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	<title>Erneuerbare-Energien-Gesetz - Ernst Ulrich von Weizsäcker</title>
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		<title>„Der Markt verstärkt  die Ungleichheit“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Jun 2011 08:00:27 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Eine Abwendung von der Kernenergie, wie sie in Deutschland im Gang ist, erfordert ein generelles Umdenken beim Einsatz von Ressourcen. Ernst Ulrich von Weizsäcker beschreibt, wie wir die Erde bei gleich bleibendem Wohlstand schonender nutzen können.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/der-markt-verstaerkt-die-ungleichheit/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Abwendung von der Kernenergie, wie sie in Deutschland im Gang ist, erfordert ein generelles Umdenken beim Einsatz von Ressourcen. Ernst Ulrich von Weizsäcker beschreibt, wie wir die Erde bei gleich bleibendem Wohlstand schonender nutzen können.</p>
<p>Das Gespräch führte Wolfgang Hess &#8211; Chefredakteur von <a title="bild der Wissenschaft" href="http://www.wissenschaft.de/" target="_blank">bild der wissenschaft</a> &#8211; für die Ausgabe Juni 2011</p>
<p><strong>bild der wissenschaft: Seit 2008 sind Sie einer der beiden Leiter des International Panel for Sustainable Resource Management bei den Vereinten Nationen. Ist das ein angenehmes Ehrenamt als Auszeichnung für eine bedeutende wissenschaftliche Karriere, Herr von Weizsäcker?</strong></p>
<p>Ernst Ulrich von Weizsäcker: Etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit bringe ich für diese ehrenamtliche Tätigkeit auf. Unser Team besteht aus zwei Dutzend internationalen Mitgliedern und ist hervorragend besetzt. Der andere Co-Präsident ist der Inder Ashok Khosla. Er ist gleichzeitig Präsident der IUCN (International Union for Conservation of Nature), die eng mit dem WWF zusammenarbeitet.</p>
<p><strong>Was ist Ihre Aufgabe?</strong></p>
<p>Wir haben fünf Arbeitsgruppen. Ich leite die meisten Plenartagungen sowie eine der fünf Arbeitsgruppen: die Abkoppelung des Wohlstands vom Ressourcenverbrauch. Andere Gruppen beschäftigen sich mit den Themen Metalle, Wasser, Land und Böden sowie Umweltschäden durch Ressourcenverbrauch. Überall geht es um Effizienz, nicht um das Erschließen weiterer Ressourcen.</p>
<p><strong>Ressourceneffizienz ist seit Jahrzehnten Ihr Thema. Wie beurteilen Sie den Drang meist junger Menschen, stets das neueste Mobiltelefon haben zu müssen? Unterstützt wird dieses Verhalten von Mobilfunkbetreibern, die mit cleveren Bezahlmodellen für stetige Nachfrage sorgen.<br />
</strong></p>
<p>Man muss anerkennen, dass das Handy die Kommunikationsfähigkeit in der Welt explosionsartig verbessert hat und damit auch einen erheblichen Gewinn an Lebensqualität bringt. Das gilt ganz besonders für Afrika. Handys wegzuwerfen, ist gleichwohl unsinnig. In einer Tonne Handyschrott ist ungefähr 50 Mal so viel Gold enthalten wie in einer Tonne Golderz aus Südafrika! Insgesamt enthält ein Handy 60 verschiedene chemische Elemente, viele davon von großem Wert. Unsere Arbeitsgruppe Metall hat herausgefunden, dass die Rückgewinnquote praktisch aller Hochtechnologie-Metalle einschließlich der Seltenen Erden unter einem Prozent liegt! 99 Prozent landen also in der Müllschlacke. Da haben wir moralisch kein Recht, China zu attackieren, weil es den Export dieser Metalle beschränkt.</p>
<p><strong>Elektronische Geräte sind oft preiswert, Reparaturen lohnen sich bei unseren Stundenlöhnen nicht. Wie wollen Sie unter diesen Bedingungen nachhaltig wirtschaften?<br />
</strong></p>
<p>Die Europäische Kommission unter Umweltkommissar Janez Potocnik ist auf Draht und hat die Ressourcenproduktivität zu einem Zentrum ihrer Arbeit gemacht. Man schimpft oft auf ihre Elektronikschrottverordnung, dabei ist die weltweit eine Pioniertat gewesen: Würde man die Verordnung wirklich befolgen, wäre die Vergeudung wertvoller Rohstoffe des Elektronikschrotts Vergangenheit. Da ich den technischen Fortschritt in der Elektronikindustrie nicht aufhalten kann und will, muss die ökologische Antwort das Recycling der Wertstoffe im EU-Raum sein &#8211; wo es geht, sogar das Remanufacturing.</p>
<p><strong>Was heißt Remanufacturing?</strong></p>
<p>Das ist eine Stufe eleganter als Recycling: Der stabile äußere Rahmen eines Geräts wird direkt wiederverwendet. Ausgetauscht werden nur Verschleißteile und modernisierungsbedürftige Teile. Remanufacturing funktioniert bei Autos übrigens genauso wie in der Unterhaltungselektronik.</p>
<p><strong>Die Hersteller finden diese Idee offensichtlich weniger elegant als Sie. Ich kenne kein Unternehmen, das damit wirbt, neue Produkte nur an Schwachstellen neu hergestellt zu haben.<br />
</strong></p>
<p>In Japan ist Remanufacturing Routine. Auch bei uns und in den USA kommt es vor. Ich denke, in 20 Jahren wird Remanufacturing in allen Industrieländern der Normalfall sein.</p>
<p><strong>Sie sind in meinem Gedächtnis abgespeichert als Vater des Begriffes „Effizienzrevolution&#8220;. Ihr Buch „Faktor Vier&#8220;, wurde zu einem Verkaufsschlager mit einer Weltgesamtauflage von 200 000 Exemplaren. Vor zwei Jahren veröffentlichten Sie auf Englisch „Factor Five&#8220; &#8211; das Buch erschien 2010 auch auf Deutsch und Chinesisch. Beide Bücher enthalten eine Vielzahl an Beispielen, wie man mit Grips den Ressourcenverbrauch drastisch verringern kann. Doch die Revolution auf breiter Front ist bisher ausgeblieben.<br />
</strong></p>
<p>Faktor Vier, 1995 publiziert, war politisch naiv und ist davon ausgegangen, dass die Dokumentation von fabelhaften Lösungen ausreicht, damit diese von Wirtschaft und Staat begierig aufgegriffen und praktiziert werden. Allerdings waren damals Energie und andere Rohstoffe spottbillig: Der Ölpreis lag bei etwa 20 Dollar pro Barrel. Die Pläne für ein Hyperauto, das mein amerikanischer Co-Autor Amory Lovins vorgestellt hat und das nur 1,5 Liter pro 100 Kilometer braucht, blieben im Schrank. Weit schlimmer: Die US-Autoindustrie und in der Folge auch die Europäer, Japaner und Koreaner entwickelten neue Dinosaurier auf Rädern &#8211; geländegängige Limousinen, genannt SUV. Die ökonomische Botschaft der 1990er- Jahre lautete: Ressourcen könnt Ihr verprassen! Sie sind billig.</p>
<p><strong>Faktor Fünf untergliedert sich in zwei Teile. Der erste enthält wiederum Beispiele ressourcenschonender Produkte. Im zweiten Teil, der von Ihnen stammt, geht es darum, für diese technischen Möglichkeiten den politisch adäquaten Rahmen zu entwerfen. Was fordern Sie konkret?<br />
</strong></p>
<p>Teil I zeigt vor allem Systemverbesserungen, nicht wie in Faktor Vier lauter Einzeltechniken. Teil II präsentiert ein neues Konzept einer permanenten ökologischen Steuerreform. Sie soll dafür sorgen, dass die Erfolgsgeschichte der kontinuierlichen Erhöhung der Arbeitsproduktivität seit 150 Jahren nunmehr kopiert wird durch eine langfristige und ebenso drastische Erhöhung der Energie- und Ressourcenproduktivität &#8211; mit paralleler Erhöhung der Preise. So, wie die Bruttolohnkosten die Arbeitsproduktivität begleiteten und steigerten, sollen die steigenden Energie- und Ressourcen-preise die Ressourcenproduktivität anstacheln. Ziel ist aber, dass die monatlichen Energiekosten für den Verbraucher in etwa gleich bleiben, weil die Effizienz den Preisauftrieb kompensiert.</p>
<p><strong>Und wer soll die Preise steuern?</strong></p>
<p>In China der Staat. Wenn wir merken, dass der verlässliche Preispfad unseren Wohlstand steigert, können wir das auch, am besten über die EU.</p>
<p><strong>Ich höre schon den Aufschrei der Wirtschaft &#8230; </strong></p>
<p>&#8230; nur von denen, die sich nicht umstellen können. Für die Wirtschaft sind verlässliche Randbedingungen ein Segen. Wenn sich Preise langfristig kalkulieren lassen, investiert die Wirtschaft frühzeitig in Prozess- und Produktinnovationen. Und rennt damit der internationalen Konkurrenz technologisch davon. Im Übrigen dämmert es auch der Wirtschaft seit der Tragödie von Fukushima, dass Atomenergie hochproblematisch ist. Es wächst die Einsicht, dass Effizienz und erneuerbare Energien die Zukunft darstellen.</p>
<p><strong>Was ist mit dem bürokratischen Aufwand für eine ökologisch bedingte Steuererhöhung auf Ressourcen?<br />
</strong></p>
<p>Die Ökosteuer ist administrativ viel einfacher als die Mehrwertsteuer und viel unbürokratischer als tausend Effizienzvorschriften.</p>
<p><strong>Ressourcenverbrauch führt nicht nur zu direkten Kosten, sondern erzeugt Folgekosten, die mitunter erst nach Jahren zu Buche schlagen. So dürften die steigenden Kohlendioxid-Emissionen den Klimawandel beschleunigen, was nach Auffassung vieler Wissenschaftler zu verheerenden Naturkatastrophen führen wird. Teilen Sie diese Ansicht?<br />
</strong></p>
<p>Ja, natürlich. Das ist solide Wissenschaft. Die Zunahme tropischer Wirbelstürme wundert keinen Klimaexperten mehr. Die Unternehmensberatung McKinsey hat vor einigen Jahren übrigens eine interessante Aufstellung über die Kosten der CO2-Vermeidung publiziert. Danach kann man durch CO2-Einsparung sogar reicher werden. Bei anderen Maßnahmen zahlt man drauf. Ganz teuer ist das Vergraben der Kohlendioxid-Abgase aus fossilen Kraftwerken. Auch Photovoltaik ist teuer. Windenergie trägt sich schon fast alleine. Reicher wird man vor allem mit Effizienz. Ich bin stolz darauf, dass Deutschland als erstes Land der Welt das Erneuerbare-Energien-Gesetz eingeführt hat, das inzwischen 50 andere Staaten kopiert haben. Ein ähnliches Gesetz zur Förderung von Energieeffizienz ließe uns im internationalen Wettbewerb noch besser dastehen.</p>
<p><strong>Kann es sich ein Land wirklich leisten, die Energiepreise individuell zu verteuern und sich so vom Weltmarkt abzukoppeln?<br />
</strong></p>
<p>Diese Frage ist immer auf dem Tisch. Aber ein Preispfad, der sich an den Effizienzfortschritten orientiert, sollte die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft kaum schmälern, in vielen Branchen sogar verbessern. Es geht ja kein Geld verloren. So hat Japan ab 1974 &#8211; aus Panik vor seiner Energieimportabhängigkeit &#8211; die Energie drastisch verteuert. Mit bemerkenswertem Ergebnis: Zwar verließ die Industrie, die Aluminium aus Bauxit herstellte, das Land. Doch viele andere Industriezweige prosperierten in der Folge: Die fünfte Computergeneration wurde weltführend entwickelt, die Digitalkamera wurde erfunden, die Keramik wurde zu einer Hightech-Industrie, und die Bahn bekam den Superschnellzug. Und das alles, weil steigende Energiepreise energiesparende Prozesse und Produkte verlangten.</p>
<p><strong>Der Weltklimagipfel 2009 in Kopenhagen gilt als gescheitert, der Folgegipfel im mexikanischen Cancún dagegen als Erfolg. Sehen Sie das auch so?<br />
</strong></p>
<p>Die Erwartungen an Kopenhagen waren viel zu hoch. In der Folge hatte man an Cancún keine Erwartungen mehr. Die verbale Einigung auf das 2-Grad-Ziel der Klimaerwärmung und das Versprechen von Geld für Anpassungsmaßnahmen in den Entwicklungsländern, wiegt nicht auf, dass sich Japan und andere Länder in Cancún aus der Fortsetzung des Kiotoprotokolls verabschiedet haben.</p>
<p><strong>Wo stehen wir überhaupt in der Klimadebatte?<br />
</strong></p>
<p>Ich bin kein Klimaforscher, sondern ich habe mich am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie um Klimapolitik gekümmert. Meine Vermutung ist, dass die globale Erwärmung in den nächsten 40 Jahren fast ungebremst weitergehen wird. Denn die Wucht und Trägheit der heutigen Systeme ist gewaltig. Gleichzeitig bin ich optimistisch, dass die Dynamik der klimafreundlichen Technologien („Faktor Fünf&#8220;) und der zugehörigen Politik an Fahrt gewinnt. Die Weichen dafür müssen sehr bald gestellt werden. Der wirksamste Katalysator wäre eine klimapolitische Einigung auf das Prinzip der gleichen Emissionsrechte für alle heute lebenden Menschen.</p>
<p><strong>In Cancún sollen 30 000 Experten gewesen sein. Was für ein zusätzlicher Ausstoß an Klimagasen!<br />
</strong></p>
<p>Ich halte solche Konferenzen für nötig. Sie sind einzigartige Kommunikationsmärkte. Allerdings sollte die Strategie verändert werden, um endlich aus dem Nord-Süd-Patt herauszukommen. Genau dies ist der Kern der Idee, dass jeder Mensch im Prinzip ein gleich großes Recht auf Emissionen hat. Dann müssten wir aus dem Norden im Süden solche Rechte einkaufen gehen. Und plötzlich wird es in Indien rentabel, ein Kohlekraftwerk nicht zu bauen und stattdessen in Effizienz und Sonne zu investieren und Lizenzen zu verkaufen. Wenn Europäer, Asiaten und viele Entwicklungsländer den Mut haben, diese Strategie umzusetzen, kriegen wir die Kuh vom Eis. Anfangen müssten wir ohne USA, Kanada, Australien, Saudi-Arabien und Russland. Diese Länder sind noch nicht so weit.</p>
<p><strong>In Faktor Fünf drücken Sie sich um das große Thema Beschränkung des Bevölkerungswachstums. Warum?<br />
</strong></p>
<p>Ich bin Mitgründer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung und halte das für ein sehr wichtiges Thema. Ich weiß allerdings aus meiner Zeit bei den Vereinten Nationen, wie kontraproduktiv es sein kann, wenn einer aus dem Norden jemandem aus dem Süden sagt, er müsse sich mehr auf die Bevölkerungsentwicklung konzentrieren. Das ist jedes Mal ein Schuss in den Ofen. Und ganz rational betrachtet, zeigt sich eines in der aktuellen Weltbevölkerungsstatistik: In Deutschland hat sich die Kinderzahl pro Familie in der Geschichte nie so schnell vermindert wie heute in Indien.</p>
<p><strong>Sie sind seit drei Jahrzehnten in der Umweltpolitik engagiert. Was ist Ihr vorläufiges Fazit?<br />
</strong></p>
<p>Insgesamt ist es positiv. Dort, wo man ein Problem erkannt hat, kam es &#8211; auch durch Aktivitäten von Nichtregierungs-Organisationen &#8211; zu enormen Fortschritten. Das gilt für die Verringerung der Gewässerverschmutzung, der Luftverschmutzung, des Lärms. Hier konnten einzelne Staaten durch Verordnungen viel bewegen. Allerdings gibt es drei große Herausforderungen: den Erhalt der biologischen Vielfalt und des Klimas sowie die Umkehr des zunehmenden Ressourcenverbrauchs. Die beiden ersten Problembereiche sind politisch erst später erkannt worden. Es besteht die Hoffnung, dass es auch hier zu Fortschritten kommt. Was den Ressourcenverbrauch angeht, also den Konsum, habe ich Zweifel. Ihm kommt man mit den klassischen Mitteln der Umweltpolitik nicht bei.</p>
<p><strong>Als dringende Aufgabe des 21. Jahrhunderts bezeichnen Sie in Faktor Fünf das ökologische Management des Wachstums. Mir kommt das Kapitel mitunter wie eine Pastorenansprache daher.<br />
</strong></p>
<p>Das von Ihnen angesprochene Kapitel 11 geht &#8211; wie das ganze Buch &#8211; analytisch vor. Darin sage ich, dass frühe menschliche Kulturen, in denen der Egoismus dominierte, schlicht ausgestorben sind. In überlebenden Kulturen ist der Egoismus immer eingebettet in Sozialverpflichtung &#8211; etwa des Eigentums. Deshalb müssen wir uns von der Dominanz des angelsächsischen Menschenbilds lösen, das auf Thomas Hobbes („Der Mensch als egoistisches Biest&#8220;) gründet. In den USA wird häufig der Staat und jede staatlich organisierte Solidarität verspottet. Die Marktayatollahs meinen, der Markt sei gerecht. Aber er vermehrt die Ungleichheit.</p>
<p><strong>Welche Chancen geben Sie der Realisation Ihres Gedankengebäudes wirklich?<br />
</strong></p>
<p>Auch wenn Journalisten gerne über Streit und Zwist schreiben: Ich fühle mich sehr wohl in der Community. So wenig, wie ich unterschiedliche Meinungen in der eigenen Familie als Drama ansehe, halte ich sie für ein Problem in meinem Arbeitsgebiet. Unterschiedliche Meinungen sind Teil der menschlichen Beschaffenheit.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Chinas Umwege zum Klimaschutz</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/chinas-umwege-zum-klimaschutz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Jun 2008 06:00:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Energie]]></category>
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					<description><![CDATA[Dieser Tage verkündete die chinesische Führung, bei der Luftverschmutzung in ihrem Land sei der Höhepunkt überschritten. Saubere Technologien wie die Abgasreinigung bei Kraftwerken und Autos setzten sich jetzt durch. Man wird an die Entwicklung in Europa erinnert. Wir fingen arm und sauber an, dann kam die Industrialisierung und machte uns reich und schmutzig.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/chinas-umwege-zum-klimaschutz/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Dieser Tage verkündete die chinesische Führung, bei der Luftverschmutzung in ihrem Land sei der Höhepunkt überschritten. Saubere Technologien wie die Abgasreinigung bei Kraftwerken und Autos setzten sich jetzt durch. Man wird an die Entwicklung in Europa erinnert. Wir fingen arm und sauber an, dann kam die Industrialisierung und machte uns reich und schmutzig. Und dann waren wir reich genug, um uns den teuren Umweltschutz leisten zu können, und wir wurden reich und sauber.</p>
<p>Man nennt diesen Vorgang die Kusnetskurve der Verschmutzung. Sie steckt tief im Bewusstsein vieler Entscheider in China. Sie wird auch auf das Klimaproblem abgebildet: „Wir werden uns um den Klimaschutz kümmern, sobald wir ihn uns leisten können.“ Leider kann die Welt nicht so lange warten. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, dass China und Indien und all die anderen den Umweg über den Energie verschwendenden Wohlstand gar nicht erst machen.</p>
<p>In Heiligendamm versuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel, den chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao sowie den indischen Ministerpräsidenten Manmohan Singh zum Mitmachen beim Klimaschutz zu bewegen. Auch Präsident Bush hat größtes Interesse am Mitmachen der Chinesen und Inder. Denn als der US-Senat 1997 kurz vor Kyoto über den Klimaschutz debattierte, kam eine einstimmige Resolution heraus, bei einem möglichen Kyoto-Protokoll nur dann mitzumachen, wenn die großen Entwicklungsländer mit im Boot seien.</p>
<p>Dieser Wunsch wird uns aber nicht erfüllt. Jedenfalls nicht so schnell. Nicht dass China oder Indien keinen Klimaschutz wollten, aber beide wissen, dass die Pro-Kopf-Beiträge zur globalen Erwärmung in den reichen Staaten viel höher sind als in China und Indien. Auch wenn China demnächst die USA als größter Emittent überholt, bleiben die Pro-Kopf-Emissionen in den USA viermal größer. In China hat man außerdem andere Sorgen. Bei einem Wachstum von zehn Prozent jährlich nimmt die Zahl der Arbeitsplätze nur um zwei Prozent zu. Das ist viel zu wenig, um die Vision der „harmonischen Gesellschaft“ zu verwirklichen, die sich Hu Jintao zum Ziel gesetzt hat. Der Abstand zwischen Arm und Reich ist in der Zeit des stürmischen Wachstums aufgerissen wie in fast keinem anderen Land der Erde. Die Führung sieht die sozialen Spannungen und ist tief besorgt. Die „harmonische Gesellschaft“ ist eine Notwendigkeit für die politische Stabilität in einer Zeit der Öffnung.</p>
<p>Das Abschlussdokument von Heiligendamm enthält die bemerkenswerte Aussage, dass 80 Prozent der nötigen Klimaschutzmaßnahmen durch Effizienzverbesserungen erreicht werden können. Wie wahr! Für China gilt das erst recht. Hier liegt eine hervorragende Chance der bilateralen Zusammenarbeit. Bundespräsident Köhler hat dieses Thema bei seinem Chinabesuch mehrfach angesprochen, aber deutsche Patent- und Verfahrensinhaber haben dazu keinen Anreiz. Den müssten wir also schaffen, und sei es durch Joint-Ventures.</p>
<p>China macht im Übrigen große eigene Anstrengungen. Eine ist die Geburtenkontrolle. In Peking sagte mir ein Gesprächspartner: Ohne unsere Einkindpolitik hätten wir heute 400 Millionen zusätzliche Chinesen – mit den entsprechenden Ansprüchen an klimabelastenden Wohlstand. Noch näher an unserem eigenen Denken ist die Steigerung der Energieeffizienz.</p>
<p>Im elften Fünfjahresplan, der seit dem Jahr 2006 gilt, wird eine Verminderung der Energieintensität der chinesischen Wirtschaft um zwanzig Prozent bis zum Jahr 2010 angepeilt. Auf diesen Plan angesprochen, sagen einem aber die Insider in China, leider werde das Ziel in der Praxis verfehlt. Warum, das erfährt man bei solchen Gesprächen auch: das Land befinde sich in einer stürmischen Phase des Baus von Wohnungen und der Errichtung einer Infrastruktur. Diese Phase sei unvermeidlich energieintensiv. Wenn aber die Grundstruktur einmal da sei, werde der Energieverbrauch drastisch abnehmen. Keine ganz befriedigende Entschuldigung, wenn man sieht, was für eine amerikanisierte Art der Infrastruktur da aufgebaut wird.</p>
<p>China hatte auch den Plan, das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz zu übernehmen. Doch kurz vor dem Ziel ist der Plan gekippt worden. Keiner konnte mir sagen, wieso. Man mutmaßt, dass auch in China die großen Energieversorger politischen Einfluss haben, und die wollen das Gesetz nicht. Kommt mir irgendwie bekannt vor.</p>
<p><em>Im wesentlichen wortgleich abgedruckt in: Stuttgarter Zeitung Nr. 135, Freitag, 15. Juni 2007.</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Eigenarbeit“ und Eigenenergien</title>
		<link>https://ernst.weizsaecker.de/eigenarbeit-und-eigenenergien/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ernst Ulrich von Weizsäcker]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Oct 2001 18:58:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
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					<description><![CDATA[In den siebziger Jahren tauchte zum ersten Mal nach dem Krieg das Thema Arbeitslosigkeit massiv in der öffentlichen Diskussion auf. Folgerichtig wurde der Blick auf die Schwarzarbeit gelenkt, die uns Millionen von Arbeitsplätzen koste. Das war das Diskussionsumfeld, in dem sich etwa 1976 ein paar Querdenker in Kassel befanden, insbesondere Ivan Illich, Willy Bierter, Christine von Weizsäcker und ich selber.&#160;<a href="https://ernst.weizsaecker.de/eigenarbeit-und-eigenenergien/">mehr…</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Eigenarbeit</h2>
<p>In den siebziger Jahren tauchte zum ersten Mal nach dem Krieg das Thema Arbeitslosigkeit massiv in der öffentlichen Diskussion auf. Folgerichtig wurde der Blick auf die Schwarzarbeit gelenkt, die uns Millionen von Arbeitsplätzen koste. Das war das Diskussionsumfeld, in dem sich etwa 1976 ein paar Querdenker in Kassel befanden, insbesondere Ivan Illich, Willy Bierter, Christine von Weizsäcker und ich selber.</p>
<p>Ivan Illich arbeitete damals über „convivial tools“, Werkzeuge des menschlichen Zusammenlebens und über die Arbeitsbeziehungen, in denen diese zur Anwendung kommen. Christine von Weizsäcker, mit der ich damals drei kleine Kinder hatte, ab 1978 ein viertes, sah dass der Kampf gegen die Schwarzarbeit teilweise Macho-Züge hatte und dass die unbezahlte, oft überlebenswichtige Arbeit in Haus und Nachbarschaft immer gleich mit ins Gerede gebracht wurde. Mit Ivan Illich, damals Gastprofessor an der Gesamthochschule Kassel und Willy Bierter, damals Planungschef an der Hochschule, war sie sich einig, dass die <em>convivial tools</em> viel mit solcher selbst verantworteter, meist unbezahlter und gleichwohl höchst anspruchsvoller Arbeit zu tun hatten.</p>
<p>Um den Ausdruck „höchst anspruchsvoll“ zu würdigen, stelle man einmal unvoreingenommen und nach den Bewertungsmaßstäben der modernen service economy folgenden Vergleich an. Einerseits das Führen eines Haushalts mit Kleinkindern, Freunden, Garten und womöglich Diätvorschriften, Schichtarbeit des Mannes oder einem Pflegefall in der Elterngeneration. Andererseits die Schwarzarbeit beim Rohre verlegen. Für die anspruchsvollere Alternative prägte sie den Begriff <em>Eigenarbeit</em>. Das Wort war damals in keinem Lexikon zu finden. Aber es war so einleuchtend und selbst-erklärend, dass es sich, von Kassel aus, lawinenartig über den ganzen deutschen Sprachraum ausbreitete.</p>
<p>Ivan Illich, der unermüdliche Kritiker und Warner, fand sofort ein Haar in der Suppe. Er wies nach, dass ganz viele unbezahlte Tätigkeiten in Wirklichkeit genauso entfremdet waren wie die bezahlten. So das Schlangestehen am Schalter, das Pauken für die Schule, der Weg zur Arbeit. Für diese ebenso unbezahlten wie <em>ungewollten</em> Tätigkeiten schuf er nun seinerseits, als Abgrenzung von der Eigenarbeit den Begriff „Schattenarbeit“. Das ist die Arbeit, die im Schatten der formalen Wirtschaft anfällt, von dieser aber nicht entlohnt wird.</p>
<p>Für Journalisten, die nach schicken neuen Wörtern gieren, war das Wort Schattenarbeit ein gefundenes Fressen. Sie stahlen Illich das schöne Wort und benutzten es alsbald als modisch neues Synonym für das inzwischen etwas angestaubte Wort Schwarzarbeit. Damit war Illich’s Intention fast ins Gegenteil verkehrt. Für ihn lag der Akzent der Schattenarbeit in der Unfreiwilligkeit, dem Froncharakter. Das störte die Wortdiebe aber nicht, denn sie hatten Illich ja auch gar nicht gelesen.</p>
<p>Das Wort Eigenarbeit hatte eine glücklichere Karriere, auch wenn es hier ebenfalls zu vielfältigen Missverständnissen kam. Für die meisten Benutzerinnen des Wortes lag der Akzent auf der Nicht-Bezahlung. Vielfach wurde Eigenarbeit synonym mit dem feministischen Insiderinnenwort der „Reproduktionsarbeit“ verwendet. Das war nun in zweierlei Hinsicht nicht im Sinne der Erfinderin Christine von Weizsäcker. Erstens gibt es für sie sehr wohl auch bezahlte Eigenarbeit, etwa die des Künstlers/der Künstlerin, der/die seine/ihre Werke verkauft. Zweitens hört sich das Wort „Reproduktionsarbeit“ nach einer fälschlichen Anerkennung der Superiorität der „Produktionsarbeit“ an, so als ob man sich zu Hause (wieder) fit macht, sich regeneriert oder reproduziert. Immerhin blieb am Wort „Eigenarbeit“ stets eine positive Konnotation haften.</p>
<p>Die wichtigste Aussage von Christine von Weizsäcker im Zusammenhang mit der Eigenarbeit ist deren Unverzichtbarkeit. Auf Essen, Trinken, Schlafen, Kinderbekommen, die essenziellen häuslichen Arbeiten kann man nicht verzichten, und zwar unabhängig vom Lebensalter. Auf die Erwerbsarbeit kann man notfalls verzichten, vor allem als Kind oder Greis. Da steckt also die umgekehrte Superiorität drin: die Erwerbsarbeit sollte eher als die Dienerin der Eigenarbeit aufgefasst werden.</p>
<h2>Technische Dezentralisierungstrends</h2>
<p>War es Zufall oder nicht? Zur gleichen Zeit gab es in Kassel eine hitzige Technologiediskussion. Es war der Anfang der Proteste in Wyhl. Robert Jungk, damals in Kassel ein gern gesehener Gast, schrieb seinen „Atomstaat“. Darin hieß es, dass diese Technologie ohne Polizeistaat kaum durchzusetzen und kaum zu schützen sei. Unter dem Imperativ der Reaktorsicherheit erschien die hohe Zentralisierung der Energieversorgung wie ein Gebot der technischen Vernunft. Die gleiche Zentralisierungslogik stellte sich in jenen Tagen bei Kohlekraftwerken ein: die moderne Schadstoffrückhaltung war nur bei Großkraftwerken ökonomisch darstellbar. Die Umwelttechnik insgesamt enthielt eine Zentralisierungsdynamik, nicht nur bei Kraftwerken, sondern auch beim Abwasser („Anschluss- und Benutzungszwang“).</p>
<p>Zur gleichen Zeit fand ein Modernisierungsaufbruch in den Entwicklungsländern statt. Die <em>Entwicklung</em> wurde praktisch synonym mit der Überwindung der Subsistenz, der Eigenversorgung gesehen. Die Bauern sollten mit <em>cash crops</em> zu Marktteilnehmern werden, – ein Prozess in dessen Verlauf sie leider oft zu lohnabhängigen Landarbeitern degradiert wurden, weil die aktive Marktteilnahme realistischerweise nur für kapitalstarke, oft ausländische Unternehmen erschwinglich war.</p>
<p>Wie auch immer, dem Zeitgeist erschien jede Form der Selbstversorgung und der Dezentralität technisch-ökonomisch rückständig, unvernünftig, ja „technikfeindlich“. Selbst die <em>Option</em> der Eigenversorgung erschien dem technokratischen Zeitgeist jener Tage auf einmal suspekt.</p>
<p>Die gleichen Menschen, die sich um die Eigenarbeit bemühten, sahen sich auf einmal im Gegensatz zum technischen Zentralisierungstrend. Die Zentralisierer-Modernisierer waren immer schnell mit dem Vorwurf der Technikfeindlichkeit zur Hand. Doch dieser Vorwurf war und ist unfair. Wer sich politisch und wirtschaftlich nicht erpressen und bevormunden lassen wollte – weder vom Staat noch von Konzernen, weder von Gewerkschaften noch von Sicherheitstechnikern –, der hatte primär keinerlei technikfeindliche Motive, sondern Besorgnisse vor einer Technik, die die Freiheitsspielräume eher verminderte als vermehrte.</p>
<p>Zur Freiheit gehört ganz zentral das Ausprobieren, das Fehlermachen und das Lernen aus diesen Erfahrungen. Diese Freiheit soll uns die Technik lassen. Das ist Ivan Illichs Vision von der konvivialen Technik. Und wieder fand Christine von Weizsäcker ein deutsches Wort dafür: die Technik sollte „<em>fehlerfreundlich</em>“ sein. Illich und Bob Jungk waren begeistert von dem Wort. Und mit ihnen alsbald Millionen derer, denen bei den aktuellen Zentralisierungstrends und insbesondere bei den Ausbauplänen der Kernenergie mulmig war.</p>
<h2>Energiewende</h2>
<p>Die Energiepolitik war der symbolisch wichtigste Sektor der Technikdebatte im ausgehenden 20. Jahrhundert. Hier zeigte sich der damalige Zentralisierungstrend besonders deutlich. Hier wuchs zuerst der Widerstand gegen die zentralen Großtechniken, insbesondere der Kernenergie.</p>
<p>Die stärksten Argumente für die zentralisierte Energietechnlogie waren der historisch unaufhaltsam gewachsene Energiebedarf, dessen Projektion in die Zukunft und das Fehlen einer im Preis konkurrenzfähigen dezentralen Alternative. Wer die Serie der immer größer werdenden Konferenzen des World Energy Council verfolgt hat und die Schriften der zur OECD gehörigen Internationalen Energieagentur liest, weiß, dass die Zunahme des Energiebedarfs [3] und die Kostensenkung durch Größe der Anlagen nahezu wie naturgegebene, nicht mehr zu hinterfragende Trends angesehen wurden.</p>
<p>In Wirklichkeit handelte es sich um einen grandiosen Mythos. Das wird aber erst heute sichtbar. Vier Ereignisse oder Entwicklungen haben den Mythos erodiert:</p>
<p>Die Ölpreisschocks von 1973 und 1978 zeigten, wie preisabhängig der Bedarf ist. Als Antwort des Nordens auf die explodierenden Ölpreise wurden natürlicherweise Kohle, Kernenergie und Energieeffizienz (z.B. Kraft-Wärmekopplung) gefördert. Und die Bedarfsprognosen für Öl und für Energie insgesamt konnten von Jahr zu Jahr nach unten korrigiert werden.</p>
<p>Die Kernenergieoption wurde im Gefolge der Unfälle von Harrisburg und vor allem Tschernobyl und der Desillusionierung mit Wiederaufbereitung und Entsorgung immer unattraktiver und unpopulärer. Über 7% der Weltenergieversorgung ist die Kernenergie historisch nie hinaus gekommen. Diese Technik hat das Kriterium der Fehlerfreundlichkeit nie zu erfüllen vermocht. Robert Jungks anfänglich für radikal übertrieben gehaltenen Mahnungen sind durch die Geschichte weitgehend bestätigt worden.</p>
<p>Die Analyse der tiefen Bohrlöcher im antarktischen Eis bestätigte Mitte der achtziger Jahre die schon hundert Jahre früher postulierte Korrelation zwischen CO2-Konzentrationen und Temperaturen auf der Erde. Es setzte eine hektische Klimadiplomatie ein, die bis 1992 in Rio de Janeiro zum Abschluss der Rahmenkonvention zum Klimaschutz und 1997 in Kioto zum ersten konkretisierenden Protokoll führte. Die fossile Alternative zur Kernenergie war damit ebenfalls gedeckelt.</p>
<p>Die „Energiewende“, 1979 vom Freiburger Öko-Institut programmatisch ausgerufen, wurde zur Erfolgsgeschichte. In den USA war vielerorts das Least Cost Planning eingeführt worden, und in Deutschland blühten die kommunalen Energieeffizienzmodelle. In beiden Ländern waren die Gebietsmonopole für Strom (und Gas) mit ihrem hohen Preisniveau und entsprechend rentablen Einsparpotentialen die Voraussetzung für das Gelingen. Für die erneuerbaren Energien setzte der deutsche Umweltminister Töpfer ein großzügiges Einspeisegesetz durch.</p>
<p>So etwa sah die energiepolitische Welt Mitte der neunziger Jahre aus. Mit „Faktor Vier“ versuchten Amory Lovins und ich die Energiewende noch weiter zu beschleunigen: Wenn man aus einer Kilowattstunde oder einem Fass Öl viermal so viel Wohlstand heraus holt, dann kann man in Europa sämtliche Kernkraftwerke und sämtliche alten Kohlekraftwerke still legen und gleichzeitig den Wohlstand verdoppeln.</p>
<h2>Die Liberalisierung als „retardierendes Moment“</h2>
<p>Doch so einfach ist die Entwicklung nicht gekommen. Just zu der Zeit, als der Mythos vom stetig wachsenden Energiebedarf zerbröckelte, setzte sich der neoliberale Zeitgeist in der Energiepolitik durch. Strategisch und konsequent wurde die Liberalisierung, die Deregulierung der Energiemärkte durchgesetzt, mit der erklärten Zielsetzung, die als überhöht bezeichneten Preise von Strom und Gas zum Purzeln zu bringen. Gewiss hatte sich als Folge der geschützten Märkte eine erhebliche und volkswirtschaftlich teure Ineffizienz eingeschlichen, die man legitimerweise durch Wettbewerb korrigieren sollte. Aber mehr Wettbewerb brauchte nicht notwendigerweise niedrigere Durchschnittspreise bedeuten, &#8211; bei einem Gut, welches nach den Lehren von Tschernobyl und Treibhauseffekt als letztlich sehr knappes Gut einzustufen war. Der Markt war blind für diese langfristige Knappheit und löste einen Preisverfall auf breiter Ebene aus.</p>
<p>In den USA führte der Preisverfall zu einem weitgehenden Zusammenbruch der Einsparbemühungen, zu einem Hochschnellen des Stromverbrauchs &#8211; auch durch die rasante Ausbreitung elektronischer Geräte ausgelöst. Gleichzeitig kam es, wegen trister Gewinnerwartungen bei Kraftwerksneubauten zu einer eklatanten Investitionsmüdigkeit. Ständige Beinahe-Blackouts bei gleichzeitig höchst ineffizientem Stromeinsatz sind die Folge. Und jetzt (im Sommer 2000) reagiert der Markt wie im Schweinezyklus: die Preise schnellen wieder nach oben, und lauter Neubauten werden geplant. Schweinezyklen kann man weder ökonomisch noch ökologisch als wünschenswertes Ziel des Stromwettbewerbs bezeichnen.</p>
<p>In Europa, wo die Deregulierung noch jüngeren Datums ist als in den USA, ist die Konsequenz noch nicht so weit gediehen. Der Stromüberschuss ist noch beträchtlich. Auch haben einige Länder den Wettbewerb verzögert (insbesondere Frankreich) oder recht vernünftig gestaltet (insbesondere Dänemark, Schweden und die Niederlande). Ferner versuchen die meisten Länder mit Quotenregelungen und mit Stromsteuern die Rentabilität der Kraft-Wärmekopplung und anderer Effizienzmaßnahmen aufrecht zu erhalten. Die weitest gehende Regelung zur Förderung der erneuerbaren Energien unter den Bedingungen des Binnenmarkts ist dem Deutschen Bundestag gelungen, der die bestehende Einspeiseregelung verstetigt und verbessert hat, so dass Deutschland heute als Dorado der erneuerbaren Energien gilt.</p>
<p>Gleichwohl ist unter den neuen Bedingungen der Erhalt der Energiewendeerfolge ein stetiger Bergaufkampf. Leichter wird es erst wieder, wenn ein breiter gesellschaftlicher Konsens gegen Energievergeudung und für erneuerbare Energien etabliert ist, auch in Ländern wie USA, Russland und Kanada, mit denen die EU im wirtschaftlichen Wettbewerb steht. Erst ein erneuter breiter Sinneswandel kann die neuen Zeitgeistfehler beenden. Auf dass die unbesonnene Deregulierung in historischer Perspektive als „retardierendes Moment“ eingestuft werden kann.</p>
<h2>Eigenenergien</h2>
<p>Damit kehren wir zum Ausgangspunkt zurück. Die politische Basis für den Sinneswandel sehe ich in dem tief sitzenden Wunsch von Bürgern und Verbrauchern, frei und ohne Erpressung durch Großstrukturen handeln zu können und sich in Krisenzeiten notdürftig selbst über Wasser halten zu können. Auch der Zuspruch, den das Prinzip der ökologischen Nachhaltigkeit erfährt, stärkt die politische Basis.</p>
<p>Es kommt entscheidend darauf an, diese doppelte Basis zu stärken. Hier liegt der Charme der dezentralen, erneuerbaren Energien, wie sie Joachim Nitsch vertritt. Es sind „Eigenenergien“, die einem nicht von fernen Konzernen vorgesetzt werden, sondern auf deren Gewinnung und Nutzung man einen fühlbaren Einfluss hat.</p>
<p>Die Technik soll nicht vom Hersteller sondern vom Anwender her beurteilt werden. Das gilt übrigens ganz besonders von der Technikwelle, die heute im Mittelpunkt des Interesses steht, der <em>Informationstechnik</em>. Sie spielt auch bei der Fortentwicklung der Energiepolitik eine zentrale Rolle. Wird sie aber nur vom Anbieter her gesehen, dann hat sie eine den Trend der Globalisierung und der Großstrukturen verstärkende Wirkung. Vom Nutzer her eingesetzt wird sie dagegen dem gewünschten Sinneswandel nützen. Der Internet-gestützte weltweite Erfahrungsaustausch, die kostengünstige Beschaffung über e-commerce, die elektronische Systemsteuerung (z.B. bei Biogas), die automatisierte Abrechnung der Einspeisung, &#8211; all das hat einen die Vitalität der Dezentralität stärkenden Effekt. Für die Freunde der Energiewende ist die I&amp;K-Technologie höchst willkommen.</p>
<p>Der Einsatz für die Energiewende verlangt Ausdauer und hohe politische Mobilisierungskunst. Eine Dreierkoalition ist mir dafür am wichtigsten: die Vertreter der Erneuerbaren Energien (auf die derzeit die Konjunktursonne scheint), die Vertreter der Energieeffizienz (die derzeit einen höllisch schweren Stand haben) und die Vertreter des Handwerks, der Landwirtschaft und des Kleingewerbes (die sich traditioneller Weise politisch in einem anderen Lager befinden als die Erstgenannten).</p>
<p>Für die Vertreter der Erneuerbaren Energien ist es wichtig, dass sie sich uneingeschränkt mit der Erhöhung der Energieproduktivität identifizieren. Ohne Energieproduktivität sind die Erneuerbaren Energien keine ökologisch brauchbare Lösung. Um den heutigen deutschen Strombedarf mit Windkraft und den Spritbedarf mit Biodiesel zu decken, müsste man praktisch das ganze Land in eine Art Windpark- und Biodiesel-Plantage verwandeln, &#8211; ein ökologischer Albtraum. Ein Faktor vier in der Energieproduktivität – und schon ist die Bedarfsdeckung durch Erneuerbare ein Segen.</p>
<p>Mit dem Handwerk, der Landwirtschaft und dem sonstigen Kleingewerbe sollte die Kooperation gut gelingen. Schließlich ist fast jede Installation dezentraler Eigenenergien handwerksintensiv und gewinnt Mehrwert aus der Fläche. Ein Konfliktpunkt ist die ökologische Steuerreform. Sie ist als Hebel zur Erhöhung der Energieproduktivität und zur Stärkung dezentraler Produktionsstrukturen gemeint. Doch die Ausnahmeregelungen sind in Deutschland ausgerechnet zu Gunsten der energieintensiven Industrie, nicht des Kleingewerbes gemacht worden, unter der Annahme, dass nur die Industrie dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sei. Durch die Ausnahmeregelung entfällt dort aber der zusätzliche Effizienzanreiz und das Kleingewerbe fühlt sich im Vergleich dazu unfair benachteiligt und schießt aus allen Rohren auf die Ökosteuer.</p>
<p>Diesen für die Eigenenergien misslichen Konflikt gilt es durch eine geeignete Neugestaltung der ökologischen Steuerreform auszuräumen – aber eine Festschrift ist nicht der richtige Ort, um diese Gedanken auszuformulieren.</p>
<p>Ein guter Kitt für die notwendige Koalition ist die Steuer- und Abgabenfreiheit für geringfügig Beschäftigte. Die „630-Mark-Jobs“ sind viel näher an den erneuerbaren Energiequellen und der Energieeffizienz als an der Verschwendung und den zentralen Versorgungsstrukturen. Sie haben die Eigenarbeit in einem legitimen Umfang in den Raum des Gelderwerbes hinein geöffnet (obschon natürlich sehr viele dieser Jobs alles andere als konviviale Eigenarbeit sind).</p>
<p>Koalitionen alleine bringen noch keinen Sinneswandel zustande. Die Vision muss da sein. Die Vision, dass das selber Anpacken sich lohnt, dass man eine Technik mit dem Menschen statt gegen den Menschen entwickeln kann. Eine Technik, die die eigenen Energien weckt. Das ist die Vision der „Eigenenergien“, welcher diese Festschrift gewidmet ist.</p>
<h2>Literatur</h2>
<ul>
<li>Bierter, Willy und Ernst von Weizsäcker. Strategien zur Überwindung der Arbeitslosigkeit. S. 57-74 in: Technologie und Politik, Band 8, Reinbek: Rowohlt 1977.</li>
<li>Illich, Ivan. Schattenarbeit. S. 75-93 In: Ders.: Vom Recht auf Gemeinheit. Reinbek: Rowohlt.1982.</li>
<li>Jungk, Robert. Der Atomstaat. München: Kindler.1977</li>
<li>Hennicke, Peter, Jeffey Johnson, Stephan Kohler und Dieter Seifried. Die Energiewende ist möglich. Für eine neue Energiepolitik der Kommunen. Frankfurt a.M.: Fischer, 1985</li>
<li>Nitsch, Joachim, Joachim Luther. Energieversorgung der Zukunft. Berlin, Heidelberg: Springer, 1990.</li>
<li>von Weizsäcker, Christine und Ernst von Weizsäcker. Für ein Recht auf Eigenarbeit S.185-189 in: Technologie und Politik, Band 10. Reinbek: Rowohlt. 1978.</li>
<li>von Weizsäcker, Christine und Ernst von Weizsäcker. Eigenarbeit in einer dualen Wirtschaft, S. 91-103 in Joseph Huber (hrsg.) Andersarbeiten –anders wirtschaften. Frankfurt: Fischer alternativ, 1979.</li>
<li>von Weizsäcker, Ernst Ulrich, Amory Lovins und Hunter Lovins. Faktor Vier. München: Droemer. 10. Aufl., 1997.</li>
</ul>
<p><em>Beitrag von Ernst Ulrich von Weizsäcker zur Festschrift „Energie im Wandel“ für Joachim Nitsch Herausgegeben von Ole Langniss und Martin Pehnt Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, 2001</em></p>
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