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	<title>Treibhauseffekt - Ernst Ulrich von Weizsäcker</title>
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		<title>Agrosprit: Beimischungsziel senken!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 May 2008 11:05:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Energie]]></category>
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					<description><![CDATA[Jahrtausendelang war Energie vom Acker und vom Wald die hauptsächliche Energiequelle für die menschliche Zivilisation. Warum dann nicht wieder, wo uns jetzt Sorgen um Klima und Ölvorräte drücken? Der Grund ist simpel: Während jener Jahrtausende lag die Zahl der Menschen auf der Erde zehn bis hundertmal niedriger als heute und war der Pro-Kopf-Energieverbrauch zehn bis hundertmal niedriger als heute in den reichen Ländern.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/agrosprit-beimischungsziel-senken/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Jahrtausendelang war Energie vom Acker und vom Wald die hauptsächliche Energiequelle für die menschliche Zivilisation. Warum dann nicht wieder, wo uns jetzt Sorgen um Klima und Ölvorräte drücken? Der Grund ist simpel: Während jener Jahrtausende lag die Zahl der Menschen auf der Erde zehn bis hundertmal niedriger als heute und war der Pro-Kopf-Energieverbrauch zehn bis hundertmal niedriger als heute in den reichen Ländern. Der damalige Energieverbrauch war also hundert bis zehntausendmal niedriger als heute.</p>
<p>Anders: Gegen Bio- oder Agrotreibstoffe im niedrigen Prozentbereich der heutigen Energieverbräuche ist prinzipiell nichts einzuwenden. Aber bei dieser Größenordnung bleibt der Beitrag zum Klimaschutz und zur Schonung der Ölvorräte definitionsgemäß sehr bescheiden. Es sei denn, die Menschheit lernt, den Energieverbrauch drastisch zu senken.</p>
<p>Es war die freche Vollmundigkeit von Vertretern besonders der US-amerikanischen und brasilianischen Landwirtschaft und der weltweit operierenden Biotech-Firmen, die den Widerstand auf den Plan gerufen hat.</p>
<p>Die Popularität des Klimaschutzes verführte die Klimaschützer dazu, alles, was irgendwie CO2 mindert, gutschriftfähig zu machen. Die EU sah die einmalige Chance, durch Biosprit-Beimischungsgebote einen verlockenden Deckungsbeitrag für europäische Landwirte zu sichern und so das Dauerthema Agrarsubventionen zu entschärfen. Eine Agro-Klima-Allianz schien in Greifnähe. In Brasilien packte die Facenderos ein Bioalkoholfieber, das auch US-Präsident Bush ansteckte. Der sah die Chance, dem verhassten Ölexporteur Hugo Chavez und den islamischen Ölländern eins auszuwischen sowie die für die Vorwahlen wichtigen Bauern von Iowa zu erfreuen. Er flog eigens um der Agrotreibstoffe willen nach Brasilien, in Begleitung der mächtigen Gentech-Industrie, die hier die Gelegenheit witterte, ihre Kreationen als „Klimaschutz“ zu verkaufen.</p>
<p>Nun waren tropische Großplantagen, mit oder ohne Gentechnik, noch nie Sympathieträger. Bald sprach sich auch herum, dass sie einen zusätzlichen Verdrängungseffekt gegen Kleinbauern haben, die ihrerseits in Urwaldgebiete abgedrängt wurden. „Abgedrängt“ ist eine Beschönigung. Menschenrechts­verletzungen sind an der Tagesordnung. Sozial explosiv war auch die Verdrängung von Nahrungsmitteln durch Biotreibstoffe sowie von Trinkwasser durch Bewässerung von Plantagen. Vermehrte Brandrodungen und gedüngte Plantagen mit großen Lachgasemissionen verstärken zudem den Treibhauseffekt statt ihn zu mildern.</p>
<p>So gibt es also soziale, klimapolitische und Naturschutzgründe gegen den Biospritwahn. Die Stimmung drohte weltweit umzukippen. Wesentlichen Anteil hieran hatte die Agrofuels-Studie von Juni 2007 [1], die die zentralen Behauptungen der Biospritlobby einem Realitätstest unterzog und weitgehend zerschmetterte.</p>
<p>Aufgeschreckt durch den Meinungsumschwung bewegten sich nun EU, Deutschland und andere von einer naiven Agrospritpolitik zur Einführung von Kriterien der Umwelt- und Sozialverträglichkeit. Die EU wagt sich dabei unter Führung des mutigen Umweltkommissars Dimas ziemlich weit vor. Aber sie kann selbst bei strengen Kriterien nicht verhindern, dass die Erfüllung ihres zu hohen 10%-Beimischungszieles einen Nachfragesog erzeugt. Unvermeidlich gerät dieser in Konflikt mit der Zielsetzung erschwinglicher Nahrungsmittel in den Entwicklungsländern. Folgerichtig sagt der Sachverständigenrat für Umweltfragen, dass die EU das Beimischungsziel senken muss [2].</p>
<p>Auch die EU-Entscheidung, aus Gründen der Bereitstellung von Biosprit ihre seit Jahrzehnten laufende Flächenstilllegungspolitik zu beenden, muss aus ökologischer Sicht scharf kritisiert werden. Die Flächenstilllegungen haben entscheidend zur Erholung einiger für selten gewordene Pflanzen- und Tierarten wichtiger Lebensräume beigetragen!</p>
<p>Der EU droht aber auch von ganz anderer Seite Ungemach: von der Welthandelsorganisation WTO. Diese betrachtet ja so gut wie alle „Kriterien“ als Handelshemmnis, und sie hat die Muskeln, jeden Verstoß gegen den Freihandel mit üblen Sanktionen zu ahnden. Es muss sich nur ein Kläger finden, und der ist in Brasilien und den USA sofort zur Stelle.</p>
<p>Eine gewisse Hoffnung, das Blatt doch noch zu Gunsten von Agrotreibstoffen zu wenden, liegt in den Biotreibstoffen „der zweiten Generation“. Was ist damit gemeint? Es sind im wesentlichen zwei ganz verschiedene Arbeitsstränge:</p>
<ul>
<li>Erstens die Züchtung von Algen, die man möglichst mit CO2-Abgasen „düngt“ und nachher zu Treibstoff verarbeitet. Das ist eine Lieblingsidee der Freunde der CO2-Abscheidungstechnik. Man hofft auf das „CO2-freie Kraftwerk“, das am Ende auch noch Sprit erzeugt; &#8211; wobei dessen Verbrennung im Auto das CO2 natürlich doch noch freisetzt.</li>
<li>Zweitens ein Programm einer neuen Großtechnik auf der Basis von Zellulose-haltiger Biomasse, vor allem Holz oder auch Schilfgras. Man kann mit Zellulose pro Hektar wohl viermal so viel Sprit erzeugen wie mit Mais, Raps oder Zuckerrohr, und man hat geringere Konkurrenz zur Nahrungsmittel­erzeugung. Nun ist aber Zellulose nicht leicht zu knacken. Also arbeitet man an der Züchtung von Mikroorganismen, die eben dies besorgen. Man setzt auf gentechnisch konstruierte Einzeller, die Treibstoffe gasförmig oder flüssig ausscheiden, die man dann ernten kann. Den Forschern wäre es am liebsten, wenn man gleich Wasserstoff ernten könnte, um damit dann abgasfreie Wasserstoff-Brennstoffzellenautos zu betreiben.</li>
</ul>
<p>Die Firma BP (Slogan: „Beyond Petroleum“) hat eine halbe Milliarde Dollar in ein wissenschaftliches Großprojekt für die zweite Strategie gesteckt, welches von Berkeley aus koordiniert wird [3]. Der vielleicht bekannteste Wagniskapitalist Amerikas, Vinod Khosla, investiert Hunderte von Dollarmillionen in verschiedene Ideen dieser Art. Die ökologische Seite ist dabei übrigens alles andere astrein. Schwachholz und Holzabfälle sind ein ökologisch akzeptabler (aber quantitativ begrenzter) Rohstoff, Gentechnik­bäume sind hochgradig problematisch, und die Umweltauswirkungen von freigesetzten gentechnisch veränderten Zellulose-fressenden Mikroben sind vorläufig unbekannt!</p>
<p>Die Vorstellung, mit Biotreibstoffen der zweiten Generation das Klimaproblem wesentlich zu entschärfen, ist nichts für die nächsten zehn Jahre, möglicherweise auch nichts für die nächsten dreißig Jahre. Es ist also unwahrscheinlich, dass sie für die Nachfolgeregelungen zum Kioto-Protokoll eine quantitativ nennenswerte Rolle spielt.</p>
<p>Somit komme ich zu dem Ergebnis, dass die Hoffnung, mit Bio- oder besser Agrotreibstoffen ernstlich etwas zur Milderung der Klimagefahren beizutragen oder die Ölbasis zu erweitern, vorläufig gering ist. Was nicht heißt, dass man nicht aus land- und forstwirtschaftlichen Reststoffen oder städtischen Abfällen Energie oder Treibstoffe gewinnen soll und dass man nicht in einem bescheidenen und ökologisch gut durchdachten Rahmen auch Agrotreibstoffe anbauen oder aus einigen Weltgegenden importieren soll. Aber bitte ohne einen viel zu ehrgeizigen Prozentsatz und ohne klimapolitische Heilsversprechungen!</p>
<h2>Quellen:</h2>
<p>[1] Agrofuels. Towards a reality check in nine core areas, Paris, Juni 2007, www.econexus.info. Vgl auch Jack Santa Barbara. The False Promise of Biofuels. International Forum on Globalization, San Francisco Sept. 2007.<br />
[2] Sachverständigenrat für Umweltfragen. Klimaschutz durch Biomasse. Juli 2007. Erich Schmidt-Verlag, Berlin.<br />
[3] Vgl. die Website des Energy-Bioscience Institute:  http://www.energybiosciencesinstitute.org</p>
<p><em>Erschienen in: Jahrbuch Ökologie 2009, Disput. Abgedruckt in: „Freitag“ vom 2.5.2008</em></p>
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		<title>Ökologische Finanzreform</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/oekologische-finanzreform/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Jun 2002 17:48:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Energie]]></category>
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					<description><![CDATA[Es ist die pure Vernunft, den Umweltverbrauch zu besteuern. Wenn wir ein Hemd kaufen oder eine Kamera, bezahlen wir den Herstellungspreis plus die Handelsspanne plus die Steuern. Der Preis reicht aus, um immer wieder neue Hemden und Kameras auf den Markt zu bringen. Kaufen wir aber Benzin, dann bezahlen wir die Ölförderung plus die Handelsspanne plus die Steuern.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/oekologische-finanzreform/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;">Es ist die pure Vernunft, den Umweltverbrauch zu besteuern.</span></p>
<p>Wenn wir ein Hemd kaufen oder eine Kamera, bezahlen wir den Herstellungspreis plus die Handelsspanne plus die Steuern. Der Preis reicht aus, um immer wieder neue Hemden und Kameras auf den Markt zu bringen.</p>
<p>Kaufen wir aber Benzin, dann bezahlen wir die Ölförderung plus die Handelsspanne plus die Steuern. Der Preis für die Ölförderung hat nichts mit der „Herstellung“ von Öl zu tun. Wenn es verbraucht ist, ist es weg.</p>
<p>Der „Markt“ schwindelt uns an, was die Endlichkeit des Öls angeht. Erst recht, was die Luft- und Klimabelastung angeht. Von den drei genannten Komponenten des Produktpreises kann nur die Steuer den Schwindel vermindern. Sie verteuert das Benzin, und das ist gut so.</p>
<p>Das war und ist die parteiübergreifende Grundeinsicht, die zur ökologischen Steuerreform geführt hat. Und doch hat sich die Ökologische Steuerreform im Parteienstreit verhakt. Sie ist unpopulär. Opposition und Wirtschaftsvertreter bringen mit Vorliebe drei Einwände vor:</p>
<ol>
<li>die Ökosteuer sei unsozial; die Ausnahmeregeln schonten die Großen und belasteten die Kleinen.</li>
<li>die Verwendung des Einkommens für die Senkung der Rentenbeiträge sei unökologisch; die ökologische Begründung sei also nur Verbrämung für etwas, was dann in einfacherer Sprache oft „Abzocke“ genannt wird;</li>
<li>die ökologische Steuerreform bremse die nötigen Reformschritte bei den sozialen Sicherungssystemen</li>
</ol>
<p>Alle drei Argumente führen in die Irre.</p>
<ol>
<li>Es ist nicht unsozial, den Verursacher zu belasten. Sozialpolitik soll man nicht durch Unterdrückung des Verursacherprinzips machen, sondern allenfalls durch Härteausgleich. Die Ausnahmeregeln sind ein Resultat des Drucks der Industrie gewesen, die mit Standortverlagerung drohte. Die als unfair empfundene Asymmetrie liegt darin, dass die Großen mit der Verlagerung besser drohen können als die Kleinen. Die sich jetzt in der EU abzeichnende Verständigung auf eine Harmonisierung könnte dazu führen, dass die Asymmetrie abgebaut wird.</li>
<li>Die Einkommensverwendung für die Senkung der Rentenbeiträge macht den Fiskus nicht reicher; das Wort Abzocke geht also fehl. Es ist im übrigen sehr wohl ökologisch vernünftig, den knappen Faktor Energie zu verteuern und gleichzeitig den gar nicht mehr knappen Faktor Arbeit von Abgaben zu entlasten. Das kann zu wünschenswerten technologischen Verschiebungen von der Energieintensität zur Arbeitsintensität führen, was auch volkswirtschaftlich gut wäre. Aus reinen Popularitätsgründen mag es plausibel sein, einen Teil der Einnahmen für ökologische Zwecke einzusetzen.</li>
<li>Was die Wirtschaft als „nötige Reformschritte“ bezeichnet, ist natürlich noch unpopulärer als die Benzin-Ökosteuer. Abgesehen davon haben die skandinavischen Länder gezeigt, dass eine vermehrte Steuerfinanzierung der sozialen Sicherheitssysteme den Mut zu Reformen überhaupt nicht bremsen muss.<br />
Die Tagespolitik wird sich mit diesen Streitfragen auch weiterhin auseinander setzen müssen. Mit geht es um Argumente für die langfristige Perspektive.</li>
</ol>
<p>Der Treibhauseffekt, die begrenzten Vorräte und die Kernenergierisiken werden die Menschheit zwingen, mit Energie auf Dauer drastisch sparsamer umzugehen. Analoges gilt für das Süßwasser, für die Bodenfläche und für viele Rohstoffe. Mittelfristig scheint mir eine Halbierung des Naturverbrauchs unausweichlich. Bei den CO2-Emissionen ist die Halbierung erforderlich, um die Konzentrationen zu stabilisieren! Gleichzeitig nimmt die Bevölkerung weiter zu und wachsen die Wohlstandsansprüche. Eine Verdoppelung der anzubietenden Güter und Dienstleistungen ist das aller mindeste, was man anstreben muss.</p>
<p>Hieraus resultiert die Forderung, den Naturverbrauch um mindestens einen Faktor vier effizienter zu machen. Das hieße, aus einem Fass Öl oder einem Kubikmeter Wasser das Vierfache an Wohlstand herauszuholen. Dass dies technologisch machbar ist, kann als nachgewiesen gelten (Weizsäcker u.a., 1997). Die technologische Machbarkeit ist aber nicht genug. Wir brauchen auch die politische Realisierung.</p>
<p>Nehmen wir uns dafür etwas Zeit, z.B. gut vierzig Jahre. Dann brauchen wir nicht mehr als eine Erhöhung der durchschnittlichen Ressourcenproduktivität um gut drei Prozent pro Jahr. Diese Leistung könnten wir also als realpolitische Zielsetzung vorgeben. Und dies müsste zum wichtigsten Ziel der ökologischen Steuerreform erklärt werden. Das setzt eine sehr langfristige Verlässlichkeit des Preispfades voraus!</p>
<p>Dass Preise langfristig äußerst wirksam sein können, hat Jochen Jesinghaus an einem beispielhaften Fall nachgewiesen. Die OECD-Länder haben bei ansonsten sehr paralleler Wohlstandsentwicklung über die Jahrzehnte sehr unterschiedliche Spritpreise an der Zapfsäule aufrecht erhalten. Und siehe da: der Pro-Kopf-und-Jahr-Spritverbrauch nimmt ziemlich streng mit dem Preis ab!</p>
<p>Der Einwand, dass diese Länder auch eine sehr unterschiedliche Siedlungsdichte haben, sticht nicht, denn die USA-Ostküste ebenso wie die Westküste sind bezüglich Siedlungsdichte von Japan oder Italien kaum unterschieden und haben dennoch einen etwa viermal so hohen Spritverbrauch pro Kopf.</p>
<p>Der Spritverbrauch pro Kopf ist ein komplexes Gemisch aus Technik, Siedlungsstruktur, ÖPNV-Angebot, Alltagsverhalten und Käuferverhalten. Es dauert Jahrzehnte, bis sich so etwas ändert.</p>
<p>Um dieses Gemisch zwar zielstrebig aber ohne Brüche in Richtung des „Faktors Vier“ zu verändern, stelle ich mir als Idealbild einer ökologischen Finanzreform eine jährliche Anhebung der Endverbrauchspreise um etwa vier Prozent pro Jahr vorstellen, und dies auf Jahrzehnte festgeschrieben. Der relative Abstand zwischen den (sehr niedrigen) Energiekosten bei der Grundstoffindustrie und den (sehr hohen) Energiekosten beim Superbenzin bliebe erhalten. Das Preissignal wäre bei allen Verbrauchern gut erträglich:</p>
<p>Wenn die erwartete Lenkungswirkung eintritt, würden sich trotz dieses stetig nach oben gerichteten Preispfades die energiebezogenen Produktions- und Lebenshaltungskosten kaum erhöhen, weil eben die Effizienzgewinne die Preissteigerung weitgehend kompensieren. Für den Fiskus ist das allerdings keine allzu erfreuliche Nachricht: das jährliche Aufkommen würde trotz steigender Steuersätze nur unwesentlich zunehmen.</p>
<p>Der Langfristpfad entspricht einem tief greifenden Strukturwandel und Zivilisationswandel. Es kommt auch zu geographischen Verschiebungen. Sehr energieaufwändige Prozesse wie die Aluminiumschmelze aus Bauxit würden rationaler Weise an Plätze verlagert, wo Energie natürlicherweise billig ist wie Wasserkraft in Kanada oder ansonsten abgefackeltes Gas am persischen Golf.</p>
<p>Die eigentliche politische Kunst wird darin bestehen, anstelle eines Steuerpfades einen langfristigen Preiskorridor einigermaßen festzulegen. Das ist aus Gründen der Planbarkeit und der sozialen Akzeptanz äußerst wünschenswert. Externe Preissprünge wie beim Rohöl 1999 und 2000 sind Gift für die Akzeptanz. Will man einen langfristigen Preispfad verlässlich vereinbaren und durchhalten, dann wird man auf starke externe Signale elastisch reagieren müssen. Das heißt dann eben, dass man die Einnahmenverwendung mit einem entsprechenden Vorbehalt versieht. In Zeiten extern sinkender Rohstoffpreise kann der Fiskus umgekehrt mehr abschöpfen und „ansparen“.</p>
<p>Das Strukturwandels-Ziel ist zugleich eine Absage an Schadstoffsteuern oder Abfallsteuern. Deren Lenkungswirkung hat nämlich mit Strukturwandel relativ wenig zu tun und ist unelegant: sie induzieren end-of-the-pipe-Techniken, aufwändige Bring- und Holsysteme oder gar illegales Emittieren und Entsorgen. Gewiss kann man bestimmte Schadstoffe spezifisch aufs Korn nehmen; aber dazu hat sich das Ordnungsrecht relativ gut geeignet. Auch handelbare Emissionslizenzen können sich durchaus eignen. Man muss sich nur im Klaren sein, dass dies nicht ein Ersatz für den Strukturwandel sein kann.</p>
<p>Zielführend im Sinne des ökologischen Strukturwandels wäre hingegen eine Ergänzung der Energiesteuer durch eine Flächenverbrauchssteuer, eine Grundwassersteuer sowie eine Primärrohstoffsteuer.</p>
<p>Es ist klar, dass die hier geäußerten Gedanken nicht der Mentalität eines Finanzministeriums entsprechen, sondern der eines Technologie- oder Umweltministeriums. Zuständig ist aber der Finanzminister! Es wird also noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten sein.</p>
<p>Literatur:</p>
<ul>
<li>Mauch, Samuel, R.Iten, E.U.v.Weizsäcker u. J.Jesinghaus 1992. Ökologische Steuerreform. Chur: Rüegger.</li>
<li>Von Weizsäcker, Amory Lovins, Hunter Lovins. 1997. Faktor Vier. Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. München: Droemer.</li>
</ul>
<p><em>Erschienen in: politische ökologie, Heft 77-78, 2002</em></p>
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