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	<title>Ökologie - Ernst Ulrich von Weizsäcker</title>
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		<title>Gespräch mit Ute Symanski über Hochschulaufgaben</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/gespraech-mit-ute-symanski-ueber-hochschulaufgaben/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[valentin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Jan 2023 11:29:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Formate]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor kurzem habe ich mit Frau Dr. Symanski ein längeres Gespräch über Hochschulaufgaben geführt. Das Gespräch ist jetzt online als Folge#12 der Podcast-Reihe „#ScienceManagersForFuture“.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/gespraech-mit-ute-symanski-ueber-hochschulaufgaben/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignleft size-medium wp-image-4322" src="https://ernst.weizsaecker.eu/wp-content/uploads/SM4F-Symanski-Weizsaecker-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/SM4F-Symanski-Weizsaecker-300x300.jpg 300w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/SM4F-Symanski-Weizsaecker-150x150.jpg 150w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/SM4F-Symanski-Weizsaecker-120x120.jpg 120w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/SM4F-Symanski-Weizsaecker.jpg 600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Vor kurzem habe ich mit Frau Dr. Symanski ein längeres Gespräch über Hochschulaufgaben geführt.</p>
<p>Das Gespräch ist jetzt online als Teil der Podcast-Reihe „<a href="https://www.futurwir.de/sciencemanagersforfuture-2/" target="_blank" rel="noopener">#ScienceManagersForFuture</a> – Ute Symanski führt Gespräche für ein nachhaltiges Hochschulsystem” (ein Projekt von <a href="https://www.futurwir.de/" target="_blank" rel="noopener">futurWIR</a>).</p>
<p>Sie können die Podcast-Folge hier direkt anhören:  <a href="https://sciencemanagersforfuture.podigee.io/12-new-episode" target="_blank" rel="noopener">#12 Ute Symanski trifft Ernst Ulrich von Weizsäcker</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Betrifft: Fusionsenergie, „He! He! He! He!” (Leserbrief)</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/betrifft-fusionsenergie-he-he-he-he-leserbrief/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[valentin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Dec 2022 10:25:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Energie]]></category>
		<category><![CDATA[Notizen]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Energieeffizienz]]></category>
		<category><![CDATA[Kernfusion]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
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		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[Zum Thema Kernfusion habe ich vor ein paar Tagen einen Leserbrief an die Frankfurter Rundschau geschrieben. Er wurde heute wörtlich veröffentlicht.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/betrifft-fusionsenergie-he-he-he-he-leserbrief/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Zum Thema Fusion habe ich einen Leserbrief an die Frankfurter Rundschau geschrieben. Er wurde wörtlich veröffentlicht:</p>
<blockquote><p>Sehr geehrte Redaktion,</p>
<p>Vielen Dank für den Artikel über Kernfusion per Laserstrahl. Für Physik und Technik erstaunlich und großartig. Für Energie teuer und sinnlos. Für die Umwelt gefährlich. Warum? Um mit einem Laserstrahl ein Deuterium- und ein Tritiumatom bei hundert Millionen Grad zur Fusion zu bringen, ist phantastisch, aber sehr teuer. Photovoltaik aus Sonnenlicht ist im Vergleich phantastisch billig. Und Tritium muss erstmal (teuer) hergestellt werden und ist radioaktiv. Und das bei der Fusion herausgeschleuderte Neutron saust durch jegliche Wand nach draußen und trifft dann irgendwo auf einen Atomkern und kann diesen radioaktiv machen. Wenn es nur ein Neutron wäre, kein Problem. Aber wenn mit den Fusionen echt Energie erzeugt werden soll, muss man Millionen Milliarden solcher Prozesse laufen lassen, und wenn Millionen Milliarden Neutronen nach draußen sausen, gibt es massenhaft Radioaktivität. Das nenne ich nicht saubere Energie!</p>
<p>Mit freundlichen Grüßen</p></blockquote>
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			</item>
		<item>
		<title>The ProfsCast &#8211; Lectures For Future Edition</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/the-profscast-lectures-for-future-edition/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 04 Jan 2021 15:40:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Klima]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Erderwärmung]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltige Entwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
		<category><![CDATA[Podcast]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[In dieser LecturesForFuture-Ausgabe des ProfsCast spricht Joe Fensterle, Professor an der HSRW in Kleve, mit Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker über Klimawandel und Nachhaltigkeit. Prof. von Weizsäcker gehört seit vielen Jahren zu den angesehensten Forschern, Autoren und Politikern im Bereich der Klimaforschung und Nachhaltigkeit. Er ist Mitglied und ehemaliger Präsident des Club of Rome [&#8230;]&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/the-profscast-lectures-for-future-edition/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In dieser LecturesForFuture-Ausgabe des ProfsCast spricht Joe Fensterle, Professor an der HSRW in Kleve, mit Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker über Klimawandel und Nachhaltigkeit.</p>
<p>Prof. von Weizsäcker gehört seit vielen Jahren zu den angesehensten Forschern, Autoren und Politikern im Bereich der Klimaforschung und Nachhaltigkeit. Er ist Mitglied und ehemaliger Präsident des Club of Rome und erklärt, wie die Publikation &#8222;Die Grenzen des Wachstums&#8220; den Weg für einen Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung des Wachstums ebnete. Er war Gründungspräsident des Wuppertal-Instituts, das in diesem Zusammenhang schnell zum renommiertesten Think-Tank der Welt wurde.</p>
<p>Er spricht über die Idee, die hinter dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie steht. Er spricht auch über Wissenschaftskommunikation und warum diese in Zeiten von Fake-News und populistischen Regierungen so wichtig ist.</p>
<p>Er zeigt auf, wie Lösungen mit landesweit handelbaren CO2-Budgets zu einem fairen Ausgleich zwischen Industrie- und Entwicklungsländern führen können und wie wichtig Initiativen wie FridaysForFuture (FFF) sind, damit nachhaltige Entwicklungen umgesetzt werden.</p>
<p>Die Vollversionen dieses ProfsCast sind sowohl auf <a href="https://www.youtube.com/watch?v=UMWAEIFBXPc" target="_blank" rel="noopener">YouTube</a> als auch auf den einschlägigen Streaming-Plattformen wie <a href="https://open.spotify.com/episode/4tbpIh1WbS1S6MHaWioUkJ?si=4fd0bffe3d8f4680">Spotify</a> und <a href="https://anchor.fm/joachim-fensterle" target="_blank" rel="noopener">Anchor</a> verfügbar.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Buchveröffentlichung &#8222;Ernst Ulrich von Weizsäcker: A Pioneer on Environmental, Climate and Energy Policies&#8220;</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/buchveroeffentlichung-ernst-ulrich-von-weizsaecker-a-pioneer-on-environmental-climate-and-energy-policies/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 May 2014 07:56:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>
		<category><![CDATA[Faktor Vier / Faktor Fünf]]></category>
		<category><![CDATA[Manuskripte]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Decoupling @de]]></category>
		<category><![CDATA[Energieeffizienz]]></category>
		<category><![CDATA[Factor Five]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[Zum 75. Geburtstag von Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker am 25.06.2014 ist soeben folgender Band in englischer Sprache erschienen:
Ernst Ulrich von Weizsäcker (Ed.): Ernst Ulrich von Weizsäcker: A Pioneer on Environmental, Climate and Energy Policies &#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/buchveroeffentlichung-ernst-ulrich-von-weizsaecker-a-pioneer-on-environmental-climate-and-energy-policies/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Zum 75. Geburtstag von Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker am 25.06.2014 ist soeben folgender Band in englischer Sprache erschienen:</p>
<p><strong><em>Ernst Ulrich von Weizsäcker (Ed.): Ernst Ulrich von Weizsäcker: A Pioneer on Environmental, Climate and Energy Policies</em></strong><br />
<em>– Presented by Uwe Schneidewind, Pioneers in Science and Practice, vol. 28 (Cham – Heidelberg – New York – Dordrecht – London: Springer, 2014)</em></p>
<div id="attachment_3179" style="width: 207px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/9783319036618-2.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3179" class="size-medium wp-image-3179" alt="Ernst Ulrich von Weizsäcker: A Pioneer on Environmental, Climate and Energy Policies " src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/9783319036618-2-197x300.jpg" width="197" height="300" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/9783319036618-2-197x300.jpg 197w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/9783319036618-2-461x700.jpg 461w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/9783319036618-2-624x946.jpg 624w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/9783319036618-2.jpg 827w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-3179" class="wp-caption-text">Ernst Ulrich von Weizsäcker: A Pioneer on Environmental, Climate and Energy Policies</p></div>
<p>Einen Flyer für diesen Band finden Sie <a href="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/PSP-28_EUvW_Flyer_978-3-319-03661-8.pdf">hier</a>.</p>
<p>Mehr Informationen zum Autor und zu diesem Buch finden Sie unter: <a href="http://www.afes-press-books.de/html/SpringerBriefs_PSP_E.U.v._Weizsaecker.htm" target="_blank">http://www.afes-press-books.de/html/SpringerBriefs_PSP_E.U.v._Weizsaecker.htm</a></p>
<p>Diesen Band erhalten Sie in jeder Buchhandlung und können Sie auch elektronisch über die Webseite des wissenschaftlichen <a href="http://www.springer.com/environment/environmental+management/book/978-3-319-03661-8" target="_blank">Springer-Verlags</a> in Heidelberg bestellen.</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ernst von Weizsaecker unter den 100 einflussreichsten Denkern</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/aufnahme-in-top-100-global-thought-leaders/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2014 07:50:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Notizen]]></category>
		<category><![CDATA[Pressespiegel]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Schweizer Gottlieb Duttweiler Institut hat durch einen Analyse elektronischer Medien die hundert einflussreichsten Denker der Welt identifiziert. Aus einer Kohorte von über 200 Anfangskandidaten aus allen Fächern und aus aller Welt wurden diejenigen bestimmt, die in der Blogosphäre und Wikipedia den größten Einfluss, die größte Vernetzung und die stärkste thematische &#8222;Zentralität&#8220; haben. Gemessen wurde [&#8230;]&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/aufnahme-in-top-100-global-thought-leaders/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Schweizer Gottlieb Duttweiler Institut hat durch einen Analyse elektronischer Medien die hundert einflussreichsten Denker der Welt identifiziert. Aus einer Kohorte von über 200 Anfangskandidaten aus allen Fächern und aus aller Welt wurden diejenigen bestimmt, die in der Blogosphäre und Wikipedia den größten Einfluss, die größte Vernetzung und die stärkste thematische &#8222;Zentralität&#8220; haben. Gemessen wurde allerdings nur der Einfluss innerhalb des englischen Sprachraums, so dass asiatische, lateinamerikanische, arabische und kontinentaleuropäische Denker unterrepräsentiert sein dürften.<br />
Zu den 100 einflussreichsten Denkern gehören Nobelpreisträgern wie Paul Krugman, Joseph Stiglitz, Murray Gell-Mann und Daniel Kahnemann, &#8222;Ökologen&#8220; wie Amory Lovins, Janine Benyus und Franz-Josef Radermacher sowie Ernst von Weizsäcker, Unternehmer wie George Soros, Craig Venter, Tim O&#8217;Reilly und Tim Berners Lee (World Wide Web), Schriftsteller wie Salman Rushdie, Arundhati Roy, Mario Vargas-Llosa und Thomas Friedman, Biologen wie Jane Goodall, Edward O. Wilson, Jared Diamond und Richard Dawkins, sowie die Philosophen Jürgen Habermas, Martha Nussbaum und Peter Sloterdijk. Den Spitzenplatz im Ranking hat 2013 weiterhin Al Gore.</p>
<p>Ernst von Weizsäckers erste Reaktion: &#8222;Ach &#8211; da gäbe es Tausende andere, die diese Ehre mehr verdienen als ich!&#8220;</p>
<p>Weitere Informationen finden Sie in folgender Pubikation: <a href="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/Global_Thought_Leader_1_EN.pdf">Global_Thought_Leader</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Lob der Vielfalt – Jahrbuch Ökologie 2009</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/lob-der-vielfalt-jahrbuch-oekologie-2009/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Sep 2008 19:37:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Notizen]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
		<category><![CDATA[Biodiversität]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Jahrbuch Ökologie, das nunmehr zum 18. Mal erscheint, informiert über die ökologische Situation und die Belastungstrends in den verschiedenen Bereichen der natürlichen Umwelt, analysiert die staatliche und internationale Umweltpolitik, dokumentiert historisch bedeutsame Umweltereignisse, beschreibt positive Alltagserfahrungen im Umgang mit der Natur und entwirft Visionen für eine zukunftsfähige Welt.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/lob-der-vielfalt-jahrbuch-oekologie-2009/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Jahrbuch Ökologie, das nunmehr zum 18. Mal erscheint, informiert über die ökologische Situation und die Belastungstrends in den verschiedenen Bereichen der natürlichen Umwelt, analysiert die staatliche und internationale Umweltpolitik, dokumentiert historisch bedeutsame Umweltereignisse, beschreibt positive Alltagserfahrungen im Umgang mit der Natur und entwirft Visionen für eine zukunftsfähige Welt.</p>
<p>Schwerpunkt der neuen Ausgabe ist das Thema biologische Vielfalt. Der Verlust an Biodiversität ist ein globales ökologisches Problem, das in seinem Ausmaß, seinen Auswirkungen, aber auch was die Handlungsmöglichkeiten betrifft, von der Öffentlichkeit bisher kaum erkannt wurde. Die Beiträge und Fallbeispiele dieses Bandes beschäftigen sich daher vor allem mit dem Wert der Natur und dem Erhalt der biologischen Vielfalt an sich. Es geht darin aber ebenfalls, weil der Mensch nicht nur Bewahrer, sondern gleichermaßen Zerstörer der Natur ist, um die ökonomischen und ökologischen Schäden des Verlusts an Biodiversität.</p>
<p>In der Rubrik „Vor-Denker &amp; Vor-Reiter“ werden wieder einige Persönlichkeiten gewürdigt, die sich um das Verständnis und den Schutz der Umwelt verdient gemacht haben.</p>
<p><em>Lob der Vielfalt<br />
Jahrbuch Ökologie 2009<strong><br />
</strong>Günter Altner, Heike Leitschuh, Gerd Michelsen, Udo E. Simonis, Ernst U. von Weizsäcker (Hg.)</em><br />
<em>Stuttgart: Hirzel Verlag 2008</em><br />
<em>ISBN 978-3-7776-1605-6</em><br />
<em>248 Seiten, € 19,80</em></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Balance zwischen Öffentlichem und Privatem nötig“</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/balance-zwischen-oeffentlichem-und-privatem-noetig/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 May 2008 11:52:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Privatisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kapital]]></category>
		<category><![CDATA[Marktwirtschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Sozialstandards]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://ernst.weizsaecker.de/?p=16</guid>

					<description><![CDATA[Der Wissenschaftler und Politiker Ernst Ulrich von Weizsäcker sagt nicht generell nein zu Privatisierung. Aber er sieht Privatisierung kritisch. „Wir müssen genau hinschauen“, sagt er in einem Interview mit dem StandOrt. Und der Staat müsse sicherstellen, dass er auch weiterhin Einfluss darauf hat, dass Arme Zugang zu lebensnotwendigen Gütern oder Dienstleistungen erhalten.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/balance-zwischen-oeffentlichem-und-privatem-noetig/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Der Wissenschaftler und Politiker Ernst Ulrich von Weizsäcker sagt nicht generell nein zu Privatisierung. Aber er sieht Privatisierung kritisch. „Wir müssen genau hinschauen“, sagt er in einem Interview mit dem StandOrt. Und der Staat müsse sicherstellen, dass er auch weiterhin Einfluss darauf hat, dass Arme Zugang zu lebensnotwendigen Gütern oder Dienstleistungen erhalten.</em></p>
<p><strong>StandOrt: Was stört Sie daran, wenn bisher öffentliche Aufgaben von Privaten erledigt werden?</strong></p>
<p>Weizsäcker: Es ist kein Zufall, dass öffentliche Güter vom Staat besorgt werden – und zwar in den meisten Gesellschaften. Denn die Daseinsvorsorge ist eine der zentralen Aufgaben des Staates, und in der Demokratie achtet das Volk sehr darauf, ob der Staat dieser Pflicht genügt. Wenn Private diese Güter bereitstellen, dann gilt die Logik der Gewinnerzielung. Bei Kaviar und Sportwagen ist das ok, beim Lebensnotwendigen nicht.</p>
<p><strong>Sie sagen, es braucht eine Balance zwischen Öffentlichen und Privat. Worin besteht diese Balance?</strong></p>
<p>Balance ist ein hohes Gut. Wir wollen eine Balance: zwischen Ordnung und Freiheit, zwischen dem Leistungsprinzip und der Solidarität, zwischen Ökonomie und Ökologie und eben auch zwischen Öffentlichem und Privatem. Wenn es diese Balance nicht gibt, kommt etwas ins Rutschen. Die Privatwirtschaft hat von sich aus kein Gerechtigkeits-Motiv. Der demokratisch verfasste Staat hingegen hat einen Wählerauftrag, die Ungleichheit in Grenzen zu halten.. Seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems, also etwa seit 1990, ist die Balance zugunsten des Privaten gestört. Bis dahin hatte die Privatwirtschaft und hatten auch die Reichen ein Interesse daran, dass das Volk mit der freiheitlichen Demokratie zufrieden war, &#8211; als Schutzwall gegen den Kommunismus. Seit dieses Motiv für Gerechtigkeit und Staat verschwunden ist, ist vielerorts die Staatsverachtung in Mode gekommen.</p>
<p>Das Kapital hat die Staaten immer mehr gegeneinander ausgespielt und dadurch geschwächt. Sie wurden in einen Wettbewerb um die niedrige Steuern und Abbau von Sozialleistungen gedrängt. Das ist der sozialpolitische Kern der Globalisierung. In praktisch allen Ländern  hat sich der Abstand zwischen Arm und Reich vergrößert – auch in Ländern mit guten Wachstumsraten wie USA, China oder Indien. und auch in Ländern wie Schweden und Deutschland, wo die Kluft zwischen Arm und Reich früher geringer war.</p>
<p><strong>Es heißt, gerade Arme brauchen einen starken Staat. Sehen Sie das auch so?</strong></p>
<p>Das sehe ich auch so, vor allem wenn es um die Daseinsvorsorge geht. Und deshalb steht für mich außer Frage, dass diese Aufgabe auch in den reichen europäischen Ländern öffentliche Aufgabe bleiben muss. Grundbildung, Infrastruktur, Umweltschutz, Innere Sicherheit dürfen nicht vom Geldbeutel abhängig werden. Die Steuerfinanzierung öffentlicher Leistungen bedeutet, dass die Starken mehr zur Finanzierung herangezogen als die Schwachen.</p>
<p><strong>Mit Privatisierung wurde auch immer die Erwartung auf eine höhere Effizienz verbunden. Wurden diese Erwartungen erfüllt?</strong></p>
<p>Manchmal wurden diese Erwartungen erfüllt, oft aber auch nicht. Es kommt sehr darauf an, wie man Effizienz definiert. Wenn man dogmatisch behauptet, bei der Privatisierung der Bahn bleibe die Leistung gleich, aber der Personalbestand sei halbiert worden (das ist eine Faustformel in Großbritannien) und daher hätte sich die Effizienz verdoppelt, dann lügt man sich in die Tasche. Die Leistung ist nämlich deutlich schlechter geworden. Und die Arbeitslosigkeit unter ehemaligen Eisenbahnern hatte natürlich auch erst einmal einen hohen Preis. Bei den Telefongesellschaften ist das Bild besser. Weltweit, auch in Deutschland sank der Preis für diese Leistung nach der Privatisierung. Wie viel davon auf die privatwirtschaftliche Konkurrenz und wie viel auf den technischen Fortschritt zum Mobiltelefonieren zurückgeht, ist schwer zu sagen. Das Beispiel Uruguay, wo nicht privatisiert wurde, aber die Verbilligung ebenfalls eintrat, zeigt, dass die Kausalität nicht so einfach ist. Man muss bei der Effizienzfrage immer genau hinsehen.</p>
<p><strong>Sie stehen Privatisierung generell skeptisch gegenüber?</strong></p>
<p>Nein, ich bin nicht prinzipiell gegen Privatisierungen. Man muss aber jedes Vorhaben dieser Art ganz genau unter die Lupe nehmen. Und es darf auf gar keinen Fall sein, dass aus Prinzip dem Privaten der Vorzug vor dem Öffentlichen gegeben wird – wie manche Politiker nach wie vor predigen. Bei einer Privatisierung geht es immer um öffentliche Güter und öffentliches Interesse – beides darf nicht unter die Räder kommen.</p>
<p><strong>Welche Privatisierungen würden Sie am liebsten rückgängig machen?</strong></p>
<p>Da gibt es einige – gerade in Deutschland. Die deutsche Gebäudeversicherung war in vielen Bundesländern ein Staatsmonopol, und dieses war ökonomisch effizienter als die privatwirtschaftliche Lösung. Aufgrund einer europäischen Richtlinie wurde hier liberalisiert und dann privatisiert, und siehe da: die Kundentarife stiegen um gut 50 Prozent! Das lag hauptsächlich an den Kosten der Kundenwerbung, die das frühere Monopol nicht hatte. Beim Strom war es ökologisch vorteilhaft, dass die Stadtwerke früher ehrgeizige Effizienzprogramme auflegten.</p>
<p>In Entwicklungsländern ist vieles viel schlimmer. Wenn arme Familien das Wasser oder gute Bildung nicht mehr bezahlen können, haben wir ein echtes Sozialproblem. Und wenn Staaten die Sicherheit Privatsöldnern überlassen, bricht der Gesellschaftsvertrag auseinander. Die (erfolgreiche) Rebellion gegen die Wasserprivatisierung in Bolivien ist heute allseits bekannt. Das Bildungswesen in Chile, die Söldnerarmeen in Afrika, die Gefängnisse in den USA, die sich erfolgreich um hohe Auslastung kümmern, sind ebenfalls bekannte Problemfälle. Aber es gibt durchaus auch positive Beispiele, wie etwa die BOT-Verträge für Verkehrsinfrastrukturen: Build – Operate – Transfer heißt, dass der private Investor die Brücke oder Straße baut und seine Kosten wenige Jahrzehnte lang durch Wegzölle wieder eintreiben darf, danach aber das Objekt an den Staat übergibt.</p>
<p><strong>Gibt es Bereiche, die Ihrer Ansicht nach tabu sein müssten für eine Privatisierung?</strong></p>
<p>Alle Güter, auf die die Ärmsten angewiesen sind. Oder aber die privatisierten Unternehmen müssen zu einer Preisgrenze verpflichtet werden – dass zum Beispiel der Wasserpreis für eine Familie höchstens soundso viel Prozent des Einkommens ausmacht. Aber in solchen Bereichen ganz die Finger von einer Privatisierung zu lassen, wäre sinnvoller.</p>
<p><strong>Stichwort Einfluss. Kann sich der Staat bei einer Privatisierung Einfluss sichern?</strong></p>
<p>Generell muss man sagen: Ob Kommune, Land oder Bund – der Staat muss sich diesen Einfluss sichern. Dazu gehört auch ein Rückkaufsrecht. Zudem muss die Erfüllung der bislang von Öffentlichen erledigten Aufgaben an klar gefasste Bedingungen geknüpft werden. Nur so steht der Private unter Druck, nicht nur seinen Gewinn im Auge zu haben, sondern auch die Interessen der Bürgerinnen und Bürger.</p>
<p>Und eines muss auch klar sein: Privatisierung kann nie ein Instrument finanzschwacher Kommunen sein. Denn eine Kommune, die Aufgaben abgibt, damit sie Geld spart, das sie eigentlich gar nicht hat, begibt sich bei einer Privatisierung in noch größere finanzielle Abhängigkeit. Wenn sie nicht das kein Druckmittel, das Unternehmen zurückzukaufen, hat sie eine zu geringe Kontrollmöglichkeit.</p>
<p><em>Erschienen in: StandOrt (Verdi) im Mai 2008.</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Die Erde kämpft gegen uns um ihr Überleben“</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/die-erde-kaempft-gegen-uns-um-ihr-ueberleben/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 09 Feb 2007 21:20:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
		<category><![CDATA[Erderwärmung]]></category>
		<category><![CDATA[Klimaschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverbrauch]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
		<category><![CDATA[Überleben]]></category>
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					<description><![CDATA[BILD-Interview mit dem großen Natur-Philosophen Ernst Ulrich von Weizsäcker, von H.-J. Vehlewald.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/die-erde-kaempft-gegen-uns-um-ihr-ueberleben/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>BILD-Interview mit dem großen Natur-Philosophen Ernst Ulrich von Weizsäcker, von H.-J. Vehlewald.</em></p>
<p><strong>BILD: Steht die Menschheit vor einer Zeitenwende beim Klimaschutz?</strong></p>
<p>Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker: Das wäre wunderbar! Die letzten Studien haben ja eher untertrieben, was die Folgen der Erderwärmung angeht. Experten kennen die Daten seit zehn Jahren. Nun wacht auch der Rest der Welt endlich auf.</p>
<p><strong>Ist das Bibelwort „Macht euch die Erde untertan“ nicht mehr gültig?</strong></p>
<p>Alle großen Religionen sind zu einer Zeit entstanden, als der Mensch noch gegen die Natur kämpfen musste, um zu überleben. Heute scheint es eher umgekehrt: Die Natur muss ums Überleben kämpfen. Der Mensch ist der entscheidende Faktor geworden, der die Erdoberfläche verändert.</p>
<p><strong>Der Mensch – ein Schädling der Natur?</strong></p>
<p>Ja, wir sind zum entscheidenden Störfaktor der Natur geworden! Es gibt den makabren Witz: „Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: Du siehst aber schlecht aus! – Darauf der andere: Ja, ich habe ‚Homo sapiens‘ – Ach so, Menschen! Mach dir nichts draus, das geht vorüber!“</p>
<p><strong>Muss der Mensch sich selbst ausrotten, um die Erde zu retten?</strong></p>
<p>Natürlich nicht. Ich glaube an die Vernunft der Menschheit. Sie wird einen Ausweg finden.</p>
<p><strong>„Seid fruchtbar und mehret euch“ – auch das ein Irrtum der Bibel?</strong></p>
<p>Heute müsste es heißen: Seid fruchtbar, aber vermehrt euch in Maßen. Wir Europäer haben das Problem der Überbevölkerung bloß exportiert. Nach wissenschaftlichen Berechnungen braucht z. B. jeder Deutsche vier Hektar Erdoberfläche, um seinen Verbrauch zu decken. Nach dieser Rechnung müsste Deutschland etwa neunmal so groß sein wie jetzt. Unser Glück ist: Wir importieren unsere Waren aus der ganzen Welt. Das Problem Überbevölkerung ist also nicht auf die Dritte Welt beschränkt.</p>
<p><strong>Was soll die Dritte Welt hindern, auf der Suche nach Wohlstand die gleichen Fehler zu machen wie wir?</strong></p>
<p>Wir können den richtigen Weg nur vorleben! Die Diagnose ist gestellt: Wenn wir mit der vorhandenen Energie nicht sparsamer umgehen, ruinieren wir Klima und Natur!</p>
<p><strong>Als eine Art Urvater der Öko-Bewegung werben Sie seit über 35 Jahren für einen rücksichtsvolleren Umgang mit der Natur. Keine Spur von Resignation?</strong></p>
<p>Nein. Zusammen haben wir viel erreicht. Denn in den 70er-Jahren haben wir gegen verdreckte Flüsse und qualmende Schornsteine gekämpft – und gewonnen! Heute sind Luft und Wasser wieder gut. Der Mensch ist also lernfähig!</p>
<p><em>Prof. von Weizsäcker, Biologe, Kirchenfunktionär und Publizist („Das Jahrhundert der Umwelt“) gilt als „Umweltpapst“ der Ökobewegung. Der Wissenschaftler (Neffe von Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker) ist Leiter der Donald Bren School für Umweltstudien in Santa Barbara (Kalifornien, USA)</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Das größte Naturschutzgebiet der Welt</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/das-groesste-naturschutzgebiet-der-welt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Jan 2007 06:00:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Notizen]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
		<category><![CDATA[EPA]]></category>
		<category><![CDATA[George W. Bush]]></category>
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					<description><![CDATA[Präsident Bush und seine Republikaner sind unter Druck. Zwei große Themen belasten sie, weil sie da nicht gut aussehen: der Irakkrieg und der Umweltschutz. Der Kennedy-Neffe und Sohn des ermordeten Senators, Robert F. Kennedy jr. hat eine vernichtende Abrechnung mit der Umweltpolitik der Regierung Bush geschrieben: Crimes Against Nature, Verbrechen gegen die Natur.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/das-groesste-naturschutzgebiet-der-welt/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Präsident Bush und seine Republikaner sind unter Druck. Zwei große Themen belasten sie, weil sie da nicht gut aussehen: der Irakkrieg und der Umweltschutz.</p>
<p>Der Kennedy-Neffe und Sohn des ermordeten Senators, Robert F. Kennedy Jr. hat eine vernichtende Abrechnung mit der Umweltpolitik der Regierung Bush geschrieben: Crimes Against Nature, Verbrechen gegen die Natur. Der Untertitel heißt: Wie George W. Bush und seine Getreuen das Land ausräubern und unsere Demokratie kapern. Da geht es um das hanebüchene Absprengen von ganzen Bergkuppen für die Kohlegewinnung in West Virginia, um die Unterwanderung der Umweltbehörde EPA mit Anti-Umweltschützern und natürlich um die Sabotage am Kioto-Protokoll. Und Punkt für Punkt wird der Nachweis geführt, wie die von Bush’s Handeln begünstigte Industrie die Kassen der Republikanischen Partei gefüllt hat.</p>
<p>Amerika weiß das. Die erdrückende Mehrheit der Amerikaner lehnt diese Praktiken ab und hält die zugehörigen Geldflüsse für gesetzeswidrig oder zumindest unmoralisch. Bush hat nach Meinung vieler seine zweite Wahl nur gewonnen, weil das Thema Umwelt einfach noch nicht wichtig genug war und weil man im Krieg nicht gern die Regierung auswechselt.</p>
<p>Jetzt aber ist die Kritik am Krieg Mehrheitsmeinung und das Thema Umwelt kocht in den Medien immer höher. TIME Magazine hat im März einen dramatischen Klimaaufmacher gebracht. Zusammen mit Al Gore’s aufklärerischem Klima-Film „Eine unbequeme Wahrheit“ hat das dazu beigetragen, dass es „politisch korrekt“ geworden ist, die verbliebenen Leugner des Klimawandels als Schwindler, Narren oder Bestochene anzuschwärzen. Bush’s Umfragewerte sind im Keller, und es geht auf die wichtige Kongresswahl 2006 und die Vorbereitung der Präsidentenwahl 2008 zu. Bush kann da zwar nicht mehr antreten, aber er will natürlich einen Gesinnungsfreund als Nachfolger. Bush ist unter gewaltigem Handlungsdruck.</p>
<p>Da fiel ihm eine wunderbare Ersatzhandlung ein: die Ausrufung des größten Naturschutzgebiets der Erde. In einer Pressekonferenz am 15. Juni hat er die nordwestlichen Inseln von Hawaii und die zugehörige Meeresfläche von insgesamt 140.000 Quadratmeilen oder 360.000 Quadratkilometern (so groß wie Deutschland) zum Nationalen Monument erklärt. Die Artenvielfalt dort ist atmberaubend. Die Meeresumweltschützer sind begeistert. Die Presse ist ausnahmslos positiv. Die lokalen Fischer, die nun nicht mehr ausfahren dürfen, wurden mit Geldern der privaten Pew-Stiftung großzügig abgefunden. Man stellt sich auf Tourismus und andere lukrativere Tätigkeiten um.</p>
<p>Ein gelungener Entlastungsangriff also. Zwei wichtige Schönheitsfehler sind allerdings nicht zu übersehen: an den letzten Endes wichtigeren Baustellen des Klimaschutzes und der Eindämmung der Ressourcenverschwendung herrscht weiterhin Stillstand. Und die Idee für das Naturschutzgebiet von Hawaii entstand während der Regierung Clinton und wurde von einem republikanischen Gouverneur und dem republikanischen Kongress blockiert. Doch in Amerika ist vieles sehr rasch der Schnee von gestern.</p>
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		<title>Darwin und Schumpeter</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/darwin-und-schumpeter/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Jan 2007 06:00:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Notizen]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[Darwinismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Optimismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
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					<description><![CDATA[Freud würde vom Todestrieb sprechen. Neben dem obligat zur Schau getragenen Optimismus herrscht ein massives Vergänglichkeitsgefühl in den USA. Die Dinosaurier sind ausgestorben. Alle Kulturen haben ein Ende gefunden. Totschießen ist in den Medien all-präsent. Der gnadenlose Verdrängungswettbewerb ist die Alltagserfahrung in der Wirtschaft.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/darwin-und-schumpeter/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Freud würde vom Todestrieb sprechen. Neben dem obligat zur Schau getragenen Optimismus herrscht ein massives Vergänglichkeitsgefühl in den USA. Die Dinosaurier sind ausgestorben. Alle Kulturen haben ein Ende gefunden. Totschießen ist in den Medien all-präsent. Der gnadenlose Verdrängungswettbewerb ist die Alltagserfahrung in der Wirtschaft.</p>
<p>Der ständige Kampf ums Dasein gehört zum Kern des Lebensgefühls in Amerika; – oder des Todesgefühls. Auch Kriege gehören dazu. Sie dienen dazu, die Bösen zu besiegen. Der Gute ist der Stärkere. So ist die Moral im Western.</p>
<p>Auch der wirtschaftliche Wettbewerb wird als moralisch gesehen und überhöht. Gern beruft man sich auf Joseph Schumpeter mit seinem unseligen Spruch von der „schöpferischen Zerstörung“. Dass Detroit zur Zeit ziemlich vor die Hunde geht, weil die SUV-Mode bröckelt und Toyota’s Prius ständig Marktanteile gewinnt, kratzt außer ein paar Lokalpolitikern niemand.</p>
<p>Entlehnt ist diese extreme Form der Wettbewerbs-Denke aus der biologischen Evolutionstheorie von Charles Darwin. Darwin und Schumpeter in der Comic-Karikatur, das konvergiert zu einer gnadenlosen Welt, einer Welt ohne Hoffnung für die Schwachen. Hier liegt vermutlich einer der tieferen Gründe, weshalb selbst gebildete Kirchenleute im amerikanischen „Bibelgürtel“ die als sinnleer erscheinende darwinistische Evolution dermaßen scharf ablehnen.</p>
<p>Solche Christen heißen „Kreationisten“. Sie sehen die Schöpfung als das „intelligente“ Werk des Schöpfergottes an: intelligent design.</p>
<p>Das Irre an der Sache ist, dass dieser christliche Gegenentwurf zum Darwinismus ebenfalls mit Todessehnsuchtsphantasien und Leichtfertigkeit gegenüber dem Kriegführen und der Umwelt einhergeht. Unter den christlichen Fundamentalisten erwartet man das Jüngste Gericht. Man sagt, es kommt bald, und dann wird der Herrgott die Guten von den Bösen scheiden.</p>
<p>Wer so denkt, dem kann jeder „gerechte Krieg“ nur recht sein. Er sortiert schon mal Gute und Böse hienieden. Und wenn Gott beim Jüngsten Gericht auch seine Schöpfung wieder zu sich nimmt, wozu sollen wir dann Umweltschutz machen? Der inzwischen glücklicherweise aus der Politik ausgeschiedene ehemalige Mehrheitssprecher im Kongress, Tom DeLay verglich die Umweltbehörde EPA mit der Gestapo, weil sie seinem fundamentalistischen Kreuzzug im Wege stand.</p>
<p>Gibt es Auswege? Auf christlicher Seite bahnt sich ein Umdenken an. Der erzkonservative evangelikale Pfarrer Jim Ball brachte im Februar eine evangelikale Klimainitiative auf den Weg, mit ungewohnt scharfen Tönen gegen das Duo Bush-Cheney. Auch die christlichen Kriegsgegner werden immer mehr.</p>
<p>Umgekehrt wäre es einen Versuch wert, die Evolutionslehre (und die Ökonomie!) von ihrem sozialdarwinistischen Ballast zu befreien. Schließlich ist die Entstehung biologischer Vielfalt nicht zu erklären, wenn es nur Selektion gibt, also Verminderung von Vielfalt. Das Wunder der Evolution ist nicht das Überleben der Tüchtigsten, sondern das millionenfache Überleben von weniger „Tüchtigen“. Rezessive Erbmerkmale sind fast automatisch vor der Ausrottung geschützt. Barrieren schützen regionale Sonderlinge. Und Symbiose ist die elegante gegenseitige Unterstützung von Spezies, die auf sich allein gestellt zu schwach wären.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Weizsäcker wird SPD-Nachhaltigkeitssprecher</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/weizsaecker-wird-spd-nachhaltigkeitssprecher/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Nov 2004 06:00:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Pressemitteilungen]]></category>
		<category><![CDATA[Deutscher Bundestag]]></category>
		<category><![CDATA[Effizienzrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Johannesburg]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltige Entwicklung]]></category>
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		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
		<category><![CDATA[Wachstum]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Stuttgarter SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Umweltausschusses Ernst Ulrich von Weizsäcker hat eine zusätzliche Funktion übernommen. Die SPD-Arbeitsgruppe Nachhaltige Entwicklung hat den ehemaligen Präsidenten des Wuppertal Instituts zu ihrem Sprecher gewählt. Es ist die erste Fraktionssprecher-Rolle für den Stuttgarter.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/weizsaecker-wird-spd-nachhaltigkeitssprecher/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Stuttgarter SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Umweltausschusses Ernst Ulrich von Weizsäcker hat eine zusätzliche Funktion übernommen. Die SPD-Arbeitsgruppe Nachhaltige Entwicklung hat den ehemaligen Präsidenten des Wuppertal Instituts zu ihrem Sprecher gewählt. Es ist die erste Fraktionssprecher-Rolle für den Stuttgarter.</p>
<p>Prof. Ernst von Weizsäcker war bereits 1991 von Bundeskanzler Kohl in den Beraterkreis Nachhaltige Entwicklung der damaligen Bundesregierung berufen worden und nahm 1992 am Erdgipfel von Rio de Janeiro teil. Im Jahr 2002 leitete er die deutsche Parlamentarierdelegation beim Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg.</p>
<p>„Von einer ökologisch nachhaltigen Entwicklung ist die Welt leider noch weit entfernt“, sagte Weizsäcker zu Beginn seiner neuen Arbeit. „Die Prioritäten liegen in aller Welt beim Wirtschaftswachstum. Die Versöhnung zwischen Wirtschaft und Umwelt erfordert noch harte Arbeit von allen Seiten.“</p>
<p>Eine Chance sieht von Weizsäcker in der „Effizienzrevolution“ im Umgang mit den knappen natürlichen Ressourcen. Hier treffen sich die europäischen Interessen mit den ostasiatischen. „Auf diese Allianz müssen wir bauen“, schloss von Weizsäcker seine Stellungnahme.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Plenarrede zum Klimaschutz</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/plenarrede-zum-klimaschutz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Sep 2004 21:05:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Klima]]></category>
		<category><![CDATA[Plenarreden]]></category>
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					<description><![CDATA[In das Kioto-Protokoll sind flexible projektbezogene Mechanismen aufgenommen worden, damit die Entwicklungsländer schon in der Frühphase der Umsetzung des Protokolls beteiligt werden. Denn in dem Protokoll selbst werden nur von den Industrieländern Reduktionsverpflichtungen verlangt.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/plenarrede-zum-klimaschutz/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Auszug aus dem Plenarprotokoll 15/127, Deutscher Bundestag, Berlin, 24. September 2004</em></p>
<p><em>TOP 17 „Mehr Kosteneffizienz im Klimaschutz durch verstärkte Nutzung der projektbezogenen Kioto-Mechanismen“, Drucksachen 15/1690, 15/2803</em></p>
<p><strong>Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer: </strong></p>
<p>Das Wort hat jetzt der Abgeordnete Ernst Ulrich von Weizsäcker.</p>
<p><strong>Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker (SPD): </strong></p>
<p>Frau Präsidentin! Meine verehrten Damen und Herren! In das Kioto-Protokoll sind flexible projektbezogene Mechanismen aufgenommen worden, damit die Entwicklungsländer schon in der Frühphase der Umsetzung des Protokolls beteiligt werden. Denn in dem Protokoll selbst werden nur von den Industrieländern Reduktionsverpflichtungen verlangt.</p>
<p>(Michael Müller [Düsseldorf] [SPD]: Richtig!)</p>
<p>Insofern haben die Oppositionsparteien zweifellos Recht damit, dass man die flexiblen Mechanismen auch nutzen soll; insoweit besteht überhaupt kein Widerspruch. Ich bin einerseits sehr froh darüber, dass man auf der europäischen Ebene ein Stück vorangekommen ist. Ich stimme andererseits Herrn Minister Trittin zu 100 Prozent zu, wenn er sagt, dass es aus Gründen eines politischen Anreizes eine zeitliche Präferenz für den Clean Development Mechanism gegenüber der Joint Implementation gibt. Das ist notwendig, damit wir den Russen, die den jetzt erforderlichen Schritt gemacht haben, nicht schon wieder in den Rücken fallen und den Bremsern, die es in Moskau weiterhin gibt, nicht Nahrung geben. Insofern ist der Prozess auf dem richtigen Weg.</p>
<p>(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)</p>
<p>Ich will mich kurz mit der Aussage des Herrn Abgeordneten Göppel auseinander setzen, der den Vorsitzenden des <em>Nachhaltigkeitsrats</em>, Herrn Dr. Hauff, zitiert hat, der gesagt haben soll, das Kioto-Protokoll sei gar nicht mehr nütze. So habe ich Herrn Dr. Hauff nicht verstanden; auch ich war bei dieser Zusammenkunft anwesend. Er hat lediglich gesagt – da hat er natürlich Recht –, dass das Kioto-Protokoll klimapolitisch bei weitem nicht weit genug geht. Das liegt unter anderem daran, dass die Entwicklungsländer bei den CO2-Emissionen erhebliche Wachstumsraten zu verzeichnen haben und nicht Bestandteil des Kioto-Protokolls sind. Insofern ist es wieder richtig, dass wir das Kioto-Protokoll zwar so schnell wie möglich ratifiziert bekommen und in die Tat umsetzen, dabei aber wissen, dass das nicht das Ende der Fahnenstange sein kann.</p>
<p>(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordnetendes BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)</p>
<p>In diesem Zusammenhang gestatte ich mir, auf einen wissenschaftlichen Artikel hinzuweisen, der im März dieses Jahres im „Scientific American“ von einem Amerikaner namens James Hansen erschienen ist, der über den Art. 2 des Klimarahmenabkommens reflektiert und sich fragt: Was heißt das eigentlich, dass es keine schädliche Indifferenz des Menschen mit dem Klimageschehen geben darf? Er nimmt dann genau einen Parameter heraus – ich glaube, das macht er richtig –, der uns allen wirklich höchst bedrohlich erscheinen muss: den Meeresspiegel. Er sagt, dass nach all dem, was man aus geologischen Daten weiß, ein gefährlicher <em>Anstieg des Meeresspiegels</em> nur dann verhindert werden kann, wenn der Temperaturanstieg nicht über 1 Grad Celsius hinausgeht. Diese Toleranzgrenze ist wesentlich geringer als die, die man bisher angenommen hat. Wenn sich das zum Beispiel in Sankt Petersburg, das ebenfalls auf Meeresspiegelhöhe liegt, in Kalkutta, in Hamburg oder an anderen Stellen herumspricht,</p>
<p>(Horst Kubatschka [SPD]: Oder Florida!)</p>
<p>dann wird völlig klar, dass wir über das Kioto-Protokoll weit hinausgehen müssen. Dann wird das Land, das die Abkoppelung der Wirtschaftskraft von CO2-Emissionen am elegantesten und effizientesten vorgeführt hat, den Wettbewerbsvorteil haben. Deswegen ist es so wichtig, dass wir Deutsche uns aus dieser klimapolitischen Diskussion nicht durch eine Wegnahme dieser Obergrenze davonstehlen. Die Obergrenze ist ja sehr sinnvoll für ein Land, das die Kioto-Verpflichtungen schon erreicht hat, ohne auf die flexiblen Mechanismen zurückgegriffen zu haben. Wenn wir jetzt auch noch die Obergrenze wegnehmen, dann ist der Anreiz für die deutsche Industrie, wie Herr Kelber richtig gesagt hat, faktisch null, sich auf diesen fortschrittsträchtigen Weg zu begeben.</p>
<p>(Dr. Rolf Bietmann [CDU/CSU]: Die Obergrenzen sind in der europäischen Richtlinie nicht mehr drin!)</p>
<p>Wir sind uns einig, Herr Bietmann, dass wir die flexiblen Mechanismen nutzen wollen. Wir sollten versuchen, in dieser Sache keinen unnötigen Parteienstreit anzufangen. Wir müssen auch bei uns im Land den Anreiz dafür groß genug machen, dass man sich auf die nötigen klimafreundlichen Innovationen einlässt. Im Bereich der erneuerbaren Energien ist ja bereits der Beweis geführt worden, dass die Zahl der Arbeitsplätze, an denen für den heimischen Markt und für den Export produziert wird, durch den Ausbau dieser zukunftsträchtigen Energieformen erheblich vergrößert werden konnte. China hat ja anlässlich der Bonner Konferenz erklärt, man wolle auf jeden Fall eine gewaltige Ausweitung auf – ich glaube – 17 Prozent bei den erneuerbaren Energien haben.</p>
<p>(Michaele Hustedt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: 19 Prozent!)</p>
<p>Ferner hat man erklärt, dass Deutschland für sie in dieser Frage der Technologiepartner ist. Darauf können wir stolz sein. Im Bereich der Energieeffizienz sind wir noch nicht ganz so weit; wir sind jedenfalls nicht an der Weltspitze. Bei der gleichen Veranstaltung, Herr Göppel, hat Frau Dr. Merkel mit Recht auf das riesige Potenzial an Einsparungen im Bereich der <em>Gebäudesanierung</em> hingewiesen. Da muss bei uns im Lande einiges gemacht werden; auf diese Beschäftigungsmöglichkeiten zugunsten des Klimaschutzes warten auch Tausende von Handwerksbetrieben. Das wird Deutschland voranbringen und sicherlich nicht zurückwerfen.</p>
<p>(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten derCDU/CSU)</p>
<p>Um der Beschäftigung willen, um der Pionierrolle willen und um des langfristigen Klimaschutzes willen haben wir also allen Anlass, die im Kioto-Protokoll vorgesehenen flexiblen Mechanismen zu nutzen, aber auch darüber hinauszugehen und bei uns wesentlich mehr zu erreichen als nur die Verminderung um 19 Prozent gegenüber dem Jahr 1990. Darüber sollte es keinen Parteienstreit geben.</p>
<p>Vielen Dank.</p>
<p>(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Josef Göppel [CDU/CSU])</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Faktor Vier – Neuausrichtung des technischen Fortschritts</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/faktor-vier-neuausrichtung-des-technischen-forschritts/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Aug 2004 17:31:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Energie]]></category>
		<category><![CDATA[Faktor Vier / Faktor Fünf]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologische Steuerreform]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
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		<category><![CDATA[Verkehrspolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor zwei Monaten hat der in Hamburg erscheinende Stern eine gute Titelgeschichte gebracht: Deutschland deine Stärken. Einige Spitzenmanager erzählten, warum für sie Deutschland ein exzellenter Standort ist. Und in 7 von 14 Kategorien der Standortqualität war Deutschland an der Spitze, in drei weiteren an zweiter Stelle von zehn europäischen einschließlich osteuropäischen Ländern.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/faktor-vier-neuausrichtung-des-technischen-forschritts/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Die Herausforderung</h2>
<p>Vor zwei Monaten hat der in Hamburg erscheinende Stern eine gute Titelgeschichte gebracht: <em>Deutschland deine Stärken</em>. Einige Spitzenmanager erzählten, warum für sie Deutschland ein exzellenter Standort ist. Und in 7 von 14 Kategorien der Standortqualität war Deutschland an der Spitze, in drei weiteren an zweiter Stelle von zehn europäischen einschließlich osteuropäischen Ländern.</p>
<p>Das ist die richtige Musik für einen Vortragsabend wie heute. Aber die Kriterien beim Stern waren doch noch sehr konventionell. Da ist zunächst einmal nichts dagegen zu sagen. Schließlich ist die ganze Wirtschaftsdiskussion bei uns im Lande sehr konventionell. Ich fürchte aber, ich muss Ihnen heute zumuten, sich mit einer Welt vertraut zu machen, in welcher konventionelle Ansätze und Kriterien nicht mehr ausreichen, damit unser schönes Deutschland an der Spitze bleibt. Wir werden, da bin ich mir sicher, um eine ziemlich radikale Neuausrichtung des technischen Fortschritts nicht herum kommen. Teilweise ist sie schon in Gang, aber teilweise ist sie noch nicht einmal bekannt. Und über all dem dürfen wir unseren Optimismus nicht verlieren.</p>
<p>Der Grund für diesen radikalen Wechsel ist die Begrenztheit der Erde, ihrer Rohstoffe und ihrer Umwelt. Die seit einem knappen Jahr zu beobachtende, vom chinesischen Markt ausgehende Ressourcenknappheit ist vielleicht ein Vorbote dessen, was auf uns zukommt. Aber diese heutige Knappheit wird noch einmal durch das vermehrte Auf-den-Markt-Werfen von Rohstoffen aus Sibirien, Südamerika, Afrika überwunden werden.</p>
<p>Ich rede heute über eine neue Dimension des Umweltschutzes. Der <em>klassische</em> Umweltschutz bestand im wesentlichen aus der Verminderung von Schadstoffen in Luft, Wasser und Böden. Bei diesen Techniken sind wir Deutschen Weltmeister. Der Bundesarbeitskreis umweltbewusstes Management (BAUM) mit seiner Zentrale hier in Hamburg hat hierbei eine segensreiche, entscheidende Rolle gespielt, insbesondere bei der Bewusstseinsbildung und Beratung von kleinen und mittleren Unternehmen. Für Exporte in die dicht besiedelten und rasch wachsenden asiatischen Länder ist die deutsche Schadstofftechnologie immer noch hoch aktuell. Aber technisch ist sie nicht mehr neu.</p>
<p>Für den klassischen Umweltschutz gibt es ein optimistisch stimmendes Bild, die „umgekehrte U-Kurve“ (Abb. 1). Die typische Entwicklung von Ländern geht so, dass sie arm und sauber anfangen, dann die Industrialisierung erleben und dabei reich werden, aber hohe Verschmutzung erleben. Dann werden sie so reich, dass sie sich den teuren Umweltschutz leisten können, und dann sind sie reich und sauber!</p>
<div id="attachment_2647" style="width: 388px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2647" class="size-full wp-image-2647" alt="Abb. 1: Die umgekehrte U-Kurve, das Erfolgsmodell des klassischen Umweltschutzes" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-the-inverted-u-curve.png" width="378" height="283" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-the-inverted-u-curve.png 378w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-the-inverted-u-curve-300x224.png 300w" sizes="(max-width: 378px) 100vw, 378px" /><p id="caption-attachment-2647" class="wp-caption-text">Abb. 1: Die umgekehrte U-Kurve, das Erfolgsmodell des klassischen Umweltschutzes.</p></div>
<p>Das ist jetzt schon Vergangenheit. In der Zukunft liegt die große technologische Herausforderung nicht mehr bei den Mikrogrammen von Schadstoffen, sondern bei den Megatonnen von an sich nicht sonderlich gefährlichen Stoffen wie etwa dem Kohlendioxid, dessen Konzentration sich durch unser aller Ausatmen während der Viertelstunde seit Beginn dieser Veranstaltung hier im Raum schon stärker vergrößert hat als in zwei Jahrhunderten Industrialisierung auf der Erde. Trotzdem ist noch niemand ohnmächtig geworden. Das Gas ist also eigentlich harmlos und natürlich. Nur verändert es eben die Strahlungsbilanz unseres Planeten und verändert damit das Klima. Prof. Hartmut Graßl und andere Klimaforscher am Max-Planck-Institut für Meteorologie hier in Hamburg gehören zur absoluten Weltspitze. Sie waren unter den ersten, die mit modernsten Großrechnern das Weltklima einigermaßen modellieren konnten. Ihnen verdanken wir viele Einsichten, die das Intergovern­mental Panel on Climate Change (IPCC) vor ein paar Jahren publiziert hat.</p>
<p>Das zweite Bild stammt aus diesem Bericht und gibt die Projektion der Klimaentwicklung in unserem Jahrhundert an.</p>
<div id="attachment_2648" style="width: 388px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2648" class="size-full wp-image-2648" alt="Abb. 2: Die Temperaturen könnten sich im 21. Jahrhundert um bis zu 5°C erhöhen (IPCC, 2001)" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-the-human-influence-on-atmosphere-and-climate.png" width="378" height="283" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-the-human-influence-on-atmosphere-and-climate.png 378w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-the-human-influence-on-atmosphere-and-climate-300x224.png 300w" sizes="auto, (max-width: 378px) 100vw, 378px" /><p id="caption-attachment-2648" class="wp-caption-text">Abb. 2: Die Temperaturen könnten sich im 21. Jahrhundert um bis zu 5°C erhöhen (IPCC, 2001).</p></div>
<p>Die Projektion basiert letztlich auf der seit 20 Jahren bekannten Korrelation zwischen CO2 und Temperaturen auf der Erde, die man aus der chemischen Analyse von antarktischen Eisbohrkernen rekonstruiert hat (Abb.3)</p>
<div id="attachment_2649" style="width: 388px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2649" class="size-full wp-image-2649 " alt="Abb. 3: Korrelation zwischen CO2 und Temperatur in den letzten 160000 Jahren (nach Lorius et al, 1984)" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-correlation-of-co2-and-temperature-variation.png" width="378" height="283" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-correlation-of-co2-and-temperature-variation.png 378w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-correlation-of-co2-and-temperature-variation-300x224.png 300w" sizes="auto, (max-width: 378px) 100vw, 378px" /><p id="caption-attachment-2649" class="wp-caption-text">Abb. 3: Korrelation zwischen CO2 und Temperatur in den letzten 160000 Jahren (nach Lorius et al, 1984).</p></div>
<p>Besorgniserregend ist vor allem für Küstenstädte ein dritter Parameter, nämlich der Meeresspiegel. Dieser läuft verständlicherweise der Temperatur etwas hinterher (Abb.4)</p>
<div id="attachment_2650" style="width: 664px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2650" class="size-full wp-image-2650" alt="Abb. 4: Auch der Meeresspiegel verändert sich mit der Temperatur (nach Tooley, 1991)" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-meeresspiegel-aendert-sich-mit-co2-gehalt.png" width="654" height="500" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-meeresspiegel-aendert-sich-mit-co2-gehalt.png 654w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-meeresspiegel-aendert-sich-mit-co2-gehalt-300x229.png 300w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-meeresspiegel-aendert-sich-mit-co2-gehalt-624x477.png 624w" sizes="auto, (max-width: 654px) 100vw, 654px" /><p id="caption-attachment-2650" class="wp-caption-text">Abb. 4: Auch der Meeresspiegel verändert sich mit der Temperatur (nach Tooley, 1991).</p></div>
<p>Der Unterschied zwischen hoch und tief ist immerhin mehr als 100 Meter! Das bedeutet große geographische Unterschiede für die Küstenlinie, wie man am nächsten Bild sehen kann.</p>
<div id="attachment_2652" style="width: 388px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2652" class="size-full wp-image-2652" alt="Abb. 5: Die italienische Küstenlinie während der letzten Eiszeit und während einer Heißzeit vor 2 Millionen Jahren, - wobei auch geologische Unterschiede eine Rolle spielten (nach Atlante Geografico Moderno, 1985)" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-italy-changing-coast-line.png" width="378" height="283" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-italy-changing-coast-line.png 378w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-italy-changing-coast-line-300x224.png 300w" sizes="auto, (max-width: 378px) 100vw, 378px" /><p id="caption-attachment-2652" class="wp-caption-text">Abb. 5: Die italienische Küstenlinie während der letzten Eiszeit und während einer Heißzeit vor 2 Millionen Jahren, &#8211; wobei auch geologische Unterschiede eine Rolle spielten (nach Atlante Geografico Moderno, 1985).</p></div>
<p>Und der Übergang zu einem höheren Meeresspiegel kann plötzlich kommen, wie das vor 7800 Jahren einmal geschehen ist. Damals ist die mehrere tausend Meter dicke Eisschicht über Labrador und der Hudson-Bay in kürzester Zeit ins Meer gerutscht, vermutlich durch einen mechanischen Abbruch (Abb.6)</p>
<div id="attachment_2653" style="width: 370px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2653" class="size-full wp-image-2653" alt="Meeresspiegel stieg um etwa 7 Meter an (umgezeichnet nach Tooley, 1991)." src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-the-flood-can-arrive-suddenly.png" width="360" height="302" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-the-flood-can-arrive-suddenly.png 360w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-the-flood-can-arrive-suddenly-300x251.png 300w" sizes="auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px" /><p id="caption-attachment-2653" class="wp-caption-text">Meeresspiegel stieg um etwa 7 Meter an (umgezeichnet nach Tooley, 1991).</p></div>
<p>Niemand kann heute sagen, wie weit Grönland und die Antarktis unter den Bedingungen der globalen Erwärmung mechanisch stabil bleiben. Beunruhigend ist jedenfalls, dass die globale Erwärmung in den Polargebieten stärker ausgeprägt ist als in tropischen Breiten. Es wäre jedenfalls vernünftig, eine Politik einzuschlagen, die solche Großkatastrophen wesentlich unwahrscheinlicher macht. <em>Das ist vielleicht die größte Herausforderung, der wir heute gegenüber stehen</em>.</p>
<p>Wir wollen uns heute Abend Gedanken darüber machen, was zu geschehen hätte für eine Politik der Gefahrenabwehr und was die Technologie zu ihr beitragen kann.</p>
<p>Vernünftigerweise sollte man natürlich die CO2-<em>Konzentrationen</em> auf dem heutigen Niveau, noch besser auf dem Niveau von 1970 oder noch früher stabilisieren. Um dies zu erreichen, müssten wir, wiederum nach Angaben des IPCC, mehr als eine Halbierung der CO2-<em>Emissionen</em> weltweit erreichen. Und das während China, Indien und andere Staaten eine rasante Industrialisierung durchmachen.</p>
<div id="attachment_2655" style="width: 610px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2655" class="size-full wp-image-2655" alt="Abb. 7: Wir müssten die CO2-Emissionen halbieren, aber wahrscheinlicher ist eine Verdoppelung!" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-co2-emissionen-heute-und-in-50-jahren.png" width="600" height="448" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-co2-emissionen-heute-und-in-50-jahren.png 600w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-co2-emissionen-heute-und-in-50-jahren-300x224.png 300w" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" /><p id="caption-attachment-2655" class="wp-caption-text">Abb. 7: Wir müssten die CO2-Emissionen halbieren, aber wahrscheinlicher ist eine Verdoppelung!</p></div>
<p>Im Jahre 2030 werden vielleicht acht Milliarden Menschen leben. Davon werden, wenn politisch alles gut geht, gut zwei Milliarden in einem Wohlstand leben, der dem der heutigen Industrieländern entspricht. Hierfür würden gut doppelt so viele Dienstleistungen anzubieten sein wie heute.</p>
<h2>Faktor Vier</h2>
<p>Dies und die Halbierung der CO2-Emissionen sollten nun also <em>gleichzeitig</em> geschafft werden. Bei aller Liebe zur Sonnenenergie und den Windmühlen hier in Norddeutschland, – dieses außerordentlich ehrgeizige Ziel ist damit nicht zu erreichen. Auch der Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomenergie, über den zur Zeit so viel geredet wird, löst das Problem nicht, allein schon quantitativ. Und wir würden uns erhebliche politische Risiken einhandeln, wenn jetzt Atommeiler dort gebaut werden, wo der Energiebedarf so rasant wächst.</p>
<p>Nein, wir brauchen nichts weniger als eine Neuausrichtung des technischen Fortschritts. Schließlich geht es auch nicht nur um das CO2, sondern auch um andere Megatonnen, etwa von Erdreich, die mit grausigen Schleif­spuren in der Umwelt ausgegraben, verschifft und irgendwie verarbeitet werden.</p>
<p>Wir müssen lernen, mit den Schätzen der Natur, mit Wasser, Energie, Land und Rohstoffen <em>entscheidend</em> eleganter und effizienter umzugehen. In einem Buch [2], das 1995 als Bericht an den Club of Rome erschienen ist, stellen wir Autoren die Forderung auf, bei der Ressourcennutzung wenigstens um einen Faktor vier effizienter zu werden. Das ist offensichtlich nur gerade ausreichend, um den Wohlstand zu verdoppeln und gleichzeitig den Naturverbrauch zu halbieren.</p>
<div id="attachment_2768" style="width: 390px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2768" class="size-full wp-image-2768 " alt="Abb. 8: „Faktor Vier“ ist in zwölf Sprachen einschließlich chinesisch erschienen." src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/photo-covers-faktor-vier-factor-four.jpg" width="380" height="307" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/photo-covers-faktor-vier-factor-four.jpg 380w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/photo-covers-faktor-vier-factor-four-300x242.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px" /><p id="caption-attachment-2768" class="wp-caption-text">Abb. 8: „Faktor Vier“ ist in zwölf Sprachen einschließlich chinesisch erschienen.</p></div>
<p>In „Faktor Vier“ haben wir fünfzig Beispiele dafür zusammengetragen, wie es findigen Ingenieuren und Praktikern gelungen ist – oder gelingen kann –, den magischen Faktor Vier zu erreichen, und wie es möglich ist, ihn mit den Mitteln heutiger Technik zu verwirklichen.</p>
<p>Bevor ich auf Einzelbeispiele eingehe, erlaube ich mir, eine Analogie zu ziehen. In 150 Jahren industrieller Revolution hat es die Menschheit gelernt, aus einer Stunde menschlicher Arbeit rund zwanzig mal so viel Wohlstand heraus zu zaubern. Das ist die Steigerung der Arbeitsproduktivität, auf der unser heutiger Wohlstand basiert. Die neue Aufgabe heißt einfach, ein Gleiches mit der Steigerung der Ressourcenproduktivität zu schaffen. Und als Zwischenetappe reden wir erst einmal von einem Faktor vier. Denn der ist im wesentlichen mit heute bereits verfügbarer Technik erreichbar.</p>
<h2>Hyperauto</h2>
<p>Ein erstes Beispiel ist das „Hyperauto“. Mein leicht exzentrischer und manchmal auch übertreibender Koautor Amory Lovins sowie andere kreative Ingenieure haben ein Auto konzipiert, das nur noch etwa 2 Liter pro hundert verbraucht. Möglich ist das durch eine ganz neue Leichtbauweise und einen sogenannten Hybridmotor oder auch eine Brennstoffzelle. Das Hyperauto ist tatsächlich etwa viermal so effizient wie der heutige Flottendurchschnitt.</p>
<div id="attachment_2657" style="width: 510px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2657" class="size-full wp-image-2657" alt="Abb. 9: Hypercar soll nur noch 2 Liter pro hundert verbrauchen" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-hypercar-energieeffizienz-materialeffizienz.jpg" width="500" height="375" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-hypercar-energieeffizienz-materialeffizienz.jpg 500w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-hypercar-energieeffizienz-materialeffizienz-300x225.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><p id="caption-attachment-2657" class="wp-caption-text">Abb. 9: Hypercar soll nur noch 2 Liter pro hundert verbrauchen.</p></div>
<p>Aber Hypercar hat noch nicht das Stadium von Prototypen verlassen. Kein Unternehmen hat sich bislang entschieden, das Hyperauto in Serie zu produzieren.</p>
<p>Die Hoffnung, dass Hypercar wirklich die kommt und die Flotte verändert, wird sich nach meiner Einschätzung erst dann erfüllen, wenn in China oder Indien die Motorisierung richtig losgeht. Dann könnte es für diese Länder schon aus Gründen der Ölimporte, der Außenhandelsbilanz nötig werden, das Hyperauto als Antwort einzuführen. Und wenn diese aufsteigenden Länder eine effiziente Flotte haben, dann werden die alten nicht umhin kommen, sich ihnen anzupassen.</p>
<h2>Öko-effiziente Häuser</h2>
<p>Quantitativ fast noch wichtiger für die Öko-Effizienz ist das Wohnen. Amory Lovins arbeitet und lebt teilweise in dem von ihnen selbst entwor­fenen Gebäude des „Rocky Mountain Institute“. Hoch oben in Eis und Schnee, wo nur 50 Tage im Jahr frostfrei bleiben, hat er sich eine Energiespar-Oase geschaffen, in der selbst ein Mini-Tropenwald mit eigener Bananenzucht nicht fehlt.</p>
<div id="attachment_2658" style="width: 510px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2658" class="size-full wp-image-2658" alt="Abb. 10: Hoch oben im Gebirge liegt das Rocky Mountain Institute, - ein Nullenergiehaus" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-rocky-mountain-institute-no-energy-costs.jpg" width="500" height="390" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-rocky-mountain-institute-no-energy-costs.jpg 500w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-rocky-mountain-institute-no-energy-costs-300x234.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><p id="caption-attachment-2658" class="wp-caption-text">Abb. 10: Hoch oben im Gebirge liegt das Rocky Mountain Institute – ein Nullenergiehaus.</p></div>
<p>Während in solchen Regionen andere Gebäude mit hohen Strom- und Heizölrechnungen zu kämpfen haben, ist das „Rocky Mountain Institute“ – allerdings mit der Biomasse aus dem Garten – ein Netto-Energieerzeuger.</p>
<p>Das Heizen übernehmen zum Teil die Körper der rund zwanzig Mitarbeiter des Instituts. Sie sind alle etwa 37 Grad warm. Natürlich gibt es eine Wärmerückgewinnung, bei der die ausströmende verbrauchte Warmluft die hereinziehende kalte Frischluft aufwärmt. Erst wenn draußen richtig grimmige Kälte herrscht, werden zwei alte Kanonenöfen aktiviert, in denen dann Holz aus dem eigenen Garten verheizt wird.</p>
<p>Ähnliche Häuser sind inzwischen auch in Deutschland gebaut geworden; unter anderem in Darmstadt, Wuppertal und Hannover. Architekten nennen sie „Passivhäuser“. Sie sind erstklassig isoliert, haben Wärmerückgewinnung und nutzen den Glashauseffekt, durch den Sonnenenergie „passiv“ in Wärme verwandelt wird. Die teure, platzverbrauchende Zentralheizung mit Radiatoren in allen Zimmern entfällt. Ein Faktor zehn an Heizenergie wird eingespart.</p>
<div id="attachment_2659" style="width: 510px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2659" class="size-full wp-image-2659" alt="Abb. 11: Das Passivhaus braucht nur noch ein Zehntel des sonst üblichen Heizöls" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-passivhaeuser-sparen-heizkosten.jpg" width="500" height="375" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-passivhaeuser-sparen-heizkosten.jpg 500w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-passivhaeuser-sparen-heizkosten-300x225.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><p id="caption-attachment-2659" class="wp-caption-text">Abb. 11: Das Passivhaus braucht nur noch ein Zehntel des sonst üblichen Heizöls.</p></div>
<p>Im Prinzip ist die Passivhaustechnologie schon heute konkurrenzfähig. In den letzten Jahren haben Ingenieure und Architekten wie Wolfgang Feist und Folkmer Rasch, beide aus Darmstadt, kostengünstige Verfahren zur Vorferti­gung von Bauteilen entwickelt, und so ist man beim Kostenniveau des sozialen Wohnungsbaus angelangt. Die neueste Entwicklung ist die Altbausanierung mit Passivhausstandard. Hier wird wenigstens ein Faktor vier erreicht.</p>
<p>Die Beispiele aus „Faktor Vier“ betreffen auch Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Jeder kennt inzwischen die Sparbirne. Mit ihr kann man die Stromrechnung senken – und die „eingesparte Kilowattstunde“ kostet im Schnitt nur etwa drei Eurocent!</p>
<div id="attachment_2660" style="width: 510px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2660" class="size-full wp-image-2660" alt="Abb. 12: Die Sparglühbirne schafft einen Faktor vier beim Stromsparen" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-energiesparlampen-energieeffizienz.jpg" width="500" height="375" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-energiesparlampen-energieeffizienz.jpg 500w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-energiesparlampen-energieeffizienz-300x225.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><p id="caption-attachment-2660" class="wp-caption-text">Abb. 12: Die Sparglühbirne schafft einen Faktor vier beim Stromsparen.</p></div>
<p>Inzwischen ist die Sparglühbirne technisch von der Leuchtdiode überholt worden, die noch einmal einen Faktor Zwei drauflegt, allerdings noch teuer ist.</p>
<h2>Haushaltsgeräte und Industrie</h2>
<p>Auch beim Kochen, Kühlen, Waschen und anderen Haushaltsfunktionen ist der Faktor Vier in greifbarer Nähe, z.B. bei Kühlschränken (Abb. 13)</p>
<div id="attachment_2662" style="width: 388px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2662" class="size-full wp-image-2662 " alt="Abb. 13: Uschi Tischners Kühlkammer „FRIA“ ist viermal so ressourceneffizient wie der klassische Kühlschrank" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-fria-kuehlkammer-energieeffizienz-materialeffizienz.jpg" width="378" height="283" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-fria-kuehlkammer-energieeffizienz-materialeffizienz.jpg 378w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-fria-kuehlkammer-energieeffizienz-materialeffizienz-300x224.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 378px) 100vw, 378px" /><p id="caption-attachment-2662" class="wp-caption-text">Abb. 13: Uschi Tischners Kühlkammer „FRIA“ ist viermal so ressourceneffizient wie der klassische Kühlschrank.</p></div>
<p><span style="line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;">Der Faktor Vier kommt auch bei der Industrie zur Geltung. Ein Siemensmanager sagte mir einmal, dass man im Konzern den Faktor Vier als Leitbild betrachtet, besonders mit Blick auf die asiatischen Märkte. Auch bei Metallen lässt sich einiges herausholen. Rezykliertes Aluminium braucht ein Zwanzigstel des Stroms im Vergleich zu Aluminium aus Bauxit.</span></p>
<p>In Japan, das gerade nach langer Stagnation einen erfreulichen Wirtschaftsaufschwung erlebt, wird derzeit als logische Verlängerung des Total Quality Management die „Total Resource Productivity“ als neues Qualitätsziel entwickelt. Keine Tonne Metall oder Kunststoff, die in die Produktion geht, soll jemals auf dem Abfall (oder in der Müllverbrennung) landen. Das wird von den industriellen Pionieren und beim METI als Kosten- und Marketingfrage, nicht als Umweltfrage behandelt. Wie soll man auch in Japan oder in Singapur oder Taiwan einen Kühlschrank ohne 100%ige Rücknahmegarantie verkaufen? Und was ist die beste Rohstoffbasis für einen neuen Kühlschrank? Wer diese Fragen ernsthaft stellt, kommt fast zwangsläufig zur Total Resource Productivity und zum „Remanufacturing“. Remanufacturing ist natürlich technisch viel anspruchsvoller und ökologisch viel wirksamer als das bloße Recycling.</p>
<p>Man kommt dann auf ganz andere Designideen und braucht eine neue Rückhollogistik. Es ist also eine <em>System</em>innovation, nicht nur eine Produktinnovation. Selbst bestimmte Chemikalien kann man vermieten statt verkaufen. Nach Nutzung z.B. als Metallreinigungsmittel kommen sie dann fast hundertprozentig zurück. Auch dies ist eines der 50 Beispiele aus „Faktor Vier“. Die nächste Stufe könnte das Metall-Leasing sein. Bei Aluminium oder Kupfer oder industriellen Edelmetallen ist das technisch durchaus vorstellbar. Es kommt alles darauf an, ob es sich betriebswirtschaftlich lohnt, und <em>das</em> hängt von den Randbedingungen ab.</p>
<p>Das Duale System, der Grüne Punkt, auf den wir hier so stolz sind, verblasst gegenüber solchen Perspektiven einer konsequenten ökologischen high tech-Materialwirtschaft.</p>
<h2>Nur für die reichen Länder? Im Gegenteil!</h2>
<p>Oft hört man in ökologischen Diskussionen, ehrgeiziger Umweltschutz eigne sich nur für die reichen Länder. Man erinnert dann gern an die genannte umgekehrte U-Kurve. In Wirklichkeit ist es bei den Faktor-Vier-Technologien eher umgekehrt. Die reichen Länder, allen voran die USA, können sich den Verschwen­dungswohlstand wirtschaftlich allenfalls noch leisten. Bis die öko­logischen Grenzen eines Tages Knappheitssignale aussenden, – aber das kann noch etwas dauern. Und es entspricht der US-Mentalität, erst mal abzuwarten, und wenn das Problem tatsächlich auftaucht, es erst mal mit Geld zu erschlagen.</p>
<p>Ganz anders in den Entwicklungsländern. So wie die Massenmotorisie­rung eigentlich nur mit dem Hyperauto oder einem anderen äußerst effizienten Auto gelingen kann, ist es in praktisch allen anderen Lebensbereichen, wo Energie und Rohstoffe verbraucht werden. Die Chinesen selber sind derzeit am nervösesten, dass sie die Weltrohstoffmärkte leerfegen müssen, um ihre rasend wachsende Industrie zu versorgen. Und nervös sind die anderen Entwicklungs­länder wie Indien und Bangladesh, weil dort die Rohstoffkosten horrend zu Buche schlagen, ganz anders als bei uns!</p>
<p>Mit die größten Energiefresser in Entwicklungsländern sind die Klimaanlagen. Sie werden heute meist mit einem äußerst verschwenderischen US-amerikanischen Standard gebaut. In unserem Buch berichten wir über einen Ingenieur aus Singapur, Herrn Lee Eng Lock, der demgegenüber eine Stromeinsparung von einem Faktor vier erreicht hat. Wenn sich seine Technik bei Neu- und Altbauten in den heißen Ländern durchsetzt, könnte man Dutzende von vorhandenen oder geplanten Kohlekraftwerken oder große Staudämme einfach einsparen!</p>
<p>In China hat die Sparglühbirne Einzug gehalten. Hier findet man heute die größten Massenfertigungen der Welt. Zu Recht. Ähnlich sollte es mit sämtlichen Effizienz-Weißwaren gehen. Das Buch Faktor Vier hat offenbar bei den chinesischen Lesern offene Türen eingerannt. Ich konnte kürzlich mit dem neuen Außenwirtschaftsminister Bo Xi Lai darüber sprechen. Er setzt sich dafür ein, dass bald eine Neuauflage mit mehr ausdrücklichem Bezug zu China auf den Markt kommt.</p>
<p>Viele Effizienztechnologien müssen aber aus psychologischen Gründen erst einmal bei uns eingeführt werden, bevor die Entwicklungs­länder das Zutrauen haben, dass die Technologie, die wir ihnen anbieten wollen, auch wirklich Sinn macht. Das Problem kennen wir vom Transrapid her.</p>
<h2>Verkehr</h2>
<p>Der Transrapid ist übrigens bei Geschwindigkeiten von 300 Stundenkilometern dem ICE energetisch etwa um einen Faktor vier überlegen. Er ziert das Deckblatt der chinesischen Ausgabe. Generell kann die Ökoeffizienz auch bei Transporten um einen beträchtlichen Faktor gesteigert werden. Dabei geht es zum Teil auch um schlichte Verkehrsvermeidung, etwa bei Videokonferenzen anstelle von Geschäftsreisen (Abb. 14)</p>
<div id="attachment_2663" style="width: 510px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2663" class="size-full wp-image-2663" alt="Abb. 14: Videokonferenzen werden in den Weltkonzernen regelmäßig eingesetzt und sparen Millionen Tonnen von Treibhausgase, – und Dollar!" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-videokonferenzen-ersetzen-geschaeftsreisen.jpg" width="500" height="343" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-videokonferenzen-ersetzen-geschaeftsreisen.jpg 500w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-videokonferenzen-ersetzen-geschaeftsreisen-300x205.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><p id="caption-attachment-2663" class="wp-caption-text">Abb. 14: Videokonferenzen werden in den Weltkonzernen regelmäßig eingesetzt und sparen Millionen Tonnen von Treibhausgase – und Dollar!</p></div>
<p>Die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln und Pkws kann ebenfalls stark verbessert werden. In den Niederlanden lädt ein landesweites Tarif- und Fahrkartensystem des ÖPNV die Menschen zum Umsteigen vom Auto ein. In der brasilianischen Stadt Curitiba gibt es ein vorbildliches Bussystem, das ebenfalls für viele Familien sinnvoller und kosteneffizienter ist als jedes Privatauto.</p>
<p>Beim LKW-Verkehr steckt das Effizienzpotential ganz woanders. Hier geht es darum, den Trend der letzten zwanzig Jahre umzukehren, der insbesondere in einer falsch verstandenen „just-in-time“-Logistik bestand. Die Transportintensität heutiger Herstellungsprozesse hat absurde Dimensionen erlangt, wie die Untersuchung von Stefanie Böge [3] zur Transportintensität von Erdbeerjoghurt oder anderen Molkerei-Produkten dokumentiert.</p>
<div id="attachment_2664" style="width: 510px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2664" class="size-full wp-image-2664" alt="Abb. 15: Bis der Erdbeerjoghurt auf dem Tisch steht, fahren Lastwagen 3000 Kilometer. Ein Zehntel würde reichen!" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-erdbeerjoghurt-transport-intensität.jpg" width="500" height="375" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-erdbeerjoghurt-transport-intensität.jpg 500w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-erdbeerjoghurt-transport-intensität-300x225.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><p id="caption-attachment-2664" class="wp-caption-text">Abb. 15: Bis der Erdbeerjoghurt auf dem Tisch steht, fahren Lastwagen 3000 Kilometer. Ein Zehntel würde reichen!</p></div>
<p>Sie zeigt, dass 3000 Kilometer Lastwagenfahrten hinter jedem Joghurtbecher stehen, und sogar 8000 Kilometer, wenn man auch noch die Fahrten der Zulieferer der Zulieferer mitzählt. Zweifellos kann man die gleiche Menge und Qualität von Erdbeerjoghurt mit einem Viertel oder auch einem Zehntel der Lastwagenkilometer organisieren.</p>
<p>Lassen Sie mich noch etwas Spekulatives für die Zukunft anzufügen. Eine vorstellbare und technisch ohne weiteres machbare Innovation wäre der normierte Container, der in einer halben Minute vom LKW auf die Bahn verladen werden kann. Ich stelle mir nach unten offene, mit Kugellagern bestückte Tragerohre unten am Container vor, die von robusten Teleskopstangen, die aus dem Güterwagen ausgefahren werden, optisch automatisch angesteuert werden. Dann lässt sich der Behälter ohne die langsamen Tragekräne sehr rasch herüberziehen. Analog braucht man noch einen horizontalen, rollenden Behälterumschlag zwischen zwei Zügen. So ein System könnte die Verlagerung von Frachtverkehr von der Straße auf die Schiene, von der seit Jahrzehnten geredet wird, endlich in Gang bringen. Natürlich müsste massiv in die Bahn und die neue Umschlagstechnik investiert werden. Und der Hafen Hamburg entwickelt die zugehörige Verladetechnik für Seeschiffe.</p>
<h2>Politik im Zeichen der Globalisierung</h2>
<p>„Faktor Vier“ ist eine schöne Vision. Aber wenn man alles dem Markt überlässt, dauert es viel zu lange, bis sich die Vision in einiger Breite durchsetzt. Denn die ökologischen Knappheitssignale kommen meist viel zu spät. Wenn wir mit dem CO2-Einsparen erst Ernst machen, wenn Hamburg unter Wasser steht, wird jeder in der Hansestadt und analog in allen Küstenregionen der Welt sagen, das sei zu spät. Der Markt ist ein gutes Steuerungsinstrument für die kurze Sicht und solange die Faktorpreise uns nicht anschwindeln.</p>
<p>Die hohe Transportintensität beim Erdbeerjoghurt ist das Resultat von Faktorpreisen: menschliche Arbeit ist teuer, Transporte sind vergleichsweise billig, und sie ermöglichen riesige Produktionsserien mit wenig Personal. Will man dies wieder ändern, muss man die Faktorpreise <em>politisch</em> beeinflussen.</p>
<p>Vor 1990 war das politisch noch nicht tabu. Man konnte über eine europaweit einzuführende <em>ökologische Steuerreform</em> sprechen, weil es ja volkswirtschaftlich äußerst vernünftig ist, den gar nicht mehr knappen Faktor Arbeit von Abgaben zu entlasten und den Faktor Energieverbrauch und Naturverbrauch zu <em>be</em>lasten. Bei einer reinen Binnenwirtschaft in Europa würde das zwar zu einem Strukturwandel im Inneren, aber volkswirtschaftlich zu Gewinnen statt Verlusten führen. Die Norddeutsche Affinerie, um die für Energiepreise sensibelste Firma in Hamburg zu nennen, würde zum europaweiten Kupferleasing übergehen, mit ganz neuen Geschäftsfeldern, aber deutlich weniger Kupfer schmelzen als heute.</p>
<p>Aber das ist heute im Weltmarkt völlig unrealistisch. Die Globalisierung, die in den 1990er Jahren, nach dem Ende des Kalten Krieges über uns hinweg gefegt ist, hat den grenzenlosen Kostenwettbewerb <em>weltweit</em> etabliert. Nationalstaaten und die EU haben heute hauptsächlich die Aufgabe, zur Wettbewerbsfähigkeit ihrer Region für ihre Wirtschaft beizutragen. Das ist übrigens ein riesiges Problem für die Demokratie! Wählerinnen und Wähler verstehen die Welt nicht mehr, seit sich der Staat zum Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft gemacht hat, und das in allen Ländern der Welt! Wir haben uns in der Bundestagsenquetekommission „Globalisierung der Weltwirtschaft“ intensiv den Kopf darüber zerbrochen! Gelegentlich habe ich daraus die Forderung abgeleitet, dass wir die Demokratie neu erfinden müssen, nur diesmal unter den Bedingungen der Globalisierung. Aber das ist nicht das Thema des heutigen Abends!</p>
<p>Aber sehr wohl müssen wir darüber reden, was die EU und die Nationalstaaten dafür tun können, dass die Faktorpreise weltweit der „ökologischen Wahrheit“ näher kommen.</p>
<p>Ein guter Gedanke ist ein weltweites CO2-Handelssystem. Wir aus den reichen Ländern müssten dann in Bangladesh shopping gehen und uns Lizenzen kaufen für unseren verschwenderischen Umgang mit Energie. Dann käme das Zweiliterauto in kürzester Zeit auf dem Markt. Und die Joghurtlogistik würde sofort umgestellt.</p>
<p>Man muss das ja nicht über Nacht machen. Die EU-Richtlinie zum Emissionhandel ist ein vernünftiger Einstieg, und die deutsche Umsetzung der Richtlinie ist durch die Einwirkung von Wirtschaftsminister Clement außerordentlich wirtschaftsfreundlich geraten. Ich habe das öffentlich und auch im Bundestag kritisiert, dass wir innerhalb Deutschland da überhaupt kein Preissignal erzeugen, weil wir von den Minus 21% gegenüber 1990 schon Minus 19% geschafft haben, hauptsächlich durch das Ausmustern ineffizienter DDR-Industrien, und dass die restlichen 2% bereits durch die rein betriebswirtschaftlich motivierte Kraftwerksmodernisierung in Niederaußem hereinfahren. Aber es gibt ja zum Glück den EU-Markt. Und die Österreicher und die Dänen und andere haben schon angekündigt, dass sie bei uns einkaufen gehen müssen. Dann gibt’s also doch ein Signal, dass die Effizienzverbesserung belohnt.</p>
<p>Von entscheidender Bedeutung ist aber dann die Einbeziehung der Entwicklungsländer. Denn dort findet das stärkste Wachstum statt und dort ist auch die Effizienzsteigerung derzeit am rentabelsten. Wenn dann Einzelstaaten ihre Effizienzstrategie durch eine ökologische Steuerreform unterstützen, ist das nur rational. Länder wie China, Indien, Ägypten oder Nicaragua haben viele billige Arbeitskräfte und zu wenig Energie. Warum sollten sie von amerikanischen Beraterfirmen zum verschwenderischen Umgang mit Energie und zugleich zur durch Robotik gekennzeichneten Arbeitsrationalisierung gedrängt werden? Zum Glück für sie gibt es auch die deutsche GTZ und entsprechende niederländische, schwedische und japanische Entwicklungsorga­nisationen, die ihnen den Einstieg in die Effizienz beibringen.</p>
<p>Zum Schluss noch eine gute Nachricht von den Börsen. Es gibt Pensionsfonds, die sich auf Aktien von Firmen konzentrieren, die in ökologischer Hinsicht die besten der Sparte sind und die zusätzlich noch einige Ökopioniere ins Portfolio aufnehmen. Hierfür gibt es einen „Dow Jones Sustainability Group Index“. Er lässt sich durch „back-casting“ auf seine Performance hin überprüfen. (Abb. 16).</p>
<div id="attachment_2665" style="width: 510px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2665" class="size-full wp-image-2665" alt="Abb. 16: Der DJSGI schlägt den normalen Dow Jones" src="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-djsi-schlaegt-djgi.jpg" width="500" height="375" srcset="https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-djsi-schlaegt-djgi.jpg 500w, https://ernst.weizsaecker.de/wp-content/uploads/chart-djsi-schlaegt-djgi-300x225.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><p id="caption-attachment-2665" class="wp-caption-text">Abb. 16: Der DJSGI schlägt den normalen Dow Jones.</p></div>
<p>Sie sehen, dass der Sustainability Index eher besser liegt als der normale Dow Jones Group Index.</p>
<p>Das soll nun ein optimistischer Auftakt für die Diskussion sein!</p>
<p>[1] Vorsitzender des Umweltausschusses des Deutschen Bundestages, Gründungspräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie.</p>
<p>[2] Ernst U. v. Weizsäcker, Amory Lovins, Hunter Lovins. 1995. Faktor Vier. Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. Droemer, München.</p>
<p>[3] Böge, Stefanie: Erfassung und Bewertung von Transportvorgängen. Die produktbezogene Transportkettenanalyse, in: Dieter Läpple (Hg.): Güterverkehr, Logistik und Umwelt, Berlin 1993.</p>
<p><em>Vortrag für Telekom, Hamburg, 24.8.2004</em></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Plenarrede zum Gentechnikrecht</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/plenarrede-zum-gentechnikrecht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jun 2004 21:27:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Plenarreden]]></category>
		<category><![CDATA[Privatisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Deutscher Bundestag]]></category>
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		<category><![CDATA[Forschung]]></category>
		<category><![CDATA[Gentechnik]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
		<category><![CDATA[Umweltschutz]]></category>
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					<description><![CDATA[Umweltbesorgnisse sind letzten Endes wohl der wichtigste Grund für die sehr große Zurückhaltung, die man der Grünen Gentechnik vielerorts entgegenbringt. Es ist eindeutig, dass große Unsicherheit besteht – und zwar nicht nur im einfachen Volk, sondern auch unter den Spitzenwissenschaftlern –, was eigentlich die langfristigen Auswirkungen sind.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/plenarrede-zum-gentechnikrecht/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Auszug aus dem Plenarprotokoll 15/115, Deutscher Bundestag, Berlin, Freitag, den 18. Juni 2004<br />
TOP 22: 2./3. Beratung des Gesetzes zur Neuordnung des Gentechnikrechts</em></p>
<p><strong>Präsident Wolfgang Thierse:</strong></p>
<p>Ich erteile das Wort Kollegen Ernst Ulrich von Weizsäcker, SPD-Fraktion.</p>
<p>(Michael Müller [Düsseldorf] [SPD]: Der hat Max Weber gelesen!)</p>
<p><strong>Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker (SPD):</strong></p>
<p>Vielen Dank, Herr Präsident! Meine verehrten Damen und Herren! Der Kritik der Opposition an der außerordentlichen Eile muss ich mich anschließen;</p>
<p>(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)</p>
<p>sie war auch für uns im Umweltausschuss außerordentlich belastend. Ich muss allerdings den Vorwurf zurückweisen, das habe mit irgendeiner Art von Geheimhaltung zu tun. Es war einfach der Ablauf der Ereignisse, vom Einspruch des Bundesrates über die Antwort der Bundesregierung usw.; ich brauche das jetzt nicht weiter auszuführen. Wir alle hätten über den Gesetzentwurf lieber in Ruhe beraten.</p>
<p>Lassen Sie mich aber zum Inhalt kommen; das ist das Wichtigste. Ich will ihn aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachten, zum einen aus dem ökologischen und zum anderen aus dem wissenschaftspolitischen.</p>
<p>Umweltbesorgnisse sind letzten Endes wohl der wichtigste Grund für die sehr große Zurückhaltung, die man der Grünen Gentechnik vielerorts entgegenbringt. Frau Dr. Happach-Kasan, die Verunsicherung geht nicht von Rot-Grün aus, sondern von der Sache.</p>
<p>(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90 DIE GRÜNEN – Zuruf von der CDU/CSU: Von Greenpeace!)</p>
<p>Es ist eindeutig, dass große Unsicherheit besteht – und zwar nicht nur im einfachen Volk, sondern auch unter den Spitzenwissenschaftlern –, was eigentlich die langfristigen Auswirkungen sind. Nun so zu tun, als gehe es um den Standort Deutschland, eine Durchbrechertechnologie, Schwellenüberwindung usw., ist, vorsichtig gesagt, mindestens gegen das Vorsorgeprinzip.</p>
<p>Weil die ökologischen Besorgnisse so weit verbreitet sind, behauptet nun umgekehrt die Befürworterseite immer wieder, die Grüne Gentechnik sei gut für die Umwelt.</p>
<p>(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Stimmt ja!)</p>
<p>Dies habe ich versucht irgendwo in den verfügbaren Publikationen belegt zu finden und bin nicht fündig geworden. Selbstverständlich – das ist geradezu hineindefiniert – nimmt der Pestizideinsatz erst einmal ab, wenn man das Pestizid, zum Beispiel Bt-Toxin, in die Pflanzen hineinmanipuliert. Aber schon nach wenigen Wachstumsperioden sind wir wieder bei dem alten Pestizideinsatz angelangt.</p>
<p>(René Röspel [SPD]: So ist es!)</p>
<p>Das heißt, dieses Vorgehen hat überhaupt nicht geholfen. Dann kommt hinzu, dass sich der mit Abstand größte Teil der Grünen Gentechnik überhaupt nicht mit Bt-Toxin, sondern im Wesentlichen mit der Toleranz gegenüber Unkrautvernichtungsmitteln beschäftigt, insbesondere das von Monsanto entwickelte Round-up. Da sieht man sofort, schon in der ersten Wachstumsperiode, eine Vermehrung des Herbizideinsatzes.</p>
<p>(Helmut Heiderich [CDU/CSU]: Das ist falsch!)</p>
<p>In Argentinien hat dies mittlerweile zu absolut desaströsen Auswirkungen geführt. Dort sind Tausende von Quadratkilometern, die tonnenweise mit Glyphosat vollgekippt worden sind, biologisch tot – und dies bis hin zu den Bodenorganismen, die normalerweise für die Humusbildung verantwortlich sind. Das heißt, es kommt zu wirklich schwersten ökologischen Zerstörungen – und dies nicht trotz, sondern wegen der Gentechnik. Das muss man doch einmal zur Kenntnis nehmen.</p>
<p>(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)</p>
<p>Weil nun die ökologischen Erfahrungen mit der Round-up-Toleranz negativ und die mit dem Bt-Toxin bestenfalls neutral sind – von den gesundheitlichen Aspekten, von denen Frau Höfken gesprochen hat, will ich einmal ganz absehen –, bringen die Gentechniker immer wieder Pflanzen in die Diskussion, die gegen Trockenheit, versalzte Böden oder gegen allerlei Schädlinge – sie kommen zum Beispiel mit dem Goldenen Reis oder mit irgendetwas anderem Schönen – gentechnisch robust gemacht werden. Dies ist Window Dressing. Man versucht, etwas an die Wand zu malen, was in der Praxis entweder gar nicht vorhanden ist oder keinen Nutzen bringt. Das ist die bisherige Erfahrung.</p>
<p>(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)</p>
<p>Ob diese versprochenen Wunderpflanzen – oder manchmal auch Wunderfische – ökologisch unbedenklich sind, steht völlig in den Sternen. Das Umweltgutachten 2004 des Sachverständigenrats für Umweltfragen widmet der Grünen Gentechnik ein ganzes Kapitel. Der Rat sagt, dass bezüglich der ökologischen Risiken riesige Ungewissheiten bestehen. In diesem Gutachten wird der ökologische Landbau als besonders schutzwürdig betrachtet. Es ist völlig klar, dass die von der Europäischen Kommission in die Diskussion gebrachte und in die Praxis eingeführte Formel von der Koexistenz keinerlei Garantie für das Überleben des ökologischen Landbaus bietet. Man sollte sich dieses Wort einmal auf der Zunge zergehen lassen. Schon das Wort „Koexistenz“ ist eine sprachliche Täuschung. Da muss man mit den gedanklichen Mitteln des Vorsorgeprinzips und der gesetzlichen Umgebung ausdrücklich dafür sorgen, dass wenigstens die Koexistenz Wirklichkeit wird.</p>
<p>Lassen Sie mich zum Schluss ein paar Worte zur wissenschaftspolitischen Diskussion sagen. Mich hat ein Brief des Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, adressiert an Frau Däubler-Gmelin, sehr beunruhigt. Er sagt dort, dass die Forschung, die sich mit der Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen beschäftigt, nicht mehr stattfinden könne. Dazu fällt mir ein, was mir ein norwegischer Forscher sagte: 95 Prozent der Forscher, die zur Grünen Gentechnik arbeiten, stehen de facto auf der Payroll der Industrie. Das heißt, es ist gar kein Wunder, dass diejenigen, die im Wesentlichen die Kommerzialisierung im Sinn haben, Besorgnisse haben, wenn man ernsthaft über die ökologischen Auswirkungen forschen möchte.</p>
<p>(Widerspruch von der CDU/CSU und der FDP)</p>
<p>Es ist ganz richtig, dass manche dieser Fragen überhaupt erst noch erforscht werden müssen.</p>
<p>(Zuruf der Abg. Ulrike Flach [FDP])</p>
<p>Lassen Sie mich mit einer versöhnlichen Schlussbemerkung enden. Wenn man die Grüne Gentechnik dort einsetzt, wo sie wirklich eindeutig – also ähnlich wie die Rote Gentechnik – Nutzen stiftet, den man mit herkömmlicher Züchtung nicht erreichen kann – zum Beispiel bei Pflanzen, die sich als Diätgrundlage für Menschen mit bestimmten Stoffwechselkrankheiten eignen –, wird man von uns Umweltschützern und auch von dem vorliegenden Gesetz keinerlei Schwierigkeiten bekommen. Denn dabei handelt sich um Größenordnungen, die man ohne weiteres auch in geschlossenen Gewächshäusern züchten kann.</p>
<p>Vielen Dank.</p>
<p>(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)</p>
<p><strong>Präsident Wolfgang Thierse:</strong></p>
<p>Das Wort zu einer Kurzintervention erteile ich Kollegin Happach-Kasan.</p>
<p><strong>Dr. Christel Happach-Kasan (FDP):</strong></p>
<p>Professor von Weizsäcker, die Verunsicherung der Menschen vor zehn Jahren ging – da gebe ich Ihnen ausdrücklich Recht – von der Sache aus. Zu jener Zeit war der Öffentlichkeit, den Medien, aber auch den Politikern relativ wenig bekannt, dass Gene in jedem Lebensmittel vorhanden sind. Es war wenig darüber bekannt, was sich bei der Züchtung vollzieht. Es ist auch wenig über die zukünftigen Auswirkungen diskutiert worden. Meine Kritik ist, dass wir den Diskurs nicht offen, nicht ehrlich und nicht ohne das Schüren von Ängsten geführt haben. Dies muss sich meines Erachtens gerade Rot-Grün auf die Fahne schreiben lassen.</p>
<p>Ich finde es bedauerlich, dass Sie in Ihrem Debattenbeitrag die Forschung von Industrieunternehmen kritisiert haben. Wir wollen, dass angewandte Forschung nicht vom Staat, sondern von Industrieunternehmen bezahlt wird. Daher dürfen wir diese Forschung nicht als interessengeleitet und deswegen als nicht gut diskreditieren. Ich glaube, dass das eine falsche Vorgehensweise ist.</p>
<p>(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)</p>
<p>Wir wollen Grundlagenforschung in den Universitäten und wir wollen die angewandte Forschung von Industrieunternehmen und von mittelständischen Unternehmen, weil sie aus der Forschung einen Profit ziehen können. Wir wollen, dass Unternehmen Gewinn machen. Ich habe in Ihrem Beitrag die Auseinandersetzung mit Aussagen des Leiters des Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung, Professor Saedler – er ist sicherlich nicht industriegeleitet –, vermisst, der auf dem Forum des Max-Planck-Instituts sehr deutlich gemacht hat, dass zum Beispiel 4 Millionen chinesische Baumwollanbauer mit der Gentechnik einen enormen Erfolg für die Umwelt erzielen.</p>
<p>(Beifall bei Abgeordneten der FDP)</p>
<p>Dabei handelt es sich nicht um das Ergebnis von industrieller Forschung, wie Sie immer behaupten. Wie gesagt, es ist ein Erfolg für die Umwelt und damit ein Erfolg für die Menschen, weil es keine Unfälle mit Pflanzenschutzmitteln gegeben hat. Es ist außerdem ein Beitrag zur Weiterentwicklung des Landes, weil die Anbauer einen größeren Gewinn erzielt haben, als dies mit anderen Verfahren möglich wäre. Genau das wollen wir diesen Ländern ermöglichen. Wir wollen aber nicht, dass das satte Europa solche Entwicklungen in der Dritten Welt verhindert.</p>
<p>Bitte berücksichtigen Sie in der Diskussion die Aussagen von Jacques Diouf, der im FAO-Bericht sehr deutlich gemacht hat, wie wichtig die Weiterentwicklung einer solchen Forschung für die Ernährungssituation in der Dritten Welt ist. Sie ist damit im Interesse der Menschen in diesen Ländern. Ich bitte, das zu berücksichtigen.</p>
<p>(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)</p>
<p><strong>Präsident Wolfgang Thierse:</strong></p>
<p>Kollege von Weizsäcker, Sie haben Gelegenheit zur Reaktion.</p>
<p><strong>Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker (SPD):</strong></p>
<p>Frau Dr. Happach-Kasan, Sie geben mir Gelegenheit, festzustellen, dass ich die von der Industrie bezahlte Forschung weder für überflüssig noch für schlecht gehalten habe. Ich habe lediglich gesagt, dass zum Inhalt dieser Forschung nicht die Forschung hinsichtlich ökologischer Risiken gehört.</p>
<p>Hätte ich auf Herrn Professor Saedler antworten wollen, dann hätte ich die ziemlich negativen Ergebnisse in Karnataka in Indien mit den praktisch gleichen Sorten erwähnt.</p>
<p>Wenn ich auf den FAO-Bericht eingegangen wäre, dann hätte ich Stimmen aus den Entwicklungsländern zitiert, die ausdrücklich die Besorgnis äußern, dass die Grüne Gentechnik eine Privatisierung des Saatgutes und damit eine Schlechterstellung der wirklich Hungernden und der einfachen Landbevölkerung zur Folge haben könnte.</p>
<p>Vielen Dank.</p>
<p>(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Streitgespräch mit Bjørn Lomborg</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/streitgespraech-mit-bjoern-lomborg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Aug 2002 22:29:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
		<category><![CDATA[Biodiversität]]></category>
		<category><![CDATA[CO2-Emissionen]]></category>
		<category><![CDATA[Eisschmelze]]></category>
		<category><![CDATA[Flugverkehr]]></category>
		<category><![CDATA[Greenpeace]]></category>
		<category><![CDATA[Meeresspiegelanstieg]]></category>
		<category><![CDATA[Modernisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverbrauch]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Statistikprofessor provoziert die Umweltschützer: Der Welt gehe es so gut wie nie. Doch da kann ein Veteran der Öko-Bewegung nur den Kopf schütteln.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/streitgespraech-mit-bjoern-lomborg/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em><span style="line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;">Ein Statistikprofessor provoziert die Umweltschützer: Der Welt gehe es so gut wie nie. </span>Doch da kann ein Veteran der Öko-Bewegung nur den Kopf schütteln.</em></p>
<p><em>Bjørn Lomborg, 37, Statistikprofessor am politologischen Institut der Universität Aarhus, provozierte in Dänemark erbitterte Debatten in der Presse, als er behauptete: „Der Erde ging es noch nie so gut wie heute.“ Sein Buch über den „wirklichen Zustand der Welt“ erschien im vergangenen Jahr auf Englisch, in diesem Monat unter dem Titel „Apocalypse No!“ auf Deutsch (Verlag zu Klampen, Lüneburg). Seit Februar ist Lomborg Direktor des neuen dänischen Instituts für Umweltbewertung.</em></p>
<p><em>Ernst Ulrich von Weizsäcker, 63, ist das personifizierte deutsche Umweltgewissen. Als Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie (1991–2000) setzte sich der Biologe und Physiker für Klimaschutz, die Öko-Steuer und die ökologische Effizienzrevolution ein (mehr darüber in seinem Buch „Faktor vier. Doppelter Wohlstand – halbierter Naturverbrauch“, Verlag Droemer Knaur, München). Von Weizsäcker ist Mitglied des Deutschen Bundestags.</em></p>
<p><strong>Chrismon: Herr von Weizsäcker, Ihr Gesprächspartner hat in den vergangenen Monaten viele umweltbewegte Menschen mit seinen Thesen geärgert. Sie auch?</strong></p>
<p><strong>Ernst Ulrich von Weizsäcker:</strong> Herr Lomborg wird ja immer dargestellt als ein Ritter, der gegen einen Drachen kämpft. Der Drache ist die ökologische Bewegung, die angeblich Ressourcen von der Menschheit wegnimmt, um sie für Pseudoprobleme zu verschwenden. Das ärgert mich.</p>
<p><strong>Bjørn Lomborg:</strong> Um im Bild zu bleiben, möchte ich sagen, dass der Drache oft Ressourcen von besseren Projekten abzieht und sie weniger guten zuführt. Und ja, dagegen kämpfe ich.</p>
<p><strong>Chrismon: &#8230;und werden dafür heftig kritisiert. In Ihrem Buch „Apocalypse No!“ schreiben Sie, dass der Zustand der Welt immer besser wird – viel besser, als Umweltschützer behaupten. Was brachte Sie zu diesem überraschenden Ergebnis, Herr Lomborg?</strong></p>
<p><strong>Lomborg:</strong> Die meisten von uns hegen das Vorurteil, dass sich die menschlichen Lebensbedingungen kontinuierlich verschlechtern, dass wir unseren Kindern einen zerstörten Planeten hinterlassen. Und das stimmt einfach nicht. Wir verfügen heute weltweit über mehr Nahrungsmittel als früher, immer weniger Menschen hungern, wir leben länger, es gibt weniger Infektionskrankheiten, höhere Einkommen, mehr Freizeit. Und vor allem: Die Umweltverschmutzung nimmt in nahezu jeder Hinsicht in den entwickelten Erdteilen ab. Diese durchweg positiven Trends entdeckte ich in den Statistiken renommierter Organisationen wie der Vereinten Nationen und der Weltbank. Zudem stellte ich fest, dass viele Umweltprobleme nicht wegen der Öko-Bewegung beseitigt wurden, sondern dank verbesserter Technologien.</p>
<p><strong>von Weizsäcker:</strong> Dass wir heute in den Industrieländern gesündere Luft und saubereres Wasser haben, ist eine Konsequenz der Proteste der Umweltschützer. Mich beunruhigt, dass sich gegen Umweltschäden, die erst in 50 Jahren auftreten oder die nicht direkt den Alltag der Menschen betreffen wie das Verschwinden von Schmetterlingsarten im Kongo, nicht genug öffentlicher Protest organisieren lässt. Und deshalb verbessern sich die Langzeittrends beim Klimawandel und beim Artenschwund eben nicht, wie Sie behaupten.</p>
<p><strong>Lomborg: </strong>Sich um Schmetterlinge zu kümmern, ist doch ein Wohlstandsphänomen! Nur wer ausreichend reich ist, kann sich den Luxus leisten, um Insekten im Kongo besorgt zu sein. Wir müssen den armen Ländern helfen, es zu Wohlstand zu bringen, dann verbessern sich auch dort die Umweltbedingungen.</p>
<p><strong>von Weizsäcker: </strong>Mehr Wohlstand führt nicht automatisch zu einer besseren Umwelt. Reichtum ist oft verbunden mit einem immensen Naturverbrauch: Wenn alle so leben wollten wie die Deutschen, bräuchten wir zwei Planeten statt einem.</p>
<p><strong>Lomborg:</strong> Was den angeblich zu großen Landverbrauch reicher Länder angeht: Sehen Sie, irgendwann sind wir so reich, dass wir mehr Zeug gar nicht in unsere Wohnzimmer stopfen können und folglich auch keine zusätzlichen Produktionsflächen mehr beanspruchen müssen. Was wir stattdessen konsumieren, ist Unterhaltung. Und dafür benötigen wir kein zusätzliches Land.</p>
<p><strong>von Weizsäcker:</strong> Sicher, es kann diesen Sättigungspunkt geben. Die Frage ist: Werden wir ihn früh genug erreichen? Ich schätze: Nein.</p>
<p><strong>Chrismon: Bis dahin dürften Tausende Arten ausgestorben sein. Herr Lomborg, macht es Ihnen etwas aus, wenn es manche Tier- und Pflanzenarten nie mehr geben wird?</strong></p>
<p><strong>Lomborg:</strong> Selbstverständlich. Ich würde gerne meinen Kindern und Enkeln eine Welt hinterlassen, die so vielfältig ist, wie ich sie erlebt habe. Ich selbst bin ja Vegetarier, weil ich keine Tiere töten möchte. Aber auch für die Artenvielfalt gilt: Es ist eine ethische Entscheidung, wie viel Geld wir dafür investieren. Es gibt Millionen Probleme in der Welt, aber wir können nur die wichtigsten lösen, denn wir haben nur begrenzt Geld. Ist es wichtiger, die erwähnte Schmetterlingsart zu retten oder mit demselben Aufwand Menschenleben im Straßenverkehr und in der Dritten Welt? Mir scheint, dass Menschenleben doch wichtiger sind.</p>
<p><strong>Chrismon: Gehört die möglicherweise drohende Klimakatastrophe zu den wichtigsten Problemen?</strong></p>
<p><strong>Lomborg:</strong> Die globale Erwärmung ist ein Problem, das vor allem der Dritten Welt schadet. Aber wenn wir, um der Dritten Welt zu helfen, unsere CO2-Emissionen reduzieren, wird das äußerst teuer, wie Studien zeigen, und verzögert zudem die Folgen des Klimawandels nur um wenige Jahre. Die von zunehmenden Sturmfluten bedrohte Familie in Bangladesch muss dann vielleicht nicht 2100 umziehen, sondern erst 2106. Statt jetzt viel Geld auszugeben, um Leuten in 100 Jahren zu helfen, könnten wir sehr viel näher liegende Probleme der Entwicklungsländer lösen, zum Beispiel jedem Menschen auf der Welt sauberes Trinkwasser und Gesundheitsversorgung verschaffen.</p>
<p><strong>von Weizsäcker:</strong> Ich glaube nicht an Ihre Kostenkalkulationen. Vieles von dem, was Sie Kosten nennen, sind Investitionen in klimaschonende Zukunftstechnologien. Die sollten aus Modernisierungsgründen ohnehin getätigt werden. Der Klimaschutz fällt uns, wenn wir es richtig machen, in den Schoß.</p>
<p><strong>Chrismon:</strong> Herr Lomborg, wenn Sie Klimaschutzmaßnahmen für ineffizient halten, was sagen Sie dann dem Bangladescher, dessen Haus überflutet werden wird?</p>
<p><strong>Lomborg:</strong> Selbst die pessimistischen UN-Klima-Szenarios rechnen damit, dass die Menschen in den Entwicklungsländern im Jahr 2100 so reich sein werden wie wir heute. Es klingt besonders moralisch zu sagen, ich löse die Probleme für deine Kindeskinder, aber das ist ineffizient und unmoralisch, da wir Mittel für eine ungewisse Zukunft ausgeben, die wir mit sicherem Erfolg auch für heute lebende und leidende Menschen ausgeben könnten. Zudem: Die bekannten Prognosen rechnen nicht mit einem dramatischen Anstieg des Meeresspiegels, sondern maximal mit 20 bis 50 Zentimetern. Das zu bewältigen, wird nicht billig, aber es wird auch nicht das Hauptproblem irgendeines Landes sein.</p>
<p><strong>von Weizsäcker:</strong> Vor 7800 Jahren stieg innerhalb weniger Jahrzehnte der Meeresspiegel um sieben Meter, weil das Eis, das die Hudsonbai und Labrador bedeckte, in den Atlantik gerutscht ist. Das ist vermutlich der historische Hintergrund der Sintflut-Sage. Das Eis, das heute Grönland und die Antarktis bedeckt, hat große Ähnlichkeit mit dem Eisschild, der damals über Labrador und der Hudsonbai lag. Und dort, in den Polarregionen, erwärmt sich das Klima am stärksten. Ich will damit sagen: Nur auf die Daten des bisherigen Meeresspiegelanstiegs zu schauen, der fast ausschließlich aus der Ausdehnung wärmeren Wassers resultiert, ist kein guter Rat.</p>
<p><strong>Chrismon: Wer ist ein guter Ratgeber?</strong></p>
<p><strong>von Weizsäcker:</strong> Die Sintflut-Geschichte. Wir sollten folgendes Gedankenexperiment machen: Die Wahrscheinlichkeit eines Mega-Ereignisses wie der Sintflut beträgt vielleicht nur ein Prozent für das nächste Jahrhundert. Aber stellen Sie sich vor, im Genehmigungsverfahren eines Atomkraftwerks würden die Techniker die Wahrscheinlichkeit einer Reaktorexplosion, die vielleicht 10 Millionen Tote zur Folge hätte, mit einem Prozent angeben. Der Reaktor hätte keinerlei Chance, genehmigt zu werden.</p>
<p><strong>Lomborg:</strong> Ist das wirklich ein gutes Argument? Die meisten Klimaforscher halten diese Ereignisse für die nächsten 100 Jahre für sehr unwahrscheinlich. Zudem werden wir vermutlich nicht das ganze 21. Jahrhundert hindurch fossile Brennstoffe nutzen, sondern irgendwann werden die erneuerbaren Energien so billig, dass sie Kohle und Öl ersetzen. Sicher, Ihr intuitives Modell mit einem Prozent Risiko könnte richtig sein. Aber wir sollten große Investitionen nur von den besten Modellen abhängig machen, nicht von bloßer Intuition.</p>
<p><strong>Chrismon: Ist es vielleicht sinnvoll, aus pädagogischen Gründen zu übertreiben, damit sich die Leute stärker für Umweltbelange einsetzen?</strong></p>
<p><strong>von Weizsäcker:</strong> Ich glaube nicht, dass ich übertreibe. Ich appelliere vielmehr an den Verstand der Menschen.</p>
<p><strong>Lomborg:</strong> Ich meine, viele ökologisch Engagierte würden sagen: Es ist schon okay zu übertreiben, weil, hey, wir weisen ja schließlich auf ein sehr relevantes Thema hin. Das Problem ist nur, wenn jeder übertreibt, dann gibt es viel Schreierei. Und wer am lautesten schreit, gewinnt – und das ist eben kein guter Weg, um Prioritäten in einer Gesellschaft festzulegen.</p>
<p><strong>Chrismon: Herr Lomborg, Sie waren einst Mitglied von Greenpeace&#8230;</strong></p>
<p><strong>Lomborg:</strong> Der Grund, warum ich damals ausgetreten bin, war schlicht, dass ich als Student kein Geld mehr für die Mitgliedsbeiträge hatte. Und heute würde es wohl als Provokation ausgelegt werden, wenn ich bei Greenpeace eintreten würde.</p>
<p><strong>Chrismon: Wenn Sie immer noch Sympathien für Greenpeace hegen, Herr Lomborg, haben Sie dann auch wie viele Umweltschützer ein schlechtes Gewissen, wenn Sie mit dem Flugzeug reisen?</strong></p>
<p><strong>Lomborg:</strong> Das fände ich ziemlich daneben. Wenn wir als Gesellschaft den Flugverkehr vermindern wollen, dann sollten wir ihn zum Beispiel besteuern. Und dann aber auch mit gutem Gewissen fliegen. Fliegen ist eine großartige Sache. Es erlaubt heute vielen Menschen, andere Menschen und Kulturen kennen zu lernen.</p>
<p><strong>von Weizsäcker:</strong> Sicher, man muss sich nicht dauernd schuldig fühlen. Aber ich versuche, das Fliegen zu vermeiden. Manchmal geht es nur nicht anders.</p>
<p><strong>Lomborg:</strong> Aber merken Sie nicht, dass wir uns viel zu selten daran freuen, dass wir diese Errungenschaften genießen können?</p>
<p><strong>von Weizsäcker:</strong> Herr Lomborg, Sie vertreten doch in Wirklichkeit die Mehrheitsmeinung. Millionen von Touristen teilen Ihre Meinung. Was ich nicht mag, ist, wenn die Mehrheit behauptet, sie sei die Minderheit und müsste sich gegen die Verschwörung der Umweltschützer wehren. Das Gegenteil ist richtig. 999 von 1000 Reisenden sehen das alles genau wie Sie.</p>
<p><strong>Lomborg:</strong> Aber dies sind nicht die Leute, die in den Konferenzen sitzen und Entscheidungen treffen. Dort sitzen nur die gut bezahlten Bedenkenträger, die sich etwas auf ihr schlechtes Gewissen zugute halten und auf die kleinen Leute herabschauen, die sich einfach über die Errungenschaften unserer Zivilisation freuen. Ich weiß nicht, wer von beiden mir sympathischer ist.</p>
<p><strong>von Weizsäcker:</strong> (lacht) Okay, es gibt sicher einige Kreise, wo Sie nicht zur Mehrheit gehören würden.</p>
<p><em>Moderation: Thomas Bastar und Axel Reimann</em></p>
<p><em>Erschienen in: Chrismon, Ausgabe 8/2002</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Rettet die Öffentlichen Güter</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/rettet-die-oeffentlichen-gueter/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 03 Jul 2002 06:00:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
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					<description><![CDATA[Dass die öffentlichen Güter und besonders die Umweltgüter gewaltig unter Druck kommen, ist mir während der Arbeit in der Enquete-Kommission „Globalisierung der Weltwirtschaft“ klar geworden, deren Abschlussbericht letzte Woche dem Bundestag und der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/rettet-die-oeffentlichen-gueter/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Eigentlich sollte hier heute Herr Prof. Töpfer stehen, das wäre für mich doppelt attraktiv gewesen. Erstens hätte ich von ihm Neues lernen können, etwa über die vier Szenarien im Modell Geo 3 oder über seine in jüngerer Zeit öfter geäußerte positive Meinung, über die Ausdehnung der Umwelthaftung; und zweitens bräuchte ich dann den Vortrag nicht zu halten.</p>
<p>In den 10 Jahren seines Bestehens hat sich der WBGU einen national und international hervorragenden Namen gemacht. Der frühere Bundeskanzler Kohl hat anlässlich des Erdgipfels von Rio de Janeiro die ebenso richtige wie mutige Entscheidung getroffen, ein hochrangiges und unabhängiges Gremium zu schaffen, welches über die globalen Umweltveränderungen und ggf. ihre politischen Konsequenzen dem Bundeskanzler <em>direkt</em> berichtet. Das hat dieser Beirat auf überzeugende Weise getan. Ich darf als ehemaliger Leiter des Wuppertal Instituts dankbar hinzufügen, dass auch dieses Institut vom WBGU sehr direkt profitierte, weil Hartmut Graßl und John Schellnhuber in unserem Internationalen Beirat eine herausragende Rolle gespielt haben und dass jetzt Frau Prof. Kruse-Graumann in diesen Beirat berufen wurde.</p>
<p>Besonders wichtig ist für die deutsche Diskussion der konsequent fachübergreifende Analyseansatz des WBGU gewesen. Dadurch ist etwa das Spannungsverhältnis zwischen einem auf Aufforstung verengten Klimaschutz und dem Schutz der biologischen Vielfalt transparent geworden.</p>
<p>Im politischen Raum haben Sie unter anderem die Gründung einer UNO-Umweltorganisation gefordert. Und Sie fordern Nutzungsentgelte für die globalen öffentlichen Güter.</p>
<p>Wie recht Sie haben. Vielleicht kann ich dem WBGU dadurch ein wenig Schützenhilfe leisten, dass ich meinen Festvortrag unter das Thema „Rettet die Öffentlichen Güter“ stelle.</p>
<p>Dass die öffentlichen Güter und besonders die Umweltgüter gewaltig unter Druck kommen, ist mir während der Arbeit in der Enquete-Kommission „Globalisierung der Weltwirtschaft“ klar geworden, deren Abschlussbericht letzte Woche dem Bundestag und der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Dabei kann ich kein einziges Mitglied unserer Kommission für meine vielleicht etwas weit greifenden und wilden Ausführungen heute in Anspruch nehmen.</p>
<p>Wir stehen kurz vor dem Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg. Halten wir zunächst realistischer Weise fest, dass die WBGU-Vorschläge dort keinerlei Aussicht auf baldige Durchsetzung haben. In den zehn Jahren seit dem Erdgipfel von Rio de Janeiro ist leider in den meisten Ländern der umweltpolitische Eifer vollständig erlahmt. Was war da eigentlich geschehen?</p>
<p>Ich behaupte, dass der Absturz ökologischer Themen in der öffentlichen Prioritätenliste zwei ganz unterschiedlich Gründe hat.</p>
<p>Der erste ist durchaus erfreulich. Die westlichen Industrieländer haben die Hausaufgaben der Schadstoffkontrolle, welche ja im Zentrum der klassischen Umweltpolitik stand, bis 1990 im wesentlichen erledigt. Zwar sind die weltweiten Umweltprobleme einschließlich ihrer extrem langfristigen Zeitperspektive, wie niemand besser weiß als der WBGU, noch nicht einmal richtig angepackt, geschweige denn gelöst worden. Aber das ist kein Thema, mit dem man die Massen der heute lebenden Menschen mobilisieren könnte.</p>
<p>Der zweite Grund ist, dass uns das Thema der internationalen Wettbewerbsfähigkeit derart in Beschlag nimmt, dass wir für andere Themen kaum mehr Zeit haben. Alles wird heute über den Wettbewerb buchstabiert, sei es die Stammzellforschung, wo auf der Pro-Seite das wichtigste Argument der internationale Wettbewerb der Forscher war, sei es die Bildung, wo es gar nicht mehr um Kinder und Jugendliche zu gehen scheint, sondern nur noch um die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Schulsystems.</p>
<p>Schlimmer noch: Wir reden uns ein, das Wohl unserer Kinder bestehe aus ihrer Wettbewerbsfähigkeit im immer härter werdenden internationalen Konkurrenzkampf. Und schrecklicherweise ist das sogar weitgehend richtig. Aber was ist das für ein kümmerliches Menschenbild?</p>
<p>In dieser Lage ist wenig Platz für Schmetterlinge oder für das Kioto-Protokoll zum Klimaschutz.</p>
<p>Woher aber stammt die Obsession mit der Wettbewerbsfähigkeit? Sie hängt engstens mit einem Phänomen zusammen, welches wir als Globalisierung kennen. Das Wort „Globalisierung“ ist übrigens tatsächlich neu in der Szene, obwohl es uns allen überaus geläufig ist. Die FAZ hat mit mitgeteilt, dass es seine steile Karriere erst 1993 angetreten hat. Zur Zeit des Erdgipfels von Rio sprach noch niemand von Globalisierung.</p>
<p>Was ist der Grund für dieses erstaunliche Phänomen? Ich denke, es gab drei Gründe:</p>
<p>Erstens gab es seit 1950 eine kontinuierliche Entwicklung der internationalen Wirtschaftsverflechtung, des Zollabbaus und der Deregulierung. Die Uruguay-Runde des GATT lief bis 1994 und galt als die gewichtigste Freihandelsrunde.</p>
<p>Zweitens ist nach 1990 das Internet zum Massenphänomen geworden. Der neue Chef der Deutschen Bank, Joseph Ackermann, hat kürzlich gesagt, dass es ohne Internet keine globale Firma im heutigen Sinn hätte geben können.</p>
<p>Drittens herrschte bis 1990 noch der Ost-West-Konflikt vor. In diesem musste sich das Kapital mit den Nationalstaaten arrangieren. Es bestand ja immer die Gefahr, dass ganze Länder in demokratischen Wahlen in Richtung Kommunismus schlittern. Hiergegen waren schon früh die Soziale Marktwirtschaft, die Entwicklungshilfe und viele Einzelmaßnahmen des sozialen Ausgleichs erfunden und finanziert worden. Das Kapital nahm für diese Zielsetzung auch eine progressive Einkommensteuer, hohe Gewerbe- und Körperschaftsteuern in Kauf.</p>
<p>Nach der Wende fiel der Beweiszwang weg – sehr zum Nachteil der Verhandlungsposition der Staaten. Es dauerte aber noch zwei oder drei Jahre, bis sich die neue Machtsituation in den Köpfen festgesetzt hatte. Sie führte zu einer regelrechten Dominanzumkehr. Hatten die Staaten in den siebziger Jahren den privatwirtschaftlichen Firmen noch selbstverständlich gesagt, wie diese sich zu benehmen hätten, um willkommen zu sein, so sind es jetzt die Konzerne, die den Staaten sagen, wie <em>diese</em> sich zu verhalten hätten, damit die Firmen sich wohl fühlen.</p>
<p>Nun war es aus mit der praktischen Durchsetzung der progressiven Einkommen-steuer. „Wer Steuern zahlt, ist selber schuld“ oder „Der Ehrliche ist der Dumme“, das waren gängige Sprüche in der Mitte der neunziger Jahre. Ohne dass es irgend jemand intendiert hatte, leistete so die Globalisierung einem recht dramatischen Sitten- und Werteverfall Vorschub.</p>
<p>Nach den Fällen von Enron, Worldcom und jetzt Vivendi fragt man sich auch, ob es den guten Sitten guttut, wenn die Managereinkünfte an die Börsenkurse gekoppelt sind.</p>
<p>Allerdings haben die Globalisierung und die Durchsetzung des Wettbewerbsprinzips in vielen Ländern auch eine segensreiche Wirkung auf die guten Sitten gehabt: immer dort, wo zuvor verfilzte Staats- und Vetternwirtschaft herrschte.</p>
<p>Eine Folge der Globalisierung ist nach OECD-Beobachtungen ein „schädlicher“ Steuerwettbewerb ein, der bis heute anhält und die Steuerlast immer mehr von den Firmen und den Reichen abzieht und stattdessen den Mittelverdienern und den Konsumenten aufbürdet. Eine Zeit lang, nämlich solange die Börseneuphorie anhielt, waren sinkende Steuer<em>sätze</em> noch kein Problem, weil das Steuer<em>aufkommen</em> gehalten wurde oder stieg.</p>
<p>Stagnierende Staatseinnahmen bei gleichzeitig alternder Gesellschaft und bei gleichzeitigem Zwang, die öffentliche Verschuldung abzubauen, schmälern die staatliche Handlungsfähigkeit erheblich. Das ist wohl auch einer der wesentlichen Gründe für die zunehmende Vernachlässigung der öffentlichen Güter einschließlich des Umweltschutzes.</p>
<p>Wie gehen wir nun mit diesem Dilemma um?</p>
<p>Bei der Umweltfrage müssen wir uns die Größenordnung der Herausforderung klar machen. Ich denke, die soziale und ökonomische Dimension des Nachhaltigkeitsdreiecks führen zur imperativen Forderung einer Verdopplung des weltweiten Wohlstandes. Gleichzeitig bräuchten wir eine Halbierung der weltweiten CO2- Emissionen, um die Konzentration auch nur zu stabilisieren.</p>
<p>Mit freiwilligen Vereinbarungen, ein paar Audits und Verordnungen ist das Problem nicht zu lösen.</p>
<p>Ich fürchte, wir brauchen nichts weniger als eine Neuausrichtung des technischen Fortschritts. Wir brauchen eine dramatische Steigerung der Ressourcenproduktivität. Technisch ist es ohne jeden Zweifel möglich, die Ressourcenproduktivität im volkswirtschaftlichen Durchschnitt um einen Faktor vier zu steigern. Längerfristig halte ich sogar einen Faktor zehn für machbar – mit gewissen Unsicherheiten auch bezüglich der Definition. Ein Faktor vier erlaubt gleichzeitig eine Verdoppelung des Wohlstands <em>und</em> eine Halbierung des Naturverbrauchs.</p>
<p>Im gleichnamigen Buch haben Amory Lovins und ich fünfzig Beispiele für die Machbarkeit des Faktors vier aufgeführt.</p>
<p>Die Erhöhung der Ressourcenproduktivität sehe ich in guter Analogie zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität.</p>
<p>Die Arbeitsproduktivität ist in zweihundert Jahren etwa um einen Faktor zwanzig angestiegen. Ökonomisch wurde sie immer aufs Neue angeheizt durch die Erhöhung der Löhne bzw. der Arbeitskosten. In Schweden, Deutschland, Japan hat die breite Durchsetzung der Robotik ihren Ausgang genommen. Das waren zu der Zeit die Länder mit den höchsten Arbeitskosten, wahrend Amerika, obschon technologisch ohne Zweifel eher stärker, bei der Robotik lange Zeit nachhinkte.</p>
<p>Wollen wir die Effizienzrevolution beim Umgang mit natürlichen Ressourcen auslösen, so wäre eine den Arbeitskosten analoge Preisentwicklung für Energie, Primärrohstoffe und Landverbrauch nützlich. Auf dem Verordnungsweg kommt man nämlich immer nur punktuell weiter, Und freiwillig Vereinbarungen finden in der Rentabilität ihre frühe Grenze.</p>
<p>Ich denke als Idealbild daran, den Preis für knappe Naturgüter jedes Jahr um etwa 3 bis 4% teurer zu machen, und das über viele Jahrzehnte hinaus – in fast vollkommener Analogie zu den Arbeitskosten. Wenn die Ressourcenproduktivität im Wesentlichen mit der Verteuerung Schritt halten kann, verteuern sich die monatlichen Ressourcen<em>kosten</em> nicht, aber im Warenkorb werden ressourcenintensive Güter und Dienstleistungen durch immer elegantere substituiert. Dieser Pfad braucht keineswegs unpopulär zu sein. er sollte aber von allen großen Parteien gemeinsam beschlossen werden.</p>
<p>Mit handelbaren Nutzungslizenzen und/oder einer ganz langfristig angelegten Ökologischen Steuerreform sollten wir den nach oben gerichteten Preispfad politisch durchzusetzen. Damit haben wir aber erst eine Chance, wenn eine breite Bevölkerungsmehrheit den Ernst der ökologischen Lage sieht.</p>
<p>Hier ist wieder der WBGU gefragt. Seine Berichte haben eine erfreulich breite Resonanz. Der Schwerpunkt sollte m.E. weiterhin bei der naturwissenschaftlichen Analyse und Darstellung der Gefahren liegen. Insbesondere die für Laien nicht sofort verstehbaren komplexen <em>System</em>gefahren müssen popularisiert werden. Wenn im engen Kontext hiermit auch die zumeist unpopulären Instrumente in die Öffentlichkeit kommen, ist der erste wichtige Schritt zur Herstellung der Akzeptanz geschaffen.</p>
<p>Wir im politischen Raum müssen die Analysen aufgreifen und mit Ihnen dann auch mit Ihnen über die Instrumente sprechen.</p>
<p>Die Neuausrichtung des technischen Fortschritts ist die <em>eine</em> der zwei Titanenaufgaben die ich für die nächsten fünfzig Jahre vor mir sehe.</p>
<p>Die andere ist die Durchsetzung der Demokratie, diesmal auf internationaler Ebene. Das ist, wie sich herausstellt, nichts weniger als die <em>Wiedererfindung der Demokratie</em>. Damit komme ich jetzt wieder zum Ausgangspunkt zurück, zur Weltlage im Zeitalter der Globalisierung.</p>
<p>Ich hatte die geschwächte Verhandlungsposition der Staaten erwähnt. Kein Wunder, dass sich viele Menschen von der Demokratie abwenden. Jeder möchte doch eigentlich beim <em>winning team</em> sein. Wir haben nicht nur eine massive Verschiebung von Geld und politischem Einfluss vom öffentlichen in den privatwirtschaftlichen Raum erlebt, sondern auch von jungen Talenten!</p>
<p>Was ist nun zu tun? Rückzug ins nationale Schneckenhaus? Protektionismus? Fremdenfeindlichkeit? Nein! Das ist alles unrealistisch oder schädlich oder beides.</p>
<p>Wie wäre es mit der Wiederherstellung des starken Staates? Ja, das macht Sinn, aber seine Stärke muss er heute darin beweisen, dass er seinen Bürgern ein erfolgreiches Mitmachen in der globalen Wirtschaftswelt ermöglicht. Aber das hat ja sehr wenig mit den hehren Zielen der Demokratie zu tun. Denn hier ist die Demokratie immer noch die Dienerin der internationalen Wirtschaft, die die Anforderungen definiert. Die Träume der siebziger Jahre von einem starken Staat, der der Wirtschaft sagt, wo es lang geht, geistern zwar noch in manchen Köpfen. Etwa bei meinem Parteifreund Oskar Lafontaine, der damals als Bundesfinanzminister die Europäische Zentralbank anweisen wollte, wie sie die Konjunktur anzukurbeln hätte. Dieses politische Projekt kann als gescheitert angesehen werden.</p>
<p>Ein anderer Traum ist der derzeitige amerikanische. Nach dem 11. September gab es dort eine Art Wiederentdeckung des bis dahin immerfort schlecht geredeten Staates. Selbst die jahrzehntelang verhöhnten Vereinten Nationen kamen wieder zu Ehren. Leider wurde die richtige Einsicht in die Wichtigkeit des Staates und seines Gewaltmonopols auf brisante Weise vermischt mit einer manichäischen Weltwahrnehmung von den Guten und den Bösen sowie mit einer geradezu imperialistischen Militärpolitik. Es ist hier nicht der Ort, um sich mit diesem Traum auseinander zu setzen. Ich hoffe, dass es den Amerikanern selber gelingt, aus ihm wieder aufzuwachen. Wir Europäer müssen mit einer guten Mischung aus transatlantischer Freundschaft und klarer, selbstbewusster Positionsbestimmung dazu beitragen.</p>
<p>Realistischer, weniger brisant und im übrigen unerlässlich ist die friedliche Kooperation der Staaten miteinander für die Durchsetzung internationalen Gesetzen und Regeln. Wir reden hier von <em>Global Governance</em>. Ich denke dabei ebenso an den internationalen Umweltschutz wie an die Menschenrechte, die Wettbewerbsregeln und die Bekämpfung von Geldwäsche, Korruption und Terrorismus.</p>
<p>Für den Umweltschutz können wir mit Genugtuung feststellen, dass zumindest die Zahl der internationalen Verträge dramatisch zugenommen hat.</p>
<p>Ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg der Global Governance und der Internationalisierung der Demokratie ist die Europäische Integration. Als Europäische <em>Wirtschafts</em>gemeinschaft gegründet, hat die EU den Fortschritt der internen Handelsliberalisierung ein gutes Stück mit der Europäisierung der Demokratie und der Sozialen Marktwirtschaft sowie später des Umweltschutzes verbunden. Die EU wird hierfür weltweit als positive Alternative zum amerikanischen Modell angesehen. Im nordamerikanischen Freihandels-Raum NAFTA sucht man vergeblich nach einer Analogie zu den Europäischen Kohäsionsfonds, zum Europäischen Parlament oder zum Europäischen Gerichtshof!</p>
<p>Global Governance und die Fortentwicklung der EU sind möglich und notwendig. Aber beides ist leider verteufelt weit weg von den einzelnen Menschen. Der Verdruss mit der Demokratie, wo alles weit weg, undurchschaubar und unbeeinflussbar geworden ist, wird dadurch nur geringfügig gemildert. Global Governance und die EU sind noch nicht das, was mir als Wiedererfindung der Demokratie vorschwebt.</p>
<p>Was dann?</p>
<p>Im Zentrum meiner Überlegungen steht die <em>Zivilgesellschaft</em>. Unsere Kirchen, die Gewerkschaften, die Umweltschutzverbände, die Frauengruppen, die gemeinnützigen Stiftungen, die internationale Wissenschaftlergemeinde, all dies sind für mich die Hoffnungsträger der künftigen Demokratie. Sie haben in der Regel einen guten Basisbezug. Jede und jeder kann mitmachen. All die Genannten stärken die öffentlichen Anliegen. Sie helfen, ein Weltgewissen zu etablieren und fort zu entwickeln.</p>
<p>Die Zahl der international tätigen zivilgesellschaftlichen NGOs oder Nichtregierungsorganisationen nimmt auch laufend zu, ebenso ihr Einfluss.</p>
<p>Die internationalen Konzerne haben diesen Einfluss längst erkannt und haben Respekt vor den NGOs. Imageschäden, wie sie aus Konflikten mit den NGOs entstehen können, sind für Konzerne wie Nike, Shell oder Nestlé mit das Gefährlichste, was ihnen passieren kann. Konzerne wie RWE oder Allianz waren früher unverwundbar, entweder wegen der Strom-Gebietsmonopole oder weil ihre Produkte und deren „Herstellung“ keinen ethischen Zündstoff enthielten. Mit dieser Unverwundbarkeit ist es aus. Die Gebietsmonopole sind weg, und die Versicherungen und Finanzdienstleister müssen sich bei Endkunden und betrieblichen Kassen mehr und mehr auch ethische Fragen gefallen lassen.</p>
<p>Entsprechend nimmt in der Wirtschaft der Bedarf an Ethik- und Umweltanalysten zu. Der Unilever-Konzern hat den WWF International zu einer Allianz für nachhaltige Fischwirtschaft eingeladen, den Marine Stewardship Council. Jetzt müssen beide Seiten aber auch gegenüber Skeptikern den Nachweis führen, dass es tatsächlich auch nachhaltige Fischerei <em>ist</em>.</p>
<p>Für die Schweizer Großbank UBS ist ein Umweltberatungsbüro und ein internationaler Umweltbeirat tätig, um das ökologische Profil des Investmentfonds Eco-Performance Lux zu garantieren. Das kostet die Bank extra Geld. Aber dieses wird durch die Börsenperformance des Fonds gerade etwa wieder verdient, wo die Zusatzkosten vom Gewinn echt subtrahiert wurden. Und der Fonds hat immerhin schon eine halbe Milliarde Schweizer Franken in seiner Verwaltung, mehr als alle deutschen Ökofonds.</p>
<p>Die Zivilgesellschaft kann wesentlich dazu beitragen dass die Balance zwischen öffentlichen und privaten Anliegen wieder hergestellt wird. Das ist in Abb. 15 symbolisiert. Was sie aber nicht kann, ist Gesetze verabschieden. Das bleibt alleine dem Staat und der Staatengemeinschaft vorbehalten. Aber die Allianz mit der Zivilgesellschaft kann die Richtung, die Stärke und die Durchsetzbarkeit der Gesetze entscheidend verbessern.</p>
<p>Als Charles de Montesquieu im Jahre 1750 zum ersten Mal von der Gewaltenteilung und der Demokratie schrieb, herrschte noch finsterer Absolutismus. Alle Macht lag beim König. Aber keine fünfzig Jahre später war der König gestürzt und begann der Siegeszug der nationalen Demokratie.</p>
<p>Sobald ein Problem einmal als dringlich erkannt und die Vision einer Lösung aufgetaucht ist, gibt es kein Halten mehr. Die Stärke der anderen Seite ruht allein in der Resignation und Verwirrung. Ich hoffe, ich konnte Sie überzeugen, dass es sowohl für die bedrückende ökologische Krise wie auch für die Demokratiekrise gangbare Lösungen gibt!</p>
<p>Und ich hoffe, dass der WBGU in seinen nächsten zehn Jahren kräftig daran mitwirkt, diese Visionen Wirklichkeit werden zu lassen.</p>
<p><em>Festvortrag 10 Jahre WGBU</em></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ökologische Finanzreform</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/oekologische-finanzreform/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Jun 2002 17:48:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Energie]]></category>
		<category><![CDATA[Faktor Vier / Faktor Fünf]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologische Steuerreform]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
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					<description><![CDATA[Es ist die pure Vernunft, den Umweltverbrauch zu besteuern. Wenn wir ein Hemd kaufen oder eine Kamera, bezahlen wir den Herstellungspreis plus die Handelsspanne plus die Steuern. Der Preis reicht aus, um immer wieder neue Hemden und Kameras auf den Markt zu bringen. Kaufen wir aber Benzin, dann bezahlen wir die Ölförderung plus die Handelsspanne plus die Steuern.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/oekologische-finanzreform/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;">Es ist die pure Vernunft, den Umweltverbrauch zu besteuern.</span></p>
<p>Wenn wir ein Hemd kaufen oder eine Kamera, bezahlen wir den Herstellungspreis plus die Handelsspanne plus die Steuern. Der Preis reicht aus, um immer wieder neue Hemden und Kameras auf den Markt zu bringen.</p>
<p>Kaufen wir aber Benzin, dann bezahlen wir die Ölförderung plus die Handelsspanne plus die Steuern. Der Preis für die Ölförderung hat nichts mit der „Herstellung“ von Öl zu tun. Wenn es verbraucht ist, ist es weg.</p>
<p>Der „Markt“ schwindelt uns an, was die Endlichkeit des Öls angeht. Erst recht, was die Luft- und Klimabelastung angeht. Von den drei genannten Komponenten des Produktpreises kann nur die Steuer den Schwindel vermindern. Sie verteuert das Benzin, und das ist gut so.</p>
<p>Das war und ist die parteiübergreifende Grundeinsicht, die zur ökologischen Steuerreform geführt hat. Und doch hat sich die Ökologische Steuerreform im Parteienstreit verhakt. Sie ist unpopulär. Opposition und Wirtschaftsvertreter bringen mit Vorliebe drei Einwände vor:</p>
<ol>
<li>die Ökosteuer sei unsozial; die Ausnahmeregeln schonten die Großen und belasteten die Kleinen.</li>
<li>die Verwendung des Einkommens für die Senkung der Rentenbeiträge sei unökologisch; die ökologische Begründung sei also nur Verbrämung für etwas, was dann in einfacherer Sprache oft „Abzocke“ genannt wird;</li>
<li>die ökologische Steuerreform bremse die nötigen Reformschritte bei den sozialen Sicherungssystemen</li>
</ol>
<p>Alle drei Argumente führen in die Irre.</p>
<ol>
<li>Es ist nicht unsozial, den Verursacher zu belasten. Sozialpolitik soll man nicht durch Unterdrückung des Verursacherprinzips machen, sondern allenfalls durch Härteausgleich. Die Ausnahmeregeln sind ein Resultat des Drucks der Industrie gewesen, die mit Standortverlagerung drohte. Die als unfair empfundene Asymmetrie liegt darin, dass die Großen mit der Verlagerung besser drohen können als die Kleinen. Die sich jetzt in der EU abzeichnende Verständigung auf eine Harmonisierung könnte dazu führen, dass die Asymmetrie abgebaut wird.</li>
<li>Die Einkommensverwendung für die Senkung der Rentenbeiträge macht den Fiskus nicht reicher; das Wort Abzocke geht also fehl. Es ist im übrigen sehr wohl ökologisch vernünftig, den knappen Faktor Energie zu verteuern und gleichzeitig den gar nicht mehr knappen Faktor Arbeit von Abgaben zu entlasten. Das kann zu wünschenswerten technologischen Verschiebungen von der Energieintensität zur Arbeitsintensität führen, was auch volkswirtschaftlich gut wäre. Aus reinen Popularitätsgründen mag es plausibel sein, einen Teil der Einnahmen für ökologische Zwecke einzusetzen.</li>
<li>Was die Wirtschaft als „nötige Reformschritte“ bezeichnet, ist natürlich noch unpopulärer als die Benzin-Ökosteuer. Abgesehen davon haben die skandinavischen Länder gezeigt, dass eine vermehrte Steuerfinanzierung der sozialen Sicherheitssysteme den Mut zu Reformen überhaupt nicht bremsen muss.<br />
Die Tagespolitik wird sich mit diesen Streitfragen auch weiterhin auseinander setzen müssen. Mit geht es um Argumente für die langfristige Perspektive.</li>
</ol>
<p>Der Treibhauseffekt, die begrenzten Vorräte und die Kernenergierisiken werden die Menschheit zwingen, mit Energie auf Dauer drastisch sparsamer umzugehen. Analoges gilt für das Süßwasser, für die Bodenfläche und für viele Rohstoffe. Mittelfristig scheint mir eine Halbierung des Naturverbrauchs unausweichlich. Bei den CO2-Emissionen ist die Halbierung erforderlich, um die Konzentrationen zu stabilisieren! Gleichzeitig nimmt die Bevölkerung weiter zu und wachsen die Wohlstandsansprüche. Eine Verdoppelung der anzubietenden Güter und Dienstleistungen ist das aller mindeste, was man anstreben muss.</p>
<p>Hieraus resultiert die Forderung, den Naturverbrauch um mindestens einen Faktor vier effizienter zu machen. Das hieße, aus einem Fass Öl oder einem Kubikmeter Wasser das Vierfache an Wohlstand herauszuholen. Dass dies technologisch machbar ist, kann als nachgewiesen gelten (Weizsäcker u.a., 1997). Die technologische Machbarkeit ist aber nicht genug. Wir brauchen auch die politische Realisierung.</p>
<p>Nehmen wir uns dafür etwas Zeit, z.B. gut vierzig Jahre. Dann brauchen wir nicht mehr als eine Erhöhung der durchschnittlichen Ressourcenproduktivität um gut drei Prozent pro Jahr. Diese Leistung könnten wir also als realpolitische Zielsetzung vorgeben. Und dies müsste zum wichtigsten Ziel der ökologischen Steuerreform erklärt werden. Das setzt eine sehr langfristige Verlässlichkeit des Preispfades voraus!</p>
<p>Dass Preise langfristig äußerst wirksam sein können, hat Jochen Jesinghaus an einem beispielhaften Fall nachgewiesen. Die OECD-Länder haben bei ansonsten sehr paralleler Wohlstandsentwicklung über die Jahrzehnte sehr unterschiedliche Spritpreise an der Zapfsäule aufrecht erhalten. Und siehe da: der Pro-Kopf-und-Jahr-Spritverbrauch nimmt ziemlich streng mit dem Preis ab!</p>
<p>Der Einwand, dass diese Länder auch eine sehr unterschiedliche Siedlungsdichte haben, sticht nicht, denn die USA-Ostküste ebenso wie die Westküste sind bezüglich Siedlungsdichte von Japan oder Italien kaum unterschieden und haben dennoch einen etwa viermal so hohen Spritverbrauch pro Kopf.</p>
<p>Der Spritverbrauch pro Kopf ist ein komplexes Gemisch aus Technik, Siedlungsstruktur, ÖPNV-Angebot, Alltagsverhalten und Käuferverhalten. Es dauert Jahrzehnte, bis sich so etwas ändert.</p>
<p>Um dieses Gemisch zwar zielstrebig aber ohne Brüche in Richtung des „Faktors Vier“ zu verändern, stelle ich mir als Idealbild einer ökologischen Finanzreform eine jährliche Anhebung der Endverbrauchspreise um etwa vier Prozent pro Jahr vorstellen, und dies auf Jahrzehnte festgeschrieben. Der relative Abstand zwischen den (sehr niedrigen) Energiekosten bei der Grundstoffindustrie und den (sehr hohen) Energiekosten beim Superbenzin bliebe erhalten. Das Preissignal wäre bei allen Verbrauchern gut erträglich:</p>
<p>Wenn die erwartete Lenkungswirkung eintritt, würden sich trotz dieses stetig nach oben gerichteten Preispfades die energiebezogenen Produktions- und Lebenshaltungskosten kaum erhöhen, weil eben die Effizienzgewinne die Preissteigerung weitgehend kompensieren. Für den Fiskus ist das allerdings keine allzu erfreuliche Nachricht: das jährliche Aufkommen würde trotz steigender Steuersätze nur unwesentlich zunehmen.</p>
<p>Der Langfristpfad entspricht einem tief greifenden Strukturwandel und Zivilisationswandel. Es kommt auch zu geographischen Verschiebungen. Sehr energieaufwändige Prozesse wie die Aluminiumschmelze aus Bauxit würden rationaler Weise an Plätze verlagert, wo Energie natürlicherweise billig ist wie Wasserkraft in Kanada oder ansonsten abgefackeltes Gas am persischen Golf.</p>
<p>Die eigentliche politische Kunst wird darin bestehen, anstelle eines Steuerpfades einen langfristigen Preiskorridor einigermaßen festzulegen. Das ist aus Gründen der Planbarkeit und der sozialen Akzeptanz äußerst wünschenswert. Externe Preissprünge wie beim Rohöl 1999 und 2000 sind Gift für die Akzeptanz. Will man einen langfristigen Preispfad verlässlich vereinbaren und durchhalten, dann wird man auf starke externe Signale elastisch reagieren müssen. Das heißt dann eben, dass man die Einnahmenverwendung mit einem entsprechenden Vorbehalt versieht. In Zeiten extern sinkender Rohstoffpreise kann der Fiskus umgekehrt mehr abschöpfen und „ansparen“.</p>
<p>Das Strukturwandels-Ziel ist zugleich eine Absage an Schadstoffsteuern oder Abfallsteuern. Deren Lenkungswirkung hat nämlich mit Strukturwandel relativ wenig zu tun und ist unelegant: sie induzieren end-of-the-pipe-Techniken, aufwändige Bring- und Holsysteme oder gar illegales Emittieren und Entsorgen. Gewiss kann man bestimmte Schadstoffe spezifisch aufs Korn nehmen; aber dazu hat sich das Ordnungsrecht relativ gut geeignet. Auch handelbare Emissionslizenzen können sich durchaus eignen. Man muss sich nur im Klaren sein, dass dies nicht ein Ersatz für den Strukturwandel sein kann.</p>
<p>Zielführend im Sinne des ökologischen Strukturwandels wäre hingegen eine Ergänzung der Energiesteuer durch eine Flächenverbrauchssteuer, eine Grundwassersteuer sowie eine Primärrohstoffsteuer.</p>
<p>Es ist klar, dass die hier geäußerten Gedanken nicht der Mentalität eines Finanzministeriums entsprechen, sondern der eines Technologie- oder Umweltministeriums. Zuständig ist aber der Finanzminister! Es wird also noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten sein.</p>
<p>Literatur:</p>
<ul>
<li>Mauch, Samuel, R.Iten, E.U.v.Weizsäcker u. J.Jesinghaus 1992. Ökologische Steuerreform. Chur: Rüegger.</li>
<li>Von Weizsäcker, Amory Lovins, Hunter Lovins. 1997. Faktor Vier. Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. München: Droemer.</li>
</ul>
<p><em>Erschienen in: politische ökologie, Heft 77-78, 2002</em></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Eigenarbeit“ und Eigenenergien</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/eigenarbeit-und-eigenenergien/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Oct 2001 18:58:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Energie]]></category>
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					<description><![CDATA[In den siebziger Jahren tauchte zum ersten Mal nach dem Krieg das Thema Arbeitslosigkeit massiv in der öffentlichen Diskussion auf. Folgerichtig wurde der Blick auf die Schwarzarbeit gelenkt, die uns Millionen von Arbeitsplätzen koste. Das war das Diskussionsumfeld, in dem sich etwa 1976 ein paar Querdenker in Kassel befanden, insbesondere Ivan Illich, Willy Bierter, Christine von Weizsäcker und ich selber.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/eigenarbeit-und-eigenenergien/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Eigenarbeit</h2>
<p>In den siebziger Jahren tauchte zum ersten Mal nach dem Krieg das Thema Arbeitslosigkeit massiv in der öffentlichen Diskussion auf. Folgerichtig wurde der Blick auf die Schwarzarbeit gelenkt, die uns Millionen von Arbeitsplätzen koste. Das war das Diskussionsumfeld, in dem sich etwa 1976 ein paar Querdenker in Kassel befanden, insbesondere Ivan Illich, Willy Bierter, Christine von Weizsäcker und ich selber.</p>
<p>Ivan Illich arbeitete damals über „convivial tools“, Werkzeuge des menschlichen Zusammenlebens und über die Arbeitsbeziehungen, in denen diese zur Anwendung kommen. Christine von Weizsäcker, mit der ich damals drei kleine Kinder hatte, ab 1978 ein viertes, sah dass der Kampf gegen die Schwarzarbeit teilweise Macho-Züge hatte und dass die unbezahlte, oft überlebenswichtige Arbeit in Haus und Nachbarschaft immer gleich mit ins Gerede gebracht wurde. Mit Ivan Illich, damals Gastprofessor an der Gesamthochschule Kassel und Willy Bierter, damals Planungschef an der Hochschule, war sie sich einig, dass die <em>convivial tools</em> viel mit solcher selbst verantworteter, meist unbezahlter und gleichwohl höchst anspruchsvoller Arbeit zu tun hatten.</p>
<p>Um den Ausdruck „höchst anspruchsvoll“ zu würdigen, stelle man einmal unvoreingenommen und nach den Bewertungsmaßstäben der modernen service economy folgenden Vergleich an. Einerseits das Führen eines Haushalts mit Kleinkindern, Freunden, Garten und womöglich Diätvorschriften, Schichtarbeit des Mannes oder einem Pflegefall in der Elterngeneration. Andererseits die Schwarzarbeit beim Rohre verlegen. Für die anspruchsvollere Alternative prägte sie den Begriff <em>Eigenarbeit</em>. Das Wort war damals in keinem Lexikon zu finden. Aber es war so einleuchtend und selbst-erklärend, dass es sich, von Kassel aus, lawinenartig über den ganzen deutschen Sprachraum ausbreitete.</p>
<p>Ivan Illich, der unermüdliche Kritiker und Warner, fand sofort ein Haar in der Suppe. Er wies nach, dass ganz viele unbezahlte Tätigkeiten in Wirklichkeit genauso entfremdet waren wie die bezahlten. So das Schlangestehen am Schalter, das Pauken für die Schule, der Weg zur Arbeit. Für diese ebenso unbezahlten wie <em>ungewollten</em> Tätigkeiten schuf er nun seinerseits, als Abgrenzung von der Eigenarbeit den Begriff „Schattenarbeit“. Das ist die Arbeit, die im Schatten der formalen Wirtschaft anfällt, von dieser aber nicht entlohnt wird.</p>
<p>Für Journalisten, die nach schicken neuen Wörtern gieren, war das Wort Schattenarbeit ein gefundenes Fressen. Sie stahlen Illich das schöne Wort und benutzten es alsbald als modisch neues Synonym für das inzwischen etwas angestaubte Wort Schwarzarbeit. Damit war Illich’s Intention fast ins Gegenteil verkehrt. Für ihn lag der Akzent der Schattenarbeit in der Unfreiwilligkeit, dem Froncharakter. Das störte die Wortdiebe aber nicht, denn sie hatten Illich ja auch gar nicht gelesen.</p>
<p>Das Wort Eigenarbeit hatte eine glücklichere Karriere, auch wenn es hier ebenfalls zu vielfältigen Missverständnissen kam. Für die meisten Benutzerinnen des Wortes lag der Akzent auf der Nicht-Bezahlung. Vielfach wurde Eigenarbeit synonym mit dem feministischen Insiderinnenwort der „Reproduktionsarbeit“ verwendet. Das war nun in zweierlei Hinsicht nicht im Sinne der Erfinderin Christine von Weizsäcker. Erstens gibt es für sie sehr wohl auch bezahlte Eigenarbeit, etwa die des Künstlers/der Künstlerin, der/die seine/ihre Werke verkauft. Zweitens hört sich das Wort „Reproduktionsarbeit“ nach einer fälschlichen Anerkennung der Superiorität der „Produktionsarbeit“ an, so als ob man sich zu Hause (wieder) fit macht, sich regeneriert oder reproduziert. Immerhin blieb am Wort „Eigenarbeit“ stets eine positive Konnotation haften.</p>
<p>Die wichtigste Aussage von Christine von Weizsäcker im Zusammenhang mit der Eigenarbeit ist deren Unverzichtbarkeit. Auf Essen, Trinken, Schlafen, Kinderbekommen, die essenziellen häuslichen Arbeiten kann man nicht verzichten, und zwar unabhängig vom Lebensalter. Auf die Erwerbsarbeit kann man notfalls verzichten, vor allem als Kind oder Greis. Da steckt also die umgekehrte Superiorität drin: die Erwerbsarbeit sollte eher als die Dienerin der Eigenarbeit aufgefasst werden.</p>
<h2>Technische Dezentralisierungstrends</h2>
<p>War es Zufall oder nicht? Zur gleichen Zeit gab es in Kassel eine hitzige Technologiediskussion. Es war der Anfang der Proteste in Wyhl. Robert Jungk, damals in Kassel ein gern gesehener Gast, schrieb seinen „Atomstaat“. Darin hieß es, dass diese Technologie ohne Polizeistaat kaum durchzusetzen und kaum zu schützen sei. Unter dem Imperativ der Reaktorsicherheit erschien die hohe Zentralisierung der Energieversorgung wie ein Gebot der technischen Vernunft. Die gleiche Zentralisierungslogik stellte sich in jenen Tagen bei Kohlekraftwerken ein: die moderne Schadstoffrückhaltung war nur bei Großkraftwerken ökonomisch darstellbar. Die Umwelttechnik insgesamt enthielt eine Zentralisierungsdynamik, nicht nur bei Kraftwerken, sondern auch beim Abwasser („Anschluss- und Benutzungszwang“).</p>
<p>Zur gleichen Zeit fand ein Modernisierungsaufbruch in den Entwicklungsländern statt. Die <em>Entwicklung</em> wurde praktisch synonym mit der Überwindung der Subsistenz, der Eigenversorgung gesehen. Die Bauern sollten mit <em>cash crops</em> zu Marktteilnehmern werden, – ein Prozess in dessen Verlauf sie leider oft zu lohnabhängigen Landarbeitern degradiert wurden, weil die aktive Marktteilnahme realistischerweise nur für kapitalstarke, oft ausländische Unternehmen erschwinglich war.</p>
<p>Wie auch immer, dem Zeitgeist erschien jede Form der Selbstversorgung und der Dezentralität technisch-ökonomisch rückständig, unvernünftig, ja „technikfeindlich“. Selbst die <em>Option</em> der Eigenversorgung erschien dem technokratischen Zeitgeist jener Tage auf einmal suspekt.</p>
<p>Die gleichen Menschen, die sich um die Eigenarbeit bemühten, sahen sich auf einmal im Gegensatz zum technischen Zentralisierungstrend. Die Zentralisierer-Modernisierer waren immer schnell mit dem Vorwurf der Technikfeindlichkeit zur Hand. Doch dieser Vorwurf war und ist unfair. Wer sich politisch und wirtschaftlich nicht erpressen und bevormunden lassen wollte – weder vom Staat noch von Konzernen, weder von Gewerkschaften noch von Sicherheitstechnikern –, der hatte primär keinerlei technikfeindliche Motive, sondern Besorgnisse vor einer Technik, die die Freiheitsspielräume eher verminderte als vermehrte.</p>
<p>Zur Freiheit gehört ganz zentral das Ausprobieren, das Fehlermachen und das Lernen aus diesen Erfahrungen. Diese Freiheit soll uns die Technik lassen. Das ist Ivan Illichs Vision von der konvivialen Technik. Und wieder fand Christine von Weizsäcker ein deutsches Wort dafür: die Technik sollte „<em>fehlerfreundlich</em>“ sein. Illich und Bob Jungk waren begeistert von dem Wort. Und mit ihnen alsbald Millionen derer, denen bei den aktuellen Zentralisierungstrends und insbesondere bei den Ausbauplänen der Kernenergie mulmig war.</p>
<h2>Energiewende</h2>
<p>Die Energiepolitik war der symbolisch wichtigste Sektor der Technikdebatte im ausgehenden 20. Jahrhundert. Hier zeigte sich der damalige Zentralisierungstrend besonders deutlich. Hier wuchs zuerst der Widerstand gegen die zentralen Großtechniken, insbesondere der Kernenergie.</p>
<p>Die stärksten Argumente für die zentralisierte Energietechnlogie waren der historisch unaufhaltsam gewachsene Energiebedarf, dessen Projektion in die Zukunft und das Fehlen einer im Preis konkurrenzfähigen dezentralen Alternative. Wer die Serie der immer größer werdenden Konferenzen des World Energy Council verfolgt hat und die Schriften der zur OECD gehörigen Internationalen Energieagentur liest, weiß, dass die Zunahme des Energiebedarfs [3] und die Kostensenkung durch Größe der Anlagen nahezu wie naturgegebene, nicht mehr zu hinterfragende Trends angesehen wurden.</p>
<p>In Wirklichkeit handelte es sich um einen grandiosen Mythos. Das wird aber erst heute sichtbar. Vier Ereignisse oder Entwicklungen haben den Mythos erodiert:</p>
<p>Die Ölpreisschocks von 1973 und 1978 zeigten, wie preisabhängig der Bedarf ist. Als Antwort des Nordens auf die explodierenden Ölpreise wurden natürlicherweise Kohle, Kernenergie und Energieeffizienz (z.B. Kraft-Wärmekopplung) gefördert. Und die Bedarfsprognosen für Öl und für Energie insgesamt konnten von Jahr zu Jahr nach unten korrigiert werden.</p>
<p>Die Kernenergieoption wurde im Gefolge der Unfälle von Harrisburg und vor allem Tschernobyl und der Desillusionierung mit Wiederaufbereitung und Entsorgung immer unattraktiver und unpopulärer. Über 7% der Weltenergieversorgung ist die Kernenergie historisch nie hinaus gekommen. Diese Technik hat das Kriterium der Fehlerfreundlichkeit nie zu erfüllen vermocht. Robert Jungks anfänglich für radikal übertrieben gehaltenen Mahnungen sind durch die Geschichte weitgehend bestätigt worden.</p>
<p>Die Analyse der tiefen Bohrlöcher im antarktischen Eis bestätigte Mitte der achtziger Jahre die schon hundert Jahre früher postulierte Korrelation zwischen CO2-Konzentrationen und Temperaturen auf der Erde. Es setzte eine hektische Klimadiplomatie ein, die bis 1992 in Rio de Janeiro zum Abschluss der Rahmenkonvention zum Klimaschutz und 1997 in Kioto zum ersten konkretisierenden Protokoll führte. Die fossile Alternative zur Kernenergie war damit ebenfalls gedeckelt.</p>
<p>Die „Energiewende“, 1979 vom Freiburger Öko-Institut programmatisch ausgerufen, wurde zur Erfolgsgeschichte. In den USA war vielerorts das Least Cost Planning eingeführt worden, und in Deutschland blühten die kommunalen Energieeffizienzmodelle. In beiden Ländern waren die Gebietsmonopole für Strom (und Gas) mit ihrem hohen Preisniveau und entsprechend rentablen Einsparpotentialen die Voraussetzung für das Gelingen. Für die erneuerbaren Energien setzte der deutsche Umweltminister Töpfer ein großzügiges Einspeisegesetz durch.</p>
<p>So etwa sah die energiepolitische Welt Mitte der neunziger Jahre aus. Mit „Faktor Vier“ versuchten Amory Lovins und ich die Energiewende noch weiter zu beschleunigen: Wenn man aus einer Kilowattstunde oder einem Fass Öl viermal so viel Wohlstand heraus holt, dann kann man in Europa sämtliche Kernkraftwerke und sämtliche alten Kohlekraftwerke still legen und gleichzeitig den Wohlstand verdoppeln.</p>
<h2>Die Liberalisierung als „retardierendes Moment“</h2>
<p>Doch so einfach ist die Entwicklung nicht gekommen. Just zu der Zeit, als der Mythos vom stetig wachsenden Energiebedarf zerbröckelte, setzte sich der neoliberale Zeitgeist in der Energiepolitik durch. Strategisch und konsequent wurde die Liberalisierung, die Deregulierung der Energiemärkte durchgesetzt, mit der erklärten Zielsetzung, die als überhöht bezeichneten Preise von Strom und Gas zum Purzeln zu bringen. Gewiss hatte sich als Folge der geschützten Märkte eine erhebliche und volkswirtschaftlich teure Ineffizienz eingeschlichen, die man legitimerweise durch Wettbewerb korrigieren sollte. Aber mehr Wettbewerb brauchte nicht notwendigerweise niedrigere Durchschnittspreise bedeuten, &#8211; bei einem Gut, welches nach den Lehren von Tschernobyl und Treibhauseffekt als letztlich sehr knappes Gut einzustufen war. Der Markt war blind für diese langfristige Knappheit und löste einen Preisverfall auf breiter Ebene aus.</p>
<p>In den USA führte der Preisverfall zu einem weitgehenden Zusammenbruch der Einsparbemühungen, zu einem Hochschnellen des Stromverbrauchs &#8211; auch durch die rasante Ausbreitung elektronischer Geräte ausgelöst. Gleichzeitig kam es, wegen trister Gewinnerwartungen bei Kraftwerksneubauten zu einer eklatanten Investitionsmüdigkeit. Ständige Beinahe-Blackouts bei gleichzeitig höchst ineffizientem Stromeinsatz sind die Folge. Und jetzt (im Sommer 2000) reagiert der Markt wie im Schweinezyklus: die Preise schnellen wieder nach oben, und lauter Neubauten werden geplant. Schweinezyklen kann man weder ökonomisch noch ökologisch als wünschenswertes Ziel des Stromwettbewerbs bezeichnen.</p>
<p>In Europa, wo die Deregulierung noch jüngeren Datums ist als in den USA, ist die Konsequenz noch nicht so weit gediehen. Der Stromüberschuss ist noch beträchtlich. Auch haben einige Länder den Wettbewerb verzögert (insbesondere Frankreich) oder recht vernünftig gestaltet (insbesondere Dänemark, Schweden und die Niederlande). Ferner versuchen die meisten Länder mit Quotenregelungen und mit Stromsteuern die Rentabilität der Kraft-Wärmekopplung und anderer Effizienzmaßnahmen aufrecht zu erhalten. Die weitest gehende Regelung zur Förderung der erneuerbaren Energien unter den Bedingungen des Binnenmarkts ist dem Deutschen Bundestag gelungen, der die bestehende Einspeiseregelung verstetigt und verbessert hat, so dass Deutschland heute als Dorado der erneuerbaren Energien gilt.</p>
<p>Gleichwohl ist unter den neuen Bedingungen der Erhalt der Energiewendeerfolge ein stetiger Bergaufkampf. Leichter wird es erst wieder, wenn ein breiter gesellschaftlicher Konsens gegen Energievergeudung und für erneuerbare Energien etabliert ist, auch in Ländern wie USA, Russland und Kanada, mit denen die EU im wirtschaftlichen Wettbewerb steht. Erst ein erneuter breiter Sinneswandel kann die neuen Zeitgeistfehler beenden. Auf dass die unbesonnene Deregulierung in historischer Perspektive als „retardierendes Moment“ eingestuft werden kann.</p>
<h2>Eigenenergien</h2>
<p>Damit kehren wir zum Ausgangspunkt zurück. Die politische Basis für den Sinneswandel sehe ich in dem tief sitzenden Wunsch von Bürgern und Verbrauchern, frei und ohne Erpressung durch Großstrukturen handeln zu können und sich in Krisenzeiten notdürftig selbst über Wasser halten zu können. Auch der Zuspruch, den das Prinzip der ökologischen Nachhaltigkeit erfährt, stärkt die politische Basis.</p>
<p>Es kommt entscheidend darauf an, diese doppelte Basis zu stärken. Hier liegt der Charme der dezentralen, erneuerbaren Energien, wie sie Joachim Nitsch vertritt. Es sind „Eigenenergien“, die einem nicht von fernen Konzernen vorgesetzt werden, sondern auf deren Gewinnung und Nutzung man einen fühlbaren Einfluss hat.</p>
<p>Die Technik soll nicht vom Hersteller sondern vom Anwender her beurteilt werden. Das gilt übrigens ganz besonders von der Technikwelle, die heute im Mittelpunkt des Interesses steht, der <em>Informationstechnik</em>. Sie spielt auch bei der Fortentwicklung der Energiepolitik eine zentrale Rolle. Wird sie aber nur vom Anbieter her gesehen, dann hat sie eine den Trend der Globalisierung und der Großstrukturen verstärkende Wirkung. Vom Nutzer her eingesetzt wird sie dagegen dem gewünschten Sinneswandel nützen. Der Internet-gestützte weltweite Erfahrungsaustausch, die kostengünstige Beschaffung über e-commerce, die elektronische Systemsteuerung (z.B. bei Biogas), die automatisierte Abrechnung der Einspeisung, &#8211; all das hat einen die Vitalität der Dezentralität stärkenden Effekt. Für die Freunde der Energiewende ist die I&amp;K-Technologie höchst willkommen.</p>
<p>Der Einsatz für die Energiewende verlangt Ausdauer und hohe politische Mobilisierungskunst. Eine Dreierkoalition ist mir dafür am wichtigsten: die Vertreter der Erneuerbaren Energien (auf die derzeit die Konjunktursonne scheint), die Vertreter der Energieeffizienz (die derzeit einen höllisch schweren Stand haben) und die Vertreter des Handwerks, der Landwirtschaft und des Kleingewerbes (die sich traditioneller Weise politisch in einem anderen Lager befinden als die Erstgenannten).</p>
<p>Für die Vertreter der Erneuerbaren Energien ist es wichtig, dass sie sich uneingeschränkt mit der Erhöhung der Energieproduktivität identifizieren. Ohne Energieproduktivität sind die Erneuerbaren Energien keine ökologisch brauchbare Lösung. Um den heutigen deutschen Strombedarf mit Windkraft und den Spritbedarf mit Biodiesel zu decken, müsste man praktisch das ganze Land in eine Art Windpark- und Biodiesel-Plantage verwandeln, &#8211; ein ökologischer Albtraum. Ein Faktor vier in der Energieproduktivität – und schon ist die Bedarfsdeckung durch Erneuerbare ein Segen.</p>
<p>Mit dem Handwerk, der Landwirtschaft und dem sonstigen Kleingewerbe sollte die Kooperation gut gelingen. Schließlich ist fast jede Installation dezentraler Eigenenergien handwerksintensiv und gewinnt Mehrwert aus der Fläche. Ein Konfliktpunkt ist die ökologische Steuerreform. Sie ist als Hebel zur Erhöhung der Energieproduktivität und zur Stärkung dezentraler Produktionsstrukturen gemeint. Doch die Ausnahmeregelungen sind in Deutschland ausgerechnet zu Gunsten der energieintensiven Industrie, nicht des Kleingewerbes gemacht worden, unter der Annahme, dass nur die Industrie dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sei. Durch die Ausnahmeregelung entfällt dort aber der zusätzliche Effizienzanreiz und das Kleingewerbe fühlt sich im Vergleich dazu unfair benachteiligt und schießt aus allen Rohren auf die Ökosteuer.</p>
<p>Diesen für die Eigenenergien misslichen Konflikt gilt es durch eine geeignete Neugestaltung der ökologischen Steuerreform auszuräumen – aber eine Festschrift ist nicht der richtige Ort, um diese Gedanken auszuformulieren.</p>
<p>Ein guter Kitt für die notwendige Koalition ist die Steuer- und Abgabenfreiheit für geringfügig Beschäftigte. Die „630-Mark-Jobs“ sind viel näher an den erneuerbaren Energiequellen und der Energieeffizienz als an der Verschwendung und den zentralen Versorgungsstrukturen. Sie haben die Eigenarbeit in einem legitimen Umfang in den Raum des Gelderwerbes hinein geöffnet (obschon natürlich sehr viele dieser Jobs alles andere als konviviale Eigenarbeit sind).</p>
<p>Koalitionen alleine bringen noch keinen Sinneswandel zustande. Die Vision muss da sein. Die Vision, dass das selber Anpacken sich lohnt, dass man eine Technik mit dem Menschen statt gegen den Menschen entwickeln kann. Eine Technik, die die eigenen Energien weckt. Das ist die Vision der „Eigenenergien“, welcher diese Festschrift gewidmet ist.</p>
<h2>Literatur</h2>
<ul>
<li>Bierter, Willy und Ernst von Weizsäcker. Strategien zur Überwindung der Arbeitslosigkeit. S. 57-74 in: Technologie und Politik, Band 8, Reinbek: Rowohlt 1977.</li>
<li>Illich, Ivan. Schattenarbeit. S. 75-93 In: Ders.: Vom Recht auf Gemeinheit. Reinbek: Rowohlt.1982.</li>
<li>Jungk, Robert. Der Atomstaat. München: Kindler.1977</li>
<li>Hennicke, Peter, Jeffey Johnson, Stephan Kohler und Dieter Seifried. Die Energiewende ist möglich. Für eine neue Energiepolitik der Kommunen. Frankfurt a.M.: Fischer, 1985</li>
<li>Nitsch, Joachim, Joachim Luther. Energieversorgung der Zukunft. Berlin, Heidelberg: Springer, 1990.</li>
<li>von Weizsäcker, Christine und Ernst von Weizsäcker. Für ein Recht auf Eigenarbeit S.185-189 in: Technologie und Politik, Band 10. Reinbek: Rowohlt. 1978.</li>
<li>von Weizsäcker, Christine und Ernst von Weizsäcker. Eigenarbeit in einer dualen Wirtschaft, S. 91-103 in Joseph Huber (hrsg.) Andersarbeiten –anders wirtschaften. Frankfurt: Fischer alternativ, 1979.</li>
<li>von Weizsäcker, Ernst Ulrich, Amory Lovins und Hunter Lovins. Faktor Vier. München: Droemer. 10. Aufl., 1997.</li>
</ul>
<p><em>Beitrag von Ernst Ulrich von Weizsäcker zur Festschrift „Energie im Wandel“ für Joachim Nitsch Herausgegeben von Ole Langniss und Martin Pehnt Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, 2001</em></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wider den Sozialdarwinismus – Ökologisch-evolutionäre Reflexionen</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/wider-den-sozialdarwinismus-oekologisch-evolutionaere-reflexionen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Jun 1999 06:00:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Manuskripte]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
		<category><![CDATA[Vorträge]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Überleben]]></category>
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					<description><![CDATA[Beim heutigen Vortrag spreche ich über den Sozialdarwinismus, einer schrecklichen und zugleich weit verbreiteten Geisteshaltung. Ich wende mich gegen den Sozialdarwinismus. Und damit spreche ich auch gegen den Krieg.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/wider-den-sozialdarwinismus-oekologisch-evolutionaere-reflexionen/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>28. Deutscher Evangelischer Kirchentag Stuttgart 16.–20. Juni 1999</em><br />
<em> Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, MdB, Mitglied des Präsidiums des Evangelischen Kirchentags</em></p>
<p>Beim heutigen Vortrag spreche ich über den Sozialdarwinismus, einer schrecklichen und zugleich weit verbreiteten Geisteshaltung. Ich wende mich gegen den Sozialdarwinismus. Und damit spreche ich auch gegen den Krieg.</p>
<p>Das letzte Vierteljahr war das Quartal des Kosovo-Krieges. Wie ein böser, dunkler Schatten hängt er noch über uns, gerade jetzt, wo immer mehr grausige Details ans Licht kommen.</p>
<p>Jeder Krieg ist immer auch ein Lehrstück in Sachen „Sozialdarwinismus“. Einer gewinnt meistens. Aber alle sind auch Verlierer. Und der Gewinner ist <em>keineswegs</em> immer der mit der besseren <em>Moral</em>. Die serbische Führung hatte zwar sicher <em>nicht</em> die Moral auf ihrer Seite. Aber oft war es in der Geschichte der Kriege umgekehrt, und der moralisch bessere hat verloren. So etwa die Indianer in Nord- und Südamerika, die von europäischen Eindringlingen besiegt, betrogen, vertrieben, und ermordet wurden. Auch die Eroberung Afrikas und großer Teile Asiens durch europäische Invasoren war moralisch durch nichts gerechtfertigt.</p>
<h2>Moralisch gerechtfertigt ist eigentlich immer nur der Frieden</h2>
<p>Der Höhepunkt der unmoralischen Eroberungen, des Sklavenhandels und anderer zutiefst verwerflichen Handlungen von uns Europäern wurde im 19. Jahrhundert erreicht. Das war auch das Jahrhundert von Charles Darwin, dem großen britischen Naturforscher, der den Vorgang der Evolution verstehbar gemacht hat. Über ihn spreche ich zuerst. Anschließend wende ich mich den gesellschaftlichen Missverständnissen zu, die Darwin immer wieder ausgelöst hat. Und da steht im Zentrum der „Sozialdarwinismus“. Unter diesem Stichwort, ja Kampfwort, haben die jeweils „Starken“ in der Gesellschaft immer wieder die Rechtfertigung für eine Politik gesucht, die ihnen selber <em>in der Jetztzeit</em> nützt und den Schwachen und den zukünftigen Generationen eher schadet. Heute tritt der Sozialdarwinismus hauptsächlich im Gewande des angelsächsischen Kapitalismus auf. Auch diesen nehme ich aufs Korn. Doch soweit sind wir noch nicht.</p>
<h2>Darwin: ein sorgfältiger Biologe</h2>
<p>Zu Darwins Zeit, sagen wir 1840, kannte man schon eine große Vielfalt von versteinerten Tier- und Pflanzenresten. Schon vor Darwin gab es Forscher, unter ihnen Goethe, die die Entfaltung des Lebens durch die Urzeitalter zu verstehen versuchten. Doch erst Darwin kam mit einer schlüssigen Erklärung. Er erkannte die „natürliche Zuchtwahl“ als die bestimmende Kraft der Evolution. War der Hals der Giraffe lang genug, um an das Laub hoher Bäume heranzukommen, dann konnte sie sich in Savannen halten und ausbreiten, in denen hohe Bäume dominieren. Ein Specht, der mit einem kräftigen Schnabel in die Borke schlagen kann, um an Insekten heranzukommen und sich Nisthöhlen im Stamm zu schaffen, hat es gut im Wald. Hirsch-, Löwen- oder Buchfinkenmännchen, die sich im Streit mit anderen durchsetzen, haben eher Nachkommen als die Unterlegenen.</p>
<p>Doch die natürliche Zuchtwahl besteht keineswegs bloß im Streit. Genauso wichtig sind gute Tarnung, gute Brutfürsorge, Kooperation oder „Symbiose“ mit anderen Tieren oder Pflanzen. Wenn eine Insektenart lernt, an den begehrten Nektar einer Blütenpflanze etwas geschickter heranzukommen, ist das gut für das Insekt und seine Nachkommen. Auch für die Pflanze entsteht ein Nutzen, weil sie dem Insekt Blütenpollen als blinden Passagier mitgeben kann. Die natürliche Zuchtwahl führt nicht selten zu einer Ko-Evolution von Pflanzen und Tieren, zum beiderseitigen Nutzen.</p>
<p>Ganz oft ist also nicht die schiere Kraft gut fürs Überleben, sondern eben diese Fähigkeit zur Symbiose, zur Kooperation. Oder etwa die Fähigkeit, mit kaltem Wetter und kärglicher Nahrung auszukommen. Das war ja die Überlegenheit der schwachen, kleinen Warmblüter über die gigantischen Saurier, als die Kreidezeit mit einem Klima-Kälteschock zuende ging.</p>
<p>Die eleganten Spezialisierungen hatten es Darwin besonders angetan. Auf den Galápagosinseln, vom südamerikanischen Festland 1000 Kilometer entfernt, fand er Finken, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Die spätere Analyse der Vogelbälge in London ließ bei diesen Finken auf die erstaunlichsten Spezialisierungen schließen, wie sie die Verwandten vom Festland nie hatten. Da stand für Darwin fest: Das Fehlen von Papageien, Spechten, Meisen und Vampiren auf den Inseln erlaubte den Abkömmlingen der vor langer Zeit einmal gestrandeten Finken eine Evolution in Spezialisierungen hinein, die auf dem Festland von anderen Gattungen längst zur Perfektion entwickelt waren. Diese Finken waren für Darwin der Beweis für die Theorie von der natürlichen Zuchtwahl (1).</p>
<p>Die Insellage schützte die Finken vor einem Wettbewerb, den sie nur verlieren konnten. Die Durchsetzung des Wettbewerbs aller gegen alle an jedem Platz der Erde – das war <em>nicht</em> Darwins Denke. Aber genau das ist es, was uns manche Ökonomen unter Berufung auf Darwins Zuchtwahlprinzip als den Inbegriff der Evolution verkaufen wollen.</p>
<h2>Sozialdarwinismus</h2>
<p>Darwins Evolutionstheorie durch natürliche Zuchtwahl wurde alsbald zu einem der ganz großen Themen im viktorianischen, imperialen England. Ein Gutteil von Darwins ungeheurer Berühmtheit hing allerdings mit seinem zweiten großen Werk zusammen, dem Buch über die Abstammung des Menschen: Auch der Mensch musste von Ahnen abstammen, die ihrerseits noch keine Menschen waren. Und das mussten Affen gewesen sein. Denn aus Libellen, Meerschweinchen oder Pferden konnten durch keine noch so geniale Evolutionsdynamik in der zur Verfügung stehenden Zeit Menschen werden. Darwin wurde aller Öffentlichkeit als der Mann bekannt, der sagte, <em>dass der Mensch vom Affen abstammt</em>.</p>
<p>Für aufgeklärte Geister war das nicht weiter schockierend. Wer sich modern fühlte und wer aus irgendwelchen Gründen noch eine offene Rechnung mit dem verkalkten Klerus jener Zeit hatte, für den war Darwin der Held. Doch damit war Unheil vorgezeichnet. Denn nun lag es für moderne, wissenschaftlich aufgeklärte Menschen nahe, Darwin auch gegen andere Positionen der Kirche in Anspruch zu nehmen, so etwa gegen die karitative Nächstenliebe. Unversehens verbündete sich das wissenschaftliche Aufklärertum mit einer Politikauffassung, für die der Fortschritt unter Menschen durch natürliche Zuchtwahl angetrieben wird. Verkürzt heißt das: Wer modern war, plädierte für die Ellenbogengesellschaft. Und die wurde ja auch im unfairen Kampf gegen Indianer, Afrikaner und Asiaten weidlich praktiziert.</p>
<p>Ein deutscher Biologe tat sich mit der Vereinfachung und Brutalisierung von Darwins biologischen Gedanken besonders hervor: Ernst Haeckel. Darwins vorsichtigen Begriff des „struggle for life“, des Strampelns fürs Leben, übersetzte er kurzerhand mit „Kampf ums Dasein“. Haeckels ganze Denkweise und Sprache ist aus heutiger Sicht absolut anwidernd. Dort heißt es etwa:</p>
<blockquote><p>„Der grausame und schonungslose ‚Kampf ums Dasein‘, der überall in der lebendigen Natur wütet und wüten muss, diese unaufhörliche und unerbittliche Konkurrenz alles Lebendigen ist eine unleugbare Tatsache; nur die auserlesene Minderzahl der bevorzugten Tüchtigen ist im Stande, diese Konkurrenz glücklich zu überstehen, während die große Mehrzahl der Konkurrenten notwendig elend verderben muss.“ (2)</p></blockquote>
<p>Auch wenn Haeckel behauptete, nicht Politiker, sondern Wissenschaftler zu sein, waren Sprüche wie diese eindeutig politisch gemeint. Ganz ausdrücklich erklärte Haeckel, dass der Darwinismus sich nicht mit dem Sozialismus vertrüge. In Haeckels grausigen Sprüchen liegt auch die Wurzel für den genial-schrecklichen Philosophen Friedrich Nietzsche, bei dem wir lesen: „Man soll das Verhängnis in Ehren halten; das Verhängnis, das zum Schwachen sagt, ‚geh zugrunde‘“. (3)</p>
<p>Auch in England, dem Stammland der Selektionstheorie, gab es ähnliche Stimmen. Die Übertragung des Darwinismus auf einen angenommenen <em>gesellschaftlichen</em> Kampf ums Dasein wurde hauptsächlich von Herbert Spencer vertreten. Spencer, ursprünglich Journalist beim <em>Economist</em>, hatte Darwin gut gelesen und einigermaßen begriffen. Er begriff insbesondere, dass die Höherevolution der Organismen seit Darwin auch ohne äußere Eingriffe erklärt werden konnte.</p>
<p>Alsbald fing Spencer an, politisch dafür zu agitieren, dass alle Eingriffe in die Gesellschaft und in ihre natürliche Zuchtwahl unterbleiben sollten. Der Kampf ums Dasein würde dann schon die Besten auswählen. Als er einmal in den Elendsvierteln des damaligen New York Tausende dahinsiechen und zugrunde gehen sah, schrieb Spencer, er sei der privilegierte Beobachter eines soeben stattfindenden Evolutionsprozesses gewesen. Das ist eine Extremform des Sozialdarwinismus.</p>
<p>Konsequenterweise entwickelte Spencer einen regelrechten Hass auf den Staat und die Kirche, die mit mildtätigem Handeln der Evolution ins Handwerk pfuschten. Dem Staat komme höchstens die Rolle zu, das Wirken der Selektion zu schützen, sagte Spencer. Und damit wurde er zusammen mit Ernst Haeckel zum geistigen Ziehvater aller späteren Formen des Sozialdarwinismus.</p>
<p>Die Bibel ist tatsächlich eine Art Kontrastprogramm dazu. „Die Friedfertigen werden die Erde besitzen“, heißt es in der Bergpredigt. Meine Biologen-Erfahrung sagt mir, dass Tyrannosaurier und Säbelzahntiger wieder verschwunden sind, während sich Regenwürmer, symbiontische Darmbakterien und gut getarnte Nachtfalter relativ ungestört millionenfach vermehren. In der Bergpredigt ruht scheint&#8217;s mehr Realitätssinn als in den markigen Sprüchen der Sozialdarwinisten Haeckel und Spencer.</p>
<p>Drei Formen des Sozialdarwinismus verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit: die Eugenik, die Naziideologie und der gegen den Sozialstaat kämpfende Wirtschaftsliberalismus.</p>
<h2>Eugenik</h2>
<p>Eng mit dem Sozialdarwinismus verwandt ist die <em>Eugenik</em>, die auch in seiner direkten Folge entstand. Die Grundlage hatte außer Spencer auch A.R. Wallace gelegt, welcher Darwin mit einer Schrift über die natürliche Selektion um ein Haar zuvorgekommen war. Wallace schrieb sorgenvoll, dass die natürliche Selektion nicht zugunsten von Moral und Intelligenz wirke, denn es seien zweifellos die mittelmäßigen, um nicht zu sagen die niedrigen bezüglich Moral und Intelligenz, die am besten überlebten und sich fortpflanzten.</p>
<p>Diese Befürchtung, dass sich die Wohlanständigen und Intelligenten weniger rasch vermehrten als die elenden Massen, zieht sich durch die ganze neuere Menschheitsgeschichte. Heute zeigen sich viele erschreckt davon, dass sich die Menschen in den Entwicklungsländern rascher vermehren als die in den Industrieländern. Dass wir Deutschen uns vor hundert Jahren viel rascher vermehrt haben als heute Inder oder Ägypter, wird dabei stets verschwiegen. Und sind wir Deutschen den Indern und Ägyptern etwa an Moral oder Intelligenz überlegen, weil wir mehr Autos und mehr Geld haben?</p>
<p>Wie auch immer, im viktorianischen England war das biologische Überhandnehmen der Elenden eine sehr verbreitete Sorge. Und sie wurde mit moralischen Kategorien diskutiert. Jane Clapperton und Francis Galton, der Schöpfer des Wortes Eugenik, machten aus den <em>Analysen</em> über die unterschiedlichen Vermehrungsraten ein politisches <em>Programm</em>. „Wissenschaftliche Meliorisierung“ nannte Frau Clapperton ihre Idee von einer genetischen Höherentwicklung, eben der Eugenik. „Das Blut der Rasse wird nicht durch moralische Krankheit vergiftet werden“, sagt sie in der gestelzten, sich prophetisch gebenden Sprache ihrer Streitschrift über die ideale Gesellschaft. Und weiter:</p>
<blockquote><p>„Die sozialen Wächter werden nicht sorglos bezüglich des Glücks künftiger Generationen sein. Daher wird der Verbrecher gewaltsam daran gehindert, seine lasterhafte Brut fortzuzeugen. &#8230; Das gereinigte Blut und die unvermischte Qualität in den Adern der Briten wird diese Rasse in die Lage versetzen, sich weit über das heutige Niveau der natürlichen Moral zu erheben.“ (4)</p></blockquote>
<p>Dass es bei der Eugenik um Moral, Charakter und Intelligenz ging, war insbesondere Francis Galton&#8217;s Meinung, welcher größere Berühmtheit erreichte als Frau Clapperton. Von ihm stammt die programmatische Aussage: „Die <em>natürliche</em> Selektion beruht auf Überschussproduktion und massenhafter Vernichtung. Die <em>Eugenik</em> beruht darauf, dass nicht mehr Individuen in die Welt gesetzt werden als gut versorgt werden können, und die nur von bester Abstammung.“ (5)</p>
<p>Bei der Verherrlichung der Eugenik wird diese als der zivilisatorische Fortschritt gegenüber der blinden Natur dargestellt. Auch dieser Gedanke taucht seither in unterschiedlichen Gestalten immer wieder auf. Heute in der Gestalt der Werbung für gentechnische Eingriffe zur Verhinderung von Erbdefekten.</p>
<p>Die Idee mag bestechend sein. Aber in ihr liegt zugleich der Keim des Verbrecherischen. Wer entscheidet über gut und schlecht? Welche Gene sind erwünscht? Was darf der Mensch? Wer schützt die Vielfalt? Wie schützen wir die Vielfalt vor der Tyrannei des Modegeschmackes, des Geldes oder der Krankenversicherungen? Alles Fragen, auf die ich keinerlei vertretbare Antwort kenne. Ich ziehe daraus den Schluss, den Wahn der Eugenik abzulehnen.</p>
<h2>Die verbrecherische Naziideologie</h2>
<p>Uns Deutschen schmerzhaft bewusst ist eine besonders verbrecherische Form dieses Wahns: die nationalsozialistische „Rassenhygiene“. Damit sind wir bei der zweiten zu besprechenden Form des Sozialdarwinismus.</p>
<p>Wer über den Kampf ums Dasein unter Menschen sprach, hatte, grob gesagt, zwei Möglichkeiten: entweder es war ein Kampf der Individuen oder Familien gegeneinander, oder es war ein Kampf der biologischen Rassen.</p>
<p>Der deutsche Nationalsozialismus verschrieb sich also dieser Auffassung vom Kampf der Rassen gegeneinander. Allerdings gab es schon lange vor Hitler rassistisch-darwinistische Kampfschriften. Fast zeitgleich mit Darwin publizierte der französische Diplomat Arthur Graf Gobineau sein vierbändiges Werk über den Kampf der Rassen. 40 Jahre später, 1899, behauptete Richard Wagners Schwiegersohn und Bewunderer Houston Stewart Chamberlain die Überlegenheit speziell der arischen Rasse. Und wieder ein Vierteljahrhundert später fasste der Freiburger Professor Hans Friedrich Karl Günther das wissenschaftlich höchst anfechtbare Gedankengut mundgerecht für primitive Gemüter auf deutsch zusammen.</p>
<p>Für heutige Biologen ist ein durchgehendes Vorurteil der Rassisten <em>besonders</em> irritierend: der allen Erfahrungen der Biologie widersprechende <em>Reinheitswahn</em>. Mischlinge haben nämlich systematisch Tüchtigkeitsvorteile gegenüber Reinrassigen.</p>
<p>Aber am Ende waren es aber nicht biologische Denkfehler und Wahnvorstellungen, die dem Spuk der Rassenideologie ein Ende gemacht haben. Vielmehr war es das moralisch durch und durch verwerfliche Verhalten, der Massenmord und der verbrecherische Angriffskrieg, der Hitler-Deutschland und damit zugleich seine sozialdarwinistische Rassenideologie in den Untergang geführt hat. Hitler und seine Schergen waren immerhin konsequent, zynisch konsequent, wenn sie gegen Kriegsende gelegentlich verbittert ausriefen, eine Rasse, die diesen Entscheidungskampf nicht gewinne, sei es auch nicht wert, zu überleben.</p>
<h2>Der historische Sieg des angelsächsischen Denkens</h2>
<p>Das Ende des Zweiten Weltkriegs war nicht nur das Ende des rassistischen deutschen Sozialdarwinismus. Es war zugleich der wichtigste Sieg im weltweiten Siegeszug des angelsächsischen Denkens. Dieses angelsächsische Denken lässt sich am besten als das Denken der <em>Händler</em> in der alten, bösen Gegenüberstellung von Werner Sombart beschreiben. Sombart stellte die Tugenden der „Wächter“ den Untugenden der „Händler“ gegenüber. Die Wächter, das waren die Sittenwächter, das Volk, der Staat oder die Kirche. Die Händler, das waren die, die nur ans schnöde Geld denken und die das, was andere im Schweiße des Angesichts geschaffen hatten, mit Profit weiter verkaufen. Diese karikaturhafte Kapitalismuskritik von Sombart hatte auf die National<em>sozialisten</em> einen prägenden Einfluss, und sie wurde ruchlos als Waffe zur Diskreditierung der Juden eingesetzt, denen man die schnöden Motive der Händler anhängte. Und auch die Engländer und Amerikaner wurden als Völker des Handels beschimpft.</p>
<p>1945 hatten also diese Händler über die eine bestimmte Sorte von Wächtern gesiegt. Der Sieg war ideologisch total. Die Nachkriegszeit kann getrost als die Zeit des amerikanischen Siegeszuges angesehen werden. Das ökonomische Prinzip setzte sich international durch, zunächst im Westen. Das kann man besonders eindrucksvoll an der schrittweisen Entwicklung Westeuropas studieren. Doch ein großer Gegner war noch da: der Kommunismus, der im Sombart&#8217;schen Sinne ebenfalls ein System der „Wächter“ war.</p>
<p>Doch siehe da, 1989/90 wurde auch dieser Wächtertyp besiegt. Seither haben die Händler weltweit das Sagen. Es dauerte nur zwei Jahre, bis 1992, als Jane Jacobs (6) Sombarts karikaturhafte Gegenüberstellung wieder aufgriff, aber diesmal mit umgekehrtem Vorzeichen. Für Jacobs ist der Sieg der Händler historisch zwangsläufig und <em>moralisch</em> gut begründet. Bei ihr sind die Händler die Guten und die Wächter die Bösen. Die Händler werden als absolut friedlich dargestellt. Sie stehen in einem waffenlosen Wettbewerb miteinander, welchen ganz einfach der beste für sich entscheidet. Demgegenüber sind die Wächter mit den finsteren Mächten im Bunde. Mal sind es verdorbene Päpste, mal sind es Nazis, mal Kommunisten und dann wieder islamische Fundamentalisten, und immer benutzen sie den Staat, und manchmal auch Waffengewalt, um ihre moralisierenden Lehren durchzusetzen.</p>
<p>Jane Jacobs hat in Wirklichkeit <em>selbst</em> eine moralisierende Karikatur produziert. Während des unaufhaltsamen Siegeszuges der Händler und des angelsächsischen Denkens hat sich nämlich eben dort ein mächtiges Moralisieren breitgemacht. Und auch die Händler mit ihrer Art Moral haben sich den Staat untertan gemacht. In letzter Konsequenz verlangen auch sie, dass die Freiheit des Handels notfalls mit staatlicher Waffengewalt durchgesetzt wird. Hierzu befrage man, wenn man noch Zweifel hat, einen beliebigen amerikanischen Kongressabgeordneten.</p>
<p>Die Unterwerfung des Staats unter das Gesetz der Händler geht so: Das Kapital, welches sich praktisch ungehindert über alle Erdteile bewegen kann, erzeugt einen „Standort-Wettbewerb“ um die günstigsten Investitionsbedingungen. Diesen Standortwettbewerb kann nur derjenige Staat gewinnen, der sich den Gesetzen des Kapitals und seinen Wünschen nach Selbstvermehrung unterwirft.</p>
<p>Die Vertreter des Kapitals benutzen für diese Unterwerfung übrigens eine rührende Sprechweise. Sie sagen, das Kapital sei „scheu wie ein Reh“. Beim geringsten bürokratischen oder steuerlichen Missklang wird es scheu und geht woanders hin. Gerade diese Märchensprache der angeblich so friedfertigen Händler macht mir die Sache unheimlich. Sie dient auch dazu, sozialpolitisch explosive Tatsachen zu verschleiern: Der Abstand zwischen Reich und Arm vergrößert sich laufend, und die Steuern auf Kapitalzinsen sind viel, viel niedriger als die Abgaben auf Erträge aus menschlicher Arbeit.</p>
<p>Das Unheimliche am Sieg des angelsächsischen Denkens ist sein verkappter <em>Sozialdarwinismus</em>. Der freie Wettbewerb ist nämlich auch ein System der „natürlichen Zuchtwahl“. Und weiter noch: Beim Wettbewerb der Systeme und der Staaten gegeneinander ist derjenige überlegen, welcher diesen Zuchtwahl-Mechanismus <em>pflegt</em>. Sozialpolitik, juristische Sorgfalt oder Umweltauflagen hingegen wirken meist als Wettbewerbsnachteile im Werben um das scheue Reh Kapital.</p>
<p>Ich will bei all dem gar nicht bestreiten, dass das Werben um das mobile Kapital auch viel Gutes hat, dass es hilft, bürokratische Verkrustungen und Wasserköpfe abzubauen und frischen Wind ins Land zu bringen. Dass aber der Wettbewerb der Standorte automatisch die guten Systeme gegen die schlechten siegen lasse und dass damit das beste aller Systeme herausgezüchtet werde, – das kann ich nicht glauben. Das ist die Märchenwelt angelsächsischer Sozialdarwinisten im modernen ökonomischen Gewand.</p>
<h2>USA: Der Sieg der Starken ist der Sieg der Guten</h2>
<p>Gut contra Schlecht, Stark contra Schwach, Markt contra Staat, das ist die immer wiederkehrende Figur in den USA. Das sagen mir amerikanische Freunde, die mutig dagegen anrennen. Diese schwarz-weiß-malende Denkfigur beherrscht das politische Leben in den USA. Und die Erzählungen und die Medien. Der Sheriff bleibt Sieger auf der Walstatt im Wilden Westen. Er vertritt das Gute, <em>und</em> er ist der Starke. Nach der Dramaturgie der Wildwestfilme ist es oft nicht ganz klar, ob der Sheriff stark ist weil er gut ist, oder ob er gut ist, weil er stark ist. Diese Unklarheit stammt wohl noch aus der Zeit des Eroberungskrieges gegen die Indianer, als es noch hieß: „Ein guter Indianer ist ein toter Indianer“.</p>
<p>Beim Sheriff ist es wie im biologischen Darwinismus: Es wird erst im Nachhinein festgestellt, wer der Tüchtige war. Der Tüchtige war der, der überlebt hat. Wenn man aber die optimistische Grundannahme hat, dass es im Laufe der Evolution <em>prinzipiell</em> aufwärts geht, dann ist man in Versuchung zu sagen, der Sheriff war deshalb gut, weil er als Sieger auf der Walstatt blieb.</p>
<p>Da tut sich die beklemmende Frage auf, was das für die Moral im Krieg bedeutet. Vor allem, wenn Amerika teilnimmt.</p>
<p>Was für den Wildwestfilm gilt, hat eine machtvolle Aktualität in den ungezählten Zeichentrickfilmen, denen amerikanische und zunehmend auch europäische Kinder durch das Fernsehen ausgesetzt sind. Da wird mit einer grausig raschen Bildfolge geboxt, geschossen, zermalmt und vergiftet. Ängstlich oder lustvoll identifizieren sich die Kinder mit dem, der augenscheinlich der Stärkere ist. Und nachher, am Gameboy oder beim Computerspiel sind die Kinder selbst die Stärkeren, mit mächtigen Kanonen gegen die ebenfalls gut bewaffneten Eindringlinge aus dem Weltraum. Bis die meistens drei Leben verwirkt sind. Dann heißt es Game over. Vielleicht waren die Invasoren am Ende doch die Guten und ich der Schlechte? Dann muss ich&#8217;s noch mal probieren, bis ich das nächste level schaffe. Dann bin ich gut.</p>
<p>Ein bei amerikanischen Youngstern beliebter Fernsehsender bringt abwechselnd high tech, meist militärisch, und Tierfilme, bei denen der Kampf ums Dasein besonders augenfällig und primitiv ist. Derzeit haben die zielgenauen amerikanischen Raketen Konjunktur, die gegen den Irak und Jugoslawien eingesetzt wurden. Bei den Tierfilmen sind Löwen sehr beliebt, wenn sie das schwächste Jungtier aus der Zebra- oder Gnuherde reißen; und wenn ein Löwenstiefvater seine Stiefkinder totbeißt, um seine <em>eigenen</em> Gene weiterzuvererben anstatt denen des vorherigen Vaters. Das Buch „Das egoistische Gen“ von Richard Dawkins (7), das diesen in der Tierwelt seltenen Stiefkindermord populär gemacht hat, war ein absoluter Renner im angelsächsischen Raum.</p>
<p>Dass Delphine kranke Artgenossen stützen, dass sich Nacktmulle opfern und noch rasch den eigenen Fluchtweg zuschütten, um die Kolonie zu schützen, dass Wölfe mit Demutsgesten Streit minimieren, all das hat in der angelsächsischen Publizistik wenig Resonanz. Amerikanische Schulkinder und Zeitungsleser erfahren auch wenig davon, dass es in der Natur raffinierte Mechanismen zum Schutze der Vielfalt, der Schwachen und der Sonderlinge gibt: genetische Mutationen werden am laufenden Band erzeugt; die Mutanten sind meistens rezessiv, das heißt, sie bleiben weitgehend unsichtbar und sind damit vor dem Zugriff der Auslese geschützt, so dass sie sich oft über Jahrmillionen halten und ausbreiten können.</p>
<p>Auch vielfältige Barrieren helfen, die weniger Durchsetzungsfähigen zu schützen, mit der willkommenen Wirkung, dass im Falle großer Umwelt-Änderungen auf einmal eine große Vielfalt von Optionen zur Verfügung steht. Es ist gut für die Evolution und nicht etwa schlecht, wenn sich die Sonderlinge halten, wenn sie nicht durch die Instant-Zuchtwahl verschwinden.</p>
<p>Dem angelsächsischen Wirtschaftsliberalismus mit seiner <em>optimistischen</em> Grundannahme über das Immer-besser-Werden der Welt liegt im übrigen ein systematisch <em>pessimistisches</em> Menschenbild zugrunde. Dieses stammt von Thomas Hobbes vor 350 Jahren. Das pessimistische Menschenbild ist das, was man in wirtschaftsliberalen Kreisen von Hobbes weiß und zitiert. Weitgehend verdrängt wird in diesen Kreisen das, was Hobbes aus seinem Menschenbild für eine Konsequenz gezogen hat: nämlich dass man gerade dann einen starken Staat braucht. Ein „Jeder gegen jeden“-Liberalismus ohne das staatliche Korrektiv zugunsten der Schwächeren, ist strukturell instabil.</p>
<p>Die in Amerika verbreitete Verachtung für den Staat, vor allem den Sozialstaat hat einen hohen Preis. Zwanzig mal mehr Mord- und Totschlagopfer mit Schusswaffen gibt es in den USA im Vergleich zu Deutschland. Wenn Schusswaffen in jedem Haus sind und Kanonenduelle im Computerspiel, und wenn man in Schule und Fernsehen ständig vom Recht der Stärkeren hört, dann ist das auch nicht allzu verwunderlich. Aber nachahmenswert finde ich diesen Zustand nicht.</p>
<p>Wirft man der Marktwirtschaftslehre vor, sie sei am Sozialdarwinismus orientiert, dann bekommt man zu hören, dass es doch gar nicht das Ziel der Marktkonkurrenz sei, Menschen zum Tode zu bringen. Also gehe der Vorwurf ins Leere. Doch das ist zu kurz argumentiert. Wenn der Starke den Schwachen aus dem Felde schlägt, löst er in der Regel beim Verlierer großes soziales Unglück aus. Verlierer sind nicht zuletzt die Ärmsten der Armen in Entwicklungsländern, die weiterhin zu Hunderttausenden elend zugrunde gehen, wie damals zur Zeit von Herbert Spencer die Slumbewohner von New York.</p>
<h2>Am schwächsten ist heute die Umwelt</h2>
<p>Über der hitzig geführten politischen und sozialen Diskussion wird allzuleicht vergessen, dass wir Menschen, starke wie schwache, von unseren natürlichen Lebensgrundlagen abhängen. Das schwächste Glied in der globalisierten Marktwirtschaft ist scheinbar immer die Natur. Sie hat keine Zahlkraft und keine Wählerstimmen zu vergeben.</p>
<p>Wir müssen die rein anthropozentrische Auffassung von Ökonomie und Wettbewerb überwinden. Es wäre ein makabres Missverständnis des Darwinismus, wenn man dazu aufruft, die Stärke der Spezies Mensch erstmal nach Kräften zu nutzen, bis die Nahrungskonkurrenten vertrieben oder ausgerottet sind und bis schließlich die Lebensgrundlagen von uns allen aufgezehrt sind.</p>
<p>Die puristische Marktwirtschaftsideologie enthält jedoch im Keim eben diesen Aufruf. Sie ist vernarrt in den <em>heutigen</em> wirtschaftlichen Erfolg der Starken. Im Sinne des Sieges der Starken über die Schwachen ist es nach dieser Ideologie richtig und in Ordnung, dass Natur und Ressourcen ausgeräubert werden bis sie knapp werden. Kurz bevor es kritisch wird, würde ja der Markt die nötigen Knappheitssignale bekommen, die der Ausräuberung Einhalt gebieten.</p>
<p>Verteidigt wird von dieser Ideologie nicht nur der freie Markt, sondern auch ganz spezifisch der heutige amerikanische Lebensstandard. Mit großem Pathos erklärte Präsident George Bush bei seinem Aufbruch zum Umweltgipfel in Rio de Janeiro: Der „American way of life“ ist nicht Verhandlungsgegenstand. Dass sich der American way of life schlechterdings nicht auf drei, sechs oder gar zehn Milliarden Menschen ausdehnen lässt, spielt in den amerikanischen Erörterungen zum Erdgipfel, zum Klimaschutz oder zur biologischen Vielfalt ganz einfach keine Rolle.</p>
<p>Entsprechend arrogant benehmen sich auch die US-amerikanische Delegationen bei den Verhandlungen zum Klimaschutz und zum Schutz der biologischen Vielfalt. Geht es um die biologische Sicherheit im Falle von genmanipulierten Organismen, dann erklärt die amerikanische Delegation jegliche nationale Vorsichtsmaßnahme anderer Staaten kurzerhand zum Handelshindernis.</p>
<p>Ökologie und puristische Marktwirtschaft, das passt nicht zusammen. Wer den Staat ständig als bürokratisches Handelshindernis diskreditiert, der untergräbt zugleich die einzige Instanz, die heute (noch) die Machtmittel hätte, den Schutz der Natur und ihrer Ressourcen gegen die egoistischen Ausbeutungsansprüche des privaten Sektors durchzusetzen. Die pure Marktideologie leugnet insofern die Daseinsberechtigung zukünftiger Generationen.</p>
<p>Eben dies ist aber im Sinne Darwins das krasse Gegenteil zur Tüchtigkeit. Die Tüchtigkeit wird von einer sorgfältig argumentierenden darwinistischen Biologie niemals bloß auf die jetzt lebenden Individuen bezogen. Vielmehr erweist sich die Tüchtigkeit erst in der unaufhörlichen Generationenfolge. Die in der Ökonomie übliche Abdiskontierung oder Entwertung von Zukunftswerten ist aus dem Blickwinkel eines guten Darwinismus absurd.</p>
<h2>Lösungsperspektiven</h2>
<p>Es kann nicht der Sinn eines Kirchentagsvortrags sein, zum Kampf gegen die Marktwirtschaft aufzurufen. Die Marktwirtschaft und die freiheitliche Demokratie sind ohne Zweifel besser als der bürokratische Sozialismus vergangener Tage, ganz zu schweigen von den kriminellen Verirrungen des Nationalsozialismus. Wir haben keine andere Wahl, als unter Anerkennung der Marktwirtschaft und ihrer Überlegenheit nach Lösungen zu suchen.</p>
<p>Am Anfang steht in der freien Gesellschaft die Aufklärung. Auch die Aufklärung über verheerende Nebenwirkungen einer Ideologie, die als Aufklärung ihren Anfang nahm. Der Aufklärung sollte mein Vortrag hauptsächlich dienen.</p>
<p>Dazu gehört auch die Aufklärung darüber, dass die anthropozentrische Sichtweise, sei sie nun marktwirtschaftlich oder sozialpolitisch-antimarktwirtschaftlich, völlig unzulänglich ist. Wenn wir im Rahmen der Marktwirtschaft denken, dann müssen wir als allermindestes fordern, dass die Preise auf dem Markt wenigstens annähernd die ökologische Wahrheit sagen. Die Ausrede, diese Wahrheit sei schwer festzustellen, gilt nicht. Denn jeder weiß, dass die heutigen Preise für Öl und Gas im wesentlichen die schieren Raubbaukosten reflektieren, die mit fortschreitender Ausbeutungstechnik immer weiter gefallen sind. Es ist völlig selbstverständlich und legitim, dass man hier mit Steuern gegen den Markt gegensteuern muss, im Interesse der Umwelt und der zukünftigen Generationen.</p>
<p>Das reicht natürlich nicht. Wer über einen fairen Freihandel spricht, müsste sich wie selbstverständlich dazu bekennen, dass Raubbau nicht sein dürfte und nach den Antidumping-Regeln bestraft gehört. Die Welthandelsorganisation WTO muss sich solche auf den Umwelt- und Ressourcenschutz bezogene Regeln ausdenken und später auch beachten.</p>
<p>Richtig ist auch das Bemühen um internationale Absprachen bei Umwelt- und Sozialpolitik. Dass die US-Amerikaner dieses Ansinnen meist erbittert bekämpfen, darf uns nicht von diesem Weg abbringen. Wir beobachten weltweit eine wachsende Zustimmung zu unserem europäischen Weg. Wo es in den letzten Jahren demokratische Wahlen gab, behielten fast immer diejenigen die Oberhand, die sich der puren Marktideologie entgegenstellten. Selbst der erfolgreichste Spekulant aller Zeiten, George Soros, sagt in seinem neuen Buch, es sei an der Zeit zu erkennen, dass die Finanzmärkte inhärent instabil seien und dass man sich international auf Regeln für das Kapital einigen müsse. (8)</p>
<p>Vielleicht ist es an der Zeit, unter Nutzung dieser Einsicht und der neuen politischen Mehrheiten einen „Rheinischen Kapitalismus“ anstelle des angelsächsischen auszurufen und zu verwirklichen. Das Wort stammt nicht aus Deutschland, sondern von dem französischen Politikwissenschaftler Michel Albert (9), aber dieser bezieht sich in erster Linie auf die deutsche, von Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard entwickelte Soziale Marktwirtschaft. Das Angebot des Rheinischen Kapitalismus an das scheue Reh des Geldes ist der soziale Frieden, die Verlässlichkeit, eine gute, staatlich garantierte Ausbildung und Infrastruktur und im übrigen ein großer Käufermarkt.</p>
<p>Die ökologische Krise verlangt darüber hinaus eine Neuausrichtung des technischen Fortschritts. Der technische Fortschritt, der bislang im wesentlichen aus dem Wegrationalisieren von Arbeit bestand, müsste sich in Zukunft auf die elegantere Naturnutzung, also das Wegrationalisieren von Energie- und Materialverbrauch konzentrieren. Um mindestens einen Faktor vier (10) kann die Effizienz bei der Nutzung von Energie und Stoffen verbessert werden. Und wer solches betreibt, muss dafür belohnt werden, nicht bestraft. Wieder ein machtvoller Grund für die ökologische Steuerreform, die den Faktor Naturverbrauch schrittweise teurer und die menschliche Arbeit billiger macht.</p>
<p>Die Kirchen können und dürfen die ideologische Auseinandersetzung mit den sozialdarwinistischen Tendenzen der Wirtschaftsdoktrin suchen. Die Sozialdenkschrift der evangelischen und katholischen Bischöfe von 1997 war hier ein Markstein. Auch bei der Verteidigung der Umwelt und der Rechte der Nachwelt kann und muss die Kirche eine klare Position beziehen und wo es nicht anders geht, die Konfrontation mit den Marktideologen aufnehmen.</p>
<p>Sie alle, meine Damen und Herren, können sich an der Aufklärungsarbeit beteiligen. Stützen Sie die Kirche, wo sie mutig ist. Engagieren Sie sich in Verbänden und Parteien. Und bekennen Sie hörbar, dass das Christentum im Streit liegt mit einer sozialdarwinistischen Ellenbogengesellschaft.</p>
<h2>Anmerkungen:</h2>
<p>(1) z.B. Weiner, Jonathan. The Beak of the Finch. New York: Vintage Books. 1995.<br />
(2) Haeckel, Ernst. Deszendenztheorie und Sozialdemokratie. 1878. Abgedruckt in Günter Altner. Der Darwinismus. Darmstadt: Wiss. Buchges. 1981, S. 100-106<br />
(3) Friedrich Nietzsche, zit. nach Hans Doderer, Die Stimme des Blutes, Rheinischer Merkur, 16.4.1999, S. 19.<br />
(4) Clapperton, Jane Hume. Scientific Meliorism. London 1885, S. 88, zit. Nach Germaine Greer, Sex and Destiny, The Politics of Human Fertility. New York: Harper and Row, 1984, S. 305/6<br />
(5) Galton, Francis. Memories of My Life. London, 1908, S. 323.<br />
(6) Jacobs, Jane. Systems of Survival. A Dialogue on the Moral Foundations of Commerce and Politics. London: Hodder &amp; Stoughton. 1992.<br />
(7) Dawkins, Richard. Das egoistische Gen. Heidelberg: Springer, 1978.<br />
(8) Soros, George. The Crisis of Global Capitalism. London: Little Brown, 1998, S. 176.<br />
(9) Albert, Michel. Le capitalisme rhÈnan.<br />
(10) Weizsäcker, Ernst U. von, Amory Lovins, Hunter Lovins. Faktor Vier. Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. München: Droemer-Knaur, 1997.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Brief an meine Enkel</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/brief-an-meine-enkel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Jun 1999 06:00:47 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Seit diesem Jahr, 1999, habe ich zwei Enkel, meine ersten. Im Jahr vor der Jahrtausendwende seid Ihr beiden geboren. An Euch beide und an hoffentlich noch weitere Enkel und an all Eure Altersgenossen richte ich den heutigen Brief.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/brief-an-meine-enkel/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Enkel,</p>
<p>Seit diesem Jahr, 1999, habe ich zwei Enkel, meine ersten. Im Jahr vor der Jahrtausendwende seid Ihr beiden geboren. An Euch beide und an hoffentlich noch weitere Enkel und an all Eure Altersgenossen richte ich den heutigen Brief. Ich freue mich mit Euren Eltern darüber, dass Ihr geboren wurdet. In eine wunderschöne Welt seid Ihr hinein geboren worden.</p>
<p>Wenn Ihr alt genug seid, diesen Brief zu lesen, wird die Welt schon fast sieben Milliarden Menschen zu tragen haben. Heute sind es sechs Milliarden. Je enger es wird, desto höher sind die Herausforderungen. Es kann viel Streit geben. Streit um Platz zum leben, Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken und für die Erholung.</p>
<p>Das Wasser hat es mir besonders angetan. In den Ferien gehe ich am liebsten an Plätze, wo Wasser ist. Zum Schwimmen, aber auch zum Zuhören, wenn es plätschert. Ich hoffe, auch Ihr werdet es genießen können. Vor allem wenn ihr selber einmal Kinder habt oder Enkel.</p>
<p>Wenn ihr Kinder habt, wird die Erde schon etwa acht Milliarden Menschen zu tragen haben. Bevor es schließlich zehn Milliarden sind, wird die Zunahme wohl nicht aufhören.</p>
<p>Wenn jeder Mensch einen Energie-, Wasser-, Land- und Stoffbedarf hat wie wir heutigen wohlhabenden Europäer, dann reicht die Erde nicht aus. Denn sie wächst ja nicht mit. Wir können nicht einfach Luft hinein pumpen wie in einen schönen Luftballon. Aber dafür ist die Erde viel schöner, reichhaltiger und stabiler als die Luftballons. Sie platzt wenigstens nicht.</p>
<p>Aber wenn wir mit dem Energieverbrauch so weiter machen wie bisher und wenn acht Milliarden Menschen das nachmachen, was wir ihnen vormachen, dann befürchte ich schwerwiegende Wetterveränderungen. Denn der Energieverbrauch heizt die Lufthülle der Erde auf.</p>
<p>Wenn wir mit dem Landverbrauch und den gewaltigen Stoffumwälzungen mit Baggern und Bulldozern immer so weiter machen, dann werden immer mehr Tier- und Pflanzenarten ausgerottet. Heute sind es schon über fünfzig Arten pro Tag. Stellt Euch das einmal vor, wie eine Käfer- oder Schmetterlingsart nach der anderen ausstirbt, weil sie keinen Platz zum Leben mehr hat.</p>
<p>Wenn Land und Wasser und Nahrung nicht mehr ausreichen, dann kann es sogar Krieg geben und schreckliches Elend. Dann bleibt die Erde nicht mehr der wunderschöne Ort, in den Ihr dieses Jahr hinein geboren wurdet.</p>
<p>Es liegt an uns Menschen, dieses Elend zu verhindern.</p>
<p>Früher meinten die Menschen häufig, Elend und Katastrophen kämen von Gott, vielleicht als Strafen für unrechtes Handeln. Das gute und richtige an dieser Annahme ist die Bescheidenheit. Nicht jedes Hölzchen, das sich auf dieser Erde bewegt, wird von uns Menschen bewegt. Das schlechte an dieser Annahme ist die unbekümmerte Faulheit. Es ist die Faulheit, die in dem bequemen Glauben liegt, wir könnten ja doch nichts tun.</p>
<p>Aber was sollen wir tun?</p>
<p>Das ist natürlich nicht in einer halben Stunde zu sagen. Ich sage nachher ein paar Worte darüber, was ich persönlich wichtig finde. Da geht es vor allem darum, mit Energie und mit Land und mit Wasser wesentlich eleganter und damit sparsamer umzugehen.</p>
<p>Aber für sich alleine ist das ein schlechter Ratschlag. Die Hauptsache dessen, was Ihr tun sollt, müsst Ihr für Euch selbst entdecken. Euch wird immer wieder etwas Neues einfallen, wenn ihr ringsherum gut zuhört und hinschaut.</p>
<p>Ich will Euch aber zunächst noch einige Sorgen mitteilen, die mich selbst dazu bewogen haben, mich in der Politik zu engagieren.</p>
<p>Ich finde, dass sich die Menschheit nicht in die richtige Richtung bewegt. Was ich beobachte, ist eine neue Form der unbekümmerten Faulheit, eine moderne Form der Haltung, wir könnten eigentlich doch nichts tun.</p>
<p>Diese Haltung ist erst einmal nicht als Faulheit zu erkennen. Sie verbirgt sich nämlich hinter einer Tarnkappe von Tüchtigkeit. Sie stützt sich auf die Annahme, jeder stehe in einem ständigen Kampf gegen alle anderen und man müsse eben tüchtiger sein als die anderen. Dann habe man Erfolg. Und dann wende sich auf der Erde alles zum Guten. Eine „unsichtbare Hand“ sorge dafür, dass es allen gutgeht, wenn jeder nur an seinen eigenen Vorteil denkt.</p>
<p>Das ganze nennt man „Marktwirtschaft“. Sie hat sich erst in den neunziger Jahren dieses Jahrhunderts weltweit voll durchgesetzt. Sie ist geradezu zum neuen Götzen geworden. Wenn Ihr erwachsen seid, liebe Enkel, wird die Marktwirtschaft immer noch weltbeherrschend sein. Aber sie wird kein Götze mehr sein.</p>
<p>Dass sie zum Götzen wurde, hängt auch damit zusammen, dass wir bis 1990 in einer Hälfte der Welt ein System hatten, dass man Sozialismus nannte und das die Marktwirtschaft ablehnte. Dort beherrschte der Staat das Geschehen. Es gab dort wenig Freiheit und wenig Freude. Und sonderlich gerecht ging es dort auch nicht zu. Wäret Ihr dort geboren worden, Ihr hättet Euch sicher dagegen aufgelehnt.</p>
<p>Millionen von mutigen Leuten haben sich aufgelehnt. Und etwa um 1990 brach das sozialistische System zusammen, und die Welt jubelte. Auch ich habe gejubelt.</p>
<p>Die Marktwirtschaft triumphierte. Aber in diesem Triumph lag etwas Schreckliches, das wir zuerst nicht wahrgenommen haben. Es gab jetzt nur noch ein System. Das Geld wurde übermächtig. Den Reichen und den Tüchtigen ging es jetzt sprunghaft besser, den Armen und den weniger Tüchtigen immer schlechter.</p>
<p>Das Geld konnte sich auf einmal ungehindert und ohne Rücksicht auf politische Stimmungen weltweit frei bewegen. Es spielte dadurch die Länder gegeneinander aus. Denn alle Länder sind auf Geld angewiesen, das dafür eingesetzt wird, Familien in Lohn und Arbeit zu bringen.</p>
<p>Im Wettbewerb um das verwöhnte Geld hat ein Land einen Sieg nach dem anderen davongetragen, ein Land, das so klein ist, dass es dort gar keine Familien gab, die man hätte in Lohn und Arbeit bringen müssen: die winzige Gruppe der Kaiman-Inseln. Dorthin floss mehr Geld als in alle 50 afrikanischen Staaten zusammengenommen. Die Anziehungskraft dieser merkwürdigen, an Großbritannien assoziierten Inselgruppe liegt darin, dass man dort so gut wie keine Steuern zahlt und dass es dort fast keine Aufsicht über das Geld gibt.</p>
<p>Dieser weltweite Wettbewerb ums Geld hat in etwa zehn Jahren das Gesicht der Kultur verändert. Das ist eine verkehrte Welt. Alles dreht sich ums Geld. Nicht etwa, weil man keine höheren Werte mehr kennt, sondern weil ein Land oder eine Familie ganz rasch ganz böse in die Armut rutscht, wenn man sich nicht ständig ums Geld kümmert. Die höheren Werte müssen immer länger warten, bis sie dran sind.</p>
<p>Oft gehen die Familienbande kaputt, weil alle ständig in irgendwelche Ellbogenwettbewerbe verstrickt sind. Viele Kinder vereinsamen, manche suchen ihr Heil auf der Straße. Von der Zukunft erwarten sie nichts Gutes. Denn die Straßenkinder gehören in der Marktwirtschaft nicht zu den Gewinnern.</p>
<p>Die Natur wird immer weiter ausgeräubert, weil das irgendwelchen „tüchtigen“ Marktteilnehmern Vorteile bringt.</p>
<p>Geistige und religiöse Einsichten werden verschüttet. Die Hektik des permanenten Wettbewerbs raubt Zeit zur Besinnung.</p>
<p>Die heutige Wirtschaft und Politik läuft dem Umsatz hinterher. Den Umsatz misst das „Bruttosozialprodukt“.</p>
<p>Wenn Ihr heute selig vergnügt an der Mutterbrust liegt, gibt das keinen Umsatz. Wenn sich aber Eure Mütter dem Beruf zuwenden und Euch ganz rasch abstillen, dann gibt’s Umsatz. Dann heißt es Milchpulver kaufen, Flasche ansetzen, Desinfektionsflüssigkeit für die Fläschchen aufstellen. Und wenn Euch die Flaschenmilch nicht bekommt und Ihr Bauchweh kriegt, gibt’s wieder Umsatz. Diesmal beim Kinderarzt und der Apotheke. Ja, beim Abstillen freut sich das Bruttosozialprodukt. Nur die Kleinkinder, die freuen sich gar nicht.</p>
<p>Das Bruttosozialprodukt misst nicht das Wohlergehen der Menschen, sondern das Wohlergehen der Wirtschaft und der Staatsfinanzen.</p>
<p>Jetzt habe ich Euch eine ziemlich schwere Ladung von schlimmen Beobachtungen und schlimmen Befürchtungen zugemutet. Ich lasse euch aber nicht damit allein. Ich komme jetzt noch auf die hoffnungsvolle Seite zu sprechen.</p>
<p>Das Bruttosozialprodukt hat längst Konkurrenz bekommen. Es gibt Ansätze, so etwas wie den Nettowohlstand zu messen. Es fehlt noch die Methode, die Politik und die Wirtschaft dazu zu veranlassen, sich nach den neuen Maßstäben zu richten.</p>
<p>Weltweit ist das Bewusstsein gewachsen, dass die Marktwirtschaft alleine kein Glück bringt. Die Kirchen, die Umweltverbände, die Verbraucher, die Gewerkschaften und sogar die Geldanleger haben entdeckt, dass man die Werte der Menschlichkeit und des Naturschutzes hochhalten muss. Das fängt an, den allmächtigen Markt zu beeinflussen.</p>
<p>Weltweit hat auch die Politik wieder entdeckt, dass sie sich nicht zu schämen braucht, wenn sie dem Geld mitteilt, was es darf und was nicht.</p>
<p>Und technisch stehen vor einer neuen, großen Revolution. Ich habe schon gesagt, wir sollten eleganter mit der Natur umgehen. Das meine ich wörtlich. Wir können Autos so bauen, dass sie nicht mehr acht Liter, sondern nur noch zwei Liter Benzin pro hundert Kilometer brauchen. Das ist viermal so elegant wie heute. Wir können Häuser so bauen, dass sie praktisch keinen Heizbedarf mehr haben. Das ist vielleicht zehnmal so elegant wie heute. Gemüse und Fleisch kann so erzeugt werden, dass nur noch ein Viertel des Energieverbrauchs nötig ist. Mit dem Computer, mit dem Ihr natürlich aufwachst, könnt Ihr Briefe ohne Postflugzeug über den Atlantik schicken. Auch das schont die Natur.</p>
<p>Praktisch jeder Lebensbereich kann so umgestaltet werden, dass wir ohne Wohlstandsverzicht vier mal so gut haushalten, also nur noch ein Viertel des heutigen Naturverbrauchs haben. Ist das nicht ein Plan, für den Ihr Euch begeistern könnt, wenn Ihr einmal alt genug dafür seid?</p>
<p>Damit der Plan auch für die Herstellerfirmen und für die Einkaufsläden an der Ecke lohnend wird, müssen wir aber politisch noch einiges tun. Vor allem müssen wir dafür sorgen, dass der Naturverbrauch endlich einen angemessenen, einen hohen Preis bekommt. Dazu muss er künstlich verteuert werden. Dann lebt derjenige besser und billiger, der elegant und effizient mit der Natur umgeht.</p>
<p>Das ist der Grundgedanke der ökologischen Steuerreform, für die ich mich seit einem Jahrzehnt eingesetzt habe. Jetzt endlich hat sie in diesem Jahr bei uns Einzug gehalten, leider unter groben Protesten der Wirtschaft und einiger Politiker, die wohl weniger an Euch Enkel denken.</p>
<p>Bis Ihr groß seid nehme ich an, dass die ökologische Steuerreform genauso selbstverständlich sein wird wie die Grundschulpflicht oder der Euro.</p>
<p>Aber die Umweltsteuern und die elegante Naturnutzung alleine machen die Welt noch nicht wieder gesund. Alle Effizienzgewinne sind in der Vergangenheit irgendwann wieder verfrühstückt worden. Die neue Kultur, die Ihr gestalten werdet, muss auch lernen, die Genügsamkeit wieder zu entdecken. Das ist nicht leicht.</p>
<p>Wie ist das mit der Genügsamkeit zu verstehen?</p>
<p>Vorhin habe ich von der Muttermilch gesprochen. Die ist das beste, was Ihr zu Beginn Eures Lebens bekommen könnt. Und das billigste. Das beste ist nicht immer das Teuerste. Das Schnellste, Größte, Lauteste ist meistens etwas Fürchterliches. Es tut weh oder erschreckt uns oft. Es beeinträchtigt unser Wohlbefinden.</p>
<p>Heute sind die Wirtschaft und auch die Schule noch so eingerichtet, dass der Schnellste gewinnt. Wenn wir einsehen, dass das oft böse in die Irre führt, weil Geschwindigkeit manchmal zerstörerisch ist, dann können wir Schulen und Wirtschaft eines Tages so einrichten, dass die anderen gewinnen. Oder wenigstens eine faire Chance haben.</p>
<p>Liebe Enkel, ich hoffe für Euch, dass Ihr die wunderschöne Welt, in die Ihr da hinein geboren wurdet, in vollen Zügen werdet genießen können. Es soll euch nicht schwer fallen, diese Freude mit acht Milliarden Menschen aller Rassen zu teilen. Ich hoffe, Ihr werdet in Eurem Leben etwas dazu beitragen können, dass die Lebensgrundlagen für Euch und für Eure eigenen Enkel erhalten werden.</p>
<p><em>Erschienen in: „Worauf du dich verlassen kannst“, – Prominente schreiben ihren Enkeln, Hg.: Klaus Möllering, Leipzig: Evang. Verlagsanstalt; S. 78–87.</em></p>
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