Stoffen verbessert werden. Und wer solches betreibt, muss dafür belohnt werden, nicht bestraft. Wieder ein machtvoller Grund für die ökologische Steuerreform, die den Faktor Naturverbrauch schrittweise teurer und die menschliche Arbeit billiger macht.</p>
<p>Die Kirchen können und dürfen die ideologische Auseinandersetzung mit den sozialdarwinistischen Tendenzen der Wirtschaftsdoktrin suchen. Die Sozialdenkschrift der evangelischen und katholischen Bischöfe von 1997 war hier ein Markstein. Auch bei der Verteidigung der Umwelt und der Rechte der Nachwelt kann und muss die Kirche eine klare Position beziehen und wo es nicht anders geht, die Konfrontation mit den Marktideologen aufnehmen.</p>
<p>Sie alle, meine Damen und Herren, können sich an der Aufklärungsarbeit beteiligen. Stützen Sie die Kirche, wo sie mutig ist. Engagieren Sie sich in Verbänden und Parteien. Und bekennen Sie hörbar, dass das Christentum im Streit liegt mit einer sozialdarwinistischen Ellenbogengesellschaft.</p>
<h2>Anmerkungen:</h2>
<p>(1) z.B. Weiner, Jonathan. The Beak of the Finch. New York: Vintage Books. 1995.<br />
(2) Haeckel, Ernst. Deszendenztheorie und Sozialdemokratie. 1878. Abgedruckt in Günter Altner. Der Darwinismus. Darmstadt: Wiss. Buchges. 1981, S. 100-106<br />
(3) Friedrich Nietzsche, zit. nach Hans Doderer, Die Stimme des Blutes, Rheinischer Merkur, 16.4.1999, S. 19.<br />
(4) Clapperton, Jane Hume. Scientific Meliorism. London 1885, S. 88, zit. Nach Germaine Greer, Sex and Destiny, The Politics of Human Fertility. New York: Harper and Row, 1984, S. 305/6<br />
(5) Galton, Francis. Memories of My Life. London, 1908, S. 323.<br />
(6) Jacobs, Jane. Systems of Survival. A Dialogue on the Moral Foundations of Commerce and Politics. London: Hodder &amp; Stoughton. 1992.<br />
(7) Dawkins, Richard. Das egoistische Gen. Heidelberg: Springer, 1978.<br />
(8) Soros, George. The Crisis of Global Capitalism. London: Little Brown, 1998, S. 176.<br />
(9) Albert, Michel. Le capitalisme rhÈnan.<br />
(10) Weizsäcker, Ernst U. von, Amory Lovins, Hunter Lovins. Faktor Vier. Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. München: Droemer-Knaur, 1997.</p>
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