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	<title>Kernenergie - Ernst Ulrich von Weizsäcker</title>
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		<title>Circular Economy, Cascade Use and Efficiency as Pillars of a Factor Five World</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Sep 2011 10:11:56 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Hier die Folien meines Vortrages zum Thema „Circular Economy, Cascade Use and Efficiency as Pillars of a Factor Five World“ auf der <a title="http://www.lcm2011.org/" href="http://www.lcm2011.org/" target="_blank">LCM 2011 – Towards Life Cycle Sustainability Management</a>, 28.–31. August 2011, the dahlem cube, Berlin</p>
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		<title>Energieangebotspolitik war gestern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Mar 2011 12:15:45 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Seit Jahrtausenden war das Auffinden und Nutzen von Energie eine der wichtigsten Voraussetzungen für menschliches Überleben und später für das wirtschaftliche Wachstum. Soweit es so etwas wie Energiepolitik gab, war diese seit alters her Energieangebotspolitik.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/energieangebotspolitik-war-gestern/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>1 Bislang: Energieangebotspolitik</h2>
<p>Seit Jahrtausenden war das Auffinden und Nutzen von Energie eine der wichtigsten Voraussetzungen für menschliches Überleben und später für das wirtschaftliche Wachstum. Soweit es so etwas wie Energiepolitik gab, war diese seit alters her Energieangebotspolitik. Man „erschloss“ neue Quellen durch Abholzen, durch Wind- und Wassermühlen, später durch Kohleabbau, Öl- und Gaspumpen, Nutzung der Atomkernspaltung und den Ausbau der erneuerbaren Energiequellen. Die Zunahme des wirtschaftlich messbaren Wohlstands war und blieb eng verknüpft mit dem Energieverbrauch.</p>
<p>In ebenso selbstverständlicher wie naiver Verlängerung dieser Politik dreht sich die heutige Energiediskussion in der Hauptsache um die Bereitstellung von immer mehr Energie. Man diagnostiziert immer neue „Lücken“ in der Bedarfsdeckung. Der politische Streit geht fast ausschließlich um die Frage, welche Energieangebote ökologisch und ökonomisch am günstigsten sind. Im Rahmen dieses Streits schälen sich aus der heutigen Energiediskussion in Deutschland die folgenden vier Strategien heraus:</p>
<ol>
<li>neue Kohlekraftwerke bauen und das dabei entstehende CO2 um des Klimaschutzes willen zu großen Teilen abfangen und unter der Erde vergraben („Carbon Capture and Storage“, CCS (s. Beitrag Fischer et al. in diesem Schwerpunkt);</li>
<li>die Laufzeiten der Atomkraftwerke deutlich verlängern, oft in der nicht ausgesprochenen Hoffnung, später auch neue zu bauen;</li>
<li>viel Energie importieren;</li>
<li>ein äußert forcierter Ausbau der erneuerbaren Energien.</li>
</ol>
<p>Jede dieser Strategien ist mit erheblichen Problemen verbunden, die eine intensive Beschäftigung rechtfertigen. Dies ist hier aber nicht meine Absicht.</p>
<h2>2 Das Energiekonzept der Bundesregierung vom September 2010</h2>
<p>Das Ende September 2010 von der Bundesregierung beschlossene Energiekonzept kombiniert die erste, zweite und vierte Strategie und versucht (vernünftigerweise), den Energieimport zu reduzieren. Bis 2050 sollen 60 Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien bestritten werden, wobei v. a. der Windenergie an Land und auf See große Erweiterungspotenziale zugemessen werden. Insbesondere in diesem Zusammenhang enthält das Energiekonzept auch die Absicht eines massiven Ausbaus der Stromnetze. Das macht allerdings nur Sinn, wenn diese Netze in der Hauptsache als raum- und umweltschonende Hochspannungs-Gleichstromübertragung geplant werden.</p>
<p>Auch die Energieeffizienz bekommt breiten Raum und wird als „Schlüsselfrage“ bezeichnet. Große Bedeutung hat dabei der Gebäudebereich, aber auch die Industrie soll ihre Effizienzpotenziale „ausschöpfen“.</p>
<p>In der öffentlichen Diskussion und Kritik am Energiekonzept steht v. a. die Laufzeitverlängerung der vorhandenen Kernkraftwerke. Hier ist in der Tat zu kritisieren, dass kleine Energieversorger besonders auf der Ebene der Stadtwerke, die sich eigenverantwortlich um die Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energie gekümmert haben und die ehrgeizige Effizienzmaßnahmen ergriffen oder geplant haben, durch das Billigangebot von Strom aus abgeschriebenen Kernkraftwerken stark behindert, teilweise in ihrer Existenz gefährdet werden.</p>
<p>Was mir jedoch insgesamt viel zu konventionell erscheint, ist das (stillschweigende) Festhalten an der Idee, dass Energie möglichst billig angeboten werden müsse. So als ob die derzeitigen Preise von fünf Eurocent pro Kilowattstunde an der Leipziger Strombörse nicht schon ein Tiefschlag für ehrgeizigen Klimaschutz und Ressourcenschonung wären! Die Billig-Mentalität kommt auch in Sätzen wie diesem zum Ausdruck: „Um die erheblichen Potenziale zur Energie- und Stromeinsparung zu heben, sind viele Maßnahmen erforderlich, die langfristig die Energiekosten für Wirtschaft, Kommunen und Verbraucher senken …“ (BMWi 2010, S. 13) Und hierfür soll nun wieder ein Fonds eingerichtet werden, der die zu ergreifenden Maßnahmen subventioniert. Der Fortschritt besteht lediglich darin, dass wenigstens nicht mehr der Mehrverbrauch subventioniert werden soll.</p>
<h2>3 Ökologische Preispolitik</h2>
<p>Die durch die oben skizzierten vier Strategien charakterisierte konventionelle Politik wird auch dann in große Schwierigkeiten geraten, wenn die vier Strategien in ein optimiertes Mischungsverhältnis gebracht werden, wie das die Absicht des Energiekonzepts der Bundesregierung ist. Die öffentlich diskutierten Strategien der Opposition sind in dieser Hinsicht kaum besser, weil sie wie die Regierung dem Traum nachhängen, Energie dürfe, ja solle billig angeboten werden. Und dann kommt der Zusatztraum, dieses sei mit einem noch ehrgeizigeren Ausbau der erneuerbaren Energien auch erreichbar.</p>
<p>Ich stelle dieser wogenden Streitdiskussion eine prinzipielle Alternative entgegen. Diese beruht</p>
<ul>
<li>auf der Analyse, dass die Effizienzpotenziale überhaupt nicht statisch sind und „ausgeschöpft“ werden können, sondern dass sie vielmehr dynamisch sind und nahezu unbegrenzt erweitert werden können;</li>
<li>auf der Überlegung, dass die Energieproduktivität sehr analog zur Arbeitsproduktivität im Gleichklang mit der Verteuerung der Energie mittelfristig um einen Faktor fünf, langfristig um einen Faktor 20 steigen könnte; dieses ist der Kerninhalt des neuen Buches „Faktor Fünf“ (von Weizsäcker et al. 2010);</li>
<li>auf der dann allerdings trivialen Feststellung, dass eine derart dramatische Erhöhung der Energieproduktivität ceteris paribus die heutigen Streitfragen über Klimaschutz und Kernenergie oder auch über Schäden durch Biosprit schlicht zum Verschwinden bringen würde.</li>
</ul>
<p>Die Kernthese ist im zweiten Punkt versteckt: Die Energie müsste „im Gleichklang“ mit steigender Energieproduktivität laufend verteuert werden. Die immer ehrgeizigere Nutzung der Effizienzpotenziale würde also gerade nicht zu Kostenreduktionen beim Energieeinkauf führen, wohl aber zu gewaltigen Wohlfahrtsgewinnen an völlig anderen Stellen. Diese anderen Stellen sind nicht nur die Vermeidung großer Umweltkatastrophen und der Abhängigkeit von immer riskanteren Ölquellen, sondern auch eine steile, stetige Modernisierung mit einer anzunehmenden deutlichen Verbesserung der Beschäftigungslage. Die Verminderung der CO2-Intensität und der Energieintensität von Gebäuden, Industrie, Landwirtschaft und Verkehr geht ja einher mit einer Steigerung der Informationsintensität und einer durchgreifenden System-Modernisierung, wie dies in Teil I des genannten Buches „Faktor Fünf“ ausgeführt wird.</p>
<p>Die Zentrierung der Energiepolitik bei der Erhöhung der Energieproduktivität widerspricht natürlich auch der im nationalen und v. a. internationalen Raum wie ein Gesetz gehandelten Grundannahme eines immer weiter wachsenden Energiebedarfs. Diese Grundannahme entspricht zwar der historischen Erfahrung, weil selbst in reichen Ländern der Energieverbrauch (ich vermeide hier bewusst das Wort Energiebedarf) bis in jüngste Zeit unaufhörlich gewachsen ist. Wenn man jedoch näher hinschaut, sieht man, dass die großen Energieverbrauchsschübe in Zeiten sehr niedriger Energiepreise entstanden. Und niedrige Preise sind ja kein Naturgesetz.</p>
<h2>4 Die technische Seite</h2>
<p>Faktor Fünf besteht zu zwei Dritteln aus (laienverständlichen) technischen Ausführungen des australischen Ko-Autorenteams über Einsparpotenziale in den Sektoren, die man gemeinhin für energetisch unverbesserlich hält: Schwerindustrie, Landwirtschaft und Verkehr. Nur eines der vier Sektorenkapitel beschreibt einen Bereich, der auch in der deutschen Diskussion als sehr aussichtsreich für die Verbesserung der Energieeffizienz gilt: die Gebäude. Daneben bietet das Buch über eine Website analoge Untersuchungen für Gaststätten, Supermärkte, Informationstechnik und Papierwirtschaft an. Die durchgängige Botschaft ist: Ein Faktor Fünf in der Verbesserung der Energieeffizienz ohne Leistungsverzicht ist technisch gesehen allemal drin.</p>
<p>Bei Gebäuden steht das von Wolfgang Feist in Darmstadt entwickelte „Passivhaus“ mit erstklassiger Isolierung und Wärmerückgewinnung mit Einsparungen von etwa 90 Prozent der Heizenergie im Vordergrund. Und inzwischen liegt das Hauptgewicht auf der Altbausanierung, wo immer noch 85 Prozent Effizienz gewonnen werden kann. Alles in allem ein mächtiges Beschäftigungsprogramm für Handwerk und Industrie. In China (Guangzhou) wurde 2010 der erste klimaneutrale Wolkenkratzer eingeweiht; auch dieser wird in Faktor Fünf porträtiert. Das Buch ist 2010 auch auf Chinesisch erschienen, weil ja China die weltweit wichtigste Baustelle für Energieeffizienz ist.</p>
<p>Für die Schwerindustrie werden beispielhaft Stahl und Zement behandelt. In beiden Fällen ist eine Verfünffachung der Energieeffizienz gegenüber dem heutigen chinesischen Standard machbar; 50 Prozent der Weltzementproduktion ist schließlich in China. Beim Zement geht es v. a. um den systematischen Einsatz von Geopolymeren als Ausgangsmaterial, das sind z. B. Flugasche, Hüttensand, Vulkanasche oder abbaubares Kaolin. Das erlaubt eine dramatische Absenkung der Reaktionstemperatur. In einigen Fällen geht es sogar bei Zimmertemperatur, was schon die alten Römer wussten, die ihr „opus cementitium“ für den Bau des Kolosseums oder der Trierer Porta Nigra einsetzten. Auch die Wiederverwendung von Beton aus Straßen, Mauern und Gebäuden senkt den Energiebedarf. Beim Stahl steht natürlich der Elektrostahl im Vordergrund, der in Deutschland die Siemens-Martin-Öfen längst abgelöst hat, aber wiederum in China noch die Ausnahme ist. Und in diesem Zusammenhang geht es (wie erst recht bei Nichteisenmetallen) um die systematische Erhöhung der Recyclingrate. Aber auch Endformguss, Wärmerückgewinnung, CCS und erneuerbare Energien können die Klimaverträglichkeit von Stahl verbessern.</p>
<p>Die Landwirtschaft war vor 200 Jahren zusammen mit den Forsten die Hauptenergiequelle aller Länder. Heute ist sie einer der größten Energieverbraucher. In die Herstellung einer Kalorie Rindfleisch werden heute bis zu 20 Kalorien Fremdenergie investiert, vom Futter aus Übersee über die Düngemittel, für Stallenergie und allerlei Landmaschinen und am Ende Schlachthof, Kühlkette und jede Menge LKW-Fahrten. Auch hier kann an allen Ecken und Enden logistisch oder technisch Energie gespart werden. Veränderte Ernährungsgewohnheiten können ebenfalls große Energie- und Treibhausgas-Einsparungen mit sich bringen.</p>
<p>Der Verkehrssektor gilt bei Klimaschützern oft als hoffnungsloser Fall. Das muss nicht so bleiben. Die Ausweitung des Straßengüterverkehrs war eine Folge der Just-in-time-Logistik, die in dieser Form auf billigen Tonnenkilometern basierte. Und der stetig anschwellende PKW-Verkehr ging ebenfalls, angefeuert durch preiswerten Sprit, Hand in Hand mit der Zersiedlung der Landschaft. Der Ausbau des Schienennetzes und die Technologie des Umschlags zwischen Schiene und Straße waren jahrzehntelang Stiefkinder der Infrastruktur-Investitionen, und zwar weltweit, immer unter der stillschweigenden Annahme, dass die jeweiligen Marktpreise für Öl langfristig zu halten seien. Stattdessen waren, vom Leithammel Amerika ausgehend, Flug- und Straßenverkehr die Lieblingskinder privater und öffentlicher Investitionen. Faktor Fünf zeigt, dass Kombinationen von Effizienz bei Einzelfahrzeugen, Infrastruktur, Logistik und Verhaltensänderungen (z. B. Telearbeit) die nötigen Effizienzverbesserungen ermöglichen.</p>
<h2>5 Die politische Seite</h2>
<p>Die Transformation in Richtung eines Faktors Fünf mag langfristig auch vom Markt in Gang gesetzt werden. Jedoch ist der Markt in der Vergangenheit stets mit dem „Rebound-Effekt“ verbunden gewesen: Alle Effizienzgewinne sind von zusätzlichem Konsum „aufgefressen“, also überkompensiert worden. Das lag wohl hauptsächlich daran, dass die Effizienzfortschritte, wie sie seit der Mitte der 1970er Jahre weltweit erzielt worden sind, auch dazu beigetragen haben, dass die Ölnachfrage etwa ab 1982 hinter dem steigenden Ölangebot zurückblieb und ein dramatischer Preisverfall stattfand, welcher seinerseits dann den Verbrauch wieder rasant ankurbelte.</p>
<p>Die Märkte sind nicht geeignet, eine dauerhaft nachhaltige Entwicklung der Technologie und des Verhaltens herbeizuführen. Die öffentliche Hand, und damit die Politik, muss diesen Prozess steuern. Mit Abstand am wichtigsten scheint mir eine Politik, bei welcher man die Energiepreise aktiv staatlich beeinflusst im Sinne einer systematischen Anhebung. Wenn also auf den Märkten die Preise purzeln, würde der Staat aktiv gegensteuern (und dabei als angenehmen Nebeneffekt unverhoffte Steuereinnahmen erhalten). Teil des Schemas sollte es aber auch sein, auf dem Markt entstehende Preisspitzen zu korrigieren, diesmal nach unten. Das Ziel ist ein für Investoren und Verbraucher verlässlicher Preispfad, der zu langfristigen Effizienzinvestitionen im Kapitalstock, also Technologie, Infrastruktur, Fabriken und Gebäuden ermutigt.</p>
<p>Vorbild ist, wie bereits betont, die dynamische Entwicklung der Arbeitsproduktivität, die ja im Laufe der Industriellen Revolution seit etwa 180 Jahren um den Faktor 20 zugenommen hat, mit der Tendenz zur Beschleunigung. Doch diese Steigerung ist, wie man weiß, mit einer praktisch gleichgroßen Steigerung der Bruttolohnkosten einhergegangen. Bruttolöhne und Arbeitsproduktivität haben sich als Paar gegenseitig hoch geschaukelt. Für die Erhöhung der Löhne bedurfte es allerdings keines Staatseingriffs, weil die Arbeitnehmer sie in immer neuen Auseinandersetzungen erkämpft hatten. Kilowattstunden und Ölfässer kämpfen jedoch nicht um höhere Bezahlung. Im Laufe der letzten 200 Jahre haben die Primärrohstoff- und Energiekosten laufend abgenommen, von kurzzeitigen Preisspitzen wie 1973 und 2007 einmal abgesehen1. Aus der Dynamik mit der Arbeitsproduktivität kann man versuchsweise schlussfolgern, dass man ohne Schaden für die Wirtschaft auch die Energie- und Materialpreise in dem Maße anheben dürfte, wie die Effizienz im Vorjahr zugenommen hat; das Kalenderjahr ist ja etwa die zeitliche Schrittgröße von Tarifverhandlungen.</p>
<p>Ein solcher politisch festzulegender Pfad hätte das Potenzial, zu einer laufenden Beschleunigung der Produktivitätsentwicklung zu führen. Denn Investoren und Entwicklungsabteilungen der Firmen haben ja großes Interesse an der Antizipation künftiger Geschehnisse. Ich sehe technisch keinerlei Grund, warum nicht auf Dauer ein Faktor 20 erreichbar sein soll.</p>
<p>Es gibt immer noch ein Problem der Sozialpolitik und der Strukturpolitik. Technische Effizienzverbesserungen kommen tendenziell bei den wohlhabenden Schichten und bei den modernen Branchen früher an als bei sozial schwachen Familien und bei althergebrachten Branchen. Härten kann man dann mit klassischen Mitteln der Sozial- und Strukturpolitik abfedern. Man darf nur nicht so weit gehen, den Ausbau energetisch ineffizienter Produktion oder unnötigen Konsums zu subventionieren.</p>
<p>Wenn es politisch gelingt, einen solchen Preispfad festzulegen, dann machen auch ordnungsrechtliche Begleitmaßnahmen Sinn, wie Gebäude-, Fahrzeug- und Maschinen-Effizienzstandards. Eingebettet in den Preispfad sind sie nämlich nicht mehr in Gefahr, einfach den Rebound-Effekt zu verstärken.</p>
<p>Die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft sollte durch eine ökologische Preispolitik gestärkt und nicht etwa geschwächt werden. Anders als bei den in unangenehmer Erinnerung gebliebenen Hochpreisphasen der späten 1970er Jahre sowie des jetzt zu Ende gehenden Jahrzehnts flösse ja nicht Volksvermögen in Multimilliardenhöhe in die Ölförderländer ab. Und die Energieeffizienz wird ohnehin mehr und mehr zu einem der wichtigsten Wettbewerbsfaktoren.</p>
<h2>6 Technische Einwände, die keine sind</h2>
<p>Gegen die hier geäußerte optimistische Perspektive einer langfristigen Erhöhung der Ressourcenproduktivität kommen immer wieder Einwände aus Technik und Naturwissenschaft. So argumentiert die energieintensive Industrie im politischen Raum stets damit, dass ihre Einzelprozesse eine weitere Steigerung der Energieproduktivität gar nicht mehr zulassen, weil sie bereits am „thermodynamischen Anschlagpunkt“ sind. So ist natürlich das Schmelzen von Aluminium aus Bauxit ständig energetisch optimiert worden, mit immer geringeren Effizienzgewinnen, weil man an physikalische Grenzen stößt, die man mit noch so schmerzhaften Preisstrafen nicht überwinden kann. Ähnliches gilt von der Chloralkalielektrolyse oder der Herstellung von Portlandzement.</p>
<p>Die Antwort darauf sollte aber nicht der verbilligte Bezug von Energie sein. Man muss differenziert antworten. Bei Aluminium etwa ginge es um eine weitere Steigerung des Recyclings, um die Verlagerung der Primärschmelze in Länder mit natürlichen billigen Energiequellen und die Substitution des Metalls durch funktional ähnliche Stoffe wie Hartholz oder gewichtsreduzierte Eisengitterstäbe. Beim Zement wird gern behauptet, dass die Alternativen zum Ausgangsstoff Kalkstein (der die hohen Temperaturen benötigt), längst ausgeschöpft seien, was aber nicht zutrifft. Bei der Chloralkalielektrolyse ist die wichtigste Antwort die Substitution von PVC durch Polyethylen. Und bei vielen für Hochtechnologie benötigten Metallen liegen die heutigen Recyclingraten unterhalb von einem Prozent (Graedel et al. 2011/i. E.). Hier sind also noch gewaltige Verbesserungen erreichbar, sobald diese rentabel erscheinen. Gewiss ist in manchen Bereichen eine internationale Koordinierung der Politik wünschenswert, um bloße geographische Wanderungen der Industrie zu vermeiden. Aber ein gewisses Maß der internationalen Arbeitsteilung nach Gesichtspunkten von Bevölkerungsdichte, technischen Potenzialen und geologischen Bedingungen ist nicht vermeidbar und auch nicht schädlich. Eine Deindustrialisierung nach dem mit Recht beklagten Modell von Großbritannien ist mit dieser Aussage in keiner Weise impliziert. Japan, Südkorea und sogar China haben sich auf den Weg gemacht, die Industrien und Technologien des frühen 20. Jahrhunderts auszulagern – um ihrer internen Wohlstandsentwicklung willen.</p>
<p>Mit einer zunehmenden Informationsintensität der Wertschöpfung und dem Auftauchen von eleganten Nanotechnologien scheint die Welt ganz unabhängig von den Klimabesorgnissen auf einen Pfad eingeschwenkt zu sein, der die Energieproduktivität steigen lässt. Substitution von knapp gewordenen oder zu aufwändig gewordenen Grundstoffen war seit alters her ein Merkmal des Strukturwandels und nicht etwa etwas Anstößiges. Auch die Infrastruktur und die täglichen Gewohnheiten haben sich immer wieder neu ausgerichtet. Diese normale Entwicklung in der richtigen Richtung, aber sozialverträglich zu beschleunigen, ist ein legitimes Ziel der Politik. In einem Hochtechnologieland wie Deutschland sind Naturwissenschaft und Technik in besonderem Maße gefordert, diese Entwicklung kreativ zu begleiten und nicht etwa durch Verweise auf angebliche technische Barrieren zu behindern.</p>
<h2>Anmerkung</h2>
<p>1) Vgl. Abbildung 9.1 in Faktor Fünf, basierend auf Zahlen des Bank Credit Analyst.</p>
<h2>Literatur</h2>
<ul>
<li>Achternbosch, M.; Kupsch, Chr.; Nieke, E.; Sardemann, G., 2010 (i. E.): Gegenwärtige und zukünftige Chancen der globalen Zementindustrie zur Reduktion ihrer CO2-Emissionen. In: GAIA 19/4 (2010)</li>
<li>BMWi – Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, 2010: Energiekonzept für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung. Berlin</li>
<li>Graedel, Th. et al., 2011/i. E.: Recycling Rates of Metals. A Status Report. UNEP-DTIE, Paris</li>
<li>von Weizsäcker, E.U.; Hargroves, K. et al., 2010: Faktor Fünf. Die Formel zum nachhaltigen Wachstum. München</li>
</ul>
<p><em>Erschienen in: Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis, 19. Jg., Heft 3, Dezember 2010 Seite 17</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Alles verzockt? – Eine Zukunftsperspektive</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/alles-verzockt-eine-zukunftsperspektive/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 May 2005 19:50:40 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Verzocken wir heute das Morgen? Das ist die Hauptfrage heute Nachmittag. Verzocken ist ein übles Wort. Wenn die Bild-Zeitung Politiker beschimpft, kommt regelmäßig das Wort Abzocken vor. Verzocken heißt verprassen. Es deutet an, wir leben in Saus und Braus.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/alles-verzockt-eine-zukunftsperspektive/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Deutscher Evangelischer Kirchentag Hannover, 27.5.2005</em><br />
<em> Kredite auf die Zukunft: Verzocken wir heute das Morgen?</em></p>
<p>Verzocken wir heute das Morgen? Das ist die Hauptfrage heute Nachmittag. Verzocken ist ein übles Wort. Wenn die Bild-Zeitung Politiker beschimpft, kommt regelmäßig das Wort Abzocken vor.</p>
<p>Verzocken heißt verprassen. Es deutet an, wir leben in Saus und Braus. Ich kenne fast keine Familie, die glaubt, in Saus und Braus zu leben. Daher werden die meisten im Land empört reagieren, wenn jemand sagt, sie würden die Zukunft verzocken. Ich sage also deutlich, dass mir der Titel „Alles verzockt“ nicht gefällt, auch wenn ein Fragezeichen dahinter ist.</p>
<p>Und doch muss man die dahinter liegende Frage ernst nehmen. Das hat Angelika Zahrnt deutlich gesagt.</p>
<p>Lassen Sie mich die ökologische Herausforderung noch einmal drastisch beleuchten:</p>
<p>Wir rotten täglich rund 50 Tier- oder Pflanzenarten aus. 80% der in Deutschland heimischen Schmetterlingsarten gelten als gefährdet. Das Klima ändert sich rasant. Schauen wir etwa nach Grönland. Dort hat sich in nur zehn Jahren die Fläche vervierfacht, wo im Sommer Schmelz- und Regenwasserseen sind. Diese Fläche ist jetzt schon doppelt so groß wie Deutschland. Wer kann voraussagen, wie lange das Grönlandeis noch mechanisch stabil bleibt? Und wenn das Eis auseinander bricht und der Meeresspiegel um 7 Meter steigt, wie sieht dann Holland aus? Oder die norddeutsche Tiefebene oder die Mündungsgebiete des Ganges, des Nil, des Mississippi? Mehr als eine Milliarde Menschen leben an den Küsten, und dort ist auch die Industrie- und Wirtschaftsdichte am größten.</p>
<p>Um die Artenvielfalt zu retten, müssen wir die Naturschutzgebiete erweitern und sichern. Damit das eine Chance hat, müssten wir den weltweiten jährlichen Rohstoff- und Naturverbrauch halbieren. Um gefährliche Klimaänderungen zu vermeiden, müssten wir den Ausstoß der Treibhausgase halbieren.</p>
<p>Halbierung des Naturverbrauchs, – ist das angesichts der Dynamik in China und Indien zu schaffen? Könnten wir in den Industrieländern radikal den Gürtel enger schnallen, damit entsprechend mehr für die Entwicklungsländer übrig bleibt? Nein, ich das ist völlig unrealistisch, und es wäre auch in höchstem Grade explosiv, also friedensgefährdend. Denn die Mächtigen würden alles daran setzen, dass die ohnehin Schwachen die Zeche bezahlen, das die sich einschränken müssen, die nicht in Saus und Braus leben.</p>
<p>Ja, aber was dann, wenn wir doch weltweit den Wohlstand mindestens verdoppeln müssen, damit die Entwicklungsländer einigermaßen zu unserem Wohlstandsniveau aufschließen können.</p>
<p>Verdoppelung des Wohlstands bei halbiertem Naturverbrauch: das ist der Kern der heutigen Herausforderung. Unseren Enkeln schulden wir die Halbierung des Naturverbrauchs, dem Frieden und den im Elend lebenden Menschen die Verdoppelung des Wohlstands.</p>
<p>Beim Naturverbrauch müssen wir <em>differenzieren zwischen Energie, festen Rohstoffen, Wasser und Landverbrauch</em>.</p>
<p>Beginnen wir mit der <em>Energie</em>. Bei der Vermeidung von Treibhausgasen kommt man ziemlich weit mit erneuerbaren Energien, mit effizienteren Kraftwerken und mit dem Abfangen und Unschädlichmachen der Gase. Manche hoffen weiter auf die <em>Atomenergie</em>, aber <em>darüber</em> will ich jetzt nicht streiten, das würde endlos.</p>
<p>Stattdessen will ich behaupten, dass es noch eine Option gibt, die noch wirtschaftlicher ist oder gemacht werden kann als Wind, Sonne und das Abfangen der Gase. Es ist die <em>Effizienzoption</em>.</p>
<p>Es ist technisch möglich, Autos so zu bauen, dass sie weniger als zwei Liter pro hundert brauchen. Und mit Park and Ride und Fahrrädern und gut vertakteten Bussen und Bahnen kann man viele Milliarden Autokilometer sparen. Häuser kann man so bauen, dass sie fast keine Heizenergie mehr brauchen. Sparglühbirnen sind 4 mal effizienter als die alten Birnen, und mit Leuchtdioden gibt’s noch mal eine Effizienzverdopplung. Aluminium aus Schrott braucht nur ein Zehntel des Stroms, den man für Aluminium aus Bauxit braucht. Und e-mails brauchen nicht ein Hundertstel der Energie der klassischen Post! Die <em>ganze Wirtschaft</em> lässt sich <em>mindestens viermal so energieeffizient</em> machen als heute. Dieser Faktor vier erlaubt eine Verdoppelung des Wohlstandes bei halbiertem Naturverbrauch.</p>
<p>Eine Kilowattstunde einzusparen ohne Wohlstandsverlust kostet vielleicht fünf Eurocent, eine Kilowattstunde aus Wind kostet vielleicht zehn Cent, und die Atomenergie aus neuen Meilern ist auch nicht billiger. Die Kosten des Abfangens von CO2 aus Kohlekraftwerken dürften <em>deren</em> Kilowattstunden eher <em>noch</em> teurer machen. Die Effizienzstrategie ist vermutlich einfach die wirtschaftlichste.</p>
<p>Noch erfreulicher wird die Strategie, wenn man sich folgendes klarmacht: Wenn eine Firma ihr Technologie-Geld dafür einsetzt, Kilowattstunden arbeitslos zu machen statt Menschen, nützt das der Beschäftigung. Wenn Energie teurer und Arbeit billiger wird, machen das auf einmal viele Firmen. Das war die Grundüberlegung der ökologischen Steuerreform. Ich räume aber ein, dass die Politik das nicht immer überzeugend gemacht und dargestellt hat.</p>
<p>Was für Energie gilt, ist auch auf <em>feste Rohstoffe</em>, und Wasser übertragbar. Metalle, Glas und Baustoffe lassen sich vorzüglich rezyklieren. Bei Holz, Papier und Kunststoffen ist es schwieriger, aber machbar; und zur Not gibt es auch die legitime Verbrennung. Manchmal ist Recycling die plumpe Antwort und „<em>Remanufacturing</em>“ die intelligente. Ausrangierte Autos oder Kühlschränke muss man nicht shreddern. Man kann die großen Metallteile weitgehend wiederverwenden und nur Modernisierungsteile, Verschleißteile und modische Details neu einbauen.</p>
<p><em>Wasser</em> kann durch Reinigung <em>vielfach verwendet</em> werden. Tröpfchenbewässerung ist rund dreimal so wassereffizient wie die klassische Bewässerung. Geruchlose, hygienische Trockenklos könnten viele Millionen Kubikmeter Wasser sparen.</p>
<p>Bei der <em>Landnutzung</em> muss man auf Fallstricke achten. Die Flächenintensivierung der Landwirtschaft – also steigende Hektarerträge – wird von der Agrochemie und der Grünen Gentechnik den Naturschützern immer auf dem Tablett serviert als angebliche Lösung des Naturschutzproblems. In Wirklichkeit bedeutet <em>diese</em> Intensivierung Probleme mit der Artenvielfalt, mit den Böden, dem Grundwasser und dem Energiebedarf. Die ökologische Landwirtschaft ist in all diesen Hinsichten viel besser, aber sie braucht meist etwas mehr Platz.</p>
<p>Im Siedlungsraum hingegen geht es vor allem um die Flächenversiegelung, und hier ist die Verdichtung und Nutzungsintensivierung genau das richtige Rezept. Dichte, strahlenförmige Siedlungsformen machen Busse und Bahnen rentabel und schonen die Fläche. Siedlungsbrei dagegen kostet Fläche und macht uns alle autoabhängig.</p>
<p>Bei der Landnutzung brauchen wir auch keine Halbierung des heutigen Bedarfs. Es genügt, wenn die weitere Expansion gebremst oder gestoppt wird, in Deutschland ein durchaus erreichbares Ziel. Vielleicht kann man die Gewerbesteuer teilweise durch eine Versiegelungssteuer ablösen. Das könnte der Amerikanisierung der Stadtränder Einhalt gebieten.</p>
<p>Meine Damen und Herren, die ökologische Modernisierung der Wirtschaft und unserer Lebensstile ist <em>nicht ein Rezept zur wirtschaftlichen Stagnation</em>. So sieht es bloß ein großer Teil der Wirtschaftseliten und Politiker in Deutschland und den USA. In Skandinavien und in Japan ist es umgekehrt. Dort sieht man, dass die Ökologisierung ein herrlicher <em>Wachstumsmotor</em> ist. Da gibt es also heute noch große kulturelle Unterschiede.</p>
<p>Ich bin aber überzeugt davon, dass die ganze Welt auf Dauer, und vielleicht schon in wenigen Jahren, dem skandinavisch-japanischen Weg folgt. Letztes Jahr haben wir eine Art Schock mit Öl- und Rohstoffpreisen erlebt. Daraufhin hatten in den USA plötzlich die Benzinschluckerautos eine Absatzflaute. Gleichzeitig hatte der japanische <em>Toyota Prius</em>, ein Hybridauto, das nur noch halb so viel Benzin braucht wie die amerikanischen Schlitten, einen riesigen Absatzerfolg.</p>
<p>Und in China setzte nach dem Preisschock ein drastisches Umdenken in Richtung Ressourceneffizienz ein. In vier Wochen habe ich die Ehre, beim jährlichen Entwicklungsforum in Peking den Hauptvortrag zum Thema Faktor Vier zu halten; mein Buch ist schon vor fünf Jahren ins chinesische übersetzt worden. Jetzt habe ich die Hoffnung, dass deutsche Firmen demnächst aus China hören, Energie- und Rohstoffeffizienz sei das neue Qualitätsmerkmal. Da hören sie dann besser zu, als wenn sie es von deutschen Umweltschützern hören.</p>
<p>Ich komme zum Schluss. Ich klage nicht an. Ich rede nicht vom Verzocken. Ich setze auf technischen und zivilisatorischen Fortschritt. Die Erhöhung der Ressourcenproduktivität wird zur Grundmelodie des Fortschritts. Für Ingenieure und für uns alle eine phantastische Aufgabe. Laden Sie bitte diese Aufgabe nicht einfach bei der Wirtschaft und dem Staat ab. Die Wirtschaft richtet sich nach dem Markt, und die Politik nach den Stimmungen der Wähler.</p>
<p>Wir alle sind es, als Verbraucherinnen und Verbraucher und als Wählerinnen und Wähler, die die Richtung des Fortschritts mitbestimmen. Es ist in unserer Hand, eine neue Erwartungshaltung zu entwickeln und zu äußern. Die Medien müssen diese transportieren. Dann machen auf einmal alle mit.</p>
<p>Konrad Lorenz, der große Verhaltensforscher hat einmal beschrieben, wie Dohlenschwärme Entscheidungen treffen. Der Schwarm sitzt auf einem Felsen oder einem Baum. Einige Dohlen krächzen „kiaa“, andere „kiau“. Das eine heißt dableiben, das andere wegfliegen. Wenn der Wegflieg-Ruf überhand nimmt, dann fliegt auf einmal der <em>ganze</em> Dohlenschwarm weg.</p>
<p>Ich kann die Gedanken meiner Enkel lesen. Sie wollen, dass wir den Aufbruch organisieren. Ich hoffe, dass dieser Kirchentag dazu beiträgt.</p>
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		<title>Ökologische Finanzreform</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/oekologische-finanzreform/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Jun 2002 17:48:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Energie]]></category>
		<category><![CDATA[Faktor Vier / Faktor Fünf]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologische Steuerreform]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
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					<description><![CDATA[Es ist die pure Vernunft, den Umweltverbrauch zu besteuern. Wenn wir ein Hemd kaufen oder eine Kamera, bezahlen wir den Herstellungspreis plus die Handelsspanne plus die Steuern. Der Preis reicht aus, um immer wieder neue Hemden und Kameras auf den Markt zu bringen. Kaufen wir aber Benzin, dann bezahlen wir die Ölförderung plus die Handelsspanne plus die Steuern.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/oekologische-finanzreform/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;">Es ist die pure Vernunft, den Umweltverbrauch zu besteuern.</span></p>
<p>Wenn wir ein Hemd kaufen oder eine Kamera, bezahlen wir den Herstellungspreis plus die Handelsspanne plus die Steuern. Der Preis reicht aus, um immer wieder neue Hemden und Kameras auf den Markt zu bringen.</p>
<p>Kaufen wir aber Benzin, dann bezahlen wir die Ölförderung plus die Handelsspanne plus die Steuern. Der Preis für die Ölförderung hat nichts mit der „Herstellung“ von Öl zu tun. Wenn es verbraucht ist, ist es weg.</p>
<p>Der „Markt“ schwindelt uns an, was die Endlichkeit des Öls angeht. Erst recht, was die Luft- und Klimabelastung angeht. Von den drei genannten Komponenten des Produktpreises kann nur die Steuer den Schwindel vermindern. Sie verteuert das Benzin, und das ist gut so.</p>
<p>Das war und ist die parteiübergreifende Grundeinsicht, die zur ökologischen Steuerreform geführt hat. Und doch hat sich die Ökologische Steuerreform im Parteienstreit verhakt. Sie ist unpopulär. Opposition und Wirtschaftsvertreter bringen mit Vorliebe drei Einwände vor:</p>
<ol>
<li>die Ökosteuer sei unsozial; die Ausnahmeregeln schonten die Großen und belasteten die Kleinen.</li>
<li>die Verwendung des Einkommens für die Senkung der Rentenbeiträge sei unökologisch; die ökologische Begründung sei also nur Verbrämung für etwas, was dann in einfacherer Sprache oft „Abzocke“ genannt wird;</li>
<li>die ökologische Steuerreform bremse die nötigen Reformschritte bei den sozialen Sicherungssystemen</li>
</ol>
<p>Alle drei Argumente führen in die Irre.</p>
<ol>
<li>Es ist nicht unsozial, den Verursacher zu belasten. Sozialpolitik soll man nicht durch Unterdrückung des Verursacherprinzips machen, sondern allenfalls durch Härteausgleich. Die Ausnahmeregeln sind ein Resultat des Drucks der Industrie gewesen, die mit Standortverlagerung drohte. Die als unfair empfundene Asymmetrie liegt darin, dass die Großen mit der Verlagerung besser drohen können als die Kleinen. Die sich jetzt in der EU abzeichnende Verständigung auf eine Harmonisierung könnte dazu führen, dass die Asymmetrie abgebaut wird.</li>
<li>Die Einkommensverwendung für die Senkung der Rentenbeiträge macht den Fiskus nicht reicher; das Wort Abzocke geht also fehl. Es ist im übrigen sehr wohl ökologisch vernünftig, den knappen Faktor Energie zu verteuern und gleichzeitig den gar nicht mehr knappen Faktor Arbeit von Abgaben zu entlasten. Das kann zu wünschenswerten technologischen Verschiebungen von der Energieintensität zur Arbeitsintensität führen, was auch volkswirtschaftlich gut wäre. Aus reinen Popularitätsgründen mag es plausibel sein, einen Teil der Einnahmen für ökologische Zwecke einzusetzen.</li>
<li>Was die Wirtschaft als „nötige Reformschritte“ bezeichnet, ist natürlich noch unpopulärer als die Benzin-Ökosteuer. Abgesehen davon haben die skandinavischen Länder gezeigt, dass eine vermehrte Steuerfinanzierung der sozialen Sicherheitssysteme den Mut zu Reformen überhaupt nicht bremsen muss.<br />
Die Tagespolitik wird sich mit diesen Streitfragen auch weiterhin auseinander setzen müssen. Mit geht es um Argumente für die langfristige Perspektive.</li>
</ol>
<p>Der Treibhauseffekt, die begrenzten Vorräte und die Kernenergierisiken werden die Menschheit zwingen, mit Energie auf Dauer drastisch sparsamer umzugehen. Analoges gilt für das Süßwasser, für die Bodenfläche und für viele Rohstoffe. Mittelfristig scheint mir eine Halbierung des Naturverbrauchs unausweichlich. Bei den CO2-Emissionen ist die Halbierung erforderlich, um die Konzentrationen zu stabilisieren! Gleichzeitig nimmt die Bevölkerung weiter zu und wachsen die Wohlstandsansprüche. Eine Verdoppelung der anzubietenden Güter und Dienstleistungen ist das aller mindeste, was man anstreben muss.</p>
<p>Hieraus resultiert die Forderung, den Naturverbrauch um mindestens einen Faktor vier effizienter zu machen. Das hieße, aus einem Fass Öl oder einem Kubikmeter Wasser das Vierfache an Wohlstand herauszuholen. Dass dies technologisch machbar ist, kann als nachgewiesen gelten (Weizsäcker u.a., 1997). Die technologische Machbarkeit ist aber nicht genug. Wir brauchen auch die politische Realisierung.</p>
<p>Nehmen wir uns dafür etwas Zeit, z.B. gut vierzig Jahre. Dann brauchen wir nicht mehr als eine Erhöhung der durchschnittlichen Ressourcenproduktivität um gut drei Prozent pro Jahr. Diese Leistung könnten wir also als realpolitische Zielsetzung vorgeben. Und dies müsste zum wichtigsten Ziel der ökologischen Steuerreform erklärt werden. Das setzt eine sehr langfristige Verlässlichkeit des Preispfades voraus!</p>
<p>Dass Preise langfristig äußerst wirksam sein können, hat Jochen Jesinghaus an einem beispielhaften Fall nachgewiesen. Die OECD-Länder haben bei ansonsten sehr paralleler Wohlstandsentwicklung über die Jahrzehnte sehr unterschiedliche Spritpreise an der Zapfsäule aufrecht erhalten. Und siehe da: der Pro-Kopf-und-Jahr-Spritverbrauch nimmt ziemlich streng mit dem Preis ab!</p>
<p>Der Einwand, dass diese Länder auch eine sehr unterschiedliche Siedlungsdichte haben, sticht nicht, denn die USA-Ostküste ebenso wie die Westküste sind bezüglich Siedlungsdichte von Japan oder Italien kaum unterschieden und haben dennoch einen etwa viermal so hohen Spritverbrauch pro Kopf.</p>
<p>Der Spritverbrauch pro Kopf ist ein komplexes Gemisch aus Technik, Siedlungsstruktur, ÖPNV-Angebot, Alltagsverhalten und Käuferverhalten. Es dauert Jahrzehnte, bis sich so etwas ändert.</p>
<p>Um dieses Gemisch zwar zielstrebig aber ohne Brüche in Richtung des „Faktors Vier“ zu verändern, stelle ich mir als Idealbild einer ökologischen Finanzreform eine jährliche Anhebung der Endverbrauchspreise um etwa vier Prozent pro Jahr vorstellen, und dies auf Jahrzehnte festgeschrieben. Der relative Abstand zwischen den (sehr niedrigen) Energiekosten bei der Grundstoffindustrie und den (sehr hohen) Energiekosten beim Superbenzin bliebe erhalten. Das Preissignal wäre bei allen Verbrauchern gut erträglich:</p>
<p>Wenn die erwartete Lenkungswirkung eintritt, würden sich trotz dieses stetig nach oben gerichteten Preispfades die energiebezogenen Produktions- und Lebenshaltungskosten kaum erhöhen, weil eben die Effizienzgewinne die Preissteigerung weitgehend kompensieren. Für den Fiskus ist das allerdings keine allzu erfreuliche Nachricht: das jährliche Aufkommen würde trotz steigender Steuersätze nur unwesentlich zunehmen.</p>
<p>Der Langfristpfad entspricht einem tief greifenden Strukturwandel und Zivilisationswandel. Es kommt auch zu geographischen Verschiebungen. Sehr energieaufwändige Prozesse wie die Aluminiumschmelze aus Bauxit würden rationaler Weise an Plätze verlagert, wo Energie natürlicherweise billig ist wie Wasserkraft in Kanada oder ansonsten abgefackeltes Gas am persischen Golf.</p>
<p>Die eigentliche politische Kunst wird darin bestehen, anstelle eines Steuerpfades einen langfristigen Preiskorridor einigermaßen festzulegen. Das ist aus Gründen der Planbarkeit und der sozialen Akzeptanz äußerst wünschenswert. Externe Preissprünge wie beim Rohöl 1999 und 2000 sind Gift für die Akzeptanz. Will man einen langfristigen Preispfad verlässlich vereinbaren und durchhalten, dann wird man auf starke externe Signale elastisch reagieren müssen. Das heißt dann eben, dass man die Einnahmenverwendung mit einem entsprechenden Vorbehalt versieht. In Zeiten extern sinkender Rohstoffpreise kann der Fiskus umgekehrt mehr abschöpfen und „ansparen“.</p>
<p>Das Strukturwandels-Ziel ist zugleich eine Absage an Schadstoffsteuern oder Abfallsteuern. Deren Lenkungswirkung hat nämlich mit Strukturwandel relativ wenig zu tun und ist unelegant: sie induzieren end-of-the-pipe-Techniken, aufwändige Bring- und Holsysteme oder gar illegales Emittieren und Entsorgen. Gewiss kann man bestimmte Schadstoffe spezifisch aufs Korn nehmen; aber dazu hat sich das Ordnungsrecht relativ gut geeignet. Auch handelbare Emissionslizenzen können sich durchaus eignen. Man muss sich nur im Klaren sein, dass dies nicht ein Ersatz für den Strukturwandel sein kann.</p>
<p>Zielführend im Sinne des ökologischen Strukturwandels wäre hingegen eine Ergänzung der Energiesteuer durch eine Flächenverbrauchssteuer, eine Grundwassersteuer sowie eine Primärrohstoffsteuer.</p>
<p>Es ist klar, dass die hier geäußerten Gedanken nicht der Mentalität eines Finanzministeriums entsprechen, sondern der eines Technologie- oder Umweltministeriums. Zuständig ist aber der Finanzminister! Es wird also noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten sein.</p>
<p>Literatur:</p>
<ul>
<li>Mauch, Samuel, R.Iten, E.U.v.Weizsäcker u. J.Jesinghaus 1992. Ökologische Steuerreform. Chur: Rüegger.</li>
<li>Von Weizsäcker, Amory Lovins, Hunter Lovins. 1997. Faktor Vier. Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. München: Droemer.</li>
</ul>
<p><em>Erschienen in: politische ökologie, Heft 77-78, 2002</em></p>
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